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Herz­berg unterm Dach

Buntes AllerleiWäh­rend das Burg-Herz­berg-Festi­val nach Jahr­zehn­ten des Bestehens eine gewis­se Bekannt­heit erlan­gen konn­te, ist der Able­ger „Herz­berg unterm Dach“, eine eben­falls jähr­li­che, aber nur ein­näch­ti­ge Ver­an­stal­tung, noch immer ein Geheim­tipp. Sel­bi­gen aller­dings nutz­te ich, um mich am Abend des 9. Sep­tem­ber dort ein­zu­fin­den. In die­sem Jahr fand das „Herz­berg unterm Dach“ in der „Fabrik“, also einer (offen­bar still­ge­leg­ten) Fabrik in Ham­burg-Alto­na, statt. Bereits vor dem Beginn – der Ein­lass begann gegen 19 Uhr, das eigent­li­che festi­val gegen 20 Uhr – inspi­zier­te ich, wie es so mei­ne Art ist, zuerst ein­mal das ange­rei­ste Publi­kum.

Eine Über­schnei­dung mit der Kli­en­tel des ande­ren dies­jäh­ri­gen Musik­fe­stes konn­te ich nicht vor­stel­len, denn mit­tel­al­ter­lich geklei­det war nie­mand, statt­des­sen lief man in aller­lei psy­che­de­lisch kolo­rier­ten Kla­mot­ten her­um. Diver­se Haschisch­schwa­den spä­ter begann dann der Ein­lass, und die klei­ne Fabrik füll­te sich; „füll­te“ aller­dings wäre wahr­lich etwas viel gesagt, denn sowohl auf den Sitz­rän­gen als auch auf der Tanz­flä­che vor der Büh­ne war noch reich­lich Platz, der im Lau­fe des Abends aller­dings erst knap­per und dann wie­der weni­ger knapp wur­de.

Mit Heim­vor­teil eröff­ne­te die Ham­bur­ger Com­bo Cos­mic Fin­ger, in der Tra­di­ti­on der Gra­teful Dead (von den Ver­an­stal­tern kon­se­quent falsch „Gra­teful Death“ genannt, ste­hend, den Abend. Da die­ser US-ame­ri­ka­nisch gepräg­te Blues­rock aber mei­ner musi­ka­li­schen Prä­fe­renz nicht ent­spricht, ver­zich­te­te ich dar­auf, besag­te Com­bo foto­gra­fisch fest­zu­hal­ten. Allen­falls ist zu sagen: Der Front­mann geht einem mit sei­nem gekün­stelt wir­ken­den Gegrin­se und Gezap­pel mal so was von auf den Zei­ger, dass auch Leu­te, die von der­ar­ti­ger Musik eher posi­tiv beein­druckt sind, bes­ser Abstand von Film­auf­nah­men neh­men und sich even­tu­ell dann trotz­dem mal eines der Alben anhö­ren.

Bes­ser waren da Ashe­sh & Nekhvam aus Nepal, die eben­falls Blues­rock zele­brier­ten, sich aber größ­te Mühe gaben, sich das nicht anmer­ken zu las­sen. Ange­kün­digt als Jimi-Hen­drix-Cover­band feu­er­ten sie statt­des­sen ein mal im Stoner Rock, mal im Blues­rock behei­ma­te­tes Klang­feu­er­werk ab, das auch wegen des mar­kan­ten Gesangs des Gitar­ri­sten Ashe­sh Dan­gol (die Namens­ähn­lich­keit zu „Haschisch“ ist also natür­lich nur Zufall; auf einem Hip­pie­spek­ta­kel durch­aus eine Sel­ten­heit) mit­un­ter die guten, alten Tage der Led Zep­pe­lin her­auf­be­schwor. Getrübt wur­de der Auf­tritt nur von den ziem­lich mie­sen Klan­gei­gen­schaf­ten der „Fabrik“, die die eigent­lich ziem­lich pri­maen Musi­ker wie durch ein dump­fes Kis­sen fil­ter­te. Der hal­len­ty­pi­sche Hall (heißt ja nicht umsonst so!) tat ein übri­ges; nicht so, dass es alles rui­niert hät­te, aber man wäre schon gespannt gewe­sen auf eine etwas „rei­ne­re“ Dar­bie­tung des, nun ja, Dar­ge­bo­te­nen.

Schwe­rer wogen die Qua­li­täts­ein­bu­ßen bei Vibra­vo­id aus Düs­sel­dorf, die das „Herz­berg unterm Dach“ mit ihrem von den frü­hen Pink Floyd beein­fluss­ten Psy­che­de­lic Rock been­de­ten und gleich­zei­tig ihre neue CD „Live at Burg Herz­berg Festi­val 2011“, auf­ge­nom­men im Juli, mit­brach­ten, denn obwohl sie zwei­fels­oh­ne zu dem Besten gehö­ren, was Deutsch­lands Musi­ker­sze­ne momen­tan zu bie­ten hat, beein­träch­tig­ten unab­sicht­li­che Rück­kopp­lun­gen und, wie­der mal, der dump­fe Hall den Hör­ge­nuss.

Das bedeu­tet aller­dings nicht, dass man als Kon­su­ment kei­ne Freu­de gehabt hät­te an den Klang­wän­den, die die vier Musi­ker auf die ver­sam­mel­ten Psy­che­de­lic­freun­de los­lie­ßen. Mit­rei­ßend näm­lich waren sie (die Klang­wän­de) stets. Hör­bar pro­fi­tiert hat von die­sen Effek­ten gar das Abschluss­stück, eine gran­dio­se Ver­si­on von Pink Floyds „Set The Con­trols For The Heart Of The Sun“, das Vibra­vo­id bereits auf dem Burg-Herz­berg-Festi­val 2011 spiel­ten und das auf ihrem dies­jäh­ri­gen Album Mind­drugs ent­hal­ten war:

Dass es sich um eine Cover­ver­si­on han­delt, bedeu­tet aller­dings nicht blo­ße Kopie, denn Vibra­vo­id spen­dier­ten dem Stück einen aus­ge­dehn­ten Mit­tel­teil aus Klang­ex­pe­ri­men­ten, die sich har­mo­nisch in das Gefü­ge der übri­gen Stücke des Abends ein­füg­ten, denn expe­ri­men­tel­le Klän­ge lie­fer­ten Vibra­vo­id sozu­sa­gen im Minu­ten­takt ab. Obwohl es bereits weit nach Mit­ter­nacht war, war an Schläf­rig­keit nicht zu den­ken. Gegen 2 Uhr mor­gens schließ­lich ver­ebb­ten die letz­ten Tak­te von „Set The Con­trols …“ und das festi­val war vor­über.

Natür­lich ist das ins­ge­samt kei­nes­falls mit dem „gro­ßen“ Burg-Herz­berg-Festi­val ver­gleich­bar, natür­lich ist eine Nacht mit drei Musik­grup­pen, oben­drein nicht ein­mal unter frei­em Him­mel, nicht genug, um des Blu­men­kin­des Herz tage­lang höher schla­gen zu las­sen. Als Aus­klang des Festi­val­som­mers 2011 aber konn­te das „Herz­berg unterm Dach“ voll und ganz über­zeu­gen; und min­de­stens Vibra­vo­id live erle­ben zu kön­nen ist den Besuch einer jeden Ver­an­stal­tung die­ser Art wert.

Hin und wie­der lohnt es sich eben doch, über den Tel­ler­rand hin­weg zu schau­en.

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