In den NachrichtenPolitik
Kalter Krieg, reloaded.

Ganz schön was los draußen: Momentan stehen und liegen Putins Stuhl, Raketen, (immerhin) ein veritabler Aufschwung, die Fed-Sitzung, eine Hungersnot, russisches Gas, der homophobe Russe und natürlich jeder andere Russe auch vor der Tür. Klingeln möchten sie alle nicht.

Letztes Mal, als der Russe vor der Tür stand, war Russland noch ein Teil der Sowjetunion; Deutschland als Puffer zwischen West- und Ostmächten, die gelegentlich auch mal im eigenen Land (zum Beispiel mitten in Berlin) patrouillierten, hätte bei tatsächlichem Kriegsausbruch ein großes Problem gehabt, obwohl klar war, wer der Feind war: „Der Russe” (im Westen) und „der Westen” (im Osten). Nun hat „der Russe” am 15. März 1991, dem Tag des Inkrafttretens des Zwei-plus-Vier-Vertrags, darauf verzichtet, für Deutschland eine potenzielle Bedrohung darstellen zu wollen, was die Wahrnehmung natürlich verschoben hat (und die Annexion der DDR durch den Westen, der nur wenige Jahre zuvor – „Operation Urgent Fury” – schon einmal versucht hatte, einen Staat widerrechtlich zu „befreien”, dann eben auch wie eine Erlösung aussehen ließ).

Ein paar Jahre Abstand schärfen das Feindbild: Die alleinige Schuld trägt der Russe, das hat Tradition; der Russe will mehr Macht und hat sie mit seinem Erdgas jedenfalls über uns, womit wir ihm, dem „Iwan” („WELT am SONNTAG”, 4. August 2013), so hilflos ausgeliefert sind wie die Ukraine, deren demokratisch gewählter schlimme Präsident erst unter unserem Beifall vertrieben wurde und jetzt zu unserem Entsetzen durch einen demokratisch gewählten noch schlimmeren Präsidenten ersetzt werden soll. Demokratisch gewählter schrecklicher Präsident Obama, übernehmen Sie! – Aber die Kontrolle mag man in den USA schon längst nicht mehr haben, als Führer eignet sich traditionell ein aus einem von Deutschland übernommenen Land stammender Politiker besser: „USA geben Führungsrolle in Krim-Krise an Merkel ab” (SPIEGEL ONLINE) bzw. „Angela Merkel ist die wichtigste Anführerin in Europa” (ebenfalls), weil sich CDU/CSU eben auskennen mit dem Willen des Volkes, wenn’s schon nicht das eigene ist.

So hat’s der Russe halt auch verdient, dass man seinem Wunsch, die bislang unabhängige Republik Krim, deren Bewohner zu einem Großteil ohnehin Russen sind, russisch sprechen und die mit der Ukraine auch sonst nur wenig verbindet (was ich allerdings verstehen kann), auch offiziell unter die eigenen Fittiche zu nehmen, mit Kriegsandrohungen begegnet: Merkel lehnt schärfere Sanktionen gegen Russland ab(, aber) US-Präsident Obama (…) fordert von den Europäern höhere Militärausgaben, denn so als US-Amerikaner hat man’s nicht so mit Diplomatie. Wahrscheinlich lässt Obama auch zu laut brummende Fliegen im Schlafzimmer militärisch beseitigen.

Jedenfalls: Russland will die russischen Einwohner der Krim befreien, nicht unterdrücken (cf. Stefan Gärtner, „Gegen Rußland”, in: „Titanic”, April 2014), und während Grenada, Kosovo, Afghanistan und (wird beliebig fortgesetzt) wenigstens anständig mit ordentlich Gemetzel vom untragbaren Zustand, nicht besetzt zu sein, befreit wurden, fragt Russland einfach das Volk, das überwiegend überraschenderweise (wie bereits 1992, 1994, davor und danach) lieber unabhängig oder russisch als weiterhin zwangsukrainisch sein möchte; illegal und undemokratisch wie sonst nur Volksabstimmungen in der Schweiz, versteht sich. Ein demokratischer Staatspräsident fragt nicht, was das potenziell böswillige, gar „kommunistische” (Lyndon B. Johnson) Volk gern hätte, das ihn wohl kaum gewählt hätte, wären sie mit ihm nicht einverstanden. (Weshalb im Übrigen Christian Wulff, vorübergehend Oberhaupt einer beinahe lupenreinen Demokratie, auch so beliebt war; bis er halt irgendwo eingeladen wurde. Das kann so ein ungeselliger Deutscher nicht leiden.)

Eigentlich ist ja doch schon alles wie früher, nur, dass der Russe nicht mehr mit Panzern in bombardierten deutschen Großstädten rumsteht, sondern in einem fernen Land eine Umfrage durchgeführt hat. Man würd’ ihn schon gern dafür bestrafen, aber die Drohung, ihm für den Winter einfach keine Wärme mehr abzukaufen, überzeugt nur wenig: Russisches Erdgas ist „praktisch” alternativlos, wie praktisch. Jetzt steht der Russe nicht mehr nur vor der Tür, er zwingt uns außerdem dazu, ihn seine Lieferverträge einhalten zu lassen. Putin, der Wirtschaftsdiktator.

Und diesmal kann uns nicht mal der Reagan helfen.


Und dann war da noch der Verein Campact, der sich für Angebotsvielfalt im Internet jenseits der großen Konzerne einsetzt und dafür einen Appell formuliert und darum gebeten hat, ihn zahlreich weiterzuverbreiten. Bevorzugt über die Dienste großer Konzerne, versteht sich:

Campact

Wer formuliert nun eigentlich einen Appell an Campact?