Sonstiges
Medienkritik VIII: Todesangst

„… aber die Schüsse und die Schreie wird das Ehepaar nie vergessen.“

Ungefähr so endete soeben ein Beitrag in „Brisant“, seines Zeichens Klatschmagazin der ARD, untermalt mit einem Überwachungsvideo, das einen Überfall zeigte, das wiederum, um die Dramatik zu betonen, in einer Schleife lief. Immer wieder sieht man den Täter Schüsse abfeuern und hört einen Schrei.

Und nun meine Frage:
Bekloppt oder was?

Befriedigt so etwas die Gelüste der Zuschauer – ein Überwachungsvideo mit Menschen in Todesangst? Dazu noch ein wenig dramatische Musik mit passender Intonierung der Stimme aus dem Off, und vorm Fernseher sitzen die Voyeure bequem auf dem Sofa und heucheln Mitleid.
„Ach herrje, wie kann ein Mensch nur so grausam sein“ und sich so etwas freiwillig anschauen?

„Die Menschen“ © brauchen, so scheint es, stets das Bild des Grauens vor ihren Augen.

Ist es das, was einst Die Toten Hosen besangen?

Ich möchte aus der ersten Reihe dem Tod fest in die Augen sehn.
Ich krieg Gänsehaut bei Hilfeschreien, die voller Überzeugung sind.
Wenn’s den Stoff für meine Träume gibt, zahl ich jeden Preis für diesen Thrill.
Ich bin ein Biedermann auf Horrortrip, ich lebe nur für diesen einen Kick.

Mir läuft’s auch gerade kalt den Rücken runter.
Allerdings aus anderen Gründen.

In den NachrichtenKaufbefehlePolitik
Wir müssen eine gemeinsame Lösung finden.

Is’n Ding: Die deutsche Regierung will mit dem Geld, das sie für Nebensachen wie Kindergärten, Bildung und Kultur dann wohl doch nicht mehr ausgeben möchte, die Hypo Real Estate retten und nebenbei die US-amerikanische Finanzkrise abwenden. Kein Problem, die paar Kröten haben wir ja alle in der Tasche. Immerhin ist der Aufschwung da.

(„Die Abhängigkeit des Landes von ausländischem Öl sei eine der größten Bedrohungen für die USA“, sprach der Weise aus dem Morgenland; enttäuschend immerhin, das hat Herr Bush jun. seinerzeit doch weit klüger lösen können. Beispielsweise, indem man das Ausland zu eigenen Kolonien erklärt. Na, vielleicht kommt man ja noch drauf.)

Interessanter ist aber, wie so oft, das, was die Welt ach-so-furchtbar bedroht:

Die neue amerikanische Uno-Botschafterin Susan Rice kündigte direkte Gespräche der Amerikaner mit Teheran über das umstrittene Atomprogramm an.

(SPON)

Ah, herrlich. Endlich unternimmt mal jemand was.
Direkte Gespräche mit dem Iran, auf dass man sich dort von dem frevelhaften Tun der Urananreicherung abwende.

Am Ende bauen die Iraner eine oder mehrere Atomraketen und bedrohen damit Staaten, deren Religion/Regierung/Staatsform ihnen nicht in den Kram passt. Das wäre doch richtig fies.

Nein, Atomwaffen sollten denen vorbehalten sein, die sie für nicht aggressive Zwecke zu nutzen wissen.
Sie würden sich beispielsweise gut im Vorgarten machen, man könnte Kletterbohnen oder ähnliche Pflanzen an ihnen züchten. Die Amerikaner zum Beispiel sind für ihre friedliche Nutzung von Atomenergie und Waffenforschung ja bekannt. Wer würde ihnen den Besitz beider Techniken verargen?

Aber zurück zu den geplanten „Gesprächen“:
Es ist ja nun wahrlich nicht so, dass sich in der Vergangenheit irgendjemand dieser Sache angenommen hätte. Nein, erst jetzt, zu Beginn unserer neuen Zeitrechnung mit Beginn der Geburt des Obama, unseres HErrn, wird der Menschheit der Friede gebracht. Halleluja, lobet ihn!

Dieses ominöse Gefängnis in irgendsoeiner Bananenrepublik hat Hussein er ja bereits öffentlichkeitswirksam geschlossen, und all die eingekerkerten vermeintlichen Staatsfeinde können frohen Mutes in eine blendende Zukunft blicken.

