Worauf hat die Welt denn beinahe so dringend gewartet wie auf einen eingebildeten Berg? Richtig: Auf Atom.
Atom — ich meine ausnahmsweise nicht die Energiequelle — ist ein von GitHub, einem großen Anbieter für fremden Quellcode aller Art, entwickelter Texteditor, der beinahe aussieht wie das recht beliebte Sublime Text und auch ähnlich funktionieren soll, allerdings kostenlos und quelloffen angeboten wird. (Einen ähnlichen Versuch, allerdings mit geringerer medialer Aufmerksamkeit, startete vor einer Weile Adobe mit Brackets.)
“Kostenlos” ist ja eines der Lieblingswörter von Mitmensch Internetnutzer in seiner Gratiswolke. Qualität gern, aber lieber was geschenkt. Folgerichtig wird TextMate, eines der Vorbilder von Sublime Text, in der Version 2.0 ebenfalls — bezeichnenderweise auf GitHub — gratis zur Verfügung gestellt.
Ein großes Manko von TextMate ist, dass es ausschließlich für Mac-OS-X-Systeme entwickelt wird:; ebenso wie der Atom-Editor übrigens. Trotzdem sind bloggende Entwickler (oder Gelegenheitsskripter) begeistert und freuen sich, dass sie jetzt einen Editor, der auch nicht mehr kann als seine Vorbilder, nicht mehr mühsam erbetteln müssen:
Bisher musste man um einen Beta-Key betteln, wenn man sich die neuste Entwicklung aus dem Hause Github anschauen wollte.
Auch bei heise.de ist man beeindruckt:
Der auf Googles Chromium basierende und Node.js als Backend nutzende JavaScript-Editor soll die besten Eigenschaften anderer Texteditoren kombinieren. Die Entwickler zogen hier den Komfort von Sublime und TextMate sowie die Flexibilität und Erweiterbarkeit von Emacs und Vim heran, die sich aber allesamt nur mit speziellen Skriptsprachen anpassen ließen und nicht allzu intuitiv seien.
Nun, an einer Erneuerung von Vim wird ja ebenso gearbeitet wie an Emacs-Versionen, die das Skripten einfacher machen sollten, etwa mit einem Wechsel der Skriptsprache von Emacs Lisp zu Scheme. Ein Editor, der die Vorteile der bekannten Editoren miteinander verbindet, ohne einen ihrer Nachteile zu übernehmen, klingt zwar zumindest in der Theorie interessant, aber dafür müsste er sich erst einmal positiv von anderen Editoren abheben.
Womit aber will Atom das schaffen?
Die Website sagt zum Beispiel:
Our goal is a deeply extensible system that blurs the distinction between “user” and “developer”.
Der Editor soll also von jedem Benutzer einfach und komplett frei skriptbar sein. Das sind Vim, Emacs und dergleichen zwar auch, aber sie benutzen nicht so schöne Werbephrasen dafür.
Atom comes loaded with the features you’ve come to expect from a modern text editor.
Atom bringt also alle Funktionen mit, die Editoren wie Notepad++ auch mitbringen. Das ist wirklich sehr praktisch, aber auch nicht innovativ.
Wo bleiben nun die Innovationen? Na, weiter oben:
Atom is a desktop application based on web technologies.
Tatsächlich: Atom basiert auf Chromium. Auf einem Webbrowser. Ein Texteditor, der auf einem Webbrowser basiert. Ein einfaches Werkzeug, das auf einer komplexen, schweren Plattform steht. Ein Texteditor, der Facebook kann. Atome hatte ich mir ja immer als etwas sehr Kleines vorgestellt, aber ich habe noch nie ein Atom gesehen. Vielleicht lag ich da falsch.
Aber die Entwickler haben sich auch etwas dabei gedacht, denn so können sie statt statischen, plattformabhängigen Codes in ihrem Texteditor, der nur unter Mac OS X läuft, plattformunabhängige Pakete entwickeln, die die Leistungsfähigkeit des Editors enorm erhöhen. Zum Beispiel Metrics. Metrics ist ein wohl standardmäßig aktives Paket, das essenzielle Editorfunktionen enthält: Es sendet Benutzerdaten zwecks Auswertung an Google Analytics (provokant gesagt also wahrscheinlich an die NSA).
Das tun andere Editoren tatsächlich meist nicht. Man kann das Paket zwar deaktivieren — dafür aber muss es erst einmal aktiv gewesen sein. Das also sind alle Funktionen, die ich von einem modernen Texteditor erwarte. Ob er wohl auch Texte editieren kann? Die Website schweigt sich aus.
Der Editor des 21. Jahrhunderts, fast so groß wie OpenBSD. Ich fand das letzte Jahrhundert irgendwie besser.