NetzfundstückeMir wird geschlecht
Always look on the dark side of Twitter

Was macht eigentlich der Fem­i­nis­mus ger­ade so?

Na ja, er spricht über Twit­ter, das seine Pro­tag­o­nis­ten nutzen, …

(…) um mitzubekom­men, was in der Welt oder bei unseren Freund_innen, Kolleg_innen und anderen Men­schen passiert, um GIFs zu posten, um uns zu freuen und manch­mal auch aufzure­gen – eben für alles, wofür soziale Net­zw­erke und dieses Inter­net™ so gut sind. Was wir da schreiben, kann jede_r lesen, es ist über Such­maschi­nen auffind­bar, kurzum: öffentlich.

Das Inter­net — ™ — ist also dazu da, um GIFs zu posten und sich zu freuen. Die Wikipedia gehört da gar nicht rein, da lernt man ja nur was. Kranke Scheiße.

Aber was, wenn man sich so freuen will, dass nur diejeni­gen es sehen, von denen man das will? Auch dafür hat das geschlechterg­erechte Twit­ter-Diskus­sion­steam von “klein­er­drei” — vier Frauen, ein Mann (der sich wom­öglich selb­st nicht im Klaren darüber ist, wie der Flauschi­wat­tibegriff “klein­er­drei” auf jeden denk­enden Men­schen wirkt) — einen Tipp:

Was vielle­icht erst ein­mal nicht ger­ade außergewöhn­lich klingt, führte in den let­zten Jahren dazu, dass sich neben dem öffentlichen “Tages­licht-Twit­ter” eine kleine Par­al­lel­welt entwick­elt hat, beste­hend aus großteils geschützten Accounts, die einan­der fol­gen. Eine Art Fil­ter­bub­ble in der Fil­ter­bub­ble also, auch bekan­nt unter dem Namen “Dark Twit­ter”.

“Auch bekan­nt”, und zwar exk­lu­siv den fünf Klein­er­dreiern, denn außer­halb der­er fil­ter­bub­ble voller Blub­berblasen ken­nt eine große Such­mas­chine “Dark Twit­ter” nur in Form von schwarzweißen Logos und der­gle­ichen, aber Bekan­ntheit ist eben immer, was man dafür hält. Die “Pop­stars” in der BRAVO ken­nt ja auch nie­mand, der es klaren Ver­standes zuzugeben gewil­lt wäre.

Aber solcher­lei lässt sich ja ändern:

Klein­er­drei-Autor_in­nen reden öffentlich über Dark Twit­ter.

Hur­ra!

Wir erfahren also, was zum Beispiel klein­er­drei-Autorin “Jule” dazu bewegte, ihr Twit­terkon­to zuzu­machen:

Ich hat­te den Ein­druck, dass ich einen Ort im Netz brauche, an dem ich sehr geschützt offen teilen kann, was mich bewegt, ohne direk­te Kon­se­quen­zen in meinem sozialen Leben außer­halb des Social Webs fürcht­en zu müssen.

“Geschützt offen teilen, ohne dass es jemand sieht”, also eigentlich gar nicht teilen, nur halt öffentlich. Ihr ver­ste­ht?

Mit dem Vor­marsch von Twit­ter (ramm­tamm­tamm, ramm­tamm­tamm! A.d.V.) wurde ich auch auf meinem pri­vat­en Account stärk­er als bish­er im pro­fes­sionellen Kon­text beobachtet. Das sorgte dafür, dass ich mir eine bes­timmte Leichtigkeit, die mein Twit­tern einst bes­timmt hat­te, stärk­er zen­sierte – auch im vorau­seilen­den Gehor­sam. Außer­dem war ich neugierig, wie sich die Tweets mein­er Fre­undin­nen und Fre­unde zu denen auf ihren “nor­malen” Accounts unter­schei­den wür­den, wenn sie geschützt wären.

Vorau­seilen­der Gehor­sam gegenüber ein­er Gruppe von Men­schen, denen das Twit­ter­ver­hal­ten von “Jule” weit­ge­hend schnuppe sein dürfte, in Verbindung mit Neugi­er darauf, wie sich Fre­unde ver­hal­ten, wenn kein­er zuguckt, also im Wesentlichen großes Mis­strauen gegenüber den Einzi­gen, die möglicher­weise wirk­lich inter­essiert, was “Jule” so an pri­vat­en Din­gen nichtöf­fentlich nicht­teilt; kein Wun­der kommt die deutsche Blo­gosphäre nicht aus dem Quark. Zu mein­er Zeit hat man Fre­unde ja noch anders definiert.

Mit­blog­ger­ixe “Anne” tut der­weil kund:

Immer mehr von meinen Freund_innen hat­ten einen und ich wollte aus­pro­bieren, ob das für mich vielle­icht auch sin­nvoll ist. Ich wollte auch gerne wieder ein biss­chen back to the roots und so twit­tern kön­nen, wie ich es ganz am Anfang tat (als mein Account noch pro­tect­ed war).

