(Es folgt ein weiterer Text über “Computer und so”, angeregt durch ein heutiges Erlebnis. Man möge mir bei Unwillen die Einseitigkeit der Themenwahl nachsehen und sich auf folgende Beiträge freuen.)
Man sollte meinen, das Thema Windows 7 sei längst ausreichend besprochen worden; nachdem ich allerdings gestern frühmorgens einen Dialog mit einem Linuxnutzer führte, der darauf bestand, Windows 7 sei das allerbesteste Windows (mindestens) aller Zeiten, sehe ich mich gezwungen, zur späteren Referenz hier einige Gegenargumente zu sammeln.
Windows 7 ist gegenüber den Vorgängerversionen, inklusive Windows Vista, technisch gesehen ein klarer Rückschritt.
Die Aufgabe eines Betriebssystems ist es nicht, dem Benutzer eine vollständige Arbeitsumgebung bereitzustellen; das Betriebssystem GNU/Linux tut dies ebenfalls nicht (und genau darum gibt es Distributionen wie Debian, Fedora und andere). Was es hingegen tun soll, ist es, die Arbeit mit den selbst gewählten Anwendungen und den eigenen Dateien bestmöglich zu erleichtern.
Der “Windows Explorer”, der Dateimanager, den Microsoft seit Windows 95 kontinuierlich in die falsche Richtung entwickelt, läuft dem zweiten Ziel zuwider. Hatte der Dateimanager von Windows 3.x (winfile.exe) noch einige wirklich nützliche Funktionen wie etwa den Dualpanel-Modus, den man als Anwender heutzutage umständlich nachrüsten muss, indem man alternative Dateimanager wie den sicher nicht unbegründet beliebten Total Commander installiert, so besitzt der Explorer in Windows 7 nicht einmal mehr eine Schaltfläche, um in das übergeordnete Verzeichnis zu wechseln. Die wenigen verbliebenen Schaltflächen wurden dafür größer und bunter gestaltet. Function follows form. (Hier hilft zum Beispiel die quelloffene Zusatzanwendung Classic Shell, die einige in Windows 7 entfernte Funktionen wieder bereitstellt.)
Und auch das Arbeiten mit laufenden Anwendungen hat Microsoft in Windows 7 deutlich erschwert. Nachdem zu Beginn der Windows-95-Entwicklung noch mit einer universellen Verknüpfungsleiste experimentiert wurde (unter anderem auf winhistory.de zu sehen), hielt schon nach kurzer Zeit die bis einschließlich Windows Vista konstante Taskleiste in das System Einzug, mit deren Hilfe zwischen offenen und minimierten Fenstern gewechselt werden konnte. Der Internet Explorer 4 rüstete später die “Schnellstartleiste” nach, also die Möglichkeit, beliebige Verzeichnisse direkt in die immer sichtbare Taskleiste zu legen. Mit Windows 7 wurde dieses bewährte, sinnvolle Konzept zugunsten der “Superbar” über Bord geworfen.
Die “Superbar” ist eine Art universelle und in der Standardeinstellung etwas breit geratene — man bedenke, dass der Trend zum Breit‑, nicht zum Hochbildschirm geht — Leiste am unteren Bildschirmrand, die laufende Anwendungen, geschlossene Anwendungen, minimierte Anwendungen, Ordnerfenster und Verknüpfungen in Form von via Menüeintrag “angehefteten” Programmen, mit lustigen Animationen versehen, wild durcheinandergewürfelt und standardmäßig unbeschriftet anzuzeigen vermag. Zwar ist es mit ein wenig Aufwand möglich, der Leiste weitgehend die alte Gestalt zu geben und auch eine separate “Schnellstartleiste” einzurichten, die “Anheften”-Funktion jedoch lässt sich ohne krude Umwege ebensowenig deaktivieren wie die allgegenwärtigen neuen Vorschau- und sonstigen Popups. Selbst die ausgeblendeten Symbole im Benachrichtigungsfeld, fälschlicherweise oft “Tray” genannt, werden nicht mehr ausgefahren, sondern in einem langweiligen weiß-grauen Popupfenster angezeigt, das obendrein nicht einmal selbstständig verschwindet, wenn eine andere Anwendung im Vordergrund aktiv ist; eine sehr nützliche Neuerung!
