Love forever, love is free,
let’s turn forever, you and me.
Gorillaz: Feel Good Inc.
IKI – Quisandolele
Ah, endlich wieder Montag, der störendste aller Wochentage.
Was stört noch? Richtig: Fliegengebrumme. Das muss nicht von Fliegen kommen, es ist auch sehr leicht nachzusummen, zum Beispiel von IKI. IKI? IKI sind ein seltsames skandinavisches Vokalensemble, das sich auf Experimental-A-cappella-Musik spezialisiert hat. Ich versteh‘ kein Wort. Aber:
Das Ergebnis sind ungewöhnliche Töne: experimentell, jazzig, poppig, soulig, opernhaft, unerwartet björdesk und so schwer zu fassen wie die Schwestern im Geiste von Coco Rosie.
Schwer zu fassen wie ein Montag. Wie passend.
Guten Morgen.
Wie die Anderen (3): SEAT jetzt auch mit Rausguckfunktion
(Vorbemerkung: Dies ist der dritte Teil meiner losen Reihe „Wie die Anderen“, diesmal erneut inspiriert von Fefe.)
Old and busted: Wetter-Apps auf Smartphones.
New hotness: Windschutzscheiben.
Mit dem SEAT Portable System und der Wetter Live Funktion im SEAT Ibiza ITECH habt ihr stets das aktuelle Wetter im Blick.
Einmal mit Profis!
Egg – The Civil Surface
Mit den Wilde Flowers (benannt nach Oscar Wilde), einer Hochschulband aus Canterbury, und Delivery aus London nahm Mitte der 1960-er Jahre – als die Leute bevorzugt Schlager und die Beatles hörten – eine musikalische Entwicklung ihren Lauf, die (wegen der Wilde Flowers) später als „Canterbury Sound“ oder „Canterbury Scene“ bekannt wurde.
Diese „Szene“, die teilweise noch heute aktive Bands wie Soft Machine, Gong und Caravan umfasste und heute auch von von diesen inspirierten Gruppen wie The Tangent und Argos am Leben gehalten wird, vermengte Rockmusik mit jazzigen Improvisationen, ausufernden Instrumentalexperimenten und oft skurrilen (oder gar keinen) Texten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Jazzrock, wie ihn später etwa King Crimson populär machten, waren Blas- und Tasteninstrumente oft dominante Instrumente. Dass zwischen den Gruppen ein reger Austausch an Ideen und Musikern stattfand, sorgte im ersten Jahrzehnt für eine rasante Entwicklung.
Noch bevor die „Canterbury Scene“ Anfang der 1970-er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, benannte sich die Schülerband Uriel nach dem Ausstieg von Steve Hillage (Gitarre, später bei Khan und Gong sowie Gründer des Technoprojekts System 7) in The Egg um und warf das „The“ wenig später fort; unter dem Namen Arzachel kamen Uriel 1969 ein letztes Mal als Quartett zusammen, um ein jedenfalls interessantes Psychedelic-Rock-Album aufzunehmen.
Egg machten also zu dritt weiter, nahmen ein namenloses Debüt (1970) und „The Polite Force“ (1971) auf und zerstreuten sich 1972 erst einmal in alle Winde: Keyboarder und Organist Dave Stewart ging vorübergehend zu Hatfield and the North, Schlagzeuger Clive Brooks versuchte sich mit The Groundhogs als Bluesrocker. Bassist und Hauptkomponist Mont Campbell beteiligte sich 1975 an der Gründung von National Health als Ableger von Hatfield and the North sowie Gilgamesh. Während der Vorbereitungen zu dieser Gründung ergab sich die Gelegenheit, bis dahin nur live gespielte Stücke aus dem Repertoire von Egg aufzunehmen. Für dieses letzte Egg-Album holte sich das Trio im August 1974 Steve Hillage, die Northettes (den Chor von Hatfield and the North), Tim Hodgkinson (Henry Cow), Lindsay Cooper (National Health) und einige weitere Weggefährten ins Studio. (Die Canterbury-„Szene“, wie bereits erwähnt, war damals recht eng miteinander verflochten.)