Angesichts dieser Wortgewandtheit (vermutlich ergab sich ungefähr dieser Dialog: „Close it!“ „OK.“) und politischen Gewieftheit ist es doch nahezu unvermeidlich, dass auch der Iran, dieser dunkle Fleck auf dem Po des Teufels, bereit ist, von seiner bisherigen Außenpolitik (die da lautete: „Pfeif auf Sanktionen, wir sind nicht die Schoßhündchen des Westens“) umgehend abzukommen.

Und nun aber mal eben, bevor ich beim Schreiben versehentlich platze vor Lachen, ein wenig ernster:
Der „Dialog“ zwischen der Welt und dem Iran findet bereits seit mehreren Jahren ohne Konsequenzen statt. Die Vereinten Nationen appellieren an den knuffigen kleinen Staat, er möge seine Urananreicherung doch bitte umgehend unterbinden und würde zum Dank auch Unterstützung in der Nutzung von Wind- und Wasserenergie bekommen. Der Adressat antwortet, er habe keinerlei Interesse daran, seine Bürger ohne Atomenergie leben zu lassen, und das ist, das möchte ich hier zu bedenken geben, auch sein gutes Recht. Meist folgt dann ein Gespräch zwischen irgendeinem Uno-Bediensteten und einem iranischen Unterhändler, das ergebnislos verläuft und einen noch schärfer formulierten Brief der Uno zur Folge hat, auf den dann wiederum noch gleichgültiger geantwortet wird.

(Henryk M. Broder beschrieb unter anderem diese unendlich scheinende Geschichte in seinem jüngsten Buch Kritik der reinen Toleranz, das auch zu erklären versucht, wieso in diesem Land des Öfteren religiöse Toleranz die Wirkung von Gesetzen aufhebt. Sollte man mal gelesen haben.)

Ich bin ja mal gespannt, wie Frau Rice diese Geschichte zu beenden pflegt. Vielleicht spricht ihr neuer Präsident ja auch ein Machtwort.

„Stop it.“
„OK.“

Oder, was auch nicht allzu unwahrscheinlich ist, die Uno lässt einen noch schärfer formulierten Brief schreiben.
Mit besten Wünschen.

In den NachrichtenPolitik
Medienkritik VII: Jenseits des Ereignishorizontes

Während sich „die Medien“ © darum streiten, ob und auf wessen Seite sich „die Deutschen“ © in den Krieg im Gaza-Streifen einmischen sollten, passiert freundlicherweise auch noch anderes auf der Welt, über das ich mich hier aufregen kann:

So wird nun, kaum dass die Proteste gegen die Pressezensur in China verklungen sind, auch in Deutschland eine Zensur des Internets geplant. Bislang ist nur die Filterung von Kinderpornografie geplant; wie dies aber umgesetzt werden soll, ohne deutlich zu viele oder zu wenige Seiten zu sperren und ohne mit einfachen Mitteln umgangen werden zu können, scheint noch nicht so recht festzustehen.

Interessant ist’s allemal, dass so etwas überhaupt zur Diskussion steht. Selbst unter der Voraussetzung, dass es eine in keiner Weise zu beanstandende Möglichkeit gäbe, jeglichen Inhalt gezielt und lückenlos herausfiltern zu können, bliebe noch immer die Frage offen, wie man als Internetnutzer sicher sein kann, dass die Inhalte, die man durch diesen Filter noch zu sehen bekommt, tatsächlich ungefiltert und nicht von Dritten verändert worden sind.

Dass so eine Funktion es quasi im Vorbeigehen nötig macht, dass ihre Betreiber einen vollständigen Einblick in die eigenen Internetaktivitäten nehmen können, fällt im Jahr der Online-Durchsuchungen da schon fast nicht mehr ins Gewicht.

(Ob es unbedingt sinnvoll ist, statt der Ursache nur die Symptome zu bekämpfen, möchte ich im Übrigen auch in diesem Fall ausdrücklich anzweifeln.)

„Den Medien“ ist so etwas freilich egal, und so können sie auch weiterhin ungefiltert ihre einzig wahre Meinung durch die Gegend posaunen, nur hin und wieder unterbrochen von furchtbaren Machwerken wie dem Dschungelcamp oder, derzeit auf Kabel 1 zu sehen, Event Horizon.

