Nerdkrams
Tore zum Mistmachweb

Browser, so ertönt ein viel­fa­cher gequäl­ter Aufschrei die­ser Tage, über­bö­ten sich dar­in, immer grö­ßer und funk­ti­ons­rei­cher zu wer­den, so dass auch ehe­dem leich­te Programme wie Mozilla Firefox nicht sofort nach ihrem Aufruf auf dem Bildschirm erschei­nen. Schlimm sei das, was hät­ten sich die­se Programmierer nur dabei gedacht?

Dabei kön­nen die gar nichts dafür. Schuld ist die glei­che schreck­li­che Gruppe von Menschen wie einst beim Leistungsschmutzrecht: Es kamen Werber, die ein text­la­sti­ges welt­wei­tes Kommunikationssystem - das Internet - sahen und der Meinung waren, was da noch drin­gend feh­le, sei­en Produktinformationen. Sie kamen in unse­re hood, über­schmier­ten unse­re wei­ßen Wände mit grell­bun­ten und fun­keln­den Graffiti und beklag­ten sich noch bei uns, wenn wir ihren Vandalismus ein­fach wie­der rück­gän­gig mach­ten. Sie kamen unein­ge­la­den auf eine frem­de Party und woll­ten dann Geld dafür sehen.

Klar, mit einem grif­fi­gen Schlagwort schmeckt jede Medizin. Web 2.0. Was das bedeu­tet? Fragt mal das BWL-Abbrechergeschmeiß, das klei­nen und grö­ße­ren Firmen heu­te als con­sul­tant einen Knoten in die Ohren quatscht. „Naja, irgend­was mit Mitmachen.“ Mitmachinternet am Arsch. Es gibt kei­ne Besucher mehr, es gibt nur noch Teilnehmer. Willkommen im Blafasel-Mistmachweb. Und was man da nicht alles mit­ma­chen muss! Die durch­schnitt­li­che Website ist etwa 1,5 MB groß; und das betrifft nur Websites, noch nicht ein­mal SaaS-Angebote (nicht mit SARS zu ver­wech­seln, SARS lässt wenig­stens die Augen intakt) wie Online-Officepakete, die im Wesentlichen dem Zweck die­nen, dass man als Entwickler künf­tig Miete statt nur ein­ma­li­ger Zahlungen ver­lan­gen kann. Die 1,5 MB ver­steht man viel­leicht ein­fa­cher, wenn man sie auf­drö­selt. Ohne gigan­ti­sches JavaScript kein Kommentieren. Textfelder sind die­sen Fatzken, die auf Web.de nach Google suchen, eben nicht sozi­al genug.

Mitmachen konn­te man schon frü­her, als das Internet noch vor­ran­gig in Hochschulen benutzt wur­de. Damals kam con­tent eben­so theo­re­tisch von jedem Teilnehmer wie er gele­sen wer­den konn­te, nicht umsonst trägt das Usenet („Benutzernetz“) noch heu­te die­sen Namen. Die Wikipedia als spä­ter Ausläufer die­ses Kollektivgedankens ist ohne­hin ein bekann­tes altes Beispiel.

Ein Webbrowser ist ein Webbrowser ist ein Webbrowser ist kein Gemüse. Der Browser ist kein Hypertextclient mehr, er ist gleich­zei­tig eine Laufzeitumgebung für aller­lei JavaScript-Irrsinn. Wisst ihr noch, als man dar­über lach­te, dass GNU Emacs (bekannt­lich eine Laufzeitumgebung für Emacs Lisp mit Editorfunktionen, nicht anders­her­um) sich irgend­wie lang­sa­mer anfühl­te als Vim? So ähn­lich ist es mit Browsern. Ein Webbrowser ist, so wollen’s die Wirtschaftler, zwar das vir­tu­el­le Tor zur Welt, aber bit­te nur bis zur näch­sten Bezahlschranke. Man kann kom­ple­xe Anwendungen wie Excel unter Windows aus­füh­ren, war­um soll­te man das nicht auch in einem Dokumentenbetrachter (was ein Webbrowser nun mal eigent­lich sein soll­te) tun kön­nen? - Ich känn­te da ein paar Gründe, aber ich habe natür­lich auch nicht BWL stu­diert, son­dern mache irgend­was mit Computern. Da habe ich natür­lich kei­ne Ahnung von den Bedürfnissen des Marktes.

Firefox, Chromium und ihre Abkömmlinge haben euret­we­gen, ihr Schlips tra­gen­den Empörkömmlinge, ihre Identität auf­ge­ben müs­sen, weil sie von euch für etwas zweck­ent­frem­det wer­den sol­len, was sie nie­mals bie­ten soll­ten. Vielleicht kommt ja dem­nächst einer von euch auf die gran­dio­se Idee, dass der Markt euret­we­gen wie­der Platz hat für einen klei­nen, schlan­ken HTML-Browser, der nicht ver­sucht, ein Betriebssystem im Betriebssystem zu sein. Midori, uzbl, alles gut und schön, aber da habt ihr eure gie­ri­gen Griffel noch nicht drin, das muss sich ändern.

