Ein maßgeblicher Vorteil des Internets ist es ja auch, dass auch schüchterne Nerds eine geringe Chance haben, gelegentlich Kontakt zu Angehörigen des jeweils anderen Geschlechts aufzunehmen. Die Idee hinter Flirtwebsites wie Parship ist dabei so alt wie nahe liegend.
Nun hat sich das Nerdwesen in den letzten paar Jahren ja überwiegend zum Nomadentum bekannt, man ist ständig unterwegs. Dass klassische Flirtwebsites da stetig an Reiz verlieren, da sich der Aufenthalt dort nicht mal eben an der Ampel oder auf dem Klo ausreichend produktiv gestalten lässt, ist insofern eher ein gesellschaftlicher als ein technischer Wandel. Allein schon das Gefrickel mit den nötigen Anmeldungen im Portal seiner Wahl kann auf kleinen Bildschirmen schnell die Freude an der Überallvernetzung trüben.
Nun hat das deprimierende Facebook ja das mobile Leben insofern vereinfacht, als eine bloße Registrierung auf selbigem Portal die Türen zu allerlei weiteren Diensten öffnet. Der Streamingdienst Spotify etwa war vorübergehend nur für Facebooknutzer geöffnet, geeignete Flirtseiten aber — Facebook selbst eignet sich aufgrund seiner Prüderie wohl nur mäßig gut dafür — fanden bislang keine Verbreitung. Glaubt man dem Trendindikator Twitter (der andererseits auch den dämlichen “Eurovision Song Contest” als Trend anzeigt), so hat sich nun mit Tinder — zu Deutsch: “Zunder” — erstmals auch in Deutschland ein geeigneter Dienst etabliert, der diese Nische besetzt.
Bei Tinder handelt es sich zuvörderst um eine Smartphone-app, für deren Benutzung man mindestens 18 Jahre alt sein “muss”. Die Informationen über das eigene Alter holt sich Tinder ebenso wie Profilbilder und den Vornamen von Facebook, und da wohl nur wenige junge Menschen ungeachtet der dortigen Regeln auf Facebook ihren richtigen Namen angeben, ist die Behauptung in den FAQ, die Facebookanbindung sei notwendig, um die Echtheit der potenziellen Partner zu gewährleisten, von vornherein ein Feigenblatt.
Tinder funktioniert im Wesentlichen so, dass nach der Verknüpfung über Facebook regelmäßig abgefragt wird, welche Personen aus einer nach Geschlecht, Alter und Umkreis auswählbaren Gruppe momentan ebenfalls über Tinder online sind. Dass die app erst ab 18 Jahren freigegeben ist, legt nahe, wofür diese Personen dann gehalten werden sollen. Anschreiben kann man sich aber nur, wenn man sich gegenseitig irgendwie ertragen zu können glaubt: Findet Tinder eine “neue” Person, so werden Name, Entfernung, ein optionaler kurzer (höchstens 500 Zeichen langer) und daher nicht besonders aussagekräftiger Profiltext und diverse Bilder aus dem Facebookprofil dieser Person angezeigt.
Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Findet man die oberflächlichen Informationen, die man über eine Person erhält, interessant, so wischt man sie nach rechts, wenn nicht, dann wischt man sie nach links. Wischen sich zwei Personen gegenseitig nach rechts, so können sie einander anschreiben. Ein Rückgängigmachen ist nicht möglich, wenn man also unachtsam seine mögliche Traumfrau auf die Negativliste setzt, hat man Pech gehabt. Noch im April 2013 bedauerten die Entwickler das, inzwischen verkauft man es wohl als feature, wie man in den FAQ lesen kann:
You can’t, you only swipe once, Tinder on! #YOSO
Ist Tinder somit überhaupt als Ersatz für ein “Flirtportal” zu gebrauchen? Um menschlichen Tiefgang scheint es ja nur bedingt zu gehen, denn außer wenigen Fotos, die natürlich meist nur die Schokoladenseite des jeweiligen Benutzers zeigen, und der Information, wie weit man gerade voneinander entfernt ist, erfährt man nicht viel übereinander. Dem Internetaffinen kommt’s gelegen: Angeblich sinkt die Fähigkeit zum ihren Sinn erhaltenden Erfassen von Texten, je mehr Kurztexte wie Tweets man liest. Alles, was über 140 Zeichen hinausgeht, ist somit bereits mehr Information als nötig. Auf Tinder soll man ja auch nicht seinen Traummenschen kennenlernen, das wäre hinderlich für’s wie auch immer geartete Geschäft; es wird der Oberflächlichkeit gefrönt. Statt von Anfang an nur die positiven Seiten eines Menschen kennenzulernen, weiß man vorher quasi nichts über ihn, was über Aussehen und Alter hinausgeht. Klar, für mancherlei reicht’s, aber der hype tut für die Auswahl sein Übriges.
Etwa ein Fünftel aller Tinder-Kontakte, die ihre Fresse gegenseitig ertragen können, hat nach Klärung der weiteren Fakten überhaupt noch miteinander verkehren wollen. Ganz schön heiß, dieses Tinder.
Wir haben das Internet als interaktives Medium überschätzt.
Dieter Gorny, Berufspfeife


TL;DR
Sie sind, mit Verlaub, ein Arschloch.
Ne, das liegt nicht an der Länge sondern am Schreibstil. Sonst lese ich gern was du schreibst, das hab ich nur überflogen.