Was außer der Causa Jörg Tauss, dessen Prozess (lesenswerte Hintergründe gibt es seit Sonntag übrigens hier) gestern begann, hat die Menschen dieser Tage noch bewegt? Ach ja: Michael Ballack (“kann … tödlich gelangweilt gucken”, Frédéric Valin, Mai 2010) verschont uns mit seiner Anwesenheit während der kommenden Weltmeisterschaft, weil er gefoult wurde; so weit eine gute Nachricht. Weniger gut ist es, dass dem Verursacher Kevin Prince Boateng nun ziellos Beschimpfungen zuteil werden, wie er es wagen könne, im Fußballsport einen Gegenspieler so zu berühren, dass dieser ernsthafte Schäden davonträgt, und überhaupt solle er sich bitte umgehend ausweisen lassen, das ist ja wohl nicht zu viel verlangt!
Mal abgesehen davon, dass diejenigen, die solcherlei schnaubend in die Welt trompeten, allen voran der unsägliche Franz Josef Wagner (“Arschloch”, F.J.Wagner), die Fußballweltmeisterschaft 2010 aufgrund eigener Bewegungsunlust ohnehin großteils von ihrem Sofa/Sessel/Computer aus verfolgen werden und Sportarten wie Fußball (“Kontaktsport, Du Muschi!”, “freval” auf twitter.com) und Schach nur anhand der Trikots voneinander unterscheiden können: Wem schadet es, wenn ein Michael Ballack (“ein entscheidender Spieler”, gleichfalls Frédéric Valin, Mai 2010) fehlt? Welche wichtige Meisterschaft hat die deutsche Mannschaft mit seiner Beteiligung zuletzt gewonnen? Längst ein running gag (ein laufender Witz also, apropos Michael Ballack) ist es, dass er mehr Zeit auf dem Boden als hinter dem Ball verbringt, weil er, haha, halt ständig hinfällt. Im Fußball verletzen sich Menschen nun mal. Die deutsche Fußballnationalmannschaft besteht, wie schon während der letzten EM, aus Pfeifen sondergleichen, jetzt immerhin aus einer Pfeife weniger. Wenn diese Mannschaft überhaupt ansatzweise eine Finalrunde erreicht, gebe ich mit Vergnügen jedem Leser, der in annehmbarer Entfernung sein Dasein fristet, höchstpersönlich ein Kaltgetränk aus. Ist dies nicht der Fall, scheitert die Mannschaft mit Sicherheit nicht daran, dass ihr ein Michael Ballack fehlt. Sie scheitert daran, dass ihr ein Kevin Kuranyi und ein René Adler fehlen. Sie scheitert daran, dass sie stattdessen einen Lukas Podolski und einen Mario Gomez hat, einen Bastian Schweinsteiger und einen Stefan Kießling. Es ist sicher sehr schmeichelhaft für eine Mannschaft, wenn ihr Land sich zu einem nicht geringen Teil mit ihr solidarisiert. Ich möchte denen, die verbissen an den Sieg der deutschen Mannschaft glauben, ihr Weltbild auch nicht madig reden. Ich meine lediglich: Nutellawerbung ersetzt kein Talent. Eine Mannschaft, die schon bei einer EM in ähnlicher Zusammenstellung keinen Blumentopf gewinnen konnte, darf sich bei einer WM, zudem auswärts, auf einen längeren Urlaub freuen. (Das vor allem Schöne an der ganzen Sache ist es ja, dass wir uns obendrein nicht auch noch auf die zweite Neuauflage des ‑zigmal durchgenudelten “54, 74, 90, 2006” der Sportfreunde Stiller “freuen” müssen; auf 2012 und 2014 reimt sich zum Glück nicht mehr viel, ohne das Versmaß endgültig zu ruinieren.) Na, in Afrika ist es wenigstens warm.
Neu im Vorstand der Piratenpartei Deutschland ist übrigens Wolfgang Dudda, seines Zeichens engagierter “Kämpfer” gegen die rechtskonservative Meute hier im Land und jedenfalls mir bisher nicht anderweitig aufgefallen. Er plakatiert “Piratenpartei gegen Rechtsextremismus”, ein Motto, das das erklärte Ziel der Piratenpartei, sich für den Links-Rechts-Unfug mancher Parteien nicht zu interessieren, untergräbt (immerhin mittlerweile nicht mehr mit Antifa- statt Piratenflagge!), und solidarisiert sich offen mit der Antifa, deren Demokratieverständnis zumindest in meinen Augen auch nicht gerade piratig erscheint, und mit den Urhebern verfassungsfeindlicher Aktionen wie bspw. des neuerdings ziemlich verbreiteten, dadurch aber keinesfalls weniger widerlichen Blockierens legitimer Demonstrationen. Piraten sind friedlich! Auch sonst scheint sein einziges politisches Wirken darin zu bestehen, die NPD irgendwie doof zu finden und der Anfänge zu wehren. Und für so ein enges Programm bekommt man auf Bundesparteitagen der Piratenpartei ausreichend Zustimmung? Gerade hat sich die Parteibasis darüber gefreut, dass ein “Spinner” (Johannes B., 12. Februar 2010) mit zumindest fragwürdiger politischer Denkweise freiwillig aus dem Vorstand draußen ist, jetzt ist der nächste drin. (Vielleicht, dies hoffe ich insgeheim bzw. nunmehr offen, auch nur, damit er Ruhe gibt; immerhin ist er lediglich zum Beisitzer gewählt worden.) Und dann verlinkt der gute Herr Dudda auch noch den Piratenkodex auf seiner Internetseite, und darin steht unter anderem dies: Piraten wehren sich entschieden dagegen, mit gewaltbereiten Randalierern in Zusammenhang gebracht werden, da sie das komplette Gegenteil davon darstellen. Er hätte den Kodex vielleicht besser vorher lesen sollen.
Auch, wenn ich mich wiederhole, jedenfalls: Ich persönlich betrachte uns Piraten ebenso wie bspw. Anonymus “lexington” als Bewegung, die besseres zu tun hat als sich mit irgendwelchen Ewiggestrigen um die Vorherrschaft auf der Straße zu prügeln. Piraten sind keine Fas, Antifas oder Antiantifas und wollen mit diesen nichts zu tun haben. Piraten sind nicht die Linke mit Laptops. Piraten sind wir, und das lassen wir uns nicht nehmen. Für Freiheit und Demokratie! Aber dann bitte konsequent.



“…gebe ich mit Vergnügen jedem Leser, der in annehmbarer Entfernung sein Dasein fristet, höchstpersönlich ein Kaltgetränk aus”:
Du meinst sicherlich nicht irgendein Getränk, sondern ein Getränk nach Art und Güte, die der Leser bestimmen mag. Hättest Du etwas anders gewollt, hätte es nahe gelegen, dies auch so zu schreiben. Gerade das hast Du aber nicht getan.
Mangels angedrohter Sanktionen für den kommentierenden Leser bzgl. des mehr als unwahrscheinlichen Falles, dass die deutsche Elf nicht ins Finale kommt, möchte ich gerne vorbestellen.
Ich habe es extra nicht definiert. Na, meinetwegen.
Pisco Sour. Aber nur den guten Control. Komm’ mir bitte nicht mit Capel. Unbedingt das richtige Mischungsverhältnis beachten.
Freu dich nicht zu früh!