KaufbefehleMusikkritik
Egg — The Civil Surface

Egg - The Civil SurfaceMit den Wilde Flow­ers (benan­nt nach Oscar Wilde), ein­er Hochschul­band aus Can­ter­bury, und Deliv­ery aus Lon­don nahm Mitte der 1960-er Jahre — als die Leute bevorzugt Schlager und die Bea­t­les hörten — eine musikalis­che Entwick­lung ihren Lauf, die (wegen der Wilde Flow­ers) später als “Can­ter­bury Sound” oder “Can­ter­bury Scene” bekan­nt wurde.

Diese “Szene”, die teil­weise noch heute aktive Bands wie Soft Machine, Gong und Car­a­van umfasste und heute auch von von diesen inspiri­erten Grup­pen wie The Tan­gent und Argos am Leben gehal­ten wird, ver­mengte Rock­musik mit jazz­i­gen Impro­vi­sa­tio­nen, ausufer­n­den Instru­men­tal­ex­per­i­menten und oft skur­rilen (oder gar keinen) Tex­ten. Im Gegen­satz zum gewöhn­lichen Jaz­zrock, wie ihn später etwa King Crim­son pop­ulär macht­en, waren Blas- und Tas­tenin­stru­mente oft dom­i­nante Instru­mente. Dass zwis­chen den Grup­pen ein reger Aus­tausch an Ideen und Musik­ern stat­tfand, sorgte im ersten Jahrzehnt für eine ras­ante Entwick­lung.

Noch bevor die “Can­ter­bury Scene” Anfang der 1970-er Jahre ihren Höhep­unkt erre­ichte, benan­nte sich die Schüler­band Uriel nach dem Ausstieg von Steve Hillage (Gitarre, später bei Khan und Gong sowie Grün­der des Techno­pro­jek­ts Sys­tem 7) in The Egg um und warf das “The” wenig später fort; unter dem Namen Arzachel kamen Uriel 1969 ein let­ztes Mal als Quar­tett zusam­men, um ein jeden­falls inter­es­santes Psy­che­del­ic-Rock-Album aufzunehmen.

Egg macht­en also zu dritt weit­er, nah­men ein namen­los­es Debüt (1970) und “The Polite Force” (1971) auf und zer­streuten sich 1972 erst ein­mal in alle Winde: Key­board­er und Organ­ist Dave Stew­art ging vorüberge­hend zu Hat­field and the North, Schlagzeuger Clive Brooks ver­suchte sich mit The Ground­hogs als Blues­rock­er. Bassist und Haup­tkom­pon­ist Mont Camp­bell beteiligte sich 1975 an der Grün­dung von Nation­al Health als Ableger von Hat­field and the North sowie Gil­gamesh. Während der Vor­bere­itun­gen zu dieser Grün­dung ergab sich die Gele­gen­heit, bis dahin nur live gespielte Stücke aus dem Reper­toire von Egg aufzunehmen. Für dieses let­zte Egg-Album holte sich das Trio im August 1974 Steve Hillage, die Nor­thettes (den Chor von Hat­field and the North), Tim Hodgkin­son (Hen­ry Cow), Lind­say Coop­er (Nation­al Health) und einige weit­ere Wegge­fährten ins Stu­dio. (Die Canterbury-“Szene”, wie bere­its erwäh­nt, war damals recht eng miteinan­der ver­flocht­en.)

“The Civ­il Sur­face” enthält außer eini­gen — hehe — Blasquar­tet­ten mit “Ennea­gram”, “Wring Out the Ground (Loose­ly Now)” und “Germ Patrol” auch drei Stücke im typ­isch ver­track­ten und der Band Egg eige­nen Can­ter­bury-Stil:

Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Key­board­er. Eure rechte Hand müsste zusam­men mit dem Drum­mer im 15/8‑Takt spie­len, eure Linke dage­gen eine immer wiederkehrende Fig­ur im 10/8‑Takt, die der Bassist, als wäre das nicht schon genug, gle­ichzeit­ig in ein­er 11/8‑Version spielt. Das geht nicht? “Ennea­gram” hören! Das ergibt keinen Sinn? “Ennea­gram” hören!
Nik Brück­n­er, Baby­blaue Seit­en

In “Wring Out the Ground (Loose­ly Now)” ist Mont Camp­bell zum einzi­gen Mal auf “The Civ­il Sur­face” als Sänger zu hören.

