PolitikIn den Nachrichten
Endlich: Verkehr legal gefährden!

“heise online”, 29. Sep­tem­ber 2016:

Auf ein­er Auto­bahn nahe Ham­burg kam es Mittwoch wohl zu dem ersten Unfall in Deutsch­land, an dem ein Tes­la mit eingeschal­teten Fahras­sis­tenz-Funk­tio­nen beteiligt war: Ein Mod­el S fuhr auf einen Bus auf.

“heise online”, 30. (!) Sep­tem­ber 2016:

Der Bun­destag hat einen Geset­zen­twurf der Bun­desregierung beschlossen, mit dem bere­its im Verkehr befind­liche Auto-Assis­ten­zsys­teme rechtssich­er einge­set­zt wer­den sollen, solange der Fahrer ein­greifen kann.

Irgend­wie muss man die Rentenkasse ja vol­lkriegen.

PolitikIn den Nachrichten
Breit wie ein Bündnis

Das Wesen der par­la­men­tarischen Demokratie ist es, dass sich trotz der im Grunde überzäh­li­gen Mit­telsmän­ner zwis­chen Staat­sober­haupt, Regierung und Volk let­z­tendlich doch dem nominellen Sou­verän die Möglichkeit bietet, selb­st über Nuan­cen der­er, die ihn vertreten, abzus­tim­men; geset­zt den Fall, es herrscht ger­ade keine Durchregierungskoali­tion, ver­ste­ht sich. Das hebt diese par­la­men­tarische Demokratie wohltuend ab von De-fac­to-Ein­parteien­sys­te­men, wie sie ger­ade in Deutsch­land nicht völ­lig unbekan­nt sind, endete doch eine Wahl in der DDR jahrzehn­te­lang mit dem klaren Sieg der SED, deren Poli­tik let­ztlich selb­st von der dor­ti­gen CDU gefördert wurde, während man hier im West­en zumin­d­est die Wahl zwis­chen der reak­tionär-kon­ser­v­a­tiv­en Poli­tik der CDU/CSU und der reak­tionär-kon­ser­v­a­tiv­en Poli­tik der SPD hat; fern­er liefen, ver­ste­ht sich, die inhaltlich voneinan­der zumin­d­est mitunter unter­schei­d­baren Koali­tions- und Oppo­si­tion­spart­ner.

Nun ist zu viel Auswahl ja bekan­ntlich nicht gut für die Demokratie, was immer­hin das Aus­bleiben von Gegenkan­di­da­turen (medi­al grund­sät­zlich als “Kampfkan­di­da­turen” ver­schrien) in aller­lei partei­in­ter­nen Gremien erk­lären mag und wahrschein­lich auch dies:

Unions­frak­tion­schef Kaud­er ist alarmiert über die “Anfein­dun­gen gegen die Demokratie” — und mah­nt zur Einigkeit bei der Bun­de­spräsi­den­ten­wahl. (…) Der CDU-Poli­tik­er plädiert vor diesem Hin­ter­grund dafür, einen Nach­fol­ger für Joachim Gauck zu find­en, der “eine bre­ite Zus­tim­mung aller Demokrat­en erhält”.

Joachim Gauck, selb­st als das kle­in­ste gemein­same Übel ins Amt gestolpert, ken­nt die Annahme, man könne mit “allen Demokrat­en” einen zumin­d­est homogen wirk­enden Kon­sens erre­ichen, ver­mut­lich noch von früher, als sich dieser Kon­sens in seinem Heimat­land “Block­partei” nan­nte und von allen Demokrat­en gemein­sam mit­ge­tra­gen wurde, sofern sie über­leben woll­ten.

In der Demokratie geht die Macht vom Volke aus, doch häu­fig kehrt sie nicht zu ihm zurück.
Hell­mut Wal­ters

MusikIn den Nachrichten
Hasspopkultur

Die — mit großem Abstand — Über­schrift des gestri­gen Tages lautete:

“Justin-Bieber-Videos wer­den am häu­fig­sten als Hass eingestuft”

Da macht sich doch die neue Diskus­sion­squal­ität­sof­fen­sive der Bun­desregierung schon bezahlt. Nach dem erfol­gre­ichen Feldtest mit Justin Bieber möchte ich Tonauf­nah­men von Phil Collins als Objekt weit­er­er Löschun­gen empfehlen. Das würde immens zu mein­er Fried­fer­tigkeit beitra­gen.

