Bevorzugter Konsens im Zwist zwischen Hooligans und Nichthooligans in der Piratenpartei scheint momentan, dass „die Piraten“ sozialliberal sind; um so größer war die übliche Empörung, als der Bundesvorsitzende Thorsten Wirth sich ausdrücklich nicht „Sozial-Liberal“ nannte und das zu Recht mit der fehlenden Definition begründete. Was genau soll sozialliberal denn sein? Eine Distanzierung von Linksradikalismus zumindest, genau definiert ist’s halt nicht (und was genau also zum Beispiel die AfD oder die Tierschutzpartei in dieser Hinsicht von der Piratenpartei unterscheidet, ist mir unklar).
Der bayrische Pirat Michael Renner begegnete meinem Unverständnis mit dieser Erklärung:
@tux0r@insideX dass „sozialliberal“ keinen Wikipediaeintrag hat zeigt wie wichtig es ist de.wikipedia.org/wiki/Soziallib… auf eigene Füsse zu stellen
Die „sozialliberale Koalition“ – kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen – war eine Koalition aus F.D.P. und SPD, also aus heutiger Sicht aus Hartz IV und Wirtschaftsförderung, aus Kosovokrieg und „Gesundheitskarte“. Aber nein, es sei ja nicht alles schlecht gewesen:
@tux0r@insideX die Jahre der sozialliberalen Koalition gehören mithin zu den besten. Kennst du bessere? Komm mir jetzt nicht mit der SED!
„Sozialliberal ist gut, und wer das nicht so sieht, der ist halt Sozialist“. Mutti, die Russen sind da!
Nein, wenigstens ein Teil der „sozialliberalen Koalition“ habe etwas bewerkstelligt, nämlich Phrasendreschen und Niederknien:
@tux0r Brandt: Kniefall, 2. Bildungsweg, „mehr Demokratie wagen“, Strafrechts- und Strafvollzugsreform uvm bpb.de/izpb/10109/soz…
Brandt also, der deutsche Konsenskanzler. Soll er Vorbild für die Piratenpartei sein? Aber nein:
Piraten, die sich „sozialliberal“ nennen wollen weder Brandt noch Scheel ausgraben. Sie wollen sowohl sozial als auch liberal sein.
#iLike
Der noch lebende Walter Scheel freut sich wahrscheinlich darüber, dass Herr Renner ihn nicht ausgraben möchte; Willy Brandts Handeln erst als Beispiel für gelungenen „Sozialliberalismus“ anzuführen und nur wenige Stunden später darauf zu verweisen, dass er gar nichts mit der „piratigen“ Definition von „sozialliberal“ zu tun habe, ist aber zumindest rhetorisch ungeschickt. Sozialliberal? Irgendwie sozial, irgendwie liberal; wie eben auch beinahe jede andere Partei. „Sozialliberale Piraten“: Wissen nicht, wo sie stehen, finden aber wenigstens komplizierte Worte dafür.
Ich bin übrigens piratiger Pirat.

Was ist überhaupt liberal? Die liberale FDP versucht entweder, meine Bürgerrechte zu untergraben, oder den Staat genau da abzubauen, wo es am wenigsten hilfreich ist. Das ist so eine Mischung zwischen libertär und anti-liberal, keine Ahnung, wieso manche Piraten für sowas einstehen möchten.
Sozialliberal ist für mich eine Mischung aus CSU und FDP mit dem Unterschied, dass man nicht ganz offiziell Muslime und andere Nicht-Christen doof findet. Gibt es eigentlich noch Gründe, die Piraten bei der Europawahl zu wählen?
Ja.
Und zu Liberalismus hatte ich schon mal was geschrieben.
np.