Mont Camp­bell ver­ließ Nation­al Health 1976, nan­nte sich ab 1977 Dirk Camp­bell und tauchte erst unter, dann 1996 mit seinem ersten Soloal­bum “Music from a Round Tow­er” wieder auf. Auch seine Mit­stre­it­er sind bis heute nicht untätig: Dave Stew­art arbeit­et seit den frühen 1980-er Jahren mit Bar­bara Gaskin (The Nor­thettes sowie Spir­ogy­ra) zusam­men, veröf­fentlicht gele­gentlich Musik und schreibt Büch­er, Clive Brooks spielte zunächst Schlagzeug bei Liar und war anschließend vor­rangig als Schlagzeugtech­niker für Pink Floyd und andere Grup­pen aktiv. Nach­halti­gen Ein­druck hin­ter­ließen alle drei allerd­ings beina­he nur mit ihrem Früh­w­erk.

Dur­chaus nicht zu Unrecht, wie ich finde.

Sonstiges
Medienkritik in Kürze: Schön und schlank und viel zu dünn

Apro­pos Ernährung: Ken­nt ihr noch die BRAVO?

Die BRAVO ist nicht nur ein schlecht­es “Jugend­magazin”, es gibt auch ein Onlinepor­tal zu sel­bigem. Auch dort wid­met man sich natür­lich den wirk­lich drin­gen­den Prob­le­men eines jugendlichen Lebens: Trink’ dich schön und schlank! Mit ein­er veg­e­tarischen Diät lassen sich nicht nur lästige Pfunde vertreiben! Wer zu dick ist, um zu flirten, sollte erst mal abnehmen! Schwimm’ dich schlank! Meine Mut­ter ist zu dick! Schön und schlank mit Wass­er! Schlank wer­den ist keine Hex­erei! Fin­ger weg von “Smooth­ies”, die machen fett!

Und was macht die gedruck­te BRAVO der­weil? Richtig:

Lena iss etwas

“Lena, du bist zu dünn!”

Zeitun­gen und Zeitschriften machen mich gereizt. Will sie über­haupt nicht mehr lesen.
Leo Tol­stoi

Sonstiges
Trendkost

Trends, Trends, das ist der Trend jet­zt! Das tut man neuerd­ings so!
Foy­er des Arts: Trends

Was ist eigentlich ein Trend?

Die Wikipedia ahnt:

Ein Trend ist eine neue Auf­fas­sung in Gesellschaft, Wirtschaft oder Tech­nolo­gie, die eine neue Bewe­gung bzw. Marschrich­tung aus­löst.

Das Gegen­teil eines Trends, so lehrt’s uns T‑Online, ist übri­gens eine Sünde. Tja­ja, die Kirche, der olle Trend­set­ter!

Und wo wird hin­marschiert? Zu hässlichen Stiefeln, kreis­chbun­ten Klam­ot­ten und Nicht­frisuren, denen gemein ist, dass sie an Reiz ver­lieren, sobald sich genug Leute find­en, denen es nicht zu lächer­lich vorkommt, sich von über­bezahlten junkies Tipps für’s Ausse­hen geben zu lassen: am anfang als keine sau die marke kan­nte, war ich eine der ersten (…) aber JETZT total pein­lich-.- (Schreib­weise wie im total pein­lichen Orig­i­nal).

Auch son­st hat die Bewe­gung ein paar amüsante Anglizis­men und vor allem idi­o­tis­che Ideen im Schlepp­tau. Das däm­liche Heft “fre­undin” etwa “ziert” zurzeit fol­gen­des Titel­blatt:

freundin 06/2014

Ja, wo sind sie denn, die guten Män­ner? Ich weiß es nicht, ich habe den Artikel sicher­heit­shal­ber nicht gele­sen. Meine Aufmerk­samkeit allerd­ings zog diese Behaup­tung auf sich:

Der große Food-Trend: Veg­an genießen

Veg­anes Essen? Es gibt Holz. Möglicher­weise schmeckt das tat­säch­lich jedem, pro­biert habe ich es noch nicht. Aber sind Ess­ge­wohn­heit­en ein Trend? — Zweifel­sohne steigt die Zahl der­er, die sich veg­an ernähren, gefühlt stetig an, lässt man den Umstand, dass man Veg­an­er vor allem daran erken­nt, dass sie keine zwei Sätze am Stück ohne stolze Beschrei­bung ihres Lebensstils mehr zu sprechen imstande scheinen und so natür­lich ihres­gle­ichen her­vor­lock­en, ein­mal unberück­sichtigt.

Food-Trend, denn bei Ernährung geht es nicht um Genuss oder wenig­stens Sät­ti­gung, son­dern um Mode. Die meinen das ernst!

Näch­sten Monat in “fre­undin”: “Täglich was trinken — was ist dran am neuen Top­trend?”

Was ist “in” und was ist “out”? Die Frage ist doch falsch gestellt!
Die Ärzte: Gabi & Uwe in: Liebe und Frieden

Montagsmusik
Die Toten Hosen — Mehr davon

(Und manch­mal gibt es diese Momente, die um jeden Preis zu hal­ten man, wenn schon nicht imstande, doch zumin­d­est wil­lens ist; und nicht nur die, allen Mon­ta­gen zum Trotz.)