PolitikIn den Nachrichten
Suzanne Vega — Tom’s Diner

Das alles ist betrüblichEs ist Mon­tag und es ist grau, aber immer­hin ein Mon­tag, der mit ihr begin­nt, was das Grau in aller­lei Far­ben erhellt; und wenn man es sich hun­dert­mal selb­st aus­ge­sucht hat, dann hat­te man eben hun­dert­mal, bitteschön, Unrecht.

Google würde gern Twit­ter kaufen, und wer Google ken­nt, ahnt, dass das für den Fortbe­stand Twit­ters kein gutes Zeichen wäre. Umar­men und zer­stören. Sahra Wagenknecht hat der­weil der “FAZ” gegenüber mit­geteilt, die “Linke” set­ze sich für einen starken Staat ein. Irgend­wo muss man ja anfan­gen. Die Piraten­partei sei abge­takelt, behauptet der­weil der Kiezneu­rotik­er. Nichts mehr zu ver­lieren zu haben kann aber auch Vergnü­gen bere­it­en.

Übri­gens: Schon “1984” gele­sen? Es ist nicht nur der Überwachungsstaat, es ist auch die Sprache: Der mögliche Präsi­dentschaft­skan­di­dat ein­er großen Koali­tion heißt Üko­ka. Das klingt wie ein lustiger Vogel. Ich mag Vögel. Dazu, vielle­icht, auch: Lux­em­burg hat den Reli­gion­sun­ter­richt abgeschafft. Lux­em­burg ist ein feines Land.

Es ist Mon­tag und es wird Herb­st.

Tom’s Din­er Suzanne Vega

Guten Mor­gen.

KaufbefehleMusikkritik
tesa — G H O S T

tesa-g-h-o-s-tIn einem unbekan­nten Land — Riga? Wo ist das noch mal? — nahm das Trio tesa (wie das Kle­be­band), beste­hend aus Davis und Janis Burmeis­ters sowie Karlis Tones, vor einiger Zeit sein drittes Album “G H O S T” auf, das im Jan­u­ar 2015 und erneut im August 2016 — auch auf Vinyl — veröf­fentlicht wurde. So gruselig, wie es heißt, ist es aber gar nicht.

Obwohl natür­lich der Anfang mit seinem dumpfen Dröh­nen etwas anderes ahnen lässt, an Doom und Noise mag man etwa denken; tat­säch­lich haben wir es hier aber mit ver­i­ta­blem, ger­adezu großar­tig grooven­dem Postrock zu tun, der sich jedes Fil­igrane selb­st in ruhigeren Momenten wohl zu verkneifen weiß.

Die drei Let­ten agieren in einem mächti­gen Kraft­feld aus Bands wie Ocean­size, Neu­ro­sis und vor allem Maserati, ers­paren dem Hör­er aber den bloßen Abklatsch. Die fünf Titel heißen “G”, “H”, “O”, “S” sowie “T” (bes­timmt hat das irgend­was zu bedeuten) und gehen erfreulicher­weise teil­weise der­art naht­los ineinan­der über, dass man sie als zusam­men­hän­gen­des Stück zu betra­cht­en gewil­lt ist, in dessen Zen­trum das mal majestätisch brül­lende, mal ener­gisch nach vorn preschende “O” mit beina­he 12 Minuten Laufzeit ste­ht, ohne dass dies beim Hören auf­fall­en würde. Es passiert so viel, Stil­wech­sel (das kurze “S” kön­nte mit sein­er dreck­i­gen Spiel­weise sog­ar alten Punks gefall­en) eingeschlossen.

