Das Internet ist außer sich vor Freude:
Die Künstlerin Tatia Pllieva bat 20 einander völlig unbekannte Menschen, sich vor der Kamera zu küssen. Das Video davon wurde zu einem viralen Hit.
Selbst das fast vergessene Twitterkonto @SchriftTube, dessen Betreiber bekannte YouTube-Videos in maximal 140 Zeichen nacherzählt, wurde reaktiviert und beschrieb es ähnlich, ebenso unzählige sonstige Twitter-Spaßvögel wie @nutellagangbang.
Und in der Sprache der Jugend mag’s tatsächlich um ein Video gehen, in dem sich jemand küsst: “Habt ihr euch geküsst? Iiiihh, die haben sich geküsst!” Ein Paar (nicht notwendigerweise miteinander liiert) küsst sich, wie es sich sonst streitet, liebt, prügelt, trennt und verklagt; nämlich normalerweise gar nicht. (Es existiert tatsächlich mindestens ein auch als Film erfolgreicher Roman über eine Person, die sich schlägt, aber darüber darf ich nicht reden.) Eine spannende Ausnahme ist jedenfalls “fickt euch!”, denn das meint fast immer die Gesamtheit von Einzelpersonen.
Auch in dem Video küsst sich niemand — Menschen küssen dort einander, wie sie sonst eben auch einander lieben und verklagen, wenn sie sich nicht gerade in so einer Phase befinden. (Genau so falsch machen’s immerhin auch sprachgewandte Liedtexter wie Die Ärzte, die “halten Händchen, küssen sich” im Lied “Regierung” als üblichen Umgang von Pärchen miteinander beschrieben; ganz anders dagegen Rammstein in “Herzeleid”: “Bewahrt einander vor der Zweisamkeit”.)
Ich bin allerdings schon etwas enttäuscht. Knutschende Paare langweilen mich — zwanzig Personen, die sich küssen, hätte ich allerdings durchaus gern gesehen.


/me wirft “BewahrEt” in den Raum.
*Küsschen*!
/me widerspricht energisch.