Ich spiele in meiner knappen Freizeit hin und wieder das Onlinerollenspiel League of Legends, kurz “LoL”. Während das Spielprinzip eher schlicht ist (zwei gegnerische “Städte” á 3 oder 5 Spielern, menschlich oder Computergegner, versuchen die jeweils gegenüber liegende Stadt mittels Metzelns und/oder Magie einzunehmen), sind doch die dort anzutreffenden Exemplare Mensch so vielfältig wie die Ausreden eines vorgeblichen Windowsverächters, wenn er dann doch mal Wine nutzen muss.
Zu dem Wesen dieser Spielgattung gehört es, dass die Klientel überwiegend aus Sprösslingen unterer bis mittlerer Bildungsschichten besteht, was sich insbesondere auch in der eingebauten Diskussionsmöglichkeit (“Chat”) zeigt, in dem Niederverbalitäten in der Regel vorherrschen, so man sie denn versteht. Franzosen und Spanier sind auf dem westeuropäischen LoL-Server nämlich in größerer Zahl vertreten als Deutsche, und während mein Spanisch vielleicht nicht reisetauglich, aber doch zumindest in Grundzügen vorhanden ist, beschränken sich meine Französischkenntnisse auf “merci”, “bonjour” und Refrains populären französischsprachigen Liedgutes. Erfreulich ist es da, dass man Einheimische oft am angezeigten Namen erkennt, immerhin bevorzugt man im Alter von 12, 13 Jahren oft Charakternamen wie “bigboss1999” und “Klaus der Tolle”. (Ähnlichkeiten mit vorhandenen Spielernamen sind bekannt.)
In einer etwas schwächeren Runde nun, die ich vor einigen Stunden absolvierte, waren sich meine Mitspieler spielintern einig, dass wir diese Runde zu gewinnen nicht mehr imstande sein würden. Keinesfalls aber lautete ihre Einschätzung hierzu “wir werden dieses Spiel nicht mehr gewinnen” oder wenigstens “wir verlieren”, sondern “wir loosen”.
Meinem zaghaften Einwand, man möge doch bitte, wenn man schon englisch reden muss, nicht to lose (“verlieren”) mit loose (“locker”) verwechseln oder sich eben doch besser auf eine Sprache beschränken, die man auch beherrscht, wurde zum Einen entgegengebracht, dass “loosen” (sic!) kürzer sei als verlieren (“looooosen” aber vermutlich nicht, was ich aus Gründen temporär mangelnder nervlicher Belastbarkeit indes nicht einbrachte), was keinesfalls von der Hand zu weisen war, zum Anderen überraschte mich einer meiner Mitspieler mit der Frage, ob ich denn Nazi sei “oder was”. Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet.
Bin ich ein Nazi, weil ich meine Muttersprache beherrsche und Sprachmatsch aus deutschen Satzstummeln und (obendrein falschen) englischen Versatzstücken nur wenig abgewinnen kann? In der Tradition von Adolf Hitler jedenfalls, das beruhigt mich nach kurzer Recherche, stehe ich nicht, denn er billigte Anglizismen ausdrücklich. Insofern aber ist es in mehrfacher Hinsicht bedenklich, dass man, um nicht als “Nazi” zu gelten, Sprachpanschereien gutmütig zur Kenntnis nehmen muss, denn eigentlich zollt man so wiederum dem Nationalsozialismus Tribut.
Meine dem Nationalsozialismus ähnlichste Eigenschaft ist mein Musikfaschismus, darüber hinaus aber kann ich mir nicht ohne Stolz ein weitgehend integres Weltbild attestieren. Dieses Weltbild lässt mich nun darüber nachdenken, inwiefern Sprache und Nationalsozialismus eigentlich zusammenhängen. Das Forcieren der eigenen Landessprache nebst Dezimierung der alternativ gesprochenen Sprachen im Land ist zum Beispiel in Frankreich Usus, aber von Nationalsozialismus kann dort wahrlich nicht die Rede sein, denn es regiert das Kapital.
