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Egg – The Civil Sur­face

Egg - The Civil SurfaceMit den Wil­de Flowers (benannt nach Oscar Wil­de), einer Hoch­schul­band aus Can­ter­bu­ry, und Deli­very aus Lon­don nahm Mit­te der 1960-er Jah­re – als die Leu­te bevor­zugt Schla­ger und die Beat­les hör­ten – eine musi­ka­li­sche Ent­wick­lung ihren Lauf, die (wegen der Wil­de Flowers) spä­ter als „Can­ter­bu­ry Sound“ oder „Can­ter­bu­ry Sce­ne“ bekannt wur­de.

Die­se „Sze­ne“, die teil­wei­se noch heu­te akti­ve Bands wie Soft Machi­ne, Gong und Cara­van umfass­te und heu­te auch von von die­sen inspi­rier­ten Grup­pen wie The Tan­gent und Argos am Leben gehal­ten wird, ver­meng­te Rock­mu­sik mit jaz­zi­gen Impro­vi­sa­tio­nen, aus­ufern­den Instru­men­tal­ex­pe­ri­men­ten und oft skur­ri­len (oder gar kei­nen) Tex­ten. Im Gegen­satz zum gewöhn­li­chen Jazz­rock, wie ihn spä­ter etwa King Crims­on popu­lär mach­ten, waren Blas- und Tasten­in­stru­men­te oft domi­nan­te Instru­men­te. Dass zwi­schen den Grup­pen ein reger Aus­tausch an Ideen und Musi­kern statt­fand, sorg­te im ersten Jahr­zehnt für eine rasan­te Ent­wick­lung.

Noch bevor die „Can­ter­bu­ry Sce­ne“ Anfang der 1970-er Jah­re ihren Höhe­punkt erreich­te, benann­te sich die Schü­ler­band Uri­el nach dem Aus­stieg von Ste­ve Hil­la­ge (Gitar­re, spä­ter bei Khan und Gong sowie Grün­der des Tech­no­pro­jekts System 7) in The Egg um und warf das „The“ wenig spä­ter fort; unter dem Namen Arz­a­chel kamen Uri­el 1969 ein letz­tes Mal als Quar­tett zusam­men, um ein jeden­falls inter­es­san­tes Psy­che­de­lic-Rock-Album auf­zu­neh­men.

Egg mach­ten also zu dritt wei­ter, nah­men ein namen­lo­ses Debüt (1970) und „The Poli­te Force“ (1971) auf und zer­streu­ten sich 1972 erst ein­mal in alle Win­de: Key­boar­der und Orga­nist Dave Ste­wart ging vor­über­ge­hend zu Hat­field and the North, Schlag­zeu­ger Cli­ve Brooks ver­such­te sich mit The Ground­hogs als Blues­rocker. Bas­sist und Haupt­kom­po­nist Mont Camp­bell betei­lig­te sich 1975 an der Grün­dung von Natio­nal Health als Able­ger von Hat­field and the North sowie Gil­gamesh. Wäh­rend der Vor­be­rei­tun­gen zu die­ser Grün­dung ergab sich die Gele­gen­heit, bis dahin nur live gespiel­te Stücke aus dem Reper­toire von Egg auf­zu­neh­men. Für die­ses letz­te Egg-Album hol­te sich das Trio im August 1974 Ste­ve Hil­la­ge, die Nor­thet­tes (den Chor von Hat­field and the North), Tim Hodgkin­son (Hen­ry Cow), Lind­say Coo­per (Natio­nal Health) und eini­ge wei­te­re Weg­ge­fähr­ten ins Stu­dio. (Die Canterbury-„Szene“, wie bereits erwähnt, war damals recht eng mit­ein­an­der ver­floch­ten.)

„The Civil Sur­face“ ent­hält außer eini­gen – hehe – Blas­quar­tet­ten mit „Enne­agram“, „Wring Out the Ground (Loo­se­ly Now)“ und „Germ Pat­rol“ auch drei Stücke im typisch ver­track­ten und der Band Egg eige­nen Can­ter­bu­ry-Stil:

Stellt Euch vor, Ihr wärt ein Key­boar­der. Eure rech­te Hand müss­te zusam­men mit dem Drum­mer im 15/8‑Takt spie­len, eure Lin­ke dage­gen eine immer wie­der­keh­ren­de Figur im 10/8‑Takt, die der Bas­sist, als wäre das nicht schon genug, gleich­zei­tig in einer 11/8‑Version spielt. Das geht nicht? „Enne­agram“ hören! Das ergibt kei­nen Sinn? „Enne­agram“ hören!
Nik Brück­ner, Baby­blaue Sei­ten

In „Wring Out the Ground (Loo­se­ly Now)“ ist Mont Camp­bell zum ein­zi­gen Mal auf „The Civil Sur­face“ als Sän­ger zu hören.

Mont Camp­bell ver­ließ Natio­nal Health 1976, nann­te sich ab 1977 Dirk Camp­bell und tauch­te erst unter, dann 1996 mit sei­nem ersten Solo­al­bum „Music from a Round Tower“ wie­der auf. Auch sei­ne Mit­strei­ter sind bis heu­te nicht untä­tig: Dave Ste­wart arbei­tet seit den frü­hen 1980-er Jah­ren mit Bar­ba­ra Gas­kin (The Nor­thet­tes sowie Spi­ro­gy­ra) zusam­men, ver­öf­fent­licht gele­gent­lich Musik und schreibt Bücher, Cli­ve Brooks spiel­te zunächst Schlag­zeug bei Liar und war anschlie­ßend vor­ran­gig als Schlag­zeug­tech­ni­ker für Pink Floyd und ande­re Grup­pen aktiv. Nach­hal­ti­gen Ein­druck hin­ter­lie­ßen alle drei aller­dings bei­na­he nur mit ihrem Früh­werk.

Durch­aus nicht zu Unrecht, wie ich fin­de.

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