NetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Straßengucken 2.0

Google Street View erhitzt die Gemüter, Für und Wider trompe­ten dem gen­ervten Leser derzeit von jed­er Nachricht­en­seite und aus jedem Weblog ent­ge­gen. Manche (via) machen sich über die ver­meintliche Para­noia lustig, andere stim­men in den gefährlichen Dumm­schwall eines Mark Zucker­berg (Face­book immer­hin) mit ein, der ein­mal sagte, wer nicht wolle, dass er im Inter­net erscheint, sei selb­st dafür ver­ant­wortlich, Daten­schutz sei eh von gestern:

Wer nicht will, dass das Bild seines Haus­es bei Google Street View erscheint, der hätte sein Haus nicht an eine öffentliche Straße bauen sollen. So ein­fach ist das.

Anders, mithin etwas niveaulos­er, aber präg­nan­ter aus­ge­drückt: Wer nicht will, dass sich mit ein­er Kam­era bewaffnete Unter­arm­fetis­chis­ten täglich einen auf seinen Anblick run­ter­holen, sollte keine T‑Shirts mehr tra­gen. Auch das ehe­ma­lige Nachricht­en­magazin SPIEGEL Online geizt nicht mit der­lei Plat­titü­den: Sorge um den Daten­schutz sei in ein­er offe­nen, glob­al ver­net­zten, kom­mu­nika­tiv­en Welt nicht zeit­gemäß. Also weit­er CDU wählen. (Das ste­ht da allerd­ings nicht.)

Man muss aber auch zugeben, dass die Protestler sich in der Öffentlichkeit oft ziem­lich däm­lich anstellen:

“Ich sehe gar nicht ein, dass jemand ohne mein Ein­ver­ständ­nis mein Haus fotografiert”, sagt Lud­wig Hillesheim aus Wer­sten.

Wem das Haus gehört, vor dem er auf der ange­fügten Fotografie zu sehen ist, geht aus dem Artikel nicht her­vor, es sollte mich aber auch nicht son­der­lich erstaunen, ist es das seine. (Dass Google den Artikel mit seinem Namen und seinem Bild längst indiziert haben dürfte, wage ich beina­he schon gar nicht mehr zu erwäh­nen.)

Zu mein­er Zeit hat­te man noch Spaß am Reisen, erforschte die großen Städte dieser Welt per pedes und nicht per Com­put­er. Dass kein hoch auflösender Bild­schirm dieser Welt diese Ein­drücke auch nur annäh­ernd ver­mit­teln kann, ist eigentlich selb­stver­ständlich, den­noch ist das häu­fig­ste Argu­ment, das mir bis­lang ent­ge­gen­scholl, dass man jet­zt auf Besich­ti­gungs­tour gehen könne, ohne seinen Hin­tern vom Sofa erheben zu müssen, “man hat ja noch anderes zu tun”, zum Beispiel bei Google rumk­lick­en.

Netzwertig.com nen­nt Street View “Perlen vor die Säue wer­fen”, also etwas Exzel­lentes einem unwerten Pöbel kre­den­zen — mit “Pöbel” meinen die uns — und rät: “Die sind’s nicht wert. Google, lass es ein­fach sein”.
Nun, das sind wir uns in der Tat nicht wert. Google, lass es ein­fach sein.

Danke im Voraus.


Nach­trag: Wer hat eigentlich die unsin­nige Mode einge­führt, alles, was einem Zweck dient, als “Tool” zu beze­ich­nen? For­mu­la­re auf Web­seit­en wer­den nun­mehr als “Online-Tool” deklar­i­ert; wie nen­nen diese Leute dann eigentlich Fen­ster? “Raus­guck-Tools”?

Sonstiges
Vier Variationen einer Rumwerbung

Ken­nt man:

Ken­nt man weniger:

Ver­ste­ht man oft erst beim zweit­en oder drit­ten Hin­schauen und ist auch eher so lala:

Ist gar kein Cap­tain:

(Was mich ja an dieser Wer­bung aufregt, ist dieser schreck­lich genuschelte Spruch am Ende. Gad­delid­del, Käpt’n Inju? Zu mein­er Zeit hieß der noch Iglo. Hin­weis: Das erste Bild oben entstammt nicht mein­er Fed­er, son­dern dem entsprechen­den Wer­be­film auf YouTube.com.)

Projekte
TinyTodo build 20100811 (für Ungeduldige)

Nach­dem ich mehrfach darauf ange­sprochen wurde:

Ja, TinyTo­do wird immer noch weit­er­en­twick­elt; allerd­ings nicht so schnell wie erhofft. Nichts­destotrotz ist es weit genug fort­geschrit­ten, um euch heute in ein­er halb­wegs öffentlichkeit­stauglichen Ver­sion präsen­tiert zu wer­den.

Und zwar nach einem Klick auf das Bild­schirm­fo­to:

Voraus­ge­set­zt wird eine Instal­la­tion des AIR-Frame­works ab Ver­sion 2; das sollte aber bei den meis­ten mein­er Leser ohne­hin der Fall sein. Native Binär­pakete fol­gen eventuell später.

Was schon geht:
Das Hinzufü­gen und Löschen von Kat­e­gorien und Auf­gaben, das Markieren als “erledigt”, brand­neu auch das Definieren von “Dead­lines”, “heutige” Ter­mine wer­den zum Beispiel als “fäl­lig” markiert.

Was noch fehlt:
Eine Edi­tier­funk­tion für Kat­e­gorien und Auf­gaben (workaround: Löschen und neu anle­gen), grafis­ch­er Schnickschnack (TinyTo­do sieht im Moment noch ziem­lich beschä­mend aus), Anzeige zukün­ftiger Ter­mine, Pop­up-Benachrich­ti­gun­gen, Ani­ma­tio­nen, Klänge und ähn­lich­es. Geduldet euch, kommt noch alles.

Dies nur als Zwis­chen­stand. Rück­mel­dung nehme ich trotz­dem gern ent­ge­gen.

PolitikSonstigesNetzfundstückeIn den Nachrichten
Besser, weil anders.

Manch­mal begeg­net man Din­gen und Ereignis­sen und denkt sich: “Was haben die sich nur dabei gedacht?”. Beson­ders oft habe ich der­lei Erleb­nisse in let­zter Zeit, wenn ich durch die Straßen flaniere und die Wer­bung am Weges­rand flüchtig wahrnehme.

So fuhr kür­zlich ein Wer­be­fahrzeug des Unternehmens Küchen Aktuell an mir vorüber, das den wohl schön­sten slo­gan (Fre­unde des beson­ders knif­fli­gen Wort­spiels sind dazu ein­ge­laden, an dieser Stelle ihr ety­mol­o­gis­ches Lexikon entsprechend zu bedi­enen) aller Küchenausstat­ter mit sich herumtrug. Er lautete: “Anders als Andere”.