Unser Web ist kei­ne Litfaßsäule, kein Produktkatalog, kei­ne Plattform und kein Markt. Wir sind sein Volk, nicht eure Kunden. Wir wol­len Informationsaustausch betrei­ben kön­nen und uns manch­mal ein­fach nur infor­mie­ren las­sen. Wir wol­len kei­ne über­di­men­sio­nier­ten touch-Gestaltungen auf unse­rem Tastatur-und-Maus-Gerät. Wir wol­len eure Werbescheiße nicht. Wir wol­len unse­ren Rechner nicht durch das Aktivieren von JavaScript noch angreif­ba­rer machen, weil sonst die gan­ze Seite nicht ange­zeigt wer­den kann, weil eure Blinkewerbung das so will. Wir wol­len kein Betriebssystem im Betriebssystem hoch­fah­ren müs­sen, um die Nachrichten zu lesen. Ganz beson­ders aber wol­len wir nie­man­den, der die Regeln des Spiels nicht kennt, das Spiel kampf­los gewin­nen lassen.

Es soll­te euch nach­denk­lich stim­men, wenn immer mehr Leute lie­ber einen Trampelpfad ein­schla­gen als eure aggres­siv beleuch­te­ten Straßen ent­lang­zu­krie­chen. Kulturpessimismus? Nicht doch; Kultur bedarf wachen Geistes. Ihr seid mit eurem Verständnis von der Welt, dass alles und jeder eine Ware ist, das para­si­tä­re Gegenteil von Kultur. - Aber was red‘ ich? Die Großflächenspammer sind längst wei­ter­ge­zo­gen, unse­re rau­chen­den Ruinen inter­es­sie­ren sie nicht mehr. Das „Web 3.0“, das „mobi­le Internet“, rui­nie­ren die­se Gestalten sicher­heits­hal­ber schon im Voraus. Moderne Smartphones haben doch acht Kerne, könn­te man da nicht…? Das seit jeher kom­mer­zi­ell ori­en­tier­te Windows Phone ist da viel­leicht vor­bild­lich, dort ist selbst die Dropbox-app nicht nen­nens­wert mehr als die Dropbox-Website mit einem zusätz­li­chen Werbebanner.

Auf dem Browser der Zukunft soll­te „Bitte kei­ne Werbung ein­wer­fen“ stehen.

Senfecke:

  1. Wieso sehe ich auf dei­nem Blog in der mobi­len Ansicht denn immer so ein sich ver­än­dern­des Amazon-Banner? :aufsmaul:
    Deine -ein­schät­zung zu Chrome ist zu nett. Chrome ist der glei­che Mist wie der Internet Explorer: Ein Werkzeug, mit dem ein ein­zel­ner Content- und Cloud-Mafioso zum Entscheider über kom­men­de Web-Standards wer­den will. Chromium ist Open Source, ja, aber ohne Google fällt das Projekt sofort in sich zusammen.

    Falls du noch den Firefox nutzt: Mit Request Policy und irgend­et­was zum Pop-Ups blocken hat sich die gan­ze Sache schon. Irgendjemand hat die­sen Werbeheinis näm­lich erzählt, dass man aber auch jede noch so klei­ne JS-Bibliothek auf irgend­ei­nen US-Server aus­la­gern soll. Ergebnis: Ohne die­se Verbindungen ent­steht fast schon eine himm­li­sche Ruhe.
    So braucht es auch kei­ne Werbeblocker mehr: Was an Werbung übrig­bleibt sind Bilder auf dem Server der Webseite, dage­gen habe ich per­sön­lich nicht viel. So sieht wenig­stens kein Werbenetzwerk mit.

    • Weil du kei­nen Werbeblocker hast? ;)

      Zu Chrome hat­te ich mich hier schon oft (nicht immer nett) geäu­ßert; nur: jeder gro­ße Browser hat eine Firma im Nacken, die nichts gegen etwas mehr Einnahmen hät­te, oder? Dass Google Webstandards zu ver­ach­ten scheint, ist hier nicht das Thema, dazu hat­te ich hier schon mal was. Hier auch was über die Werbeanfälligkeit von Chrome.

      RequestPolicy ver­trägt sich nicht so gut mit Seiten, die ein­fach nur ein CDN ver­wen­den, glau­be ich.

  2. Gut aus­ge­kotzt. Allerdings fehlt mir die Schärfe in Deiner Kotze. Nebenbei: Selbstverständlich ist das Web ist eine Litfaßsäule, ein Produktkatalog, eine Plattform und ein Markt.

  3. made my day!

    ich lad mir web­sites mit lynx run­ter und les sie dann in sub­li­me oder vim… (: kei­ne Bilder, kein JavaScheiss… und was nicht im Body steht, dass inter­es­siert mich nicht… … … REALLY?

    nett geschrie­ben… lei­der wahr…

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