Im Jahr 2016 feiern nicht wenige Aktivisten ein Jubeljahr des Webs als technische Revolution, oft, weil sie sich gar nicht dessen bewusst sind, was für ein eigentlich nebensächlicher Aspekt des Internets das Web eigentlich ist, oft auch nur in dem Irrglauben, das Web sei im Gegensatz zum Usenet endlich und allein eine brauchbare Art, Informationen vernetzt dauerhaft darzustellen.
Dabei ist das Web eigentlich nicht viel mehr als ein spät geborener Krüppel, dem allein seine reichen Eltern zugute kommen.
Bevor das Web in seiner heutigen Form existierte, gab es mit dem wundervollen Gopher bereits ein universitär erdachtes und erprobtes Protokoll, dessen Bedienoberfläche aus strukturierten Verzeichnissen bestand und das mit Diensten wie Veronica bereits bequem durchsuchbar war, als das Web noch aus handverlesenen Linklisten bestand. Obwohl es zumindest brauchbare Gopherclients für die meisten Betriebssysteme (Android eingeschlossen) gibt und das Protokoll wegen seiner Einfachheit recht trivial zu implementieren ist, fällt die Entfernung aus den meisten Browsern (Firefox hörte mit der Version 4.0 beinahe auf, Gopher zu unterstützen, und auch beim Internet Explorer dauerte es nicht lange) nicht zufällig mit einem vermeintlichen Niedergang des ganzen Netzes zusammen. Für Werbetreibende ist Gopher eben nicht annähernd so anziehend wie für uns, die wir eigentlich manchmal nur gern strukturierte Informationen abrufen möchten. Gopher “kann” kein Javascript und unterstützt vom design auf der Serverseite her erfreulicherweise praktisch nichts, weder irgendwelche dynamischen Einblendungen noch Zählpixel noch Malvertising. (Diese Lobhudelei sei zumindest zum Lesen empfohlen.) Da ist es tatsächlich wenig erstaunlich, dass sich die Vermarktungsbudgets der letzten zwei Jahrzehnte vorrangig darauf konzentriert haben, das Web als neues großes Ding anzupreisen. Litfaßsäulen sind ja auch praktischer als Bäume, wenn man Plakate anbringen will.
Am mangelnden content soll es wahrlich nicht liegen, es gibt eine Gopherversion der Wikipedia sowie diverse Möglichkeiten, ein beliebiges blog (Weblog) zum phlog (Gopherlog) zu machen, für WordPress zum Beispiel mit WP2Gopher. (Anmerkung in eigener Sache: Meine Blogsoftware wird voraussichtlich vor Veröffentlichung der Version 5, was sich durchaus noch ändern kann, Nachtrag: eines Tages ebenfalls gopherfähig gemacht werden. Näheres dazu folgt zu gegebener Zeit.) Es sind jedoch zu viele Generationen (nämlich zumindest zwei) mit dem allgegenwärtigen Werbesprech vom Muss-man-haben-Blinkeweb aufgewachsen, und so etwas wie Facebook und YouTube gibt es im Gopherspace tatsächlich nicht, schon aus technischen Gründen: Gopher ist eine (sehr willkommene) Möglichkeit, vorhandene Dokumente visuell aufzubereiten und darzustellen. Es gibt über die zumindest vorhandene Unterstützung für HTML-Dateien (wer unbedingt Disqus auf seiner Gopherseite einbinden möchte, könnte es über diesen Umweg versuchen) hinaus keine Möglichkeit, irgendeine “Mitmachfunktion” zu integrieren, und wer das Web als lustigen Abenteuerspielplatz statt als Informationsquelle betrachtet (was sicherlich so manches erklären kann), der ist hier falsch. Isso.