Das ist ger­adezu bril­lant!
Warum nur ist Steve Jobs das noch nicht einge­fall­en?

(Lieber ver­mut­lich ander­er Wer­be­tex­ter, der du übri­gens die grandiose Idee hat­test, ein Müs­li mit der Eigen­schaft “wenig süß” zu beschriften: Mal mit einem The­saurus ver­sucht?)


Noch während ich an dem obi­gen Abschnitt feile, taucht bei Fefe etwas auf, das ich dann auch nicht unkom­men­tiert lassen möchte, näm­lich das hier:
Da besuchen ein paar NPD’ler ein Spiel von Hansa Ros­tock bzw. haben dies vor und wer­den vorzeit­ig raus­ge­wor­fen, weil halt NPD.

Noch bevor das Spiel gegen die TuS Koblenz angep­fif­f­en wurde, ver­drängten etwa 150 Fans des FC Hansa Ros­tock die Recht­sex­tremen vom Ein­gang des Sta­dions. Während die offen­sichtlichen Mit­glieder des Sup­tras-Fan­clubs “Nazis raus” riefen, war es Udo Pastörs, dem Frak­tionsvor­sitzen­den der Lan­des-NPD, unmöglich, die Are­na zu betreten.

“20 Leute, zu denen auch Herr Pastörs gehörte, befan­den sich am Ein­gang Süd­bere­ich, wo sie von Anhängern gese­hen wur­den, die daraufhin die Gruppe am Ein­lass hin­derten”, sagte Polizeis­precherin Dörte Lem­bke den Nord­deutschen Neuesten Nachricht­en.

(…) “Jed­er Ver­such, unseren Vere­in und seine Fan­szene poli­tisch zu bee­in­flussen oder kom­plett zu miss­brauchen, ist zum Scheit­ern verurteilt!

Genau, ein echter Fußball­fan lässt sich nicht poli­tisieren. Außer gegen die NPD natür­lich. Und, Her­vorhe­bung von mir:

(…) Der Auftritt dieser Per­so­n­en ohne jeglichen Bezug zu Hansa Ros­tock stellte schlicht und ergreifend eine dreiste und dumme Pro­voka­tion dar und fand ein dementsprechend schnelles Ende.”

Die Begrün­dung ist so der­maßen däm­lich, da möchte man sich nur noch schreiend an den Kopf fassen.

“Das Denken fand man bis heute nicht.”
(Hoelder­lin, 1972, in einem ganz anderen Zusam­men­hang.)

PersönlichesSonstigesFilmkritik
Star Wars Episode I bis III: Eine selten dämliche Trilogie.

So, das musste ich erst ein­mal sack­en lassen. Aber jet­zt:

Ich gebe zu, ich bin nicht immer auf der Höhe der Zeit, was die neuesten Entwick­lun­gen auf dem Film­markt bet­rifft. Ich bevorzuge Hand­lung und Anspruch gegenüber bloßer Effek­the­is­cherei; von Shrek 3D und Avatar kenne ich fol­gerichtig bis­lang nicht ein­mal die Film­plakate. Nun begab es sich aber, dass ich während der ver­gan­genen Tage erst­mals, eher verse­hentlich, Zeuge der Ausstrahlung der drei Pro­loge der alten Star-Wars-Trilo­gie (“Episode I” bis “Episode III”, eine wun­der­liche Benen­nung, gab es so etwas wie “Episode I” bis “Episode III” doch schon vor mehreren Jahrzehn­ten) wurde, um die, als sie in den Kinos Pre­miere feiern ließen, ein Riesen­bo­hei gemacht wurde, “weil halt Star Wars”.

Indes: Ich war nie ein großer Fre­und des Sci­ence-Fic­tion-Gen­res, fand Star Trek schon immer ein­schläfer­nd und die “alte” Star-Wars-Trilo­gie auch viel zu lan­gat­mig, was mich eigentlich aus jeglich­er Diskus­sion um die “Qual­ität” der Film­rei­he auf Leben­szeit auss­chließen sollte, aus der Gemein­schaft der Nerds ohne­hin, zwinker, zwinker. Nun bin ich bere­it, ohne Vorurteile an mir unbekan­nte Medi­en her­anzutreten — auch Woody Allen hat zwis­chen­drin tod­lang­weili­gen Murks gedreht — und ihnen eine Chance zu gewähren. Jeden­falls: Ich bin ent­täuscht.

Episode I, mit großem Tam­tam und Törööö angekündigt, war der erste neue Star-Wars-Film nach diversen Dekaden voller Wieder­hol­un­gen und Verk­lärung der doch recht sim­plen Geschichte, in der viel zu viele Neben­hand­lun­gen vorkom­men, damit es nicht so schreck­lich auf­fällt, wie sim­pel die Geschichte eigentlich ist. Entsprechend “aufre­gend” ist dann auch Episode I, zum Ver­ständ­nis der Trilo­gie wom­öglich dur­chaus von Belang, aber eher auf spaßige Effek­te aus. Ver­glichen mit der Fig­ur des Darth Maul halte ich Jar Jar Binks, neben­bei bemerkt, für rel­a­tiv unblöd. Zudem apro­pos Inhalt: Junger Jedi spielt Wet­tfliegen in komis­chen Flug­geräten und gewin­nt. Habe ich das nicht schon mal irgend­wo gese­hen? So ungern ich auch auf die Aus­sagen von Mag­a­zi­nen gossen­hafter Qual­ität zurück­greife: Nun ja, für Fans ist dies vielle­icht ein zufrieden­stel­len­des, wenn auch äußerst ober­fläch­lich­es Spek­takel, für den Sci­encefic­tion-Film ist es aber sicher­lich kein Gewinn.

Episode II ist der Mit­tel­teil. Immer­hin bleibt man sich hier treu: Für Ver­lauf der Geschichte ist der zweite Teil der einzig entschei­dende, also eigentlich auch der einzige, der so etwas wie Inhalt den spek­takulären Effek­ten vorzieht. Das bedeutet: Mehr ödes Geschwafel bedeu­tungss­chwan­gere Dialoge (sehr schön per­si­fliert in der Simp­sons-Folge “Marge im Suff”), weniger Bumm und Zisch und Wiu­uu. Ach, ja, die Liebesgeschichte. Han Solo und Leia, Anakin und Ami­dala. (Mich beschlich zu diesem Zeit­punkt erst­mals der Ein­druck, die neue Trilo­gie sei nicht nur völ­lig über­laden mit irgendwelchen Spezial­ef­fek­ten, son­dern auch inhaltlich völ­lig über­flüs­sig.) Und nur der Voll­ständigkeit hal­ber: Auch, wenn Didi sich in die Rei­he der geifer­n­den Greise ein­rei­ht, die sie übere­in­stim­mend für “schnuck­e­lig” befind­en, gefällt mir Natal­ie Port­man in dem Film mal so gar nicht. Zu der über­aus blassen Erschei­n­ung kommt eine aus­ge­sprochen blasse Darstel­lung; eine bloße Sta­tis­ten­rolle wäre lei­dlich glaub­haft gewe­sen, als Autoritätsper­son bleibt sie hinge­gen augen­schein­lich eine Fehlbe­set­zung. Vielle­icht ist aber auch ein­fach nur das Kostüm doof.