„The Civil Surface“ enthält außer einigen – hehe – Blasquartetten mit „Enneagram“, „Wring Out the Ground (Loosely Now)“ und „Germ Patrol“ auch drei Stücke im typisch vertrackten und der Band Egg eigenen Canterbury-Stil:
Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Keyboarder. Eure rechte Hand müsste zusammen mit dem Drummer im 15/8‑Takt spielen, eure Linke dagegen eine immer wiederkehrende Figur im 10/8‑Takt, die der Bassist, als wäre das nicht schon genug, gleichzeitig in einer 11/8‑Version spielt. Das geht nicht? „Enneagram“ hören! Das ergibt keinen Sinn? „Enneagram“ hören!
Nik Brückner, Babyblaue Seiten
In „Wring Out the Ground (Loosely Now)“ ist Mont Campbell zum einzigen Mal auf „The Civil Surface“ als Sänger zu hören.
Mont Campbell verließ National Health 1976, nannte sich ab 1977 Dirk Campbell und tauchte erst unter, dann 1996 mit seinem ersten Soloalbum „Music from a Round Tower“ wieder auf. Auch seine Mitstreiter sind bis heute nicht untätig: Dave Stewart arbeitet seit den frühen 1980-er Jahren mit Barbara Gaskin (The Northettes sowie Spirogyra) zusammen, veröffentlicht gelegentlich Musik und schreibt Bücher, Clive Brooks spielte zunächst Schlagzeug bei Liar und war anschließend vorrangig als Schlagzeugtechniker für Pink Floyd und andere Gruppen aktiv. Nachhaltigen Eindruck hinterließen alle drei allerdings beinahe nur mit ihrem Frühwerk.
Durchaus nicht zu Unrecht, wie ich finde.
Medienkritik in Kürze: Schön und schlank und viel zu dünn
Apropos Ernährung: Kennt ihr noch die BRAVO?
Die BRAVO ist nicht nur ein schlechtes „Jugendmagazin“, es gibt auch ein Onlineportal zu selbigem. Auch dort widmet man sich natürlich den wirklich dringenden Problemen eines jugendlichen Lebens: Trink‘ dich schön und schlank! Mit einer vegetarischen Diät lassen sich nicht nur lästige Pfunde vertreiben! Wer zu dick ist, um zu flirten, sollte erst mal abnehmen! Schwimm‘ dich schlank! Meine Mutter ist zu dick! Schön und schlank mit Wasser! Schlank werden ist keine Hexerei! Finger weg von „Smoothies“, die machen fett!
Und was macht die gedruckte BRAVO derweil? Richtig:
„Lena, du bist zu dünn!“
Zeitungen und Zeitschriften machen mich gereizt. Will sie überhaupt nicht mehr lesen.
Leo Tolstoi
Trendkost
Trends, Trends, das ist der Trend jetzt! Das tut man neuerdings so!
Foyer des Arts: Trends
Was ist eigentlich ein Trend?
Die Wikipedia ahnt:
Ein Trend ist eine neue Auffassung in Gesellschaft, Wirtschaft oder Technologie, die eine neue Bewegung bzw. Marschrichtung auslöst.
Das Gegenteil eines Trends, so lehrt’s uns T‑Online, ist übrigens eine Sünde. Tjaja, die Kirche, der olle Trendsetter!
Und wo wird hinmarschiert? Zu hässlichen Stiefeln, kreischbunten Klamotten und Nichtfrisuren, denen gemein ist, dass sie an Reiz verlieren, sobald sich genug Leute finden, denen es nicht zu lächerlich vorkommt, sich von überbezahlten junkies Tipps für’s Aussehen geben zu lassen: am anfang als keine sau die marke kannte, war ich eine der ersten (…) aber JETZT total peinlich-.- (Schreibweise wie im total peinlichen Original).
Auch sonst hat die Bewegung ein paar amüsante Anglizismen und vor allem idiotische Ideen im Schlepptau. Das dämliche Heft „freundin“ etwa „ziert“ zurzeit folgendes Titelblatt:
Ja, wo sind sie denn, die guten Männer? Ich weiß es nicht, ich habe den Artikel sicherheitshalber nicht gelesen. Meine Aufmerksamkeit allerdings zog diese Behauptung auf sich:
Der große Food-Trend: Vegan genießen
Veganes Essen? Es gibt Holz. Möglicherweise schmeckt das tatsächlich jedem, probiert habe ich es noch nicht. Aber sind Essgewohnheiten ein Trend? – Zweifelsohne steigt die Zahl derer, die sich vegan ernähren, gefühlt stetig an, lässt man den Umstand, dass man Veganer vor allem daran erkennt, dass sie keine zwei Sätze am Stück ohne stolze Beschreibung ihres Lebensstils mehr zu sprechen imstande scheinen und so natürlich ihresgleichen hervorlocken, einmal unberücksichtigt.
