ComputerIn den Nachrichten
Digitaler Fortschritt

Was ist eigentlich aus all den politischen Netzvereinsmeiern geworden?

Natürlich: Der „Digitale Gesellschaft e.V.“, der Verein mit dem wohl dämlichsten Namen aller Netzvereine, ist medial präsent, Markus Beckedahl (ich berichtete) ist ja auch überall, er hört sich eben gern reden. (Was überhaupt so ein Problem der Netzgemeinschaft ist: Die, die sie antreiben, sind andere als die, die ständig davon reden, wie toll es doch sei, ein Teil davon zu sein.)

Und D64, der von Kompetenzgranate Nico Lumma (das war der hier) mitgegründete und -geführte Netzpolitikstuhlkreis der SPD? Nun, dort hat man sich offenbar daran erinnert, dass man ja eigentlich etwas tun wollte, und sich mit erheblicher Verspätung der F.D.P. angeschlossen:

Das im Umfeld der SPD angesiedelte, aber durchaus eigenständige D64 – „Zentrum für digitalen Fortschritt“ fordert die Einführung eines No-Spy-Hardwaresiegels, das EU-weit vergeben werden soll. Das Siegel soll garantieren, dass der Endkunde „abhörfreie Hardware“ einkaufen kann.

Aber auch nur in Anführungszeichen, und zwar sowohl der „digitale Fortschritt“ als auch die „abhörfreie Hardware“; denn Firmen wie Cisco haben im Wesentlichen eine einzige Möglichkeit, wie sie damit umgehen können: Lügen.

Wohl ungefähr jedes Unternehmen, bei dem Hintertürchen in der Hardware gefunden wurden, hat hinterher beteuert, nichts davon zu wissen – ebenso übrigens Anbieter von Webdiensten. Wie gewährleistet werden soll, dass das Siegel ausschließlich auf jenen Geräten kleben soll, die garantiert keine Sicherheitslücken haben, ist mir insofern unbegreiflich. Im Umkehrschluss ist nicht jedes Gerät, das ein solches Siegel nicht erhält, ausspionierbar. Ein Feigenblatt ohne viel Wert also; wie alles, was von der SPD so kommt.

Dabei ist die Begründung im Originaltext auch grandios:

Zudem machen die neuen Enthüllungen deutlich, dass eine europäische Technologie-Industrie sowie offene Standards stärker gefördert werden müssen.

Denn bekanntlich schützt die Offenheit eines Standards vor Unterminierung durch böswillige Zeitgenossen; beziehungsweise eben nicht. Inwiefern die Förderung europäischer Technologie-Industrie etwas dazu beitragen soll, dass kein Geheimdienst irgendetwas manipuliert, ist noch nicht ganz klar – den Datenaustausch zwischen BND und NSA jedenfalls hat Nico Lummas SPD zu verantworten.

D64 zitiert abschließend die EU-Internetbotschafterin Gesche Joost, die zum Thema Internet schon so manches gesagt hat, was nicht unbedingt weise war, und passenderweise auch in den eigenen Vereinsreihen rumsitzt (wahrscheinlich für die Quote):

Wenn ein Auto europäische Sicherheitsstandards nicht erfüllt, darf es nicht eingeführt werden. Das gleiche Schutzniveau sollte mindestens für den Import von Netzwerktechnik und Hardware aus den USA und anderen Ländern gelten.

Blöd: Es gibt keinen europäischen Sicherheitsstandard, der vorschreiben würde, dass Autos nicht von der NSA überwacht werden dürfen. Jedes GPS-fähige Automobil ist bereits eine potenzielle Wanze, auch in Deutschland. Was sollen das überhaupt für Sicherheitsstandards sein, die für Autos wie für Netzwerkgeräte gelten sollen? Es muss vier Räder und eine Hupe haben?

Aber der digitale Fortschritt ist offenbar nicht aufzuhalten.

Senfecke:

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