Episode III ist die Episode, die zwis­chen dem Pro­log und den alt­bekan­nten “klas­sis­chen” drei Star-Wars-Fil­men ste­ht, deren Hand­lung bekan­nt ist. Hmm, was mag da wohl passieren? Wir erin­nern uns an let­ztere: Anakin Sky­walk­er ist irgend­wann zu Darth Vad­er mutiert, zuvor hat er zwei Kinder mit Ami­dala gezeugt, die vorzeit­ig starb, und die Jedi haben den “Angriff der Klonkrieger”, der in Episode II dro­hte, offen­bar über­lebt. Nun, was mag also in Episode III passieren? Aus Rück­sicht auf euch, werte Leser­schar, die es bis­lang ver­säumt haben, Episode III zu kon­sum­ieren, möchte ich inhaltlich nicht zu viel ver­rat­en. Daher nur noch ein wenig Kri­tik zum Schluss des Films: Hat­ten die Beteiligten keine Lust mehr auf so etwas wie Text? Aus­blenden — ein­blenden — Kam­eraschwenk — aus­blenden — ein­blenden — Kam­eraschwenk — … es ist schön, dass George Lucas am Ende der drit­ten Episode doch noch einge­fall­en ist, dass sein voraus­sichtlich­es Pub­likum ohne­hin schon weiß, wie die Geschichte aus­ge­hen wird. Er hätte sich allerd­ings viel Arbeit sparen kön­nen, wenn ihm das ein paar Jahre früher einge­fall­en wäre.

Von wegen “Nerds müssen Star Wars mögen”.
Nicht beein­druckt ich bin.

(Das musste mal raus.)

(Nach­trag: “Medi­enkri­tik XXXIV”, der eigentlich kon­se­quente Unter­ti­tel dieses Beitrags, fehlt aus ästhetis­chen Grün­den. Sollte jeden­falls jemand nach der Veröf­fentlichung der Medi­enkri­tik XXXV danach suchen: Dies ist sie.)

NerdkramsKaufbefehle
Stampfwerbung: Machinarium

Ich weiß, dass hier nor­maler­weise, auch wegen Desin­ter­ess­es mein­er­seits, wahrlich nicht viel von Com­put­er­spie­len zu lesen ist, aber das muss ich dann (wie auch Caschy) doch drin­gend mal erwäh­nen:

Das grandiose Spiel Machi­nar­i­um, Fre­un­den anspruchsvolleren Zeitvertreibs als bloßer öder Ballerei mit real­is­tis­ch­er Grafik längst bekan­nt, gibt es nun für kurze Zeit für ein Vier­tel des Kauf­preis­es, also 5 US-Dol­lar (etwa 4 Euro), zu kaufen. Sieht unge­fähr so aus:

Der Grund für den Preis­nach­lass ist löblich: Das Spiel wurde in etwa 90 Prozent der Fälle wegen fehlen­den Kopier­schutzes unent­geltlich bezo­gen. Durch die befris­tete Rabat­tak­tion, die am 12. August endet, soll den betr­e­f­fend­en Nichtkäufern eine Möglichkeit gegeben wer­den, ihr Gewis­sen reinzuwaschen.

Machi­nar­i­um ist, kurz zusam­menge­fasst, ein Point-&-Click-Adventure, ein Aben­teuer­spiel also, bei dem man nicht doof durch die Gegend hüpft und Leute übern Haufen ballert, son­dern in ein­er wirk­lich sehr detail­ver­liebt geze­ich­neten apoka­lyp­tis­chen Umwelt als Robot­er, der eine dro­hende Gefahr abwen­den muss, durch die Gegend stiefelt. Was wie ein Kinder­spiel klingt, ist alles andere als das; zahlre­iche Geg­n­er müssen (gewalt­los) über­wun­den wer­den, und lustig ist das Spiel auch noch.

Und ich bitte darum, diesen Satz nicht als bloße Wer­bung um der Wer­bung willen denn vielmehr als Aus­druck tiefer Überzeu­gung zu ver­ste­hen:
Macht Gebrauch von diesem Ange­bot! Das ist’s alle­mal wert.

In den NachrichtenPiratenpartei
Über flüssige Demokratie

Na, da hat die Presse ja mal wieder ein feines Fress­chen:

Liq­uid Feed­back, das in mehreren Lan­desver­bän­den der Piraten­partei, unter anderem in meinem, bere­its erfol­gre­ich einge­set­zte Votierungswerkzeug (Stich­wort: Basis­demokratie), erhitzt die Gemüter, weil man sich dafür — logis­cher­weise — iden­ti­fizieren muss und Daten­schutz zwar gegeben ist, aber die Teil­nahme somit nicht mehr voll­ständig anonym ver­läuft.

Der Vor­stand ist’s ver­ständlicher­weise inzwis­chen Leid, das The­ma Liq­uid Feed­back abzukaspern, eines sein­er Mit­glieder hat gestern die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Und ich habe mich bish­er aus dies­bezüglichen Diskus­sio­nen auf Twit­ter und in diversen Blogs her­aus­ge­hal­ten, aber so langsam schwillt mir dann doch der Hals an.

Die Inten­tion hin­ter Liq­uid Feed­back (im Fol­gen­den, auf Twit­ter­isch, als LQFB abgekürzt) war es ursprünglich, die piratige Forderung nach Basis­demokratie auch inner­halb der Partei vol­lends zu erfüllen, indem Abstim­mungen und Diskus­sio­nen eben nicht mehr allein auf Parteita­gen, son­dern glob­al über ein eigens dafür entwick­eltes Werkzeug stat­tfind­en soll­ten. So weit ein löblich­es Unter­fan­gen, an dem es nichts zu bean­standen gab; bis jeman­dem auffiel, dass man sich dafür authen­tifizieren muss (logisch; Stimm­recht bleibt den Mit­gliedern vor­be­hal­ten, und die Mit­glieder­daten­bank ste­ht zum Glück nicht offen im Inter­net herum) und dass sich das mit dem pirati­gen Selb­stver­ständ­nis nicht vere­in­baren ließe, weil man seine Anonymität aufgeben müsse. Und das ist Käse.