Gesang wäre nur störend. Sich­er, gele­gentlich schre­it, dezent im Hin­ter­grun­drauschen ver­steckt, eine Stimme Texte wie “the greed has burnt a fire, they will nev­er sleep again” (“T”), aber wer, der nicht mitli­est, würde das über­haupt bemerken? Nein, nein: Fre­unde der gehobe­nen Sangeskun­st sind hier sicher­lich nicht so leicht zu begeis­tern, Langeweile will trotz­dem nicht aufkom­men. Wer hat da gesagt, der Postrock hätte alles erzählt, was es zu erzählen gab?

Keine Kom­pro­misse.

In den NachrichtenNerdkramsPiratenpartei
Liegengebliebenes vom 23. September 2016

Was ist bess­er — Ruby oder Python? Das kommt ganz darauf an.


Google hat einen neuen Spi­onagemes­sen­ger veröf­fentlicht. Wir sind alle recht über­rascht und ein Stück weit betrof­fen.


Ist das vom “Pos­til­lon”? Nein, von “SPIEGEL ONLINE”: Die SPD steckt im Umfragetief, Arbeitsmin­is­terin Nahles will nun ver­stärkt auf soziale Gerechtigkeit set­zen.


Schönes Fund­stück auch: Blitz und Don­ner dem Kap­i­tal­is­mus, besuchen Sie uns auf Face­book!


Deutsch/Medien, Medien/Deutsch: Der Rück­tritt eines Lan­desparteivor­sitzen­den nach ein­er ver­lore­nen Wahl heißt “Ero­sion”.


Drei Tage vor seinem Über­tritt zu den Bran­den­burg­er Grü­nen tönte der ehe­ma­lige Vor­sitzende der Berlin­er Piraten­partei, er sehe das Auss­chei­den aus dem Abge­ord­neten­haus als Chance, jet­zt außer­par­la­men­tarisch noch bessere Piraten­poli­tik zu machen. Meinen her­zlichen Glück­wun­sch an dieser Stelle an die Bran­den­burg­er Grü­nen zu ihrem moralisch inte­gren Neuzu­gang. Sel­ten habe ich einen geeigneteren Grü­nen gese­hen.


Dazu auch und abschließend: Had­mut Danisch berichtet von Julia “Bomber Har­ris, Feuer frei!” Schramms Face­book­beitrag, in dem sie die Piraten­partei als gefährlich für das men­schliche Miteinan­der ihrer Mit­glieder beze­ich­net. Es ist schön, dass auch Julia Schramm — inzwis­chen, wie auch das Gros der ehe­ma­li­gen Berlin­er Linkspi­rat­en, bei der “Linken” — eine human­is­tis­che Seite zu haben scheint, es ist nur etwas schade, dass sie die Trans­fer­leis­tung nicht erbringt.

Sonstiges
Medienkritik CII: Bleibt so, wie ihr seid (nur schöner)! (Zwei Titelseiten.)

Per­fek­tion, schreibt die Titelredak­tion der dies­monati­gen Aus­gabe der “Women’s Health”, werde über­be­w­ertet. “L♡VE YOUR BODY”!

Nach ein paar kleinen Mod­i­fika­tio­nen natür­lich.

Women's Health: LOVE YOUR BODY

Ihr müsst nur abnehmen (“Tschüss, KILOS!”), Sport treiben (“NACKT SUPER AUSSEHEN”, “Das ulti­ma­tive Fet­tkiller-Work­out”), beim Schnack­seln auf die Regeln acht­en, acht­sam speisen (“Snacks, die nicht dick machen”) und euch die ange­sagten It-Pieces umhän­gen und schön kön­nt ihr ganz natür­lich euren Kör­p­er lieben. Sich zu ver­stellen wäre doch auch wirk­lich unange­bracht.


Die mir bis dato weit­ge­hend unbekan­nte “Neue Post” erläutert aktuell auf ihrer Titel­seite, worin eigentlich der Unter­schied zwis­chen Eheleuten und Liebe­spaaren beste­ht:

neue-post-sogar-ehe

Was der sich alles traut!

PolitikIn den Nachrichten
Projekt 18: Läuft (bei der SPD).