Nicht vergessen sollte man auch, dass das gleichfalls seit Windows 95 existente und seit Windows XP immerhin noch optional verfügbare “klassische Startmenü”, das einspaltige also, in Windows 7 abgeschafft wurde, so dass man nicht umhin kommt, das große, zweispaltige Startmenü zu nutzen und sich durch das “Alle-Programme”-Menü zu klicken, wenn man aber lediglich eine selten benutzte Anwendung aufrufen möchte, deren Verknüpfungsnamen man gerade nicht mehr parat hat, so dass die integrierte Suchfunktion nicht hilft. (Classic Shell beseitigt übrigens auch diesen Missstand.)
Zwar wurde so der Ansatz, Altlasten über Bord zu werfen, konsequent verfolgt, aber nicht alle Altlasten waren wirklich als “Lasten” anzusehen. Wer einmal, noch nicht in die Tiefen des Windows-7-Startmenüs vorgedrungen, sehen möchte, was Microsoft unter “Altlasten” versteht, dem empfehle ich, einen Blick auf das erstmals seit mindestens Windows 3.0 umgestaltete Programm “Paint”, ehemals “Paintbrush”, zu werfen, das, ebenso wie WordPad, mit den aus Microsoft Office 2007 und 2010 bekannten Multifunktionsleisten ausgestattet wurde:
Ich nehme an, die für die Gestaltung verantwortlichen Microsoft-Mitarbeiter hatten einen guten Grund dafür, die wenigen für dieses Programm benötigten Schaltflächen auf eine absurde Größe aufzublasen, in irgendwelchen obskuren Paneelen zu verstecken und an den oberen Fensterrand zu kleben (wir erinnern uns: Breitbildschirme!). Allerdings kann es durchaus sein, dass ich in diesem Punkt irre.
Weiters wird ins Feld geführt, Windows 7 sei das bisher schnellste und stabilste Windows-Betriebssystem. Nun, das mit der Schnelligkeit lässt sich flugs widerlegen, man installiere nur einmal Windows XP auf demselben Computer und messe die Zeit, die es für dieselben Aufgaben benötigt. Auch, dass Windows 7 schneller als der unmittelbare Vorgänger Windows Vista sei, ist zumindest eine Pauschalisierung. Sehr unterscheiden sich Windows 7 und Windows Vista nämlich nicht, der Betriebssystemkern ist nahezu identisch. Was Windows Vista vorrangig “langsamer” machte, waren unachtsame Standardeinstellungen für Systemdienste wie etwa den Indizierungsdienst, die in Windows 7 noch immer ihren Dienst verrichten, lediglich mit geänderten Startparametern. (Ein Windows-Vista-Nutzer, der dies hier liest, sei nunmehr dazu angeregt, sich einmal in der Computerverwaltung unter “Dienste” umzusehen.)
Auch die Stabilität scheint Glückssache zu sein, denn Windows 7 hat sich auf meinem Laptop schon häufiger verabschiedet als jedes Windows vor ihm auf jedem meiner anderen Rechner; und ich nutzte zeitweise selbst Windows Me, mit dem ich allerdings ebenfalls nie Probleme jedwelcher Art hatte. Letztlich steht und fällt die Systemstabilität mit Treibern, und wer unter Windows Vista jedes Gerät einwandfrei nutzen könnte, für den bringt die etwas größere Treiberauswahl unter Windows 7 keinen Mehrwert.
Insgesamt ist Windows 7 meines Erachtens ein Griff ins Klo. Essenzielle Systemfunktionen, etwa eine Übersicht über laufende Programme, sind nur noch nach umständlicher händischer Anpassung des Systems oder der Nachinstallation von Drittanbierersoftware zugänglich. Dass Microsoft bereits an Windows “8” arbeitet, aber noch keine Informationen über die Bedienoberfläche verfügbar sind, gibt mir konsequent manchen Grund zur Sorge.
(Dürfte ich jemals einen einzigen Wunsch an die Windows-Entwicklerabteilung äußern, so lautete er jedenfalls wie folgt: “Bitte, liebe Windows-Entwicklerabteilung, gib uns nach 17 Jahren endlich wieder einen Dateimanager, der diesen Namen verdient! Tabs würden genügen, es müssen nicht einmal mehrere Paneele sein.” — Aber das wird wohl ein Traum bleiben.)



