Wer man als Pirat ist, weiß der Piraten­vor­stand natür­lich; immer­hin verteilte er Mit­glied­sausweise und weiß, von wem er seine Mit­glieds­beiträge bekommt. Das “Prob­lem” beste­ht nun darin, dass man auch gegenüber den anderen Mit­gliedern seine Iden­tität offen­baren muss, wenn man sich Gehör ver­schaf­fen möchte. Meine lieben Beschw­er­er und Nör­gler: Wie hät­tet ihr’s denn gern? Anonyme Beteili­gung für jeden? Das wirk­lich Feine an LQFB ist es, dass es eben wegen der ver­meintlichen “Iden­tität­sof­fen­le­gung” voll­ständi­ge Trans­parenz — unverän­dert ein wichtiges Ide­al der Piraten­partei — bieten und etwaige anonyme Mauschelei so im Kern unterbinden kann.

Es ste­ht zu befürcht­en, dass sich die, die lieber mit der Presse als mit den Ver­ant­wortlichen reden, nie auch nur im Ansatz mit dem Daten­schutz inner­halb LQFB (“Ergeb­nis: angenom­men” übri­gens) auseinan­derge­set­zt haben.

LQFB jeden­falls ist bere­its in seinem aktuellen Zus­tand nicht weniger als eine Reform der Demokratie. Es wäre ein her­ber Ver­lust nicht nur für die Piraten­partei, würde das Pro­jekt vorzeit­ig eingestellt. Iso­topp schrieb in seinem (auch son­st sehr lesenswerten) Artikel hierüber:

Wenn ich jeman­dem meine poli­tis­che Macht delegiere, dann will ich wis­sen, wer das ist. Dann will ich ver­trauen kön­nen. Ver­trauen ist die Hoff­nung, daß das Ver­hal­ten ein­er Per­son in der Ver­gan­gen­heit ein unge­fähres Maß für das Ver­hal­ten dieser Per­son in der Zukun­ft ist. Es set­zt voraus, daß die Ver­gan­gen­heit offen­gelegt wird (Trans­parenz), daß die Aktio­nen und Abstim­mungen dieser Per­son unter ein­er Iden­tität erfol­gt sind (Ver­ket­tbarkeit) und daß diese Über­sicht voll­ständig ist. Weil das so ist, ist anonyme poli­tis­che Betä­ti­gung ein Wider­spruch in sich — das Poli­tis­che ist das Gegen­teil des Pri­vat­en.

Mir scheint, auch etwa vier Jahre nach ihrer Grün­dung hat die Piraten­partei ein ziem­lich­es Prob­lem mit Leuten, die ihr nur ange­hören, weil sie den Namen so geil find­en. Sie haben es ein­fach nicht ver­standen.

Musikkritik
Frogg Café — Bateless Edge

Heute fand ich in der Post wieder ein­mal ein neues Musikalbum, dessen bish­erige Kri­tiken mir aus­re­ichend zuge­sagt hat­ten, wen­ngle­ich Blind­kauf (bzw. eben Taubkauf) von Musikalben nach einem ziem­lichen Rein­fall vor nicht allzu langer Zeit nicht mehr zu meinem bevorzugten Kon­sumver­hal­ten zu zählen ist. Es erwartete mich in dem gepol­sterten Umschlag das kür­zlich erschienene Album “Bate­less Edge” von Frogg Café.

Den Baby­blauen Seit­en, dem all­ge­mein anerkan­nten deutschen Rezen­sion­sportal für gute Musik, war “Bate­less Edge” den Tipp des Monats August 2010 wert, was angesichts der vorheri­gen Tipps des Monats (Big Big Train, Dia­blo Swing Orches­tra, Induk­ti, …) eine um so größere Ehre ist. Und tat­säch­lich hat man so etwas lange nicht mehr gehört, und aus den nor­maler­weise eher für seicht­en Neo­prog empfänglichen Ju Es Äi schon mal gar nicht:

Nach Jahren des Daseins als zap­paesker “Geheimtipp”, der seine Liveen­ergie nicht auf Ton­träger zu ban­nen ver­mag, ist, wenn man der Fach­presse glauben darf (derzeit durch­schnit­tlich 13 von 15 Punk­ten auf den Baby­blauen Seit­en, 5 von 5 Ster­nen auf Progarchives.com, immer­hin noch 7 von 10 Punk­ten auf den Dutch Pro­gres­sive Rock Pages), “Bate­less Edge” der große Wurf gewor­den, auf den ebendiese Fach­presse gewartet hat. Wer eines der Vorgänger­al­ben ken­nt, der hat immer­hin den Gesang von Nick Lieto wom­öglich noch im Ohr, der eigentlich auch der einzig nen­nenswerte Kri­tikpunkt bleibt; auch auf “Bate­less Edge” bleibt er, wie ich finde, zu zaghaft. Mehr Ein­satz, der Herr!

Anson­sten hat das Sex­tett kräftig am Stil­rad gedreht. Vor­bei ist’s mit mäan­dern­den Jaz­zse­quen­zen und dem von Rezensen­ten auch schon mal zu Recht “unspek­takulär” beze­ich­neten Kansas-Gedächt­nis­prog, jet­zt hauen sie mal richtig auf die Kacke. Gen­reschubladen gefäl­lig? Von RIO/Avant (“Bel­gian Boo­gie Board”) über lufti­gen Retro­prog (“Under Wuhu Son”) bis hin zu Jaz­zrock (“Ter­ra Sanc­ta”, auf der Silbe “Jazz” zu beto­nen), nur eben in umgekehrter Stück­rei­hen­folge, spie­len sich die Musik­er quer­beet durch die Pro­gres­sive-Rock-Geschichte, ohne anstren­gend lär­mig wie etwa The Mars Vol­ta oder allzu anges­taubt wie etwa Transat­lantic zu klin­gen. Ger­ade erst­ge­nan­ntes Stück ist für mich per­sön­lich der Höhep­unkt des Albums, nicht unbe­d­ingt primär, weil es ein Instru­men­tal­stück ist und Nick Lieto sich also auf seine Instru­mente (Trompete, Flügel­horn, Klavier, Key­boards) beschränkt, son­dern weil es die deut­lich­sten Akzente set­zt. Hat­te ich bis zum Beginn dieses Stück­es noch, leicht entrückt, rhyth­misch die Glied­maßen in Zuck­en ver­set­zt, so fiel ich bei “Bel­gian Boo­gie Board” beina­he vom Sofa.