An diesem Film indes habe ich trotz seiner signifikant überzogenen Spezialeffekte vor allem die Detailfragen zu kritisieren; ein Raumschiff, das von einem Schwarzen Loch angetrieben wird und deshalb Ereignishorizont heißt, wird von der Besatzung eines Raumschiffs gesucht, das mit ausgerechnet Lois Lewis & Clark zwar immerhin keinen dermaßen mauen, aber doch einen mindestens wunderlichen Namen besitzt; schade, da sucht man lange vergeblich nach einer weiteren Pointe, und dann ist’s gar keine Komödie!

Dennoch tui, tui, tui für’s nächste Mal.

In den NachrichtenNetzfundstückePolitik
Probesitzen für den Erlöser

Es darf doch einfach nicht wahr sein:

Noch ist es mehr als eine Woche bis zu Barack Obamas Amtsantritt. Doch ein großangelegter Testlauf nahm den schon vorweg: Ein Obama-Double schwor den Amtseid, 3000 Soldaten marschierten, Bands spielten – und der Abschied von Präsident Bush wurde auch geprobt.

(Quelle: SPON)

Da hielt ich Naivling schon die wunderlichen „TV-Duelle“ zu Schröders Zeiten für ein absurdes Schauspiel, und nun so etwas, allerdings immerhin in den USA, wo man hochqualifizierte Politik ohnehin seit einigen Jahren mit Slapstick zu verwechseln scheint.

Ich kann mich jedenfalls des Eindrucks nicht erwehren, dass die gewaltigen Veränderungen, von denen im Wahlkampf überall zu hören und zu lesen war, die Weltpolitik nur unwesentlich verbessern werden.

Hauptsache, der Verrückte sitzt bequem.

(Verdammt; Ignoranz vergessen.)


Apropos „der Verrückte“:
Henryk M. Broder hat eine recht polemische Zusammenfassung der unangenehmen Angelegenheit im Gaza-Streifen verfasst. Gibt’s hier.

In den NachrichtenMusikPolitik
Nachwirkungen vom Silvesterfernsehen

Wer hier des Öfteren mitliest, der weiß, dass allzu laue Musik nicht unbedingt zu meinen Favoriten zählt.
(Danke auch an Gerald Himmelein für das brillante Wort „Chart-Pampe“, c`t 02/2009, allein schon deshalb einen Kauf wert!)

Nur manchmal, manchmal überkommt mich so ein eigenartiges Kribbeln, und daran ist meist ausgerechnet das Fernsehen schuld.

Vielleicht liegt’s am Wetter – zu viel Schneefall und vor allem zu viel Kälte, um dem noch eine romantische Seite abgewinnen zu können -, aber vermutlich ist auch nur der versehentliche Konsum von Mouth & Macneal an Silvester dafür verantwortlich zu machen, dass er wieder da ist:

Der definitiv unschönste Ohrwurm meiner Kindheit.

(Die indes zwar deutlich später stattfand, aber, im Nachhinein betrachtet, von derlei Klängen regelmäßig begleitet wurde.)


Übrigens auch erschreckend:
Da bombardiert Israel ein angrenzendes Land, und vor lauter Schreck solidarisieren „wir“ uns mit ihm (also mit Israel), ohne die Gründe zu hinterfragen.

Das aktuelle Medienecho lautet, so weit ich das verfolgen kann und/oder will, dermaßen, dass die Hamas (prima, ein neues Feindbild!) selbst schuld sei.
Wieso besitzt die auch die Frechheit und schießt zurück?

Bislang laufe alles nach Plan, sagte er [der israelische Verteidigungs(sic!)minister] einem parlamentarischen Ausschuss. Hamas habe bereits schweren Schaden erlitten.

(via SPON, wie so oft)

Guter Plan.
Ehrlich.

In den NachrichtenPolitik
2009 – ein guter Anfang.

Die erste Schlagzeile im neuen Jahr, die mir aufgefallen ist:
Das BKA rechnet 2009 mit drei oder vier Online-Durchsuchungen.

Na, dann ist’s ja in Ordnung. Vor allem werden diese Durchsuchungen nur durchgeführt, „wenn alle anderen Möglichkeiten ausscheiden“.
Beim Irak-Krieg und der Inhaftierung diverser Verdächtiger in Guantí¡namo gab es ja auch keine Alternative. Bei der gewaltigen Finanzspritze für die diversen Banken in den USA auch nicht.

Uns geht es offenbar immer noch zu gut.

In diesem Sinne:
Frohes altes neues Jahr.

Musikkritik
Neues von Radius System

Es ist immer das Gleiche:
Kaum ist die Jahresinventur erledigt, wird das Lager neu befüllt.