Die Berlin­er Wahlgewin­ner (his­torisch­er Erdrutschsieg, knapp über 20 Prozent der Stim­men) leg­en kräftig nach:

Der SPD-Parteikon­vent hat sich mehrheitlich grund­sät­zlich für das Ceta-Abkom­men mit Kana­da aus­ge­sprochen.

Es wäre freilich verkehrt, davon zu sprechen, dass eine wie auch immer geart­ete Mehrheit außer­halb der SPD “gegen CETA” wäre, denn das Prob­lem mit CETA ist und war wie auch bei TTIP noch nie seine Exis­tenz, son­dern die Art, wie es aus­ge­han­delt wird, näm­lich weit­ge­hend ver­steckt vor Volk und Regierung. Ein demokratisch abges­timmtes Han­delsabkom­men, in dessen Wort­laut das Volk als Kor­rek­tiv einzu­greifen Recht und Gele­gen­heit hat, wäre ver­mut­lich eines, gegen das Protest sein­er Grund­lage ver­lustig gin­ge. So aber hat der desig­nierte Expoli­tik­er und Super­mark­tleit­er Sig­mar Gabriel die ehe­ma­lige Arbeit­er­partei SPD den magis­chen 18 Prozent noch ein biss­chen näher gebracht. Vom Boden der deutschen Sozialdemokratie darf nie wieder Krieg aus­ge­hen.

Ganz schön kleines Volk, das die Völkchen­partei da hat.


Pri­ma Idee übri­gens: Selb­st fahrende Autos soll­ten von Grand Theft Auto ler­nen. Das ist diese Spiel­rei­he, in der man Punk­te für’s Dingeka­put­tfahren bekommt. :aufsmaul:

In den NachrichtenMontagsmusik
Archive — Meon

Vertrauen in die Menschheit? Bei einer Wahl? Ach, woher denn.Es ist Mon­tag und das Wet­ter wagt einen ersten dezen­ten, aber dur­chaus nicht missver­ständlichen Hin­weis auf die Jahreszeit. Es ist nicht alles warm, was scheint, auch wenn sie zu wär­men scheint, Ent­fer­nung option­al.

Lei­der nicht ent­fer­nt allerd­ings: Berlin hat gewählt und die recht­spop­ulis­tis­che SPD bleibt trotz Christo­pher Lauer stärk­ste Kraft. Offen­bar mögen Berlin­er keine Men­schen, was einiges erk­lären kön­nte. Raus sind die Berlin­er Pirat­en, die sich in den fünf Jahren ihrer Beteili­gung an der Lan­despoli­tik vor allem dadurch her­vor­ge­tan haben, die Poli­tik der Grü­nen zu machen. Aber warum sollte eine Partei, die als Partei des dig­i­tal­en Wan­dels ins Abge­ord­neten­haus gewählt wurde, auch mal was anderes machen als ihre Wäh­ler zu ent­täuschen?

Apro­pos Dig­i­tal­wan­dler: Die Qual­ität der Tonaus­gabe vom iPhone ist schlecht. Aber wer, dem Tech­nik wichtiger als Form ist, kauft sich schon ein iPhone? Siri, mach’ mal die Tür auf. Smart und klug sind eben keine Syn­onyme. Dazu passt: Smart­pho­nenutzer lesen weniger. Macht ja auch keinen Spaß auf den Winz­bild­schir­men. — Vielle­icht ist die schle­ichende Ver­men­schlichung des einst Guten auch vom Schick­sal vorbes­timmt, vielle­icht ste­ht sie in den Ster­nen. Blöd nur, wer sein Horoskop zu ken­nen glaubt: Sein Sternze­ichen stimmt wahrschein­lich nicht. Hokus pokus.

Magie, sowieso.

Archive — Meon — LIVE

Guten Mor­gen.

