Sonstiges
Medi­en­kri­tik LXXVII: „JOY“, das Fach­ma­ga­zin für ange­wand­tes Zicken­tum

Yetis soll­ten nicht Cos­mo­po­li­tan lesen, Män­ner kei­ne Frau­en­zeit­schrif­ten. So weit der Mythos. Man wür­de als Mann aber manch­mal viel­leicht schon gern wis­sen, was die Frau­en so bewegt, und dabei hilft für wenig Geld ein Tratsch- und Mode­heft­chen wie „JOY“. Auf der Web­site der „JOY“ (Vor­sicht: Web­site der „JOY“!) ist zur­zeit unter ande­rem eine Gale­rie der „Busen­blit­zer“ mit posi­tiv beein­druck­ten Kom­men­ta­ren zu fin­den, somit tei­len die Frau­en mit den Män­nern offen­sicht­lich zumin­dest eine nen­nens­wer­te Vor­lie­be: das Möp­se­gucken.

Aber ich woll­te ja eigent­lich näher auf die gedruck­te „JOY“ ein­ge­hen. Das mache ich jetzt mal.

JOY 02/2013

Grund­sätz­lich hat die „JOY“ gegen­über der bereits an ande­rer Stel­le erwähn­ten „Jolie“ bezüg­lich der grell­bun­ten Auf­ma­chung und des Sprach­stils („Fashion we love“, gut Eng­lisch das ist) kei­ner­lei Ein­schrän­kun­gen, und auch die The­men sind sehr ähn­lich. Sogar Mila Kunis ist wie­der „exklu­siv“ ver­tre­ten; was man eben so „exklu­siv“ nennt.

Beson­ders ange­tan hat’s mir aber das Titel­the­ma „Die Kunst, eine unbe­re­chen­ba­re Frau zu sein“, das genau so tref­fend „Wie man Män­ner auf lan­ge Sicht effi­zi­ent ver­jagt“ hei­ßen könn­te. Womög­lich nicht zufäl­lig lau­tet ein ande­res Titel­the­ma „So ent­waff­nen Sie Ner­ven­sä­gen“. Blö­der­wei­se sind damit immer nur die Ande­ren gemeint. Aber vor­weg gibt’s trends, außer scheuß­li­cher Mode wird hier auch das „sty­li­sche“ („JOY“) Smart­phone Sony Xpe­ria V emp­foh­len, dank des­sen „neu­em LTE-Stan­dard“ man „noch schnel­ler Fil­me gucken“ kön­ne; der genaue Zusam­men­hang wird lei­der nicht näher erläu­tert.

Auf Sei­te 26 gibt es eini­ge Umfra­ge­er­geb­nis­se zu lesen, die mich belu­sti­gen. 69 Pro­zent der umbe­frag­ten Frau­en sind der Ansicht, Hei­rats­an­trä­ge sei­en Män­ner­sa­che, 32 Pro­zent den­ken manch­mal beim Geschlechts­ver­kehr an einen ande­ren Mann, immer­hin 36 Pro­zent sind der Mei­nung, Män­ner und Frau­en könn­ten kei­ne Freun­de sein. 5 der letz­te­ren 36 Pro­zent ver­tre­ten die Ansicht, Freund­schaft zwi­schen den Geschlech­tern sei nur mög­lich, wenn man schon mal mit­ein­an­der in der Kiste gewe­sen sei. Schö­nen Dank auch, Eman­zi­pa­ti­on und ver­meint­li­che Abschaf­fung der Rol­len­bil­der.

(Apro­pos Rol­len­bil­der: Auf Sei­te 22 wird bewor­ben, mit wel­chen Mit­teln die mir völ­lig unbe­kann­te Schau­spie­le­rin Jes­si­ca Cha­stain ihren „Por­zel­lant­eint“ – also ihr Püpp­chen­ge­sicht – betont. Ich zie­he mei­ne Ankla­ge zurück und erklä­re die Eman­zi­pa­ti­on der Frau für geschei­tert. Glück gehabt.)

Ein biss­chen welt­fremd wird es auf Sei­te 30, auf der „20 Din­ge, die Sie ab 30 kei­nes­falls mehr tun soll­ten“ auf­ge­zählt wer­den. Ding Num­mer 5 ist „In einer WG woh­nen (Aus­nah­me: Model-WG)“; damit das Püpp­chen (Sei­te 22) jen­seits der magi­schen 30 bloß nicht die Hoff­nung ver­lie­ren möge, jemals eine Chan­ce auf gemein­sa­mes Kot­zen zu haben. Models über 29 wei­hen doch nur noch Geschäf­te für mol­li­ge Mode ein, dach­te ich. Inter­es­sant sind aber auch die Punk­te 13 („Irgend­et­was von Hel­lo Kit­ty besit­zen“) und 14 („Sich Sonn­tag­mor­gens [sic!] für den Gang zum Bäcker schmin­ken“). Das sind so die Din­ge, von denen ich als Mann ja immer hof­fe, dass es noch Frau­en unter 30 gibt, die nie auch nur auf die Idee kämen, gegen eine die­ser Emp­feh­lun­gen zu ver­sto­ßen. Aber man will ja gut aus­se­hen beim Bröt­chen­kau­fen. Kein Wun­der, dass ich meist solo bin: Ich kau­fe Brot immer unge­schminkt. Ver­dammt.