Nein, nicht etwa, weil es “Lärm” der unan­genehmen Form wäre. Vielmehr ste­ht die avant­gardis­tis­che Kom­po­si­tion im Kon­trast zu den eher schwel­gerischen Klän­gen der vor­ange­hen­den Stücke. So wenig es sich aber auch in die Titelfolge ein­fü­gen will, so passend ist es aber an dieser Stelle, direkt nach dem wohl zugänglich­sten, beina­he unauf­fäl­li­gen Gesangsstück “From the Fence”, platziert. Ver­gle­ich­bar ist es als Einzel­stück wie auch im Kon­text des Albums nur schw­er­lich, Par­al­le­len zu etwa Univers Zero, wie sie bisweilen gezo­gen wer­den, wirken arg kon­stru­iert. Das Konzept eines Pro­gres­sive-Rock-Albums, das wirk­lich Wert auf das Wort “Pro­gres­sive” legt, run­det “Bel­gian Boo­gie Board” jeden­falls per­fekt ab. Sich­er waren Hen­ry Cow immer ver­track­ter, Car­a­van immer san­fter, Kansas immer elegis­ch­er als das, was dem Hör­er hier im Frogg Café kre­den­zt wird. Sich­er ist avant­gardis­tis­ch­er Jaz­zrock keine spek­takuläre neue Erfind­ung. Frogg Café machen aber auf “Bate­less Edge” alles genau richtig. Sie erfind­en das Rad nicht neu, das erwartet auch nie­mand. Sie kon­stru­ieren hinge­gen aus dem, was die Handw­erk­er vor­ange­gan­gener Gen­er­a­tio­nen zurück­ge­lassen haben, ein eigenes Rad, das so noch nie da gewe­sen ist. Und es macht ver­dammt viel Spaß, mit ihm zu fahren, auch, wenn es eine Stei­gung zu über­winden gibt. Die grü­nen Wiesen im Tal hin­ter der Stei­gung sind es alle­mal wert.

(Und da ich ger­ade — fragt mich bitte nicht nach dem Grund — die “Deluxe Edi­tion” von Bushi­dos aktuellem Mach­w­erk betra­chte, deren 2., eben die “Deluxe-”, CD aus Instrumental‑, also raplosen Ver­sio­nen der Stücke von der 1. CD beste­ht, möchte ich doch mal pos­i­tiv her­vorheben, dass offen­bar also auch die Plat­ten­fir­ma, die unter Bushi­do lei­den muss, es als “Luxus” empfind­et, wenn er mal für die Dauer ein­er kom­plet­ten Plat­te die Fresse hält. Schade, dass die Auflage begren­zt ist.)

PolitikIn den Nachrichten
Durch den Monsun

Aktuell in den Nachricht­en wird die Flucht der Ein­wohn­er Pak­istans vor der gegen­wär­ti­gen Mon­sun­flut the­ma­tisiert; und auch wenn mir zu meinem größten Erstaunen (und ander­er­seits aber auch mit einem Grin­sen im Gesicht) da spon­tan dieser doch recht passende “Lied”-Text ein­fällt …:

Ich muss durch den Mon­sun,
hin­ter die Welt,
ans Ende der Zeit,
bis kein Regen mehr fällt (…)

…, so bekomme ich nicht nur davon das Kotzen, son­dern auch und vor allem auch von den weit­eren Umstän­den der Katas­tro­phe (drunter geht’s halt nicht, Medi­en, hm?):

Jet­zt sprin­gen Islamis­ten als Ers­thelfer ein — und liefern sich mit Amerikan­ern ein Ren­nen um die Gun­st der Opfer. (…) “In erster Lin­ie geht es darum zu helfen”, sagte ein US-Diplo­mat in Islam­abad. “Aber natür­lich sehen wir auch die Chance, unseren Ruf zu verbessern und uns als wahre Fre­unde der Pak­istan­er zu zeigen.” Man dürfe das Feld nicht radikalen Organ­i­sa­tio­nen über­lassen, betonte er. “Die wis­sen diese Sit­u­a­tion auch zu nutzen und um Sym­pa­thien bei den Men­schen zu wer­ben.”

Die USA als phil­an­thrope Auf­bauor­gan­i­sa­tion in ihrem ewigen Kampf gegen “radikale Organ­i­sa­tio­nen” (Sig­mund Freud hätte sich, nun, gefreut über der­lei Zwies­palt); ein Volk von wahren Men­schen­fre­un­den!

Und man müsste schon ein ziem­lich zynis­ch­er Men­sch sein, um hin­ter all der Hil­fs­bere­itschaft niedere Motive zu ver­muten, etwa die Tat­sache, dass die USA den Han­del mit Pak­istan für offen­bar dur­chaus prof­ita­bel hal­ten und auch son­st dafür bekan­nt sind, bei näch­ster Gele­gen­heit Revanche einzu­fordern; so ein Land ohne US-amerikanis­che Mil­itärdik­tatur und mit großen Energievorkom­men läuft in let­zter Zeit bevorzugt Gefahr, dass sich ersteres schnell ändert.

Also ein Men­sch wie ich.

PersönlichesMusikSonstiges
Neunundachtzig Null

Beza­ubernd ist es ja schon, wenn man früh­mor­gens, also gegen 10 Uhr, mit dem ÖPNV fährt und, statt sich ander­weit­ig zu beschäfti­gen, aus­nahm­sweise den laufend­en Radiosendun­gen lauscht. Um diese Zeit ist Wer­bung, abge­se­hen von der ständi­gen akustis­chen Erin­nerung daran, welchen Sender man ger­ade ertra­gen muss (für wie blöd hal­ten die ihre Zuhör­erschaft eigentlich?), noch nicht Hauptbe­standteil der Beschal­lung, aber wer denkt, damit wäre der kul­turellen Bere­icherung genü­gend Vorschub geleis­tet, der irrt:

Es ist ja dur­chaus nicht zu bean­standen, dass Mod­er­a­toren ver­suchen, das Pub­likum bei Laune zu hal­ten, doch allzu blöde Witze der Machart “er so und sie dann so, hihi­hi” (sich­er nicht zufäl­lig wer­den Radiosendun­gen zumeist von Männlein und Weiblein mod­eriert) wer­den nicht bess­er, wenn man sie täglich, unwesentlich mod­i­fiziert und min­derqual­i­ta­tiv pointiert, gluck­send wieder­holt.

Und über­haupt die Musik bzw. apro­pos wieder­holen:
Min­destens ein­mal wöchentlich erscheint kom­merziell nen­nenswerte Musik radio­tauglich­er (also fraglich­er) Qual­ität im Han­del. War­i­um zum Geier wer­den dann “Satel­lite”, “Heavy Cross” und ähn­lich­er out­put jeden Tag aufs Neue bis zum Erbrechen wieder­holt? Hal­ten es Plat­ten­fir­men nicht für nötig, ihre aktuellen Erzeug­nisse dergestalt zu bewer­ben?