PersönlichesPolitik
Warum ich die PARTEI nicht wähle

Seit ihrem Beste­hen hat die Partei “Die PARTEI”, die es mit­tler­weile bis ins Europäis­che Par­la­ment geschafft hat, eine treue und noch wach­sende Anhänger­schar sog­ar unter ver­meintlich Linken, die mich seit eben­so langer Zeit von der Großar­tigkeit dieser Partei zu überzeu­gen ver­sucht. Warum ich sie wählen sollte? Nun, sie sei — ich zitiere — “sehr (!) gut”, das eingeklam­merte Aus­rufeze­ichen gehört offen­sichtlich zum Schlachtruf.

Ich nehme mir jet­zt die Zeit, ein­mal darzule­gen, warum das eine unfass­bar däm­liche Idee von mir wäre, und möchte danach nie wieder etwas davon hören.

‘Warum ich die PARTEI nicht wäh­le’ weit­er­lesen »

MusikMir wird geschlecht
Identifikationspenisse

Lesenswert, übri­gens: Offen­bar gibt es eine lauter wer­dende Min­der­heit, die auch in der Musik das Vorhan­den­sein der richti­gen Geschlechtsmerk­male über das Tal­ent stellen möchte.

Als würde das Geschlecht darüber entschei­den, ob jemand ein guter, span­nen­der oder lang­weiliger Kün­stler ist. (…) Als wür­den Konz­ertbe­such­er – männlich oder weib­lich – das Konz­ert­er­leb­nis danach bew­erten, ob die gespiel­ten Kom­pon­is­ten oder gar die Per­son am Pult Geschlechtsgenossen sind oder nicht.

Ich für meinen Teil wäre nicht völ­lig unzufrieden damit, spiel­ten Radios mal was anderes als 90er-Pop mit Ohren betäuben­dem Frauenge­sang; aber ich bin natür­lich auch ein biss­chen eigen, was Musik bet­rifft.

PolitikIn den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Bautzens anderes Level

Zu irgendwelchen Auss­chre­itun­gen in Bautzen (Sach­sen, natür­lich) berichtet “ZEIT ONLINE”:

Nach Angaben der Polizei standen am Mittwochabend auf einem Platz rund 80 gewalt­bere­ite Män­ner und Frauen über­wiegend aus dem recht­en Spek­trum 20 jun­gen Asyl­be­wer­bern gegenüber. (…) Nach Ein­bruch der Dunkel­heit seien die Asyl­be­wer­ber von der Polizei aufge­fordert wor­den, den Platz zu ver­lassen. Sie hät­ten sich aber geweigert, einige seien dann gewalt­sam gegen die Beamten vorge­gan­gen. Die Recht­en sollen daraufhin (…) auf die Asyl­be­wer­ber zugestürzt sein. (…) Aus der Rei­he der Asyl­suchen­den wur­den die Beamten den Angaben zufolge unter anderem mit Flaschen und Hol­zlat­ten bewor­fen. (…) Zwar gebe es seit etwa zwei Wochen auf dem Korn­markt ein Prob­lem mit jugendlichen Flüchtlin­gen. Auch sei es gele­gentlich zu Pöbeleien und Belei­di­gun­gen gekom­men. “Nun aber geht es um anderes Lev­el”, sagte [Ober­bürg­er­meis­ter] Ahrens.

(Her­vorhe­bun­gen von mir.)

Der “Tagesspiegel” erk­lärt, worin dieses “andere Lev­el” wohl beste­ht (Her­vorhe­bung eben­falls von mir):

Der rechte Mob jagte die jun­gen Flüchtlinge unter “Wir sind das Volk”-Rufen bis zu ihrer Unterkun­ft in der Dres­d­ner Straße.

Damit auch ja nie­mand annehme, da sei bei­d­seit­ig irgend­was unnötig eskaliert, wird hier durch die Wort­wahl noch mal sichergestellt, dass das Welt­bild nicht schief hän­gen möge.

Deutsch­land hat, wie es scheint, vor allem ein Jour­nal­is­mus­prob­lem.

In den NachrichtenComputer
Inhaltskonsumentenpflicht: Eigentor gegen Links

Apro­pos “das Inter­net nicht ver­standen”.