Food-Trend, denn bei Ernährung geht es nicht um Genuss oder wenigstens Sättigung, sondern um Mode. Die meinen das ernst!
Nächsten Monat in „freundin“: „Täglich was trinken – was ist dran am neuen Toptrend?“
Was ist „in“ und was ist „out“? Die Frage ist doch falsch gestellt!
Die Ärzte: Gabi & Uwe in: Liebe und Frieden
Die Toten Hosen – Mehr davon
(Und manchmal gibt es diese Momente, die um jeden Preis zu halten man, wenn schon nicht imstande, doch zumindest willens ist; und nicht nur die, allen Montagen zum Trotz.)
Ich bezahl‘ dich gut,
ich geb‘ dir alles, was ich noch hab‘:
Meinen Charakter, meinen Selbstrespekt,
jedes letzte Gefühl von Moral.
Atmen.
Guten Morgen.
Schlechte Karten
Es ist ja nicht so, dass ich das Konzept der „Kundenkarte“ aus wirtschaftlicher Sicht nicht prinzipiell verstehen könnte.
Die, die man mit irgendwelchen Punkten befüllen kann, damit man irgendwann am Ende eines Jahres einen hässlichen Kochtopf nebst Messerset (das man den Verantwortlichen dann wenigstens als feedback hinterlassen kann) oder einen Stoffteddy mit Schlüsselring dran sein eigen nennen „darf“, sind hinlänglich bekannt und zu Recht Zielscheibe diversen Spotts (Rache!), aber es gibt auch noch die kleinen, unscheinbaren, die man einfach bekommt und dann liegen sie halt herum und landen irgendwann im Nachlass. Man ist also irgendwann tot und die Urgroßneffen spielen mit den Hinterlassenschaften und finden darin Karten, deren Zweck ihnen ebenso wenig bekannt ist wie ihrem nunmehr verblichenen Urgroßonkel, und sind entweder stolz auf die augenscheinliche Beliebtheit ihres Vorfahrens oder denken sich: „Was war das bloß für ein Spinner?“. Die Generation meiner Urgroßonkel hinterlässt wenigstens noch coole Soldatenabzeichen.
Es gibt „Kundenkarten“, die durchaus einen nennenswerten Zweck erfüllen, etwa Mitgliedsausweise irgendwelcher Clubs, in die man, „ey“, sonst „nisch reinkommt“, oder irgendwelcher politischer Parteien sowie zum Beispiel Bibliotheksausweise, die jeder Oberstufenschüler heutzutage gefälligst zu beantragen hat und sich dann damit immerhin irgendwie gebildet fühlt, nur um sie dann später nie wieder zu verlängern, weil: Wikipedia.
Und dann gibt es die, mit denen man vor allem sein Portemonnaie, das ja sonst so schrecklich leer und kompakt wäre, dicker machen kann, die aber sonst vor allem etwas bescheinigen, was man gar nicht unbedingt bescheinigt haben möchte. Das sind aus irgendeinem absonderlichen Zufall heraus dann auch diejenigen Karten, deren Begleitschreiben meist anmahnt, dass sie zwar für das Gros ihrer Besitzer ohne jeden praktischen Wert seien, aber ständiges Bereithalten unbedingt empfohlen werde, um sich immer und überall als Mitglied des jeweiligen unfassbar elitären Zirkels zu erkennen geben zu können. Am Paketschalter seine Goldcard zücken und sich so als Mitglied der Bruderschaft der Paketempfänger ausgeben – die Frauen werden euch zu Füßen liegen!
Vor Lachen.
Diese Woche tat eine Karte das, was Karten eben so tun, und trudelte mit der Post ein. Sie stammt vom heise-Verlag und weist mich – zumindest zutreffenderweise – als einen Abonnenten der Zeitschrift c’t aus. (Dass die c’t immer schlechter wird, lass‘ ich an dieser Stelle mal undiskutiert, darüber möge der Insolvenzverwalter eines Tages urteilen.) Der Name dieser Karte: „c’t‑Netzwerkkarte“. Ich hätte beinahe ein wenig geschmunzelt.
