Was hört eigentlich “die Jugend” heute so? Scooter, Aqua und Eminem wie “wir” damals? Blödsinn: Helene Fischer natürlich.
Helene Fischer, deren Name mir bis dahin ohne zugehöriges Gesicht schon des Öfteren begegnet war, sah und hörte ich zum ersten Mal diese Woche auf VIVA. Womöglich bin ich damit etwas spät dran, aber ich will ja auch nicht jeden Firlefanz kennen müssen. Apropos Firlefanz: VIVA — die Älteren erinnern sich vielleicht noch — war um das Jahr 2000 herum ein hipper Jugendsender, auf dem den ganzen Tag schlechte Moderatoren unter Zuhilfenahme dummer Witze groteske Popmusik “präsentierten” (lies: ansagten), sozusagen so was wie YouTube ohne die musikalischen Lichtblicke. Und was macht Helene Fischer so für Musik? Nein, nicht etwa Synth-Pop oder sonstigen Discoquark: Schlager.
Vielleicht ist das auch ihrem Partner Florian Silbereisen (“DAS Traumpaar der Schlagerszene” laut SchlagerPlanet.com; früher waren “Szenen” ja noch irgendwas, wo man drin sein wollte), den ich zumindest kenne, geschuldet — jedenfalls: Ja, die deutsche Jugend, sonst nur für Alkohol- und Drogenexzesse, Unfälle und Kleinkriminalität bekannt, hört Schlager.
Aufmerksame Hörer bemerken nicht nur: Trotz des harmlosen Schlager-beats verbirgt sich dahinter harte “NSFW”-Lyrik. Silbermonds “Durch die Nacht” hieß und funktionierte ähnlich; nur Die Ärzte (“Die Nacht”) durchbrachen das Muster. “NSFW” ist die gängige Abkürzung für alles, was irgendwas mit Schnackseln zu tun hat; die Buchstaben stehen für “not safe for work”, “nicht sicher für den Arbeitsplatz”, und wer ernsthaft glaubt, sein Chef habe noch keine ausreichende sexuelle Aufklärung erfahren und hätte daher kein Verständnis für derlei, der ist bescheuert, wenn nicht gar US-Amerikaner. Ja, die US-Amerikaner, ein fröhliches Volk voller Waffen, Rassismus und Drogen. Nur Ficken mögen sie gar nicht, das ist ja nichts für Kinder. — Aber ich schweife ab.
Hatte Ricky Zazikys “Du hast noch Sperma in den Haaren” wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert, so fehlt Helene Fischers Schlagergedudel indes jeglicher Reiz. Wie kommt es dann, dass sie in den Medien einen dermaßen großen Zuspruch erfährt? Ganz einfach: Sie ist “die neue Traumfrau” (“JOLIE”), weil Männer es total klasse finden, einer verheirateten Interpretin schlimmer Schlagermusik den Hof zu machen; ähnlich sieht’s wahrscheinlich auch bei Emma Stone, Schauspielerin in gleichfalls schlimmen Filmen, aus, die jemandem beim Konkurrenzblatt “JOY” diesen Monat stolz mitteilte, sie sei “total chaotisch” (ebd.). Liebenswert: Durchschnittlich attraktive, vergebene Frauen, die für verwerfliches Tun zu viel Geld bekommen und dabei noch menschlich bleiben.
Und so lässt die “JOLIE” (“die kluge Frau ist das neue Statussymbol des Mannes”, die “JOLIE” ist also ein typisches Singlemagazin) in der aktuellen Ausgabe dann auch begeisterte Männer zu Wort kommen, etwa den Studenten Kevin:
Hätte ich nicht meine Freundin, würde ich Helene Fischer auf der Stelle heiraten. (…) [Meine Freundin] hat sogar Verständnis dafür, wenn ich von ihr (Helene, A.d.V.) schwärme.
Klar, Helene Fischer ist (wahrscheinlich treu) vergeben, will das aus unerfindlichem Grund auch bleiben und ist damit keine ernste Konkurrenz — da stört’s die Partnerin nicht so sehr. Nur zur Sicherheit legt Heike Steiner am Ende des Artikels noch mal nach (“Sehr wahrscheinlich pupst sie nachts auch mal unter der Bettdecke und wacht morgens mit Mundgeruch auf.”), damit auch die dümmsten Leserinnen begreifen, dass Helene Fischer kein unerreichbares Frauenideal darstellt; die, wie ich annehme, gleichen dümmsten Leserinnen, die am auf der gleichen Seite erwähnten “JOLIE”-Test unter dem Motto “Wie viel Helene Fischer steckt in Ihnen?” teilnehmen, übrigens. Tja. Und wie viel pupst eure Freundin so?
Das sollte gleich ein doppelter Tritt ins Kreuz der Frauen sein, denn junge Männer wollen sich heutzutage nicht mehr binden:
Drei Männer habe ich in letzter Zeit kennengelernt. Alle drei Geschichten endeten, bevor sie richtig begonnen hatten. Was ist nur los mit den Männern von heute?
Dass es daran liegen könnte, dass Steffi Arendsee, die für ZEIT.de schreibt, vielleicht einfach selbst nur eine nicht besonders gute Partnerin ist, kommt ihr nicht in den Sinn: Es muss den Männern von heute geschuldet sein, die alle lieber eine geheimnisvolle Helene Fischer (oder Emma Stone) als eine offensichtlich weinerliche Zicke wie Steffi Arendsee (“Es dauerte zwanzig Minuten, bis er sich bei mir entschuldigte. Ich nahm die Entschuldigung nicht an.”, ebd.) heiraten wollen. — Es sei doch nichts Schlimmes, “sexy zu sein” (Helene Fischer über Helene Fischer), und bescheiden obendrein.
Ich als Mann finde Helene Fischer jedenfalls verglichen mit dem Trara um sie ziemlich langweilig. Dass ihr Medienmacher zu wissen glaubt, was mich an einer Frau positiv anspricht, und dieses Etwas ausgerechnet bei Helene Fischer verortet, bereitet mir nicht einmal allzu viel Kopfzerbrechen; den Umstand hingegen, dass einige eurer Leserinnen eure lobhudelnde “Berichterstattung” zum Anlass nehmen könnten, “wie Helene Fischer” (jedenfalls optisch, von Natürlichkeit wär’ dann allerdings keine Spur mehr zu sehen) sein zu wollen und/oder einen Zwist mit dem Partner zu beginnen, der als potenzieller Helene-Fischer-Verehrer ja sowieso nur unfreiwillig mit ausgerechnet ihnen liiert sind, nehme ich euch tatsächlich übel. (Warum ihr bei der Frage, was “Männer” wirklich wollen, niemals solche Männer befragt, die aussehen oder wenigstens sind wie ich und die meisten meiner männlichen sozialen Kontakte, und woher ihr die total natürlichen Allerweltsbubis immer nehmt, die dafür herhalten dürfen, möchte ich übrigens auch gar nicht so genau wissen.)
Vor Empörung höre jetzt erst mal was von Rolf Zuckowski. Ich hab’ den hippen Lebensstil halt voll drauf.