Das Rück­grat des Inter­nets sind bekan­ntlich Ver­linkun­gen. ob im Web oder sonst­wo. Inhalte, die nie­mand ver­linkt, sind weit­ge­hend unauffind­bar, denn was nie­mand ken­nt, kann nie­mand — allen­falls aus Verse­hen — besuchen. Um so amüsan­ter sind die Pläne für ein EU-weites “Leis­tungss­chutzrecht” zu lesen:

Draft Arti­cle 11 intro­duces in fact a right for pub­lish­ers of news pub­li­ca­tions to autho­rise the online use [repro­duc­tion and mark­ing avail­able] of their news pub­li­ca­tions.

This new sui gener­is right is due to last for 20 years from the date of pub­li­ca­tion or the rel­e­vant news pub­li­ca­tion.

Mit anderen Worten: Ver­lage — als hätte sie jemand gezwun­gen, irgend­was ins Netz zu stellen — kön­nen sich wom­öglich kün­ftig 20 Jahre lang aus­suchen, wer eine ihrer Pub­lika­tio­nen (natür­lich nicht unbe­d­ingt, ohne dafür noch Geld zahlen zu müssen) bewer­ben darf und wer nicht. Erst senden die Öffentlichen unge­fragt ins Netz und wir müssen Rund­funkge­bühren zahlen, jet­zt Ver­lage und wir sollen für Links zahlen. Wenn es den Ver­la­gen im Inter­net nicht gefällt: wir sind eigentlich auch ohne sie ziem­lich zufrieden hier. Wir sind hier zu Hause, wir kaufen hier nicht ein. Jaja, mit “freien Links” könne ein “Jour­nal­ist” seinen Leben­sun­ter­halt nicht bestre­it­en, rab­u­liert Gabor Stein­gart vom “Han­dels­blatt”, aber das erwartet doch auch nie­mand. Wenn ich mit mein­er Arbeit Geld ver­di­enen möchte, dann stelle ich sie nicht kosten­los zur Ver­fü­gung.

In eine ähn­liche Kerbe schlägt die Logik hin­ter der Entschei­dung der Adblock-Plus-Mach­er, kün­ftig selb­st “akzept­able Wer­bung” (lei­der aber nicht: gar keine) zu ver­mark­ten. Reklame im Web — zum Glück kön­nen die Wirtschafts­fuzzis Web und Inter­net nicht voneinan­der unter­schei­den, was uns wenig­stens in Usenet und IRC unsere Ruhe lässt — wird offen­bar als für bei­de Seit­en, Ver­lag und Leser, notwendi­ges Übel ange­se­hen, denn die Pflege ein­er Web­site kostet ja auch Geld und das hätte man natür­lich gern zurück. Nur: Wenn ich mich mit der Gitarre in eine Fußgänger­zone stellte und Lieder sänge, hätte ich auch keinen Anspruch auf irgend­was. Möchte ein Benutzer keine Wer­bung sehen, dann blendet er sie aus. Das ist ein dur­chaus kalkulier­bares Risiko. Auf eini­gen mein­er eige­nen Pro­jek­t­seit­en set­ze ich selb­st Wer­be­ban­ner ein, rechne allerd­ings fest damit, dass sie kaum jemand jemals zu sehen bekommt. Und das ist mir egal, denn ich habe darüber vorher nachgedacht. Ich wäre ein schlechter Ver­lag.