Mit dieser „Netzwerkkarte“ – haha, hoho – kommt man zwar nicht ins LAN, aber „exklusiv“ an „zahlreiche weitere Vorteile“, etwa:
- Versandkostenfreier Einkauf im heise-shop
- Bis zu 15 % Rabatt auf viele Artikel im heise-Shop
(Fettdruck und wechselnde Schreibweisen wie Original.)
Wie muss man sich das vorstellen? Die Karte besitzt offenbar keinerlei digitalen Datenspeicher, auf’s „Datenfeld“ aufgedruckt sind nur Name, Kundennummer und Abonnementbeginn. Muss man die Karte, um in den Genuss der „exklusiven Vorteile“ zu kommen, nun einscannen oder vorab postalisch einschicken? Das „Infoblatt“ schweigt. Auf der Website zur „Netzwerkkarte“ – das Beinaheschmunzeln friert mir allmählich im Gesicht fest – kann man sich aber immerhin anmelden. Mit den Kartendaten? Aber natürlich nicht:
Loggen Sie sich bitte mit Ihren Abo-Zugangsdaten ein.
Welcher Art also ist der Dienst, den die „Netzwerkkarte“ – holtmichhierraus – dem zahlenden Bestandskunden angedeihen lässt? Tja:
mit diesem Schreiben erhalten Sie die neue c’t‑Netzwerkkarte, die Sie als Abonnent (sic! Deklination könnense auch nicht, A.d.V.) ausweist[.]
Ach so.
Ich geh‘ mich dann mal enteisen.
Warnung: Erschreckend echte Darstellung von Alltag!
[TW: Fassungs- und Verständnislosigkeit, Rationalität, Polemik.]
Ich begebe mich gelegentlich auf feministisches Terrain, weil zu den Feministen auch einige kluge Köpfe zählen, die sich durch eine hervorragende Weltsicht und ihre Offenheit in sachbezogenen Diskussionen wohltuend von den anderen Feministen abheben. Manchmal lese ich auf diesem Terrain Tweets, in denen „TW“ vorkommt. Das hat mich zunächst ein wenig irritiert, denn einen Themenwechsel gibt es auf Twitter normalerweise eher selten (schon deshalb, weil es selten um Themen geht). Ich habe das mal nachgeschlagen.
Laut Blog der „Mädchenmannschaft“ (Vorsicht: Blog der „Mädchenmannschaft“) steht das „TW“ für eine „Triggerwarnung“, also eine Warnung davor, dass verlinkte Texte womöglich früher erlittene Pein wieder ins Gedächtnis rufen könnten.
Stellt euch zum Beispiel vor, ihr geht mit ’nem schönen Krimi aufs Klo und denkt an nichts Böses.
Und dann blättert ihr die Seite um und da erwischt es euch plötzlich eiskalt; irgendein Trigger, der euch sofort wieder ins Hier und Jetzt zurückholt. Vorbei ist es mit der Entspannung, vorbei mit der Auszeit, und euch beschleicht einmal mehr das Gefühl: Rape Culture (Vergewaltigungskultur) ist überall.
Ich finde ja auch, Krimis sollte man verbieten und durch irgendwas Harmloses (mit Luftballons) ersetzen. Sie sind voller unnötiger Gewaltdarstellungen!
Man verstehe mich nicht falsch: Dass Vergewaltigungsopfer ungern detaillierte Beschreibungen von Vergewaltigungen lesen, ist mir durchaus nicht unbekannt. Dieser gut gemeinte Ansatz lässt sich allerdings offenkundig hervorragend übertreiben, und der „Mädchenmannschaft“ fiel bei ihrer vorangestellten „Triggerwarnung: Beschreibung von Triggern“ wohl nicht auf, wo das Problem liegen könnte. Der real existierende Feminismus bringt Menschen hervor, die Texte über Vergewaltigung, Trigger, Essstörungen, Ablenkung und dergleichen schon beinahe reflexartig nur noch mit vorangestellter Warnung publizieren, vermutlich insgeheim bedauernd, dass das mit den Stoppschildern für’s Internet nicht geklappt hat, denn dann könnte man das Triggerproblem direkt an der Wurzel lösen. Überall nur noch böse Menschen. Schlimm, schlimm.