Mehr Davon — Live “Im Auf­trag des Her­rn”

Ich bezahl’ dich gut,
ich geb’ dir alles, was ich noch hab’:
Meinen Charak­ter, meinen Selb­stre­spekt,
jedes let­zte Gefühl von Moral.

Atmen.

Guten Mor­gen.

Persönliches
Schlechte Karten

Es ist ja nicht so, dass ich das Konzept der “Kun­denkarte” aus wirtschaftlich­er Sicht nicht prinzip­iell ver­ste­hen kön­nte.

Die, die man mit irgendwelchen Punk­ten befüllen kann, damit man irgend­wann am Ende eines Jahres einen hässlichen Kochtopf neb­st Messer­set (das man den Ver­ant­wortlichen dann wenig­stens als feed­back hin­ter­lassen kann) oder einen Stoffted­dy mit Schlüs­sel­ring dran sein eigen nen­nen “darf”, sind hin­länglich bekan­nt und zu Recht Zielscheibe diversen Spotts (Rache!), aber es gibt auch noch die kleinen, unschein­baren, die man ein­fach bekommt und dann liegen sie halt herum und lan­den irgend­wann im Nach­lass. Man ist also irgend­wann tot und die Urgroßn­ef­fen spie­len mit den Hin­ter­lassen­schaften und find­en darin Karten, deren Zweck ihnen eben­so wenig bekan­nt ist wie ihrem nun­mehr verblich­enen Urgroßonkel, und sind entwed­er stolz auf die augen­schein­liche Beliebtheit ihres Vor­fahrens oder denken sich: “Was war das bloß für ein Spin­ner?”. Die Gen­er­a­tion mein­er Urgroßonkel hin­ter­lässt wenig­stens noch coole Sol­daten­abze­ichen.

Es gibt “Kun­denkarten”, die dur­chaus einen nen­nenswerten Zweck erfüllen, etwa Mit­glied­sausweise irgendwelch­er Clubs, in die man, “ey”, son­st “nisch reinkommt”, oder irgendwelch­er poli­tis­ch­er Parteien sowie zum Beispiel Bib­lio­thek­sausweise, die jed­er Ober­stufen­schüler heutzu­tage gefäl­ligst zu beantra­gen hat und sich dann damit immer­hin irgend­wie gebildet fühlt, nur um sie dann später nie wieder zu ver­längern, weil: Wikipedia.

Und dann gibt es die, mit denen man vor allem sein Porte­mon­naie, das ja son­st so schreck­lich leer und kom­pakt wäre, dick­er machen kann, die aber son­st vor allem etwas bescheini­gen, was man gar nicht unbe­d­ingt bescheinigt haben möchte. Das sind aus irgen­deinem abson­der­lichen Zufall her­aus dann auch diejeni­gen Karten, deren Begleitschreiben meist anmah­nt, dass sie zwar für das Gros ihrer Besitzer ohne jeden prak­tis­chen Wert seien, aber ständi­ges Bere­i­thal­ten unbe­d­ingt emp­fohlen werde, um sich immer und über­all als Mit­glied des jew­eili­gen unfass­bar elitären Zirkels zu erken­nen geben zu kön­nen. Am Paketschal­ter seine Gold­card zück­en und sich so als Mit­glied der Brud­er­schaft der Paketempfänger aus­geben — die Frauen wer­den euch zu Füßen liegen!

Vor Lachen.

Diese Woche tat eine Karte das, was Karten eben so tun, und trudelte mit der Post ein. Sie stammt vom heise-Ver­lag und weist mich — zumin­d­est zutr­e­f­fend­er­weise — als einen Abon­nen­ten der Zeitschrift c’t aus. (Dass die c’t immer schlechter wird, lass’ ich an dieser Stelle mal undisku­tiert, darüber möge der Insol­ven­zver­wal­ter eines Tages urteilen.) Der Name dieser Karte: “c’t‑Netzwerkkarte”. Ich hätte beina­he ein wenig geschmun­zelt.

Mit dieser “Net­zw­erkkarte” — haha, hoho — kommt man zwar nicht ins LAN, aber “exk­lu­siv” an “zahlre­iche weit­ere Vorteile”, etwa:

  • Ver­sand­kosten­freier Einkauf im heise-shop
  • Bis zu 15 % Rabatt auf viele Artikel im heise-Shop

(Fettdruck und wech­sel­nde Schreib­weisen wie Orig­i­nal.)