Die Postrockgruppe Radius System, die ich vor einer Weile schon lobend erwähnte, hat ihre zweite EP Almost Nothing veröffentlicht.

Benedikt hat eine passende Beschreibung (mit Hörprobe!) parat:

Ein leicht melancholisches (leicht verspätetes) Weihnachtsgeschenk aus Frankreich für die grauen Tage zwischen den Tagen: Radius System um Mastermind Gregory Hoepffner beschenken uns mit einer neuen EP. “Almost Nothing” ist alles andere als fast nichts, auch wenn Hoepffner dies vielleicht anders sieht. ” What’s a Digital EP these days ? “Almost Nothing”, another 30 megs of MP3 data lost in a sea of underground music that gets wider every day…”

Drei neue Songs (1x ruhig, 1x halbruhig und 1x ein Ohrenknaller), eine schöne Coverversion von Portishead (Maschine Gun) und drei Remixe (Radiohead, I’m from Barcelona) und das alles wie gewohnt umsonst.

Runterholen kann man sich den Spaß, wie gewohnt, bei eMule oder eben hier.


Wie man mit möglichst wenig Aufwand seine Mitmenschen möglichst effizient belästigt, Teil Drölf:
Die Betreffzeile von E-Mails so wählen, dass der Spamfilter des Empfängers explodiert.

Che@p p3n!s Énl4rg3mEn7!

LyrikPersönlichesProjekte
Der GEZ-Mann oder: Die Axt im Walde. (Für dich.)

Ich warte noch auf die perfekte Stunde hier
in der Straße, in der du zu wohnen beliebst;
es nährt mich der Zweifel, gepaart auch mit Furcht:
Wie kann ich dir mitteilen, was du mir gibst?

Ich warte noch auf die perfekte Minute
(geh aus meinem Kopf, du zerstörender Geist!),
denn ein Gefühl in mir muss unbedingt raus,
und ich will es befreien und will, dass du’s weißt.

Ich warte noch auf die perfekte Sekunde,
in der deine Augen mich wieder berührn,
mein Herz entzünden, meine Seele umklammern,
denn in dieser Sekunde kann ich dich wieder spürn.

Ich warte noch auf den perfekten Moment, um
dir sagen zu können, dass du mich betörst;
derweil – sei’s für immer! – werde ich still von
dir träumen und hoffen, dass du mich erhörst…


(Wenn ich gerade nicht in Gedanken versinke, bastle ich derzeit ein wenig an einer kleinen Firefox-Erweiterung. Wer beim Testen helfen möchte, ist gern dazu eingeladen. Danke!)

In den NachrichtenNetzfundstückePolitik
Vermutete Neonazis

Amüsant:
Da wird in Passau ein Polizeichef angegriffen, und umgehend vermutet irgendwer, dass offenbar Neonazis die Schuld daran tragen, und mit ihnen natürlich auch die NPD. Auch wenn sie sich von dem Anschlag ausdrücklich distanziert hat; natürlich, Nazis sind eben Nazis.

Vielleicht sollte man die Linke auch verbieten lassen wollen, wenn Linksradikale vermutliche Neonazis mit Steinen bewerfen?

Der (überaus gute) Karikaturist Götz Wiedenroth hat die ganze Geschichte treffend karikiert (ich denke jedes Mal an „kikeriki“, wenn ich das Wort lese).

Und wenn ich sehe, was für eine Welle der Empörung durch das Land schwappt, nur weil irgendjemand wieder Rechtsradikalismus vermutet, ist’s aber immerhin nicht verwunderlich, dass ich mich auch auf der SPIEGEL-Online-Seite eben gerade versehentlich verlesen habe:

Ich dachte, da stehe „paranoia“ statt „panorama“.

Schön wär’s gewesen.

Musik
Depression statt Impression. Expression statt Depression.

Heute leider kein Schneefall.
Durch die schneelose Dunkelheit zu trotten und „Fidelity“ von Regina Spektor zu summen ist aber auch nicht übel.

(Kalauer für zwischendrin: Ich stand am Wasser, aber kein‘ Ente in Sicht.)

Wo’s doch einfach genug ist, sich in Gedanken zu verlieren.
Nichts wie raus aus der Wirklichkeit und raus aus dem eigenen Kopf.
Rein in etwas, was einem dann andererseits auch nicht so recht gefallen mag.

Wie nennt sich dieser Zustand, wenn man zwischen zwei Traumwelten wandelt?
Vermutlich Sehnsucht.