Auch vor wirklich schlimmen Dingen wie der Beschreibung von Fehlgeburten wird gewarnt:
Danke fürs Teilen! <3 (Achtung: Lebensrealität)
Da schreibt eine Frau einen (zweifelsfrei lesenswerten, aber auch recht detaillierten) Text über ihre Fehlgeburt und schreibt das sogar extra dran, um Sensibelchen, die mit zu detaillierter Darstellung von Fehlgeburten ein Toleranzproblem haben, davor zu bewahren, versehentlich etwas darüber zu lesen, und dann fällt jemandem auf, dass da noch eine ganz wichtige Warnung fehlt. „Achtung: Lebensrealität“. Kann Spuren von Realität enthalten. Der Umkehrschluss? Ausdrücklich nicht gewarnt werden muss vor flauschigen Katzen und Ponys. (Außer, wenn man als kleines Kind mal von einem Pony runtergefallen ist, dann ist „TW: Huftiere“ natürlich Pflicht, wenn man nicht als respektloser Macker – oder wie auch immer gerade das aktuelle Flauschiwatti-Szeneschimpfwort für normale Leute lautet – erscheinen möchte.)
Sofern hier jemand mitliest, der sich auskennt: Hä?
Auch ’n fieser Trigger natürlich: Unerwünschte Nacktheit.
Thomas de Maizière respektiert den Tierschutz nicht
Die innerparteilichen Querelen, die die Piratenpartei in jüngsten Umfragen ein hypothetisches Wahlergebnis von etwa einem Prozent einfahren ließen, könnten ihr inzwischen beinahe egal sein: Die Dreiprozenthürde für die Europawahl wurde – ganz im Sinne des von ihr propagierten Ideals, dass die Stimme jedes Bürgers gleiches Gewicht haben sollte – höchstrichterlich verboten.
Wohlgemerkt: Es ist keinesfalls sicher, dass das entsprechende Gesetz bis zum 25. Mai korrigiert worden ist, was die Wahl auf ähnlich tönerne Füße stellte wie bereits eine Bundestagswahl zuvor. Wohl auch aus diesem Grund bleibt Innenminister Thomas de Maizière gleichmütig:
Die Bundesregierung hat zurückhaltend auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts reagiert, wonach die deutsche Drei-Prozent-Hürde bei Europawahlen verfassungswidrig ist. Er «nehme das Urteil zur Kenntnis», sagte Innenminister Thomas de Maizière in Berlin.
Andere „Unions“-„Politiker“, etwa Elmar Brok (Schmalhans des Tages am 10. Februar 2014, bitte nicht wieder wählen) und Jens Spahn (der die verfassungsfeindliche Drei-Prozent-Klausel lieber direkt in die Verfassung geschrieben hätte), sind ebenso irritiert vom Urteil wie Politiker so genannter „Bürgerrechtsparteien“ wie den Grünen (das waren die mit den Kindern). Dass ihnen ohne die Drei-Prozent-Hürde womöglich ein Sitz – oder derer gar zwei – im Europaparlament abhanden kommen wird, hat damit sicherlich nichts zu tun.
Zumal (wiederum CDU/CSU):
Es gebe in allen großen EU-Ländern aus guten Gründen Sperrklauseln. „Nun müssen wir mit den Urteil leben und auch damit, dass wir Splitterparteien und radikale Kräfte aus Deutschland im EU-Parlament haben werden. Das ist keine sehr angenehme Situation.“
Ich bin auch der Meinung, dass radikale Kräfte aus Deutschland (CDU/CSU) nicht im „EU-Parlament“ den Geist der Menschen verderben sollten; aber ich habe da eine pragmatische Lösung entwickelt: Ich wähle einfach eine andere Partei.
Aber was bedeutet die Entscheidung rein rechnerisch? Nun:
Ein halbes Prozent der Stimmen reichen für einen Parlamentssitz mit dem dazugehörigen Geld, den Mitarbeitern und dem Apparat. 130.000 Stimmen nur, um für die eigenen Ideen besser denn je im medialen Rampenlicht des Europaparlaments werben zu können.
Ob auf der Basis dieser Entscheidung auch die Fünf-Prozent-Klausel für die nächste Bundestagswahl (spätestens 2017) neu verhandelt werden wird, weiß ich nicht, aber interessant wäre es durchaus. Für den Wähler hat das erst mal eine relevante Folge: Es gibt keinen Grund mehr, bei der Europawahl anhand der Auswahl zwischen „kommt rein“ und „kommt nicht rein“ zu wählen – selbst die Tierschutzpartei kam 2009 auf 1,4 Prozent der Stimmen, bei anderen Kleinstparteien wie der F.D.P. sieht es ähnlich aus. Die DVU, 2009 einzige zur Europawahl zugelassene als rechtsextrem eingestufte deutsche Partei, kam damals auf 0,4 Prozent, es ist also eher unwahrscheinlich, dass nach der Wahl aus Deutschland mehr Rechtsextreme als Tierschützer ins Europäische Parlament abgeschoben entsendet werden.