Wie muss man sich das vorstellen? Die Karte besitzt offen­bar kein­er­lei dig­i­tal­en Daten­spe­ich­er, auf’s “Daten­feld” aufge­druckt sind nur Name, Kun­den­num­mer und Abon­nement­be­ginn. Muss man die Karte, um in den Genuss der “exk­lu­siv­en Vorteile” zu kom­men, nun ein­scan­nen oder vor­ab postal­isch ein­schick­en? Das “Infoblatt” schweigt. Auf der Web­site zur “Net­zw­erkkarte” — das Beina­h­eschmun­zeln friert mir allmäh­lich im Gesicht fest — kann man sich aber immer­hin anmelden. Mit den Kar­tendat­en? Aber natür­lich nicht:

Loggen Sie sich bitte mit Ihren Abo-Zugangs­dat­en ein.

Welch­er Art also ist der Dienst, den die “Net­zw­erkkarte” — holt­mich­hier­raus — dem zahlen­den Bestand­skun­den angedei­hen lässt? Tja:

mit diesem Schreiben erhal­ten Sie die neue c’t‑Netzwerkkarte, die Sie als Abon­nent (sic! Dek­li­na­tion kön­nense auch nicht, A.d.V.) ausweist[.]

Ach so.

Ich geh’ mich dann mal enteisen.

NetzfundstückeMir wird geschlecht
Warnung: Erschreckend echte Darstellung von Alltag!

[TW: Fas­sungs- und Ver­ständ­nis­losigkeit, Ratio­nal­ität, Polemik.]

Ich begebe mich gele­gentlich auf fem­i­nis­tis­ches Ter­rain, weil zu den Fem­i­nis­ten auch einige kluge Köpfe zählen, die sich durch eine her­vor­ra­gende Welt­sicht und ihre Offen­heit in sach­be­zo­ge­nen Diskus­sio­nen wohltuend von den anderen Fem­i­nis­ten abheben. Manch­mal lese ich auf diesem Ter­rain Tweets, in denen “TW” vorkommt. Das hat mich zunächst ein wenig irri­tiert, denn einen The­men­wech­sel gibt es auf Twit­ter nor­maler­weise eher sel­ten (schon deshalb, weil es sel­ten um The­men geht). Ich habe das mal nachgeschla­gen.

Laut Blog der “Mäd­chen­mannschaft” (Vor­sicht: Blog der “Mäd­chen­mannschaft”) ste­ht das “TW” für eine “Trig­ger­war­nung”, also eine War­nung davor, dass ver­link­te Texte wom­öglich früher erlit­tene Pein wieder ins Gedächt­nis rufen kön­nten.

Stellt euch zum Beispiel vor, ihr geht mit ’nem schö­nen Kri­mi aufs Klo und denkt an nichts Bös­es.

Und dann blät­tert ihr die Seite um und da erwis­cht es euch plöt­zlich eiskalt; irgen­dein Trig­ger, der euch sofort wieder ins Hier und Jet­zt zurück­holt. Vor­bei ist es mit der Entspan­nung, vor­bei mit der Auszeit, und euch beschle­icht ein­mal mehr das Gefühl: Rape Cul­ture (Verge­wal­ti­gungskul­tur) ist über­all.

Ich finde ja auch, Krim­is sollte man ver­bi­eten und durch irgend­was Harm­los­es (mit Luft­bal­lons) erset­zen. Sie sind voller unnötiger Gewalt­darstel­lun­gen!

Man ver­ste­he mich nicht falsch: Dass Verge­wal­ti­gung­sopfer ungern detail­lierte Beschrei­bun­gen von Verge­wal­ti­gun­gen lesen, ist mir dur­chaus nicht unbekan­nt. Dieser gut gemeinte Ansatz lässt sich allerd­ings offenkundig her­vor­ra­gend übertreiben, und der “Mäd­chen­mannschaft” fiel bei ihrer vor­angestell­ten “Trig­ger­war­nung: Beschrei­bung von Trig­gern” wohl nicht auf, wo das Prob­lem liegen kön­nte. Der real existierende Fem­i­nis­mus bringt Men­schen her­vor, die Texte über Verge­wal­ti­gung, Trig­ger, Essstörun­gen, Ablenkung und der­gle­ichen schon beina­he reflexar­tig nur noch mit vor­angestell­ter War­nung pub­lizieren, ver­mut­lich ins­ge­heim bedauernd, dass das mit den Stopp­schildern für’s Inter­net nicht geklappt hat, denn dann kön­nte man das Trig­ger­prob­lem direkt an der Wurzel lösen. Über­all nur noch böse Men­schen. Schlimm, schlimm.

