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Musikindustrie beklagt erfolgreiche Werbung durch sich selbst und ist empört.

Wie man eine Studie gründlich missversteht, erklärt heute mal wieder die Musikindustrie (nur echt mit typischen heise-Sätzen wie „In Schwellenländern wie Mexiko oder Brasilien sowie in Südkorea und Italien lauschen über zwei Drittel der Onliner zu Songs auf dem Handy“, was auch immer der letzte Teil des Satzes grammatikalisch überhaupt heißen soll):

82 Prozent der Besucher des Videoportals (YouTube, A.d.V) nutzen die Plattform, um sich Musik-Clips anzuschauen und Songs zu hören. (…) 58 Prozent [von ihnen] stoßen dort auf musikalische Neuentdeckungen. (…) Für die Labels wird damit deutlich, dass die Gratis-Services zunehmend als Alternative genutzt werden, um nicht für Musik bezahlen zu müssen.

Oder eben auch, dass die kostenlose Werbung ganz gut funktioniert, nicht?

Ich selbst habe auf YouTube schon manchen Künstler „entdeckt“, der sonst meiner Aufmerksamkeit völlig entgangen wäre, was schade gewesen wäre. Allerdings ist das Phänomen, dass es – Panik! Panik! – Musik kostenlos im Internet zu hören gibt, kein neues: Als ich noch jünger war, hörte ich in neue Musikalben lieber via Napster (später: Audiogalaxy, KaZaA, bis heute: eMule) hinein als mich hinterher über einen Fehlkauf zu ärgern. Taschengeld und Musikverschwendung passen nicht so gut zueinander. Seitdem hat sich viel geändert: Ich kann mir heute mehr Musik leisten als früher, „muss“ es aber seltener.

Was der Pionier Myspace einst etablierte, nämlich Platz für Musiker, die ihre Werke kostenlos der Öffentlichkeit zum Anhören zur Verfügung stellen wollten, ist heute vor allem dank Bandcamp so beliebt und vielgenutzt wie nie zuvor. Diese Loslösung von klassischen Vertriebswegen – mithin auch: von YouTube, denn die dortige Tonqualität hält sich doch meist in engen Grenzen, was die Aufregung über YouTube noch anachronistischer scheinen lässt als sie es ohnehin ist – bedeutet auch einen Wechsel der Paradigmen und mehr Freiheiten (sowie geringfügig mehr Pflichten) für die Musiker selbst. Manche lassen ihre Alben im Voraus von ihren fans bezahlen („Crowdfunding“), manche stemmen diese Bürde selbst, verlassen sich aber dafür hinsichtlich der Werbung auf die crowd, die über Musikblogs wie Schallgrenzen, Nicorola und 33rpmPVC ihren Teil dazu beiträgt, dass geile Musik auch geile Aufmerksamkeit erfährt. Die wesentliche Rolle einer Plattenfirma, Finanzierung und Vermarktung nämlich, füllt heute ein Musiker, der technisch versierte Freunde oder selbst ausreichend viel Interesse am Thema hat, dank der verdammten Digitalisierung bei Bedarf gänzlich allein aus.

Das Internet, diese Tod und Unglück bringende Hydra, ist insofern natürlich ein Feind der Plattenfirmen; den sie indes nicht schlagen können, so sehr sie es auch versuchen. Das haben sie zum Teil bereits erkannt, immerhin unterhält unter anderem Vevo (eine Partnerschaft zwischen, Sony Music „Entertainment“ und der Universal Music Group) außerhalb der Einflusssphäre der GEMA jeweils einen gut gefüllten YouTube-Kanal für eine ganze Menge an reichen, schönen, berühmten und teilweise nicht völlig üblen Musikern aus dem eigenen Portfolio und Lizenzverträge mit den einschlägigen Streamingdiensten, die sich insbesondere dadurch auszeichnen, dass die Musiker noch weniger Geld dafür bekommen als es ohnehin bereits der Fall ist, tun ihr Übriges. Die Musikindustrie fand nun also überrascht heraus, dass dadurch, dass sie kostenlos Musik zur Verfügung stellt, viele Menschen diese kostenlose Musik auch hören, ohne etwas dafür zu bezahlen. Wenn das doch nur jemand geahnt hätte!

Entfiele YouTube, entfiele also nichts als ein weiterer Vertriebsweg. Für das Gros der fiesen Verbrecher vor dem Bildschirm, die diesen Vertriebsweg als potenzielle Kunden gern weiterhin beschreiten würden, würde sich allenfalls ein digitales Lesezeichen ändern, für die Lizenzinhaber aber wird sich die fehlende Möglichkeit der Gratispropaganda über YouTube mit ziemlicher Sicherheit sehr unangenehm auf die Bilanzen auswirken.

Im Originalartikel heißt es weiterhin:

Nutzerrechte müssten aber so gestaltet sein, dass sie nicht Geschäftsmodellen Vorschub leisteten, „die letztlich nur schmarotzen und die Kreativen und ihre Partner nicht an den Einnahmen partizipieren lassen“.

Zum Beispiel dem der Musikindustrie, die ihren Künstlern, wenn es ganz blöd kommt, ungefähr 4,5 Prozent von den Einnahmen eines Albums abgibt. Für Musik bezahlen, geht es nach ihrem Willen, also vor allem diejenigen, die sie überhaupt erst aufnehmen.

Der Tod der Musikindustrie wird ein rettender sein. Stoßen wir darauf an!

(via Schwerdtfegr)


Meine diesjährige Kandidatur blieb erwartungsgemäß hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht hätte ein anderes Wahlkampfmotto geholfen: Wählen Sie mich bloß nicht!

Senfecke

Bisher gibt es 3 Senfe:

  1. auf youtube werden doch immer mehr clips vorher, nachher und zwischendurch mit werbungsclips verbunden.
    reicht das nicht zur monetarisierung?
    der musikinteressierte reinhöhrer wirds verkraften.
    blöder ist das natürlich für die kids, die auf feten einfach ne youtube-playlist anschmeißen (wir haben das jedenfalls vor 10 jahren so gemacht^^), weil ständige werbeclips natürlich auf ner party extrem nerven.

  2. Prost!

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