Elmar Brok steht auf Platz 2 der nordrhein-westfälischen Landesliste der CDU. Das allerdings macht mir wirklich große Sorgen.
In weiteren Nachrichten: Wir wollen keine Demokratiefeinde in unserem Land! Übrigens: Unser Land ist scheiße! Nie wieder unser Land!
Kalif anstelle des Kalifen: Smartphones jetzt auch mit Telefoniefunktion
WhatsApp, dem seit seinem Kauf durch Facebook die Benutzer scharenweise (aus unklarem Grund wohl meist zu Threema) quasi wegzulaufen scheinen, versucht seinen Vorsprung zu halten. Klar ist: Innovationen müssen her!
WhatsApp hat für Millionen Nutzer die SMS ersetzt – nun will die Facebook-Tochter noch in diesem Jahr Telefondienste anbieten.
Telefonieren! Auf dem Twittergerät! Incredible! (Steve Jobs, tot.)
Dass darauf noch keiner gekommen ist!
Meer.
Montag. Musik? Mitnichten: Meer.
(Weil’s dann ja eigentlich auch egal ist, wenn man nach langer Zeit wieder am Meer ist und die Prämissen eigentlich ganz andere sind und Küsse nicht mehr Teil des Repertoires sind, das man abstreift und sich fallen lässt, um die Leichtigkeit, die Freiheit zu spüren, die nur das Meer geben kann; und man vergisst, wer man ist und wo man ist und wofür man mal gelebt hat, und drinnen, tief drinnen spielt das Herz dieses Lied, dieses eine, wunderbare Lied aus besserer Zeit, und es geht unter im Rauschen des Meeres und im Kreischen der Möwen.
Meer. So traurig. Ihr kennt das.)
#lmvnds141
Die „Pirantifa“ gab vergangene Nacht ihre Auflösung bekannt.
Mehr Leute treten aus den „Jungen Piraten“, die zu einem Großteil verantwortlich für die Aktivität der „Pirantifa“ waren, als aus der Piratenpartei aus.
Die Fahne weht. Willkommen zurück, Piratenpartei. Fetzereien par excellence.
Guten Morgen.
Kurzkritik: thisquietarmy – Phantom Limbs
Ich könnte mich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher zum noch immer schwelenden #Bombergate und zum vermeintlichen Mitgliederschwund der Piratenpartei infolge einer saudämlichen Aktion einzelner Verwirrter äußern; tatsächlich haben einige langjährige engagierte Piraten, frustriert von dem frenetischen Applaus, den die beiden Protagonistinnen für ihr Loblied auf die Bombardierung Dresdens von einschlägig bekannten Berliner Piraten wie Oliver Höfinghoff („ihr habt den Krieg verloren!“, keine Pointe) bekamen, zu meinem persönlichen Bedauern vorübergehend abgemustert. Einige Landesverbände der Piratenpartei – bezeichnenderweise ist Höfinghoffs/Helms Berlin nicht darunter – haben sich inzwischen einer Erklärung angeschlossen, die eine Unvereinbarkeit politischer Gewalt mit liberalen piratischen Idealen zu verstehen gibt, wofür es prompt Kritik aus Berlin hagelte. Ja, die Berliner. Ein drolliges Land voller bornierter Schwachköpfe; an diesem Durchschnitt ändert auch der herausragende Christopher Lauer nur wenig.
Aber eigentlich wollte ich hier weniger über Politik reden und mehr über Musik, schon aus Gründen der Entspannung. Von Musik werde ich nur selten in Rage versetzt.
2012 veröffentlichte Eric Quach („thisquietarmy“) nach dem großartigen „Vessels“ mit dem bereits 2009 aufgenommenen „Phantom Limbs“ („Phantomgliedmaßen“) ein weiteres beachtliches Werk, dessen einziges Instrument wiederum die Gitarre ist. Das Unterwassermotiv wurde nicht beibehalten, auf „Phantom Limbs“ geht es stattdessen ziemlich gespenstisch zu.