Auch vor wirk­lich schlim­men Din­gen wie der Beschrei­bung von Fehlge­burten wird gewarnt:

Danke fürs Teilen! <3 (Achtung: Leben­sre­al­ität)

Da schreibt eine Frau einen (zweifels­frei lesenswerten, aber auch recht detail­lierten) Text über ihre Fehlge­burt und schreibt das sog­ar extra dran, um Sen­si­belchen, die mit zu detail­liert­er Darstel­lung von Fehlge­burten ein Tol­er­anzprob­lem haben, davor zu bewahren, verse­hentlich etwas darüber zu lesen, und dann fällt jeman­dem auf, dass da noch eine ganz wichtige War­nung fehlt. “Achtung: Leben­sre­al­ität”. Kann Spuren von Real­ität enthal­ten. Der Umkehrschluss? Aus­drück­lich nicht gewarnt wer­den muss vor flauschi­gen Katzen und Ponys. (Außer, wenn man als kleines Kind mal von einem Pony run­terge­fall­en ist, dann ist “TW: Huftiere” natür­lich Pflicht, wenn man nicht als respek­t­los­er Mack­er — oder wie auch immer ger­ade das aktuelle Flauschi­wat­ti-Szeneschimpf­wort für nor­male Leute lautet — erscheinen möchte.)

Sofern hier jemand mitli­est, der sich ausken­nt: Hä?


Auch ’n fieser Trig­ger natür­lich: Uner­wün­schte Nack­theit.

PolitikIn den Nachrichten
Thomas de Maizière respektiert den Tierschutz nicht

Die inner­parteilichen Quere­len, die die Piraten­partei in jüng­sten Umfra­gen ein hypo­thetis­ches Wahlergeb­nis von etwa einem Prozent ein­fahren ließen, kön­nten ihr inzwis­chen beina­he egal sein: Die Dreiprozen­thürde für die Europawahl wurde — ganz im Sinne des von ihr propagierten Ideals, dass die Stimme jedes Bürg­ers gle­ich­es Gewicht haben sollte — höch­strichter­lich ver­boten.

Wohlge­merkt: Es ist keines­falls sich­er, dass das entsprechende Gesetz bis zum 25. Mai kor­rigiert wor­den ist, was die Wahl auf ähn­lich tön­erne Füße stellte wie bere­its eine Bun­destagswahl zuvor. Wohl auch aus diesem Grund bleibt Innen­min­is­ter Thomas de Maiz­ière gle­ich­mütig:

Die Bun­desregierung hat zurück­hal­tend auf das Urteil des Bun­desver­fas­sungs­gerichts reagiert, wonach die deutsche Drei-Prozent-Hürde bei Europawahlen ver­fas­sungswidrig ist. Er «nehme das Urteil zur Ken­nt­nis», sagte Innen­min­is­ter Thomas de Maiz­ière in Berlin.

Andere “Unions”-“Politiker”, etwa Elmar Brok (Schmal­hans des Tages am 10. Feb­ru­ar 2014, bitte nicht wieder wählen) und Jens Spahn (der die ver­fas­sungs­feindliche Drei-Prozent-Klausel lieber direkt in die Ver­fas­sung geschrieben hätte), sind eben­so irri­tiert vom Urteil wie Poli­tik­er so genan­nter “Bürg­er­rechtsparteien” wie den Grü­nen (das waren die mit den Kindern). Dass ihnen ohne die Drei-Prozent-Hürde wom­öglich ein Sitz — oder der­er gar zwei — im Europa­parla­ment abhan­den kom­men wird, hat damit sicher­lich nichts zu tun.

Zumal (wiederum CDU/CSU):

Es gebe in allen großen EU-Län­dern aus guten Grün­den Sper­rk­lauseln. “Nun müssen wir mit den Urteil leben und auch damit, dass wir Split­ter­parteien und radikale Kräfte aus Deutsch­land im EU-Par­la­ment haben wer­den. Das ist keine sehr angenehme Sit­u­a­tion.”

Ich bin auch der Mei­n­ung, dass radikale Kräfte aus Deutsch­land (CDU/CSU) nicht im “EU-Par­la­ment” den Geist der Men­schen verder­ben soll­ten; aber ich habe da eine prag­ma­tis­che Lösung entwick­elt: Ich wäh­le ein­fach eine andere Partei.

Aber was bedeutet die Entschei­dung rein rech­ner­isch? Nun:

Ein halbes Prozent der Stim­men reichen für einen Par­la­mentssitz mit dem dazuge­höri­gen Geld, den Mitar­beit­ern und dem Appa­rat. 130.000 Stim­men nur, um für die eige­nen Ideen bess­er denn je im medi­alen Ram­p­en­licht des Europa­parla­ments wer­ben zu kön­nen.