Nichtöf­fentlich­es Nicht­teilen als gemein­same Freizeitbeschäf­ti­gung sowie als “Befreiung” von einem Zwang, den “Anne” nie­mand aufer­legt hat: “Ich durfte frei schreiben, aber ich wollte nicht, und jet­zt darf ich das ganz viel mehr, also will ich es auch.” Klein­er­drei, hihi.

“Maike” betra­chtet das Dunkeltwit­tern hinge­gen eher als well­ness:

Außer­dem war ich neugierig, wie sich so ein geschützter Account wohl anfühlen würde.

Mir läuft’s auch schon kalt den Rück­en hin­unter. — Wie wohltuend dage­gen die boden­ständi­ge Begrün­dung von “Lena”:

Diese Unbeschw­ertheit, die ich von meinen ersten Tweets Anfang 2008 noch kenne, hat sich für mich irgend­wann ver­loren – teil­weise durch die ver­mehrte Nutzung im Arbeit­skon­text, aber auch dadurch, dass ich manche Gedanken und emo­tionalen The­men inzwis­chen ein­fach nur noch mit ein­er sehr begren­zten Anzahl von Men­schen teilen möchte.

Wenn ich mit ein­er sehr begren­zten Anzahl von Men­schen geson­dert kom­mu­nizieren möchte, dann tu’ ich das ja nor­maler­weise nicht auf ein­er Web­site, deren Zweck es ist, der ganzen Welt etwas mitzuteilen, son­dern nutze Grup­pen­chats oder E‑Mail, aber ich schreibe ja auch nicht für klein­er­drei, wo der Twit­ter-Stum­mel­sprech deut­liche Spuren hin­ter­lassen hat, son­dern weiß mein Hirn und das Inter­net gle­icher­maßen angemessen zu benutzen. So wird nie etwas aus mir.

Eine span­nende Frage fol­gt lei­der erst später:

Was bedeutet Dark Twit­ter (DT) für dich?

Das wurde zwar schon weit­er oben in den Grundzü­gen erläutert, aber bei klein­er­drei sieht man einan­der gern beim Schwafeln zu, so lange es den eige­nen fem­i­nis­tis­chen Grun­dregeln gehorcht, egal, ob’s von einem Mann kommt:

Daniel: Er bedeutet für mich meine Freund_innen immer mit meinem Smart­phone in mein­er Tasche zu haben – ein Safe Space, an dem ich mich nicht zurück­hal­ten oder Angst haben muss, verurteilt zu wer­den. Außer­dem geben wir einan­der sehr viel Rück­halt und spenden Trost, was mir sehr viel bedeutet.

Fre­unde, die Leid und Trost im Fre­un­deskreis gle­icher­maßen auf 140 Zeichen beschränken: Angenehm zeits­parend, aber ein biss­chen bedauer­lich. Ander­er­seits: Safe Space! Bin­go!

“Anne” (“Dark Twit­ter ist ein Grup­pen­chat auf sehr sen­si­bler Ebene.”) sieht das ähn­lich, allerd­ings naiv­er als “Maike”:

Ich bin nur mit sehr weni­gen Men­schen dort ver­bun­den und füh­le mich an einen sehr inti­men Chat-Raum erin­nert – wobei das ja gar nicht so recht zutrifft, weil wir keine homo­gene Gruppe sind und zum Teil mit unter­schiedlichen Men­schen ver­bun­den sind und es lediglich einige Über­schnei­dun­gen gibt. Es ist schon erstaunlich, wie gut es tut, sich öff­nen zu kön­nen und auch mal Dinge zu äußern, die man son­st für sich behal­ten hätte. Ich habe viel über und durch die Men­schen gel­ernt, mit denen ich dort ver­bun­den bin.

Man kann dort über alles reden, weil man einan­der ver­traut, obwohl man einan­der ja oft gar nicht viel gemein­sam hat, aber man kann sich so toll irgend­wo zuge­hörig fühlen, weil so’n Klick auf einen “Folgen”-Knopf schon intimer ist als Sex, seinem Sex­u­al­part­ner erzählt man ja auch nicht immer alles. Safe Space, ihr wisst schon.

Und was machen die Auto_r/s/en auf “Dark Twit­ter” genau anders als im nor­malen Twit­ter? “Jule” geste­ht:

Auf Dark Twit­ter bin ich unge­filtert mit mein­er Mei­n­ung und meinen Stim­mungen. Ich reagiere emo­tionaler und unmit­tel­bar­er auf das, was mir passiert. Ich teile dort nicht so viele Links, son­dern reflek­tiere vor allem über meinen Tag.