Allein: Selbst als Abenteuerspielplatz taugt das Web in seiner heutigen, wenig einladenden Form nur sehr bedingt, denn außer in Scheiße (Phishingseiten, Malvertising, Linuxforen) tritt man dort gelegentlich auch ins Leere, da die Ziele der dortigen hyperlinks, die Stütze der frühen “Vernetzung”, schnell einmal kommentarlos verschwinden und auch das Webarchiv keine vollständige Sammlung ist und sein kann. “Vernetzung” setze ich hier deshalb in Anführungszeichen, weil es das Wesen eines Netzes ist, dass die miteinander verknüpften Knoten einander kennen und kein Knoten einseitig beschließen kann, nicht mehr am anderen zu hängen. Diese zutreffende Erkenntnis, die im ersten Entwurf des “Webs” noch ausdrücklich erwähnt wurde, verlor in der tatsächlichen Umsetzung bedauerlicherweise an Wert. Diese eher papierne Vorstellung von der “Verlinkung” von Dokumenten, als seien sie nicht viel mehr als Fußnoten in einem Buch, wird allerdings geschichtlich geradezu lächerlich gemacht vom Xanadu-Projekt, das bereits im Jahr 1960 mit der Ideenfindung begann, wie ein Dokumentennetz aussehen könne, das sich über die Einbahnstraßennatur von “Vernetzungen” in Büchern und Aufsätzen hinwegsetzen könne, und zu dem Schluss kam, dass eine Vernetzung digitaler Dokumente nur dann funktionieren könne, wenn Quell- und Zielknoten ständig voneinander wüssten, ein zitierter Text etwa also jederzeit über die Texte informiert sei, die auf ihn verweisen, und Änderungen beidseitig automatisch abgeglichen würden. Als etwa GeoCities abgeschaltet wurde und plötzlich sehr viele sehr alte Querverweise im Web zu funktionieren aufhörten, löste ReoCities also ein Problem, das es eigentlich gar nicht hätte geben müssen.
Trotz mehrerer funktionierender Implementierungen verschiedener Aspekte von “Xanadu”, etwa CosmicBook (2003), hat sich trotzdem bis auf Weiteres das Web durchgesetzt, das als Quelle für vernetzte Informationen, wie dargelegt, kaum tauglich ist und mit seinem Fokus auf Dynamik und Farbenreichtum auch visuell eine zwar verspielte, Gopher aber keinesfalls überlegene Darreichungsform ist.
Wer auch immer den Nachfolger des Webs zu definieren plant, er sollte vom Alten lernen statt immer schlimmeres Neues zu versuchen. Alles, was dafür nötig ist, gibt es schon längst:
- Dokumente (ob nun HTML, Word oder was auch immer das nächste große Ding sein mag) benötigen zur sinnvollen Nutzbarkeit eine strukturierte Aufbereitung mit im Bestfall serverübergreifender Suchfunktion.
- Vernetzung sollte Einbahnstraßenverweise ablösen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, wieso Quelle und Ziel eines Verweises einander nicht aktiv kennen sollten.
- Interaktivität muss als Chance, nicht als Pflicht begriffen werden. Das Maximum an Interaktivität, das eine durchschnittliche Website benötigt (wobei das wiederum strittig sein kann), ist eine einseitige Möglichkeit, den Seitenbetreiber zu kontaktieren. Das Gegenteil ist für Diskussionsforen der Fall. Interaktivität aus Modernitätsgründen ist aber immer und grundsätzlich schlechte Interaktivität.
Das kann doch nicht so schwer sein.

Danke.
Wofür?
Für den Artikel.
Da stand erst noch jede Menge Geschafel in meinem Kommentar, aber das ließ sich im Endeffekt in einem Wort zusammenfassen. Perlentauchen im Sommerloch und tatsächlich eine gefunden, die mir gefällt.
Verstehe. Bitteschön!
Ich suche bisher auf Deiner Seite nach bspw. solchen Hinweisen: Benutzt hier jemand BSD? Dann habt Ihr ein Problem…
Nur so als Anmerkung…
Ansonsten “Danke” für den Artikel!
Musst du Kommentare lesen.