Ander­er­seits ist’s ver­mut­lich auch bess­er so. (Schade, dass die Schall­gren­zen so sel­ten aus­ges­trahlt wer­den.) Ab und zu sollte man mal Radio hören, um sich wieder daran zu erin­nern, warum man das son­st nicht tut.

(Was man allerd­ings auch son­st derzeit ver­mei­den sollte, ist ein Blick in die Anzeigetafeln der so genan­nten “Gotteshäuser”, die über­schwänglich­er Hor­mone Freude über die bevorste­hen­den Ein­schu­lun­gen Aus­druck ver­lei­hen. “Ein­schu­lungs­gottes­di­en­ste” eröff­nen hierzu­lande tra­di­tionell die Schul­lauf­bahn. Anders gesagt: Das Erste, was ein Schüler lernt, ist es, einem höheren Wesen unklar­er Beschaf­fen­heit zu dienen, übri­gens ungeachtet eventueller Vorkomm­nisse, die mit Priestern und Kindern zu tun haben; und, dass blind­er Glaube immer noch für ein wichtiges und vor allem pos­i­tives Per­sön­lichkeitsmerk­mal gehal­ten wird, weil’s eben alle machen. Der Gedanke daran, eines trüben Tages eventuell selb­st mal ein Kind dieser kranken Gesellschaft auszuset­zen, erscheint täglich abstoßen­der.)

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Schockierend: Mitglied einer legitimen Partei darf Sportverein trainieren!

(Im Voraus der übliche Hin­weis; muss man ja heute immer dran­schreiben, wenn man sich dummes Geschwätz von Ewiggestri­gen ers­paren möchte: Ich bin unverän­dert Pirat und habe nicht vor, zum Anti­semitismus überzutreten.)

Unfass­bar dann auch ein Artikel wie dieser:

In Sach­sen-Anhalts klein­er Ortschaft Laucha hat die NPD bei der ver­gan­genen Kom­mu­nal­wahl 13,5 % bekom­men. Eines ihrer Mit­glieder trainiert seit langem die Jugend­mannschaft des lokalen Fußbal­lvere­ins.

Im April hat nun ein­er der von ihm trainierten Jugendlichen einen Israeli (apro­pos und würg auch Israel) tätlich ange­grif­f­en, und schon sprin­gen Lan­dess­port­bund und Jour­nal­is­ten entrüstet auf; es dürfe nicht sein, dass ein NPD-Mit­glied einen Sportvere­in repräsen­tiert, weil die NPD näm­lich voll blöd sei, und über­haupt:

LSB-Chef Andreas Sil­ber­sack hat jet­zt angekündigt, auf der näch­sten Sitzung des Gremi­ums im August eine Satzungsän­derung vorzule­gen, nach der Vere­ine, die recht­sex­treme Train­er beschäfti­gen, aus dem Sport­bund aus­geschlossen wer­den kön­nen. Auch Fördergelder wür­den ihnen in einem solchen Fall gestrichen.

Kün­ftige Train­er in Sach­sen-Anhalt müssen also wom­öglich erst nach­weisen, in den let­zten vier oder fünf Leg­is­laturpe­ri­o­den keine Sym­pa­thie mit rechts­gerichteten Parteien gezeigt zu haben, wom­it wir dann irgend­wie doch wieder da wären, wo Sach­sen-Anhalt vor zwei Dekaden eigentlich schon nicht mehr sein sollte: Links oder Feind?

Ach, und selb­stver­ständlich nicht nur die Train­er, son­dern auch die Trainierten sind eine poten­ziell hochge­fährliche Spezies:

Der Ver­fas­sungss­chutz von Sach­sen-Anhalt hat schon im Feb­ru­ar auf das Beispiel des ASG Vor­wärts Dessau ver­wiesen. Im Vere­in seien Spiel­er aktiv, die “klar der recht­en Szene zuzuord­nen sind, zum Teil auch freien Kam­er­ad­schaften”, wie Ver­fas­sungss­chützer Hilmar Stef­fen damals erk­lärte.

Und da haben wir doch auch schon den eigentlich inter­es­san­ten Punkt gefun­den.

Die Logik von Presse und Sport­bund geht unge­fähr so:
Ein Jugendlich­er ver­prügelt einen Aus­län­der, klar, daran ist der Train­er schuld, raus mit dem Kerl! Weil halt: NPD.

Das deckt sich — was Wun­der — dann auch mit den Ansicht­en des Recht­sex­trem­is­mus-Experten (wie wird man das eigentlich?) Thomas Hah­nel:

Sein Ratschlag: “Am effek­tivsten wäre es, die Eltern wür­den ihre Kinder ein­fach nicht mehr zum Train­ing bei Bat­tke schick­en und somit deut­lich zeigen, dass sie eine solche Per­son nicht akzep­tieren.”

Es ist beza­ubernd, für wie naiv die poli­tisch kor­rek­ten Geifer­er ihr Pub­likum hal­ten; aber, Herr Hah­nel, haben Sie mal drüber nachgedacht, dass nicht alle Eltern beim The­ma Recht­sex­trem­is­mus den Ver­stand in den Leer­lauf schal­ten, son­dern erst ein­mal selb­st nach­denken, bevor sie undif­feren­ziert in die Gesänge ein­stim­men? Was haben Sie denen eigentlich als Anlass genan­nt, den Train­er, der ange­blich nicht ein­mal schlechte Arbeit leis­tet, ent­fer­nen lassen zu wollen? Eben­falls “weil NPD”?

Ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass eine For­mulierung wie “eine solche Per­son” über­aus wider­wär­tig ist und von Ihnen, käme Sie von, sagen wir mal, einem Anti­semiten, sich­er auch nicht akzep­tiert würde.

(Auch hüb­sch, neben­bei bemerkt, ist die Emo­tion Markup Lan­guage. Möge sie eine weite Ver­bre­itung find­en und grot­ti­gen Unfug wie Q___Q und T___T für immer aus dem Inter­net vertreiben! (via))


Die Arbeit an TinyTo­do ist heute schon ein wenig vor­angeschrit­ten:

Aktuell sind noch 11 Punk­te auf der Liste der Dinge, die ich noch zu imple­men­tieren gedenke, offen. Einen Zeitrah­men für die Veröf­fentlichung spare ich mir zu set­zen. Lassen wir uns über­raschen!

Danke an Didi für die Stiltipps und das Testen.

MusikMusikkritik
Relative Halbwertszeit

Betra­chtet man die Musikgeschichte der let­zten 60 Jahre, so stellt man schnell einen Zusam­men­hang zwis­chen der “Lebens­dauer” ein­er Musik­gruppe und ihrem Ein­fluss auf spätere Musik­er fest. Nicht jedoch bedeutet, wie man meinen sollte, eine län­gere erstere auch eine größere zweit­ere, vielmehr ist das Gegen­teil der Fall.