Wäre ich etwas zynis­ch­er, würde ich mich dankbar zeigen, dass das wenig­stens unter Ver­schluss bleibt; so aber ver­gle­iche ich mit ihrem nor­malen Account namens @julianeleopold, wo ich nicht über­ra­gend viele Links, wohl aber aller­lei Befind­lichkeit­en sehen kann. Ich mag mir ihr dun­kles Twit­terkon­to gar nicht vorstellen: Ein Dop­pelpunk­ta­pos­trophk­lam­mer­auf pro Stunde?

Während­dessen hat “Daniel” ganz andere Vorstel­lung von sein­er dun­klen Zweiti­den­tität:

Ich bin viel expliziter und unge­filtert­er auf Dark Twit­ter. Manch­mal for­muliere ich auch hal­b­gare Gedanken vor mich hin und schaue ihnen beim Wach­sen zu.

Lebe, Krea­tur! Lebe! Das “geheime Twit­ter” als Notizblock für hal­b­gare “Inter­views” mit sich selb­st, unge­filtert und ungeschlif­f­en wie die Murmel, die im Kopf des Autor_s_n herumeiert. Alle Neune.

Maike: Ich schreibe auf meinem geschützten Account, ohne lange zu über­legen und voller Ver­trauen. Das ist sehr, sehr schön.

Ich schreibe dort, wo es kein­er sehen soll, jede blöde Idee auf und freue mich dann, wenn es nie­mand weit­er­sagt. Das kön­nte ich auch auf einem Stück Papi­er oder in ein­er Notiz in meinem Twit­terg­erät tun, aber da sieht es ja kein­er. Das ist sehr, sehr bescheuert.

Was nehmen die Autoren son­st so aus “Dark Twit­ter” mit? Nun, “Daniel” (der mit dem Safe Space) freut sich auch über den Bei­s­tand:

Dark Twit­ter hat mir schon über viele schwere Zeit­en hin­wegge­holfen (an dieser Stelle noch ein­mal ein dick­es Bus­si an meine Dark-Twit­ter-Time­line! <3). Da ich tat­säch­lich einige Men­schen im Dark Twit­ter habe, die ich vorher noch nicht so gut kan­nte, habe ich diese noch ein­mal von ein­er ganz anderen Seite ken­nen gel­ernt.

Ein Safe Space voller “Freund_innen”, die man nicht gut ken­nt; das ist wohl so was wie Face­book, aber Face­book bekommt kein Bus­si.

Warum dann über­haupt noch Twit­ter? Ganz ein­fach:

Jule: Ich liebe Dark Twit­ter als Ort, der neben mein­er Tages­licht-Time­line Rück­zug bietet und Unter­stützung. Es ist, wenn es gut ist, der schnell­ste Weg, Fre­unde aus dem Inter­net zu erre­ichen.

Und:

Daniel: Ich möchte nicht mehr auf Dark Twit­ter verzicht­en. Es ist essen­tieller Bestandteil mein­er Twit­ter­nutzung gewor­den und bringt mir liebe Men­schen sehr nah, obwohl bzw. trotz dem sie physisch vielle­icht weit weg sind.

Und:

Anne: (…) Außer­dem mag ich wirk­lich sehr wie es mich mit Freund_innen näher zusam­men­bringt, die ich lei­der viel zu sel­ten offline sehe, weil sie z.B. woan­ders wohnen oder ger­ade viel um die Ohren haben.

Und:

Maike: Es ist mir sehr, sehr wichtig. Hier habe ich eine Stan­dleitung zu jenen Men­schen, die mir am Herzen liegen mit all ihren wun­der­vollen Facetten, und die ich zum Teil viel zu sel­ten sehen kann.

Wie Inter­net also. Nur kürz­er.

Schön, dass wir darüber gesprochen haben.

(Mit Dank an S.!)

Senfecke:

  1. weia, bist du böse. und dann auch noch “klein­er­drei”.

    “zu mein­er zeit” wären sie jet­zt mit ein­er schere in deine rich­tung unter­wegs.

    grüße aus der garage

  2. diesem artikel gebe ich 0 von 5 *, es man­gelt an rel­e­vanz, ahnung, empathie und vie­len anderen din­gen auch.

    • Rel­e­vanz: Du hast es gele­sen.

      Ahnung: Du meinst, von Fre­und­schaften oder dem Sinn eines öffentlichen Microblogsys­tems?

      Empathie: Wofür? Für das Flauschi­wat­ti-Gejam­mer? Für diese völ­lige Real­itäts­ferne? Ja, tat­säch­lich.

      Danke für’s Mit­spie­len.

Comments are closed.

https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_smilenew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_biggrin2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_sadnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_eek.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_shocked.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_confusednew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_coolnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_lol.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_madnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_aufsmaul.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_seb_zunge.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_blushnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_frown.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_twistedevil1.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_twistedevil2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/icon_mad.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_rolleyesnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_wink2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_idea2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_arrow2.gif 
mehr …
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre> <code> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <tt> <span style=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Deine IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details findest du hier.