Den lang­wei­li­gen Arti­kel über Mila Kunis – sie sehe „sich selbst gar nicht als Sex­bom­be“, und damit hat sie voll­kom­men Recht – genügt es zu über­flie­gen, es geht um Ash­ton Kut­cher, Knut­schen in der Öffent­lich­keit und ähn­lich irrele­van­ten Quark. Auch die Auf­li­stung der „star­ken Män­ner 2013“ kann man getrost bei­sei­te las­sen, zu sehen sind alle­samt mus­kel­be­pack­te Schön­lin­ge, bevor­zugt wohl ober­kör­per­frei. Ober­fläch­li­che Män­ner, die nur auf den Kör­per ach­ten, sei­en wirk­lich schlimm, wur­de mir ein­mal gesagt. Dank der „JOY“ weiß ich nun wenig­stens, was damit gemeint war.

Der Text, auf den ich mich beson­ders gefreut hat­te – der mit der unbe­re­chen­ba­ren Frau – ent­puppt sich beim Lesen als mehr­sei­ti­ge Ansamm­lung von Plat­ti­tü­den („Ero­tik kann alles sein“, „Män­ner hören beim Sex eh nicht so rich­tig zu“, aber „Reden ist Sex“ – wie auch immer). Der Tenor lau­tet: Mit einem Mann muss man spie­len, man muss ihn bet­teln las­sen. Frau­en, die sich an einen sol­chen Rat­ge­ber hal­ten, brau­chen ihn wahr­schein­lich noch häu­fi­ger. Übri­gens fin­de ich das in die­sem Arti­kel infla­tio­när ver­wen­de­te Wort „Schwanz“ für das männ­li­che Glied nicht sehr ero­tisch. Gibt es dazu eigent­lich auch schon einen Rat­ge­ber in einer Aus­ga­be der „JOY“?

Für die­se Ent­täu­schung ent­schä­digt der Fol­ge­ar­ti­kel „Rote Kar­te für Ner­ven­sä­gen“. Er ent­hält 16 Tipps, wie man ner­vi­ge Mit­men­schen effi­zi­ent anzicken kann, und soll­te somit im Port­fo­lio kei­ner Frau feh­len, die als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den möch­te. Dass einer­seits aus dem Buch „Sor­ry, hier sitzt schon mei­ne Tasche“ zitiert wird (Tipp Num­mer 7), ande­rer­seits aber Leu­te, die einen Sitz­platz mit ihrer Tasche bele­gen, selbst als „Ner­ven­sä­gen“ iden­ti­fi­ziert wer­den (Tipp Num­mer 15), ist wahr­schein­lich sogar beab­sich­tigt. Immer­hin möch­te man ja die größ­te Ner­ven­sä­ge von allen wer­den; auch eine Art von joy.

Tipp Num­mer 10 ist eben­falls beacht­lich: Man sucht auf Face­book nach wich­ti­gen Din­gen, ver­mut­lich Schmink­tipps oder was „JOY“-Leserinnen halt so suchen, und fin­det nur doo­fes Geschwätz von einer Face­book-Freun­din. Zwei Lösungs­mög­lich­kei­ten wer­den vor­ge­schla­gen: Man sol­le ent­we­der „nie­man­den interessiert’s!“ drun­ter­schrei­ben oder die Mel­dun­gen der „Freun­din“ ein­fach aus­blen­den. Man könn­te statt­des­sen auch ein­fach die Freund­schaft kün­di­gen, aber so was macht man ja als Frau nicht. Da muss man ja zusam­men­hal­ten. Nur kon­se­quent erscheint da Tipp 16 gegen „hart­näcki­ge Anbag­ger-Idio­ten“: „Glot­zen Sie ihn unver­wandt mit einem Gesichts­aus­druck zwi­schen Schock und Debi­li­tät an – und zwar min­de­stens 30 Sekun­den.“ Der typi­schen „JOY“-Leserin genügt es nicht, als Zicke iden­ti­fi­ziert zu wer­den. Es muss schon min­de­stens zu einer gei­stes­ge­stör­ten Zicke genü­gen.

Wei­ter­hin in der „JOY“: Bezie­hun­gen las­sen sich ret­ten, indem man sich regel­mä­ßig zu „Sex­dates“ trifft, sen­si­ble Haut ist „die Diva unter den vier Haut­ty­pen“, außer­dem Tipps zum „Figur­pro­blem Bir­ne“ (kein Witz!) und ein Trench­coat als „Trend fürs Büro“.

Und ich dach­te immer, Män­ner­ma­ga­zi­ne sei­en bescheu­ert.

Senfecke:

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