Nehmen wir das Beispiel die Comets, seit 1948 im Geschäft, mithin die dien­stäl­teste Rock­band: Einst lan­de­ten sie Erfolge mit Bill Haley (“Rock Around the Clock”), aber hat das nach­haltig Ein­druck bei späteren Kün­stlern hin­ter­lassen? Eben­so die Rolling Stones: Seit 1962 mit wech­sel­n­dem kom­merziellem Erfolg aktiv, als musikalis­ches Vor­bild jedoch nie in größerem Maße in Erschei­n­ung getreten. Eine Chance, trotz lan­gen Zusam­men­spiels bleiben­den Ein­druck zu hin­ter­lassen, hat man eigentlich nur, wenn man nach drei oder vier wirk­lich ern­sthaften Alben in die Beliebigkeit abdriftet, so etwa Yes nach “Going For The One” und Bob Dylan nach “Blonde On Blonde”. (Oder kann ein­er von euch, liebe Leser, spon­tan ein Bob-Dylan-Stück aus den 70-ern sum­men? Ich kann es nicht.)

Wie anders dage­gen die Bea­t­les (1960 bis 1970), The Vel­vet Under­ground (1965 bis 1971) und Gen­tle Giant (1970 bis 1980)! Ohne sie keine Oasis, keine Blur, keine High Wheel, keine Flower Kings, keine Strokes, keine The Fall, keine Son­ic Youth, keine Bauhaus, nicht zulet­zt auch: Kein Goth­ic Rock und keine Brit­pop-Welle. Ob das in jedem Fall ein Ver­lust ist, lasse ich offen, aber auch hier: Paul McCart­ney, Ringo Starr, Ker­ry Min­n­ear, Lou Reed, Mau­reen Tuck­er und John Cale sind alle­samt seit dem Ende ihrer jew­eili­gen Stamm­band solo aktiv, wen jedoch haben sie selb­st musikalisch bee­in­flusst?

Schnell leben, jung ster­ben als Formel für unsterblichen Ruhm. Was vergänglich ist, bleibt.
Musikalis­che Vor­bilder als Sta­tussym­bol.

Und so heißt das neue kom­mende Ding derzeit anscheinend Arcade Fire, seit acht Jahren exis­tent und an jeden­falls mir bis­lang spur­los vor­beig­er­auscht. Ein­flüsse: The Beach Boys (immer­hin 1961 gegrün­det), anson­sten der übliche verquaste Main­stream. R.E.M., Joy Divi­sion, Bruce Spring­steen. Eine Band, die der Welt also mal so gar nichts mitzuteilen hat. Gut zu wis­sen — spart Geld.

ProjekteNetzfundstückeNerdkrams
Neues Projekt: TinyTodo

Als Fre­und plat­tfor­munab­hängiger, pri­ma doku­men­tiert­er Anwen­dungssoft­ware — etwa Vim — bin ich in let­zter Zeit ver­mehrt auf Pro­gramme aufmerk­sam gewor­den, die auf dem Adobe-AIR-Frame­work auf­set­zen, vor­rangig Twit­ter-Clients wie etwa DestroyTwit­ter, jedoch hat­te ich nie die Muße, mich damit näher zu befassen.

Nun hat­te ich neulich drin­gen­den Bedarf nach ein­er einiger­maßen brauch­baren, schlicht­en Auf­gaben­liste als Ergänzung zu dem von mir ver­wen­de­ten Noti­zenkat­a­log KeyNote-NF, um beim Sys­tem­start die wichtig­sten anfal­l­en­den Auf­gaben im Blick zu haben, und wurde dank Nils fündig: Mini­Task trifft genau meine Anforderun­gen und ist aus­gerech­net eine AIR-Anwen­dung.

Allerd­ings hat es einige Unschön­heit­en, zum Beispiel geht mir die offen­bar nicht abschalt­bare Ani­ma­tion beim Auf- und Zuk­lap­pen der Kat­e­gorien schon ein wenig auf den Weck­er. Und damit es nicht immer nur heißt, Infor­matik­stu­den­ten seien unab­hängig von eventuellen Ferien eh nur faule Säcke, habe ich beschlossen, mich auch mal an einem solchen Pro­gramm zu ver­suchen. Eigentlich wollte ich hier­für das gute, alte Visu­al Stu­dio ver­wen­den, aber da die Gestal­tungsmöglichkeit­en von Ober­flächen dort doch ver­gle­ich­sweise beschränkt sind und da ich meine irssi-Dis­tri­b­u­tion bis auf Weit­eres einge­stampft und somit wieder Kapaz­itäten frei habe, nutze ich diese Gele­gen­heit, selb­st ein­mal eine AIR-Anwen­dung zu entwick­eln. (Kenne deinen Feind!)

Das Ergeb­nis ein­er Nacht, die größ­ten­teils damit ver­bracht wurde, sich mit der Imple­men­tierung von AIR auseinan­derzuset­zen, sieht bish­er so aus:

An Ideen man­gelt es nicht, das Ausse­hen ist eben­falls noch lange nicht fer­tig durch­dacht. Wenn ich alles umge­set­zt bekomme, was ich umzuset­zen plane, kann Mini­Task ein­pack­en. Aber wo wären wir ohne die Vielfalt?

Ich halte euch, wenn gewün­scht, über die Entwick­lung selb­stver­ständlich auf dem Laufend­en. Über Anre­gun­gen bin ich schon jet­zt dankbar; ein­fach in den Kom­men­tar­bere­ich sen­fen.

(War ein­er von euch in den let­zten Wochen mal in einem dieser mod­er­nen “Super­märk­te”? Die Auswirkun­gen des ver­di­en­ten Ver­sagens bei der Fußball-Welt­meis­ter­schaft 2010 sind noch immer spür­bar. Deutsch­land ist im Ausverkauf, Nation­al­stolz für den Grabbeltisch. Bis zur näch­sten EM. Es ist zum Kotzen.)

SonstigesNetzfundstücke
Empfohlen: Sommer ohne Kino.

Was blafaselt da der zuständi­ge RTL-Wer­be­heinz wieder in den Äther?

Der “RTL Kinosom­mer”, wahlweise auch “RTL Kino-Som­mer” und immer­hin bish­er nicht “RTL Kino Som­mer”, solle dem willfähri­gen Zuschauer beste Unter­hal­tung bieten, während es draußen heizt.