Wer irgendwelche Inhalte pub­liziert, der sollte sich das leis­ten kön­nen. Es ist nicht meine Auf­gabe als Kon­sument, sicherzustellen, dass der Anbi­eter mit seinem undurch­dacht­en Geschäftsmod­ell genug Ein­nah­men gener­iert. Nie­mand ist gezwun­gen, irgend­was kosten­los anzu­bi­eten, um dann unter Schmarotzern (also: für kosten­lose Inhalte nicht zahlen­den Kun­den) zu lei­den. Wenn ein Ver­lag es als große finanzielle Bürde begreift, dass seine kosten­los ange­bote­nen Inhalte kaum Ein­nah­men gener­ieren, dann hat er im Wesentlichen drei Möglichkeit­en: Er kann zur Kon­sumentengän­gelung greifen und mit aller­lei tech­nis­chen Vorkehrun­gen dazu aufrufen, die essen­zielle Sicher­heitssoft­ware (Werbe- und Script­block­ier­er) abzuschal­ten, damit der arglose Besuch­er sich beim Lesen wertvoller jour­nal­is­tis­ch­er Artikel (“Justin Bieber hat seinen Insta­gram-Account gelöscht (…). Was bedeutet das für die Zukun­ft des Pop?”, FAZ.net) wom­öglich Schädlinge ein­fängt; er kann seine Inhalte, wie es etwa die “WELT” ver­sucht, hin­ter ein­er Bezahlschranke ver­steck­en, was zwar in der Regel auch Javascript voraus­set­zt, aber wenig­stens für eine angemessene Bezahlung sor­gen dürfte; er kann auch ein­fach aufhören, irgend­was ins Netz zu stellen, wenn er doch über­haupt kein Inter­esse daran hat, dass es dort Ver­bre­itung find­et. Bedauer­licher­weise entschei­den sich die meis­ten Pub­lizis­ten für die erste der drei Möglichkeit­en.

Wenn euch, Ver­lage, diese wider­liche Kosten­loskul­tur miss­fällt, dann gibt es eine offen­sichtliche Lösung: Bleibt ihr doch ein­fach fern.

Und nehmt eure Reklame mit.

MusikIn den Nachrichten
Musikindustrie beklagt erfolgreiche Werbung durch sich selbst und ist empört.

Wie man eine Studie gründlich missver­ste­ht, erk­lärt heute mal wieder die Musikin­dus­trie (nur echt mit typ­is­chen heise-Sätzen wie “In Schwellen­län­dern wie Mexiko oder Brasilien sowie in Süd­ko­rea und Ital­ien lauschen über zwei Drit­tel der Onlin­er zu Songs auf dem Handy”, was auch immer der let­zte Teil des Satzes gram­matikalisch über­haupt heißen soll):

82 Prozent der Besuch­er des Video­por­tals (YouTube, A.d.V) nutzen die Plat­tform, um sich Musik-Clips anzuschauen und Songs zu hören. (…) 58 Prozent [von ihnen] stoßen dort auf musikalis­che Neuent­deck­un­gen. (…) Für die Labels wird damit deut­lich, dass die Gratis-Ser­vices zunehmend als Alter­na­tive genutzt wer­den, um nicht für Musik bezahlen zu müssen.

Oder eben auch, dass die kosten­lose Wer­bung ganz gut funk­tion­iert, nicht?

Ich selb­st habe auf YouTube schon manchen Kün­stler “ent­deckt”, der son­st mein­er Aufmerk­samkeit völ­lig ent­gan­gen wäre, was schade gewe­sen wäre. Allerd­ings ist das Phänomen, dass es — Panik! Panik! — Musik kosten­los im Inter­net zu hören gibt, kein neues: Als ich noch jünger war, hörte ich in neue Musikalben lieber via Nap­ster (später: Audio­galaxy, KaZaA, bis heute: eMule) hinein als mich hin­ter­her über einen Fehlka­uf zu ärg­ern. Taschen­geld und Musikver­schwen­dung passen nicht so gut zueinan­der. Seit­dem hat sich viel geän­dert: Ich kann mir heute mehr Musik leis­ten als früher, “muss” es aber sel­tener.