Aus der Sprachwahl des mich derart Scheltenden folgere ich, dass man in seinen Augen also nur dann nicht als Nazi (“meinten Sie: Nationalist?”) gilt, wenn man sich als Weltbürger zu erkennen gibt und also die Sprache der populistischen US-amerikanischen Kriegstreiber zu der seinen macht, unabhängig von dem nicht zu unterschätzenden Umstand, dass Deutsch in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Südtirol und Belgien Amtssprache und in Namibia und den Niederlanden und Teilen Frankreichs, Polens und der Slowakei zumindest eine der meistgesprochenen Umgangssprachen ist und es somit gut und richtig ist, von der Weltsprache Deutsch zu sprechen. Aber sind es nicht eigentlich eben die US-Amerikaner, die dem Nationalsozialismus nahe stehen?
Während die Deutschen alles tun, um die Zeit des Dritten Reichs damoklesschwertartig wie ein Menetekel über den Köpfen jeder heranwachsenden Generation pendeln zu lassen, (was eigentlich eine ziemlich blöde Metapher ist und) worin sich irritierenderweise die noch lebenden Funktionäre des bislang letzten deutschen Verbrecherregimes bis heute hervortun, sieht man es in den Ländern, die gegen die Deutschen einst schweres Geschütz auffuhren, nicht ganz so eng. Der Handel mit Andenken an die Zeit der NSDAP-Herrschaft, etwa Hakenkreuzflaggen und NSDAP-Ansteckern, erfreut sich gerade in den Vereinigten Staaten, unter anderem bei Amazon-Partnern, ebenso großer Beliebtheit wie Rassismus und die Bildung entsprechender Vereinigungen, sei es nun der Ku-Klux-Klan, sei es die NSDAP/AO.
Und während hierzulande zum Beispiel Komödien über Adolf Hitler trotz all der im Film implizit geschwungenen Zeigefinger vom Föjetong mit großem Grausen aufgenommen wird, weil es ja nicht sein könne, dass man Adolf Hitler filmisch zu einer grotesken Karikatur seiner selbst macht (vielleicht wäre den jeweiligen Schreiberlingen eine ehrfürchtige Huldigung lieber gewesen), ist das Kunstwerk Hitler in Übersee schon seit Jahrzehnten Gegenstand von Ehrerbietung einerseits und andererseits eben grotesker Karikatur, wie man etwa auf dem Künstlerportal deviantArt.com sehen kann.
Es zeugt also nicht von angemessener Wachsamkeit, die Sprache der US-Amerikaner der deutschen vorzuziehen, will man zeigen, dass man kein “Nazi” ist; es zeugt vielmehr von einer gefährlich naiven Einschätzung der Weltpolitik. Längst nämlich sind es nicht mehr die paar hundert NPD’ler, um die sich der aufrechte Antifaschist sorgen sollte, es sind ihre paar tausend US-amerikanischen Gesinnungsgenossen, die sich dort seit Jahrzehnten unwidersprochen ausbreiten können. Dass eine Demokratie auch faschistische Meinungen ertragen können muss, um noch eine starke Demokratie zu sein, habe ich bereits anderswo ausreichend erläutert, insofern ist das nun keinesfalls ein Aufruf, linksradikale Guerilla in den USA zu etablieren. Man sollte allerdings doch, sofern man irgendwann einmal zufällig auf diesen Text stößt, kurz darüber nachdenken, ob eine Sprache, deren primäre Sprecher — einmal unterstellt, der Nachwuchs bezieht seine Englischkenntnisse aus den Medien statt aus der Schule und bemüßigt sich also des US-amerikanischen, nicht des britischen Idioms — Hitler überwiegend alltagstauglich finden, sich selbst als Weltpolizei verstehen (die Zugriffsrechte des FBI auf aus der EU stammende Daten jeglicher Art seien nur einmal als Beispiel genannt), seit Jahrzehnten Angriffskriege führen, dunkelhäutigen Ausländern nicht immer allzu offenherzig begegnen und großteils kein Problem mit der Todesstrafe haben, wirklich weniger nazihaft wirkt als die Verwendung der Muttersprache im Gespräch mit Muttersprachlern, und das Ergebnis dann ausdrucken und in großen roten Buchstaben an seinen Bildschirm tackern, auf dass er auf derartige Vermutungen künftig verzichte.
Aber: “Endlich können wir uns wieder selbst geißeln!” (Anonymus “Monark” in völlig anderem Zusammenhang.)
Yeah, sozusagen.