Ob auf der Basis dieser Entschei­dung auch die Fünf-Prozent-Klausel für die näch­ste Bun­destagswahl (spätestens 2017) neu ver­han­delt wer­den wird, weiß ich nicht, aber inter­es­sant wäre es dur­chaus. Für den Wäh­ler hat das erst mal eine rel­e­vante Folge: Es gibt keinen Grund mehr, bei der Europawahl anhand der Auswahl zwis­chen “kommt rein” und “kommt nicht rein” zu wählen — selb­st die Tier­schutz­partei kam 2009 auf 1,4 Prozent der Stim­men, bei anderen Kle­in­st­parteien wie der F.D.P. sieht es ähn­lich aus. Die DVU, 2009 einzige zur Europawahl zuge­lassene als recht­sex­trem eingestufte deutsche Partei, kam damals auf 0,4 Prozent, es ist also eher unwahrschein­lich, dass nach der Wahl aus Deutsch­land mehr Recht­sex­treme als Tier­schützer ins Europäis­che Par­la­ment abgeschoben entsendet wer­den.

Elmar Brok ste­ht auf Platz 2 der nor­drhein-west­fälis­chen Lan­desliste der CDU. Das allerd­ings macht mir wirk­lich große Sor­gen.


In weit­eren Nachricht­en: Wir wollen keine Demokratiefeinde in unserem Land! Übri­gens: Unser Land ist scheiße! Nie wieder unser Land! :irre:

In den Nachrichten
Kalif anstelle des Kalifen: Smartphones jetzt auch mit Telefoniefunktion

What­sApp, dem seit seinem Kauf durch Face­book die Benutzer scharen­weise (aus unklarem Grund wohl meist zu Three­ma) qua­si wegzu­laufen scheinen, ver­sucht seinen Vor­sprung zu hal­ten. Klar ist: Inno­va­tio­nen müssen her!

Äh, hm, tja:

What­sApp hat für Mil­lio­nen Nutzer die SMS erset­zt — nun will die Face­book-Tochter noch in diesem Jahr Tele­fon­di­en­ste anbi­eten.

Tele­fonieren! Auf dem Twit­terg­erät! Incred­i­ble! (Steve Jobs, tot.)

Dass darauf noch kein­er gekom­men ist!

PersönlichesFotografie
Meer.

Mon­tag. Musik? Mit­nicht­en: Meer.

(Weil’s dann ja eigentlich auch egal ist, wenn man nach langer Zeit wieder am Meer ist und die Prämis­sen eigentlich ganz andere sind und Küsse nicht mehr Teil des Reper­toires sind, das man abstreift und sich fall­en lässt, um die Leichtigkeit, die Frei­heit zu spüren, die nur das Meer geben kann; und man ver­gisst, wer man ist und wo man ist und wofür man mal gelebt hat, und drin­nen, tief drin­nen spielt das Herz dieses Lied, dieses eine, wun­der­bare Lied aus besser­er Zeit, und es geht unter im Rauschen des Meeres und im Kreis­chen der Möwen.

Meer

Meer. So trau­rig. Ihr ken­nt das.)

Piratenpartei
#lmvnds141

Die “Piran­tifa” gab ver­gan­gene Nacht ihre Auflö­sung bekan­nt.

Mehr Leute treten aus den “Jun­gen Pirat­en”, die zu einem Großteil ver­ant­wortlich für die Aktiv­ität der “Piran­tifa” waren, als aus der Piraten­partei aus.

Die Fahne weht. Willkom­men zurück, Piraten­partei. Fet­zereien par excel­lence.

Guten Mor­gen.

PiratenparteiIn den NachrichtenKaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: thisquietarmy — Phantom Limbs

Ich kön­nte mich an dieser Stelle noch etwas aus­führlich­er zum noch immer schwe­len­den #Bomber­gate und zum ver­meintlichen Mit­glieder­schwund der Piraten­partei infolge ein­er saudäm­lichen Aktion einzel­ner Ver­wirrter äußern; tat­säch­lich haben einige langjährige engagierte Pirat­en, frus­tri­ert von dem frenetis­chen Applaus, den die bei­den Pro­tag­o­nistin­nen für ihr Loblied auf die Bom­bardierung Dres­dens von ein­schlägig bekan­nten Berlin­er Pirat­en wie Oliv­er Höf­in­g­hoff (“ihr habt den Krieg ver­loren!”, keine Pointe) beka­men, zu meinem per­sön­lichen Bedauern vorüberge­hend abge­mustert. Einige Lan­desver­bände der Piraten­partei — beze­ich­nen­der­weise ist Höfinghoffs/Helms Berlin nicht darunter — haben sich inzwis­chen ein­er Erk­lärung angeschlossen, die eine Unvere­in­barkeit poli­tis­ch­er Gewalt mit lib­eralen piratis­chen Ide­alen zu ver­ste­hen gibt, wofür es prompt Kri­tik aus Berlin hagelte. Ja, die Berlin­er. Ein drol­liges Land voller borniert­er Schwachköpfe; an diesem Durch­schnitt ändert auch der her­aus­ra­gende Christo­pher Lauer nur wenig.