Das eröffnende „Phantom Eye“ beginnt mit dissonantem Brummen. Allmählich kommen weitere Gitarrenklänge hinzu, die ruhige Anfangsstimmung wird von energischen, sich verdichtenden Riffs komplimentiert, nach sechseinhalb Minuten implodiert „Phantom Eye“ mit seiner Klimax. Das folgende „Phantom Brain“ wird von ambienten drones dominiert, zunächst klar instrumental identifizierbar, dann dunkler und bedrohlicher werdend, bis das Klanggebilde schließlich ausgeblendet wird. Ob diese Ausblendung sinnvoll ist, bleibt unklar; „Phantom Pain“, das die drones wieder in ihre Bestandteile zerlegt, lebt ebenfalls von ihren Effekten.
„Phantom Voltage“, das letzte und mit Abstand längste der vier Stücke, ist zugleich das ungewöhnlichste: Es beginnt mit Stille, langsam setzen einzelne Klänge ein. Talk Talks „Spirit of Eden“ als Vergleich zu bemühen mag etwas überzogen sein, Ähnlichkeiten sind aber durchaus gegeben. Wird da ein Rhythmus geklopft? Nein, es ebbt wieder ab. Wieder einmal wird alles dichter. Der Geist wird schwer. Zurücklehnen und genießen. Würde man von dieser Musik träumen, man träumte wohl, man säße auf einer Wolke und sähe von dort aus einen dieser anspruchsvollen Horrorfilme (zum Beispiel über das „Bombergate“) in Pastellfarben. Schön.
„Phantom Limbs“ – stream- und kaufbar hier – ist in all seiner Dunkel- und Schlichtheit großartig und die ideale Begleitung zu einem Glas Whiskey zum Feierabend; oder eben auch ganz ohne Whiskey. Ihr könntet das mal ausprobieren.
Metamedienkritik: Auf der Mauer, auf der Lauer …
Wie Anne Helm, Europaparlamentskandidatin der Piratenpartei, und Julia „Schwurbel“ Schramm, Mitarbeiterin des Bundesvorsitzenden derselben, der Bombenabwürfe über Dresden seitens Herrn „Bomber Harris“ gedachten, bitte ich euch den einschlägigen Medien zu entnehmen; zumindest Frau Schramm lässt ja nur selten eine Woche vergehen, ohne ihren Ruf als politisch naive marxistische Feministin – oder was auch immer sie diese Woche sein möchte – weiter zu festigen.
Deutlich erfreulicher ist da schon, wie Sascha Frischmuth von der unsäglichen „tageszeitung“ („taz“) beim Versuch, ein Interview mit Christopher Lauer zu führen, grandios versagt. Christopher Lauer („Hirni“ – Charlotte Theile, „Süddeutsche Zeitung“) ist dafür bekannt, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das man ihm hinhält, wie niedrig auch immer es hängen mag; insofern ist es erstaunlich, wie bereitwillig sich der Fragesteller von ihm vorführen („anpöbeln“, Introtext der „taz“) lässt. Ich bin dafür sehr dankbar, denn das merkwürdige Politikverständnis deutscher „Journalisten“ haben sie selbst selten deutlicher dargestellt als hier.
„Knapp zehn Minuten“ lang hat Sascha Frischmuth vergebens versucht, aus Herrn Lauer politikertypische Nullphrasen herauszuleiern, ist damit aber nicht nur grandios gescheitert, sondern obendrein offenbar etwas pikiert darüber, dass seine dummen Fragen auf wenig Verständnis stießen:
Okay. Angenommen, es klappt jetzt alles, so wie Sie sich das vorstellen. Von mir aus, Europawahl geht gut, wie auch immer…
Ja, „wie auch immer“, ist ja eigentlich auch nicht so interessant, ist ja nur Politik…
Sofern man dem Internet glauben darf, war dies Herrn Frischmuths erstes Interview. Wenn er Glück hat, gerät er künftig nur noch an Politiker, die routiniert Phrasen auf jede Frage – auch solche, die gar nicht gestellt wurden – abspulen. Dort wird zwar ebenfalls keinerlei neue Erkenntnis über Politik gewonnen, aber der Blöde ist dann wenigstens der Leser und nicht der „Journalist“. Nicht, dass das noch Mode wird!















