KaufbefehleMusikkritik
broken.heart.collector: Sammelt gebrochene Herzen und Stile

Während ich also eben ger­ade die Sta­tis­tiken für Sep­tem­ber 2011 in einen akzept­ablen Text ein­fließen zu lassen ver­suchte, rotierte in der Musikan­lage das Album “broken.heart.collector” des öster­re­ichis­chen Quin­tetts sel­ben Namens, eigentlich ein um Sän­gerin und Bassklar­inet­tistin erweit­ert­er Abkömm­ling des Trios Bul­bul, von dem ich eben­falls nie zuvor gehört hat­te; das Quin­tett jeden­falls schaffte es auf den Baby­blauen Seit­en zum Tipp des Monats, und das ist eigentlich meist ein gutes Zeichen. Die Musik­er ste­hen übri­gens bei Dis­cor­po­rate Records unter Ver­trag, regelmäßige Leser meines Geschwafels ken­nen also einige ihrer Stücke bere­its vom Discorporate-Records-“Sampler” 2011.

Was mir da ger­ade gewalt­frei ins Ohr drang, war jeden­falls wirk­lich beein­druck­end. (Erwäh­nte ich schon, dass Gen­res und gute Musik miteinan­der nur sel­ten har­monieren?) Bere­its der eröff­nende “Love Recla­ma­tion Song”, etwas mehr als elfein­halb Minuten lang, über­rascht: Kam­mer­musikar­tig set­zen langsam und san­ft und aber auch ein biss­chen bedrohlich die Instru­mente ein, Sän­gerin Maja Oso­jnik intoniert mit Bedacht und melodisch in solch­er Form, dass man an die Stro­phen im Meis­ter­stück “The End” der leg­endären Doors denkt, stimm­lich dann auch an die deutsche Chanteuse Nico, die sel­biges Lied irgend­wann mal gecovert hat­te. Schön düster und nur vorder­gründig schlicht, denn die Instru­mente sind zwar zurück­hal­tend, aber doch abwech­slungsre­ich bedi­ent. Wer sich aber jet­zt verse­hentlich auf fast eine Stunde beschaulich­er Hin­ter­grundbeschal­lung ein­stellt, der sollte seine Ner­ven­pillen bere­it hal­ten, denn bei etwa 9:00 Minuten erfol­gt eine Zäsur und die fünf — plus, in eini­gen Stück­en, Didi Kern als Gast am Klavier — rock­en mit viel Bass und verz­er­rtem Gesang los. Ken­nt noch jemand “Open Your Eyes” von den Guano Apes? Ganz so lär­mend wird es nicht, aber so ähn­lich klingt es doch, bedenkt man, dass broken.heart.collector von denen, die auf Gen­reschubladen Wert leg­en, oft als “RIO/Avant”, exper­i­mentelle Avant­garde-Musik also, geführt wer­den.

Dabei geht es ihnen nicht nur um die Lust am Krach. Das zweite Stück, “Anoth­er Heart Bites The Dust”, eröffnet mit brum­menden Tieftö­nen, ist aber trotz des Titels keine Queen-Cov­erver­sion, son­dern fein­ster Alter­na­tive. Den Anfang habe ich schon mal irgend­wo gehört; nur wo? Andreas Hof­mann unter­stellt auf den Baby­blauen Seit­en klan­gliche Nähe zu Place­bo, das infer­nalis­che Gejaule von Bri­an Molko bleibt aber zum Glück fern, vielmehr kommt mir spon­tan ein Ver­gle­ich mit Belle & Sebas­t­ian in den Sinn.

Die Band untern­immt auf dem Album sozusagen einen Streifzug durch die Gen­res. Von den aufgelösten Avant­garde-Met­al-Kabaret­tis­ten Sleep­y­time Goril­la Muse­um (“Eisen­walz­er”) über The Kills (“Get The Dog”) und Dono­van (“Boatwischmusik”) bis hin zum Can­ter­bury und zeuhlschwan­geren Jaz­zrock (“Ces­t­ni črv”) reicht die stilis­tis­che Band­bre­ite. Das abschließende “Wolves” (ein Wolf ziert als den Kurz­fil­men im DDR-“Sandmännchen” nicht unähn­liche Zeich­nung auch das Titel­bild des Albums) run­det das Album schließlich ab: Der eingängige, unaufgeregte Pop steigert sich eben­so wie der Gesang allmäh­lich zu ein­er ger­adezu irren Kli­max in Form eines impro­visierten Lärms mit Gekreisch, sozusagen als eine nicht instru­men­tale Ver­sion der let­zten Sekun­den von “A Day In The Life” der über­be­w­erteten Bea­t­les und auch als eine Art Faz­it, Zusam­men­fas­sung des bis dahin Gehörten. All das — alle 10 Stücke — wird darge­boten in einem eigen­ständi­gen Klangge­wand aus Bass­flöte, Klar­inette, Gitarre, Bass, Schlagzeug und der­gle­ichen; wer also behauptet, das alles sei längst ein alter Hut, dem unter­stelle ich so lange Irrtum, bis er es belegt, denn mir ist es let­ztlich nicht wichtig, ob pri­ma Musik nun zum ersten oder zum hun­dert­tausend­sten Mal in dieser Form vor­liegt. Die Haupt­sache sollte doch, neben einem Min­dest­maß an Anspruch, immer sein, dass sie gefällt. Und das tut sie für­wahr.

“Schep­pern / Raunen / Avant-Noise” schreibt man im Mag­a­zin “Intro” und hat damit vol­lkom­men Recht. broken.heart.collector machen dort weit­er, wo Son­ic Youth längst aufge­hört haben. Und das ist auch gut so.

Senfecke:

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