Aber eigentlich wollte ich hier weniger über Poli­tik reden und mehr über Musik, schon aus Grün­den der Entspan­nung. Von Musik werde ich nur sel­ten in Rage ver­set­zt.

thisquietarmy - Phantom Limbs2012 veröf­fentlichte Eric Quach (“thisqui­etarmy”) nach dem großar­ti­gen “Ves­sels” mit dem bere­its 2009 aufgenomme­nen “Phan­tom Limbs” (“Phan­tomglied­maßen”) ein weit­eres beachtlich­es Werk, dessen einziges Instru­ment wiederum die Gitarre ist. Das Unter­wasser­mo­tiv wurde nicht beibehal­ten, auf “Phan­tom Limbs” geht es stattdessen ziem­lich gespen­stisch zu.

Das eröff­nende “Phan­tom Eye” begin­nt mit dis­so­nan­tem Brum­men. Allmäh­lich kom­men weit­ere Gitar­ren­klänge hinzu, die ruhige Anfangsstim­mung wird von ener­gis­chen, sich verdich­t­en­den Riffs kom­pli­men­tiert, nach sech­sein­halb Minuten implodiert “Phan­tom Eye” mit sein­er Kli­max. Das fol­gende “Phan­tom Brain” wird von ambi­en­ten drones dominiert, zunächst klar instru­men­tal iden­ti­fizier­bar, dann dun­kler und bedrohlich­er wer­dend, bis das Klangge­bilde schließlich aus­ge­blendet wird. Ob diese Aus­blendung sin­nvoll ist, bleibt unklar; “Phan­tom Pain”, das die drones wieder in ihre Bestandteile zer­legt, lebt eben­falls von ihren Effek­ten.

“Phan­tom Volt­age”, das let­zte und mit Abstand läng­ste der vier Stücke, ist zugle­ich das ungewöhn­lich­ste: Es begin­nt mit Stille, langsam set­zen einzelne Klänge ein. Talk Talks “Spir­it of Eden” als Ver­gle­ich zu bemühen mag etwas über­zo­gen sein, Ähn­lichkeit­en sind aber dur­chaus gegeben. Wird da ein Rhyth­mus gek­lopft? Nein, es ebbt wieder ab. Wieder ein­mal wird alles dichter. Der Geist wird schw­er. Zurück­lehnen und genießen. Würde man von dieser Musik träu­men, man träumte wohl, man säße auf ein­er Wolke und sähe von dort aus einen dieser anspruchsvollen Hor­ror­filme (zum Beispiel über das “Bomber­gate”) in Pastell­far­ben. Schön.

“Phan­tom Limbs” — stream- und kauf­bar hier — ist in all sein­er Dunkel- und Schlichtheit großar­tig und die ide­ale Begleitung zu einem Glas Whiskey zum Feier­abend; oder eben auch ganz ohne Whiskey. Ihr kön­ntet das mal aus­pro­bieren.

In den NachrichtenPiratenpartei
Metamedienkritik: Auf der Mauer, auf der Lauer …

Wie Anne Helm, Europa­parla­mentskan­di­datin der Piraten­partei, und Julia “Schwurbel” Schramm, Mitar­bei­t­erin des Bun­desvor­sitzen­den der­sel­ben, der Bomben­ab­würfe über Dres­den seit­ens Her­rn “Bomber Har­ris” gedacht­en, bitte ich euch den ein­schlägi­gen Medi­en zu ent­nehmen; zumin­d­est Frau Schramm lässt ja nur sel­ten eine Woche verge­hen, ohne ihren Ruf als poli­tisch naive marx­is­tis­che Fem­i­nistin — oder was auch immer sie diese Woche sein möchte — weit­er zu fes­ti­gen.

Deut­lich erfreulich­er ist da schon, wie Sascha Frischmuth von der unsäglichen “tageszeitung” (“taz”) beim Ver­such, ein Inter­view mit Christo­pher Lauer zu führen, grandios ver­sagt. Christo­pher Lauer (“Hirni” — Char­lotte Theile, “Süd­deutsche Zeitung”) ist dafür bekan­nt, nicht über jedes Stöckchen zu sprin­gen, das man ihm hin­hält, wie niedrig auch immer es hän­gen mag; insofern ist es erstaunlich, wie bere­itwillig sich der Fragesteller von ihm vor­führen (“anpö­beln”, Intro­text der “taz”) lässt. Ich bin dafür sehr dankbar, denn das merk­würdi­ge Poli­tikver­ständ­nis deutsch­er “Jour­nal­is­ten” haben sie selb­st sel­ten deut­lich­er dargestellt als hier.