Nun sehen wir mal, was der “RTL Kinosom­mer” inklu­sive der bere­its gesende­ten Filme 2010 so span­nen­des zu bieten hat: Es sind, dies trompetet der Wer­be­film, “Amer­i­can Dreamz”, “Ich, du und der andere”, “Vielle­icht, vielle­icht auch nicht”, “Die Insel der Aben­teuer”, “Die Super Ex” und ähn­liche, soll heißen: im Durch­schnitt vier Jahre alte Mach­w­erke, gut abge­hangen, längst von allen Inter­essen­ten aus­re­ichend rezen­siert, auf DVD erwor­ben und auswendig gel­ernt, somit eben eigentlich, wie auch der gesamte Sender RTL, völ­lig über­flüs­sig; “ein Som­mer voller Lei­den­schaft” heißt das im Sender­jar­gon, nun, die Lei­den­schaft für’s Cineast­is­che dürfte wohl kaum gemeint sein.

Was dann natür­lich auch den “Kinosom­mer” erk­lärt. Die Lang­fas­sung lautet schätzungsweise so:

“Liebes RTL-Stamm­pub­likum, draußen ist so her­rlich­es Wet­ter, dass wir es für gut und richtig hal­ten, in den näch­sten Wochen statt abge­drosch­enen sog. ‘Comedy’-Unfugs mit den beliebten deutschen Komik­ern Cindy aus Marzahn und Mario Barth auch mal ver­mehrt Filme zu zeigen, die Sie eh schon ken­nen. Somit bieten wir Ihnen die Gele­gen­heit, Ihren arbeit­slosen Arsch mal von Ihrem ver­sifften Sofa ins Kino zu tra­gen, wo manch­mal Filme laufen, die noch nicht so schreck­lich abge­lutscht sind. Wir wün­schen Ihnen viel Vergnü­gen!”

Wie passend jeden­falls, dass die “Kinosommer”-Reihe 2009 einen Film mit einem sprechen­den Titel bein­hal­tete:
Dabei sein ist alles”.

Apro­pos “passend”, die Web­site Wik­iLeaks hat ja unlängst einige interne Infor­ma­tio­nen über den umgangssprach­lichen Krieg in Afghanistan pub­liziert. Mit­tler­weile hat das US-amerikanis­che Mil­itär jeman­den entsandt, dem eine schlaue Antwort darauf partout nicht ein­fall­en wollte, und so sagte er stattdessen, das Veröf­fentlichen der Dat­en gefährde das Leben von Sol­dat­en und Zivilis­ten, de fac­to habe der Grün­der von Wik­iLeaks Blut an den Hän­den; weil Sol­dat­en und Zivilis­ten in Afghanistan sich näm­lich seit 2001 schon nur gemütlich zum Kaf­fee tre­f­fen wollen, ohne irgendwelch­es Leben (bspw. das von Tal­iban) zu gefährden, so sieht das näm­lich aus. Und dann kommt so eine Inter­net­seite und behauptet frech, die Sol­dat­en hät­ten da eigentlich gar nichts ver­loren. Wenn das nur keine Ver­let­zten gibt! (via Fefe)

Beina­he ver­let­zt habe ich mich übri­gens auch beim eher zufäl­li­gen Lesen der Rezen­sio­nen zu Chelsea Cains Thrll… Thril… Span­nungs­buch “Gretchen”. Da ste­ht näm­lich:

“(…) Die psy­chol­o­gis­chen Spielchen in Gretchen lassen dem Leser die Haare zu Berge ste­hen.”
dpa (07.01.2010)

“Die psy­chis­chen Spielchen lassen dem Leser die Haare zu Berge ste­hen.”
Lübeck­er Nachricht­en (10.01.2010)

Ob das nun immer gut ist, ein Buch zu lesen, von dessen Inhalt einem die Haare zu Berge ste­hen, und wieso es offen­bar keinen Unter­schied zwis­chen psy­chis­chen und psy­chol­o­gis­chen Spielchen gibt, mag ein ver­siert­er­er Lit­er­aturkri­tik­er als ich beant­worten wollen. (Auch ein hüb­sches Spielchen eigentlich: Eigentlich harm­lose Begriffe mit “bizarre Spielchen” umfassen. “Bizarre Lesespielchen”, das klingt doch gle­ich viel hüb­sch­er.)

MusikLyrikIn den Nachrichten
Weltsicht, gelb und sauer (Versuch und Irrtum)

Man hätte es wis­sen kön­nen.

Man hätte wis­sen kön­nen, dass das, was passieren sollte, passieren sollte. Dass es so passieren sollte, wie es passieren sollte. Sie wussten es, alle wussten es. Wer sagte, dass die, die es wussten, es nicht wussten, der log. Wissentlich, um sich selb­st zu scho­nen, wissentlich auch wider besseren Wis­sens.

Man hätte wis­sen kön­nen, dass hin­ter­her wieder alle sagen wür­den, sie hät­ten es schon immer gewusst, aber kein­er habe ihnen zuge­hört. Schlimm sind immer nur die anderen. Die anderen, das sind die, die sagen, tja, das ist der Lauf der Dinge. Anpassen und Klappe hal­ten. Sie sagen “haha, das war lustig” und lachen nicht. Sie sagen “endlich sagt’s mal ein­er” und bleiben selb­st stumm, man kön­nte ja die Leute ver­schreck­en, die sie nie inter­essiert haben. Und über­haupt, Indi­vid­u­al­is­mus ist so 90er.

Man hätte wis­sen kön­nen, dass das, was sie tat­en, nicht falsch war. Dass die Art, wie sie es tat­en, zur Lage nichts beitrug. Was empörte, war, was sie nicht tat­en, und so sahen sie sich selb­st taten­los beim Nicht­stun zu, während um sie herum die Welt explodierte. Das Let­zte, was sie sahen, war ein Schul­terzuck­en, und sie zuck­ten zurück, weil sie ihr ganzes Leben schon nur gezuckt hat­ten. Zuck­end in den Unter­gang, und man bleibt sich treu.

Man hätte es wis­sen kön­nen, ja, ja, hätte. Alles Schwarz­maler und Faschis­ten, Ewiggestrige, Reak­tionäre. Ich weiß, dass ich nichts weiß, wis­sen Sie? Uralt, ken­nt man, nichts zu danken, bis bald mal wieder.

Aber hin­ter­her hat es wieder kein­er wis­sen wollen.


(Haspelt doch vorhin eine sichtlich unentspan­nte Frau fraglichen Alters, die an irgen­dein­er frag­würdi­gen Aktion von attac teilgenom­men hat­te, in die erst­beste Nachricht­enkam­era, es sei “echt toll” gewe­sen, unter freiem Him­mel zu schlafen. Darum, werte Frau, wer­den Sie Hun­derte von Obdachlosen benei­den, dessen bin ich mir fast sich­er. Ander­er­seits hät­ten Sie das auch ein­fach­er haben kön­nen.)