Was der Pio­nier Myspace einst etablierte, näm­lich Platz für Musik­er, die ihre Werke kosten­los der Öffentlichkeit zum Anhören zur Ver­fü­gung stellen woll­ten, ist heute vor allem dank Band­camp so beliebt und viel­genutzt wie nie zuvor. Diese Loslö­sung von klas­sis­chen Ver­trieb­swe­gen — mithin auch: von YouTube, denn die dor­tige Ton­qual­ität hält sich doch meist in engen Gren­zen, was die Aufre­gung über YouTube noch anachro­nis­tis­ch­er scheinen lässt als sie es ohne­hin ist — bedeutet auch einen Wech­sel der Par­a­dig­men und mehr Frei­heit­en (sowie ger­ingfügig mehr Pflicht­en) für die Musik­er selb­st. Manche lassen ihre Alben im Voraus von ihren fans bezahlen (“Crowd­fund­ing”), manche stem­men diese Bürde selb­st, ver­lassen sich aber dafür hin­sichtlich der Wer­bung auf die crowd, die über Musik­blogs wie Schall­gren­zen, Nicoro­la und 33rpmPVC ihren Teil dazu beiträgt, dass geile Musik auch geile Aufmerk­samkeit erfährt. Die wesentliche Rolle ein­er Plat­ten­fir­ma, Finanzierung und Ver­mark­tung näm­lich, füllt heute ein Musik­er, der tech­nisch ver­sierte Fre­unde oder selb­st aus­re­ichend viel Inter­esse am The­ma hat, dank der ver­dammten Dig­i­tal­isierung bei Bedarf gän­zlich allein aus.

Das Inter­net, diese Tod und Unglück brin­gende Hydra, ist insofern natür­lich ein Feind der Plat­ten­fir­men; den sie indes nicht schla­gen kön­nen, so sehr sie es auch ver­suchen. Das haben sie zum Teil bere­its erkan­nt, immer­hin unter­hält unter anderem Vevo (eine Part­ner­schaft zwis­chen, Sony Music “Enter­tain­ment” und der Uni­ver­sal Music Group) außer­halb der Ein­flusssphäre der GEMA jew­eils einen gut gefüll­ten YouTube-Kanal für eine ganze Menge an reichen, schö­nen, berühmten und teil­weise nicht völ­lig üblen Musik­ern aus dem eige­nen Port­fo­lio und Lizen­zverträge mit den ein­schlägi­gen Stream­ing­di­en­sten, die sich ins­beson­dere dadurch ausze­ich­nen, dass die Musik­er noch weniger Geld dafür bekom­men als es ohne­hin bere­its der Fall ist, tun ihr Übriges. Die Musikin­dus­trie fand nun also über­rascht her­aus, dass dadurch, dass sie kosten­los Musik zur Ver­fü­gung stellt, viele Men­schen diese kosten­lose Musik auch hören, ohne etwas dafür zu bezahlen. Wenn das doch nur jemand geah­nt hätte!

Ent­fiele YouTube, ent­fiele also nichts als ein weit­er­er Ver­trieb­sweg. Für das Gros der fiesen Ver­brech­er vor dem Bild­schirm, die diesen Ver­trieb­sweg als poten­zielle Kun­den gern weit­er­hin beschre­it­en wür­den, würde sich allen­falls ein dig­i­tales Leseze­ichen ändern, für die Lizen­z­in­hab­er aber wird sich die fehlende Möglichkeit der Gratispro­pa­gan­da über YouTube mit ziem­lich­er Sicher­heit sehr unan­genehm auf die Bilanzen auswirken.

Im Orig­i­nalar­tikel heißt es weit­er­hin:

Nutzer­rechte müssten aber so gestal­tet sein, dass sie nicht Geschäftsmod­ellen Vorschub leis­teten, “die let­ztlich nur schmarotzen und die Kreativ­en und ihre Part­ner nicht an den Ein­nah­men par­tizip­ieren lassen”.

Zum Beispiel dem der Musikin­dus­trie, die ihren Kün­stlern, wenn es ganz blöd kommt, unge­fähr 4,5 Prozent von den Ein­nah­men eines Albums abgibt. Für Musik bezahlen, geht es nach ihrem Willen, also vor allem diejeni­gen, die sie über­haupt erst aufnehmen.

Der Tod der Musikin­dus­trie wird ein ret­ten­der sein. Stoßen wir darauf an!

(via Schw­erdt­fe­gr)


Meine diesjährige Kan­di­datur blieb erwartungs­gemäß hin­ter den Erwartun­gen zurück. Vielle­icht hätte ein anderes Wahlkampf­mot­to geholfen: Wählen Sie mich bloß nicht!