“Knapp zehn Minuten” lang hat Sascha Frischmuth vergebens ver­sucht, aus Her­rn Lauer poli­tik­er­typ­is­che Nullphrasen her­auszuleiern, ist damit aber nicht nur grandios gescheit­ert, son­dern oben­drein offen­bar etwas pikiert darüber, dass seine dum­men Fra­gen auf wenig Ver­ständ­nis stießen:

Okay. Angenom­men, es klappt jet­zt alles, so wie Sie sich das vorstellen. Von mir aus, Europawahl geht gut, wie auch immer…

Ja, „wie auch immer“, ist ja eigentlich auch nicht so inter­es­sant, ist ja nur Poli­tik…

Sofern man dem Inter­net glauben darf, war dies Her­rn Frischmuths erstes Inter­view. Wenn er Glück hat, gerät er kün­ftig nur noch an Poli­tik­er, die rou­tiniert Phrasen auf jede Frage — auch solche, die gar nicht gestellt wur­den — abspulen. Dort wird zwar eben­falls kein­er­lei neue Erken­nt­nis über Poli­tik gewon­nen, aber der Blöde ist dann wenig­stens der Leser und nicht der “Jour­nal­ist”. Nicht, dass das noch Mode wird!

KaufbefehleMontagsmusik
Karokh — Flowers Every Day

Früh­ling wird’s nun auch in unseren nördlichen Gefilden. Vielfach wurde er besun­gen, sel­ten war das beson­ders schön.

Ganz anders das nor­wegis­che Exper­i­men­tal-Rock-Septett Karokh, das mit “Flow­ers Every Day”, dem ersten Stück auf seinem namen­losen Debü­tal­bum, das Jahr 2014 eben­so wun­der­bar ins Rollen bringt wie den elen­den Früh­ling, der den Nichtwin­ter würde­voll beschließen möge.

Karokh — Flow­ers Every Day

Guten Mor­gen!

PolitikIn den Nachrichten
Vorwärtsverteidigung

Die Bun­desregierung tut endlich was gegen diese ver­dammten Geheim­di­en­ste, schreibt SPIEGEL ONLINE:

Die Bun­desregierung will Geheim­di­en­ste kün­ftig ver­schärft beobacht­en — auch die west­lich­er Part­ner­län­der. Laut SPIEGEL-Infor­ma­tio­nen existieren bere­its Pläne, die Spi­onage­ab­wehr des Bun­de­samts für Ver­fas­sungss­chutz mas­siv auszubauen. (…) Auch der Mil­itärische Abschir­m­di­enst (MAD) der Bun­deswehr prüft derzeit, ob er bei der Spi­onage­ab­wehr stärk­er in Rich­tung befre­un­de­ter Nachrich­t­en­di­en­ste blick­en sollte.

(Die Abkürzung “MAD” gefällt mir ja im inter­na­tionalen Kon­text sehr.)

Unheil­sah­n­er wie Blog­ger “Fefe” pos­tulieren, hier wolle man qua­si Feuer mit Feuer bekämpfen, also der vielfachen Überwachung noch mehr Überwachung ent­ge­genset­zen. Das ist natür­lich Unsinn. Wie einst in der DDR, die die Berlin­er Mauer allein zur Abwehr (antifaschis­tis­ch­er Schutzwall) erricht­en ließ, und in den USA, die in Afghanistan nicht wegen des Erdöls, son­dern allein zur exter­nen Vertei­di­gung der eige­nen Gren­zen ein­marschierten, geht es hier nicht um einen Gege­nan­griff, son­dern um eine Vertei­di­gung der Bürg­er­rechte.

Es geht um die Spi­onage­ab­wehr, nicht um die Spi­onage. Dass zur Spi­onage­ab­wehr zunächst Spi­onage bezüglich der Spi­onage des Geg­n­ers (“befre­un­dete Staat­en”, Stephan May­er, c/o CSU, Teil der “drei” [“SPIEGEL ONLINE”] Regierungs­frak­tio­nen) nötig ist, ist ein ärg­er­lich­er Neben­ef­fekt, aber unab­d­ing­bar. Es geht immer­hin um die “innere Sicher­heit” (Hans-Peter Friedrich, CSU), das müsst ihr doch ver­ste­hen.

Ein Krieg, bei dem man seine Siege bloß zum Abwehren benutzen, gar nicht wider­stoßen wollte, wäre eben­so wider­sin­nig als eine Schlacht, in der die absoluteste Vertei­di­gung (Pas­siv­ität) in allen Maßregeln herrschen sollte.
Carl von Clause­witz, “Vom Kriege”