KaufbefehleMusikkritik
The Book of Knots — Traineater

Während ich heute mein fre­itäglich­es Lausch­pen­sum absolvierte, erre­ichte außer ein­er Menge belan­glosen Zeugs auch dieses eine Album meine Ohren und ließ mich inter­essiert aufhorchen.

The Book of Knots ist ein Musik­erkollek­tiv aus New York, das sich für (vor­erst) drei Alben mit eini­gen Gast­musik­ern zusam­menge­fun­den hat­te, mit “Gar­den of Faint­ing Stars” in diesem Jahr den Abschluss der Trilo­gie veröf­fentlichte und nun vielle­icht weit­er existiert, vielle­icht aber auch nicht. “Traineater”, “Zugess­er”, ist das zweite Album und erschien 2007.

Die beteiligten Musik­er stam­men über­wiegend aus dem Avant­garde-Met­al-Sek­tor um die mit­tler­weile aufgelösten Sleep­y­time Goril­la Muse­um. Als Gast­musik­er sind unter anderem Tom Waits und Trey Spru­ance zu hören, woraus man bei entsprechen­dem Hin­ter­grund­wis­sen schon erah­nen kann, wie das Album so klingt. Besitzt man dieses Hin­ter­grund­wis­sen nicht, so fällt die Beschrei­bung etwas aus­führlich­er aus:

Im Kern beste­ht The Book of Knots aus Matthias Bossi (unter anderem Schlagzeug und Gesang), Joel Hamil­ton (unter anderem Gitar­ren und Gesang), Tony Mai­mone (diverse Bässe und Gesang) und seit “Traineater” auch Car­la Kihlst­edt (unter anderem Geigen und Gesang), nicht zu ver­wech­seln mit Car­la Bozulich, die, wenn ich nicht irre, hier lediglich als Gast­musik­erin den Gesang in “View From The Water­tow­er” übern­immt.

Das zen­trale The­ma von The Book of Knots lautet “Nieder­gang”. Han­del­ten die Texte auf dem Debüt von dem Nieder­gang der US-amerikanis­chen Fis­cherdörfe, so ist es auf “Traineater” der “Ros­t­gür­tel”, der nor­damerikanis­che “Ruhrpott” also, dessen langsames Siechen hier besun­gen wird. (Einige Leser ken­nen dieses Prinzip vielle­icht von der Band Big Big Train, die auch gern ein paar Jahrzehnte in die Ver­gan­gen­heit zurück­greift, allerd­ings in die britis­che.) Anders (etwas eso­ter­isch­er) aus­ge­drückt:

The Book Of Knots erzählen auch auf ihrem zweit­en Album nicht etwa die pathetis­che Sci­ence Fic­tion ein­er Rev­o­lu­tion der Maschi­nen, son­dern insze­nieren die stois­che Zer­störungskraft ein­er riesi­gen, außer Kon­trolle ger­ate­nen Hur­rikan-Appa­ratur, der es her­zlich egal ist, ob sie Rosen­felder nie­der­mäht oder irgen­deinen Cyborg zum näch­st­besten Bauernopfer zer­matscht.

Das klingt geschrieben so radikal wie gehört, besticht aber ger­ade auch durch seine melodiösen, beina­he ruhi­gen Momente, die dem Hör­er zwis­chen­durch auch mal ein wenig Ver­schnauf­pause gewähren. Es muss ja nicht immer hoch herge­hen. Belege gefäl­lig?

Auf YouTube gibt es zum Beispiel das großar­tige “Pray” mit dem bere­its erwäh­n­ten Tom Waits zu hören und das eröff­nende “View From The Water­tow­er” ohne Tom Waits in ein­er nicht üblen Livev­er­sion zu sehen. Wer es mag, der möge es kaufen. Der Rest möge die Augen ver­drehen, “was für ein schreck­lich­er Lärm!” skandieren und sich wieder sein­er Easy-Lis­ten­ing-Radiobeschal­lung zuwen­den. Aber zumin­d­est ist er dann um eine Erfahrung reich­er.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt LV: Gedankenverbot

Die tolle Idee des Tages kommt von David Cameron, Pre­mier­min­is­ter von Großbri­tan­nien, der Proteste in ein­er Demokratie eigentlich ganz gut find­et, so lange sie weit weg stat­tfind­en, und darum erwägt, dem unge­zo­ge­nen Pöbel ein­fach das Inter­net wegzunehmen:

Der britis­che Pre­mier dro­ht den Krawall­mach­ern mit der Armee — und über­legt, ihre Nutzung von Net­zen wie Face­book und Twit­ter zu beschränken.

Eine Rebel­lion des Volkes ist näm­lich nicht etwa ein Zeichen dafür, dass die gegen­wär­tige Regierung wom­öglich ein paar nicht ganz unbe­deu­tende Fehler gemacht hat, son­dern nur so eine Phase. Es liegt nahe, dass die Proteste umge­hend ver­s­tum­men, wenn Face­book und Twit­ter nicht mehr gehen; das hat in Ägypten ja auch gut funk­tion­iert, wo man auf­grund laufend­er Proteste ein­fach mal den Steck­er gezo­gen hat.

Im Feb­ru­ar 2011 forderte David Cameron übri­gens den Rück­tritt des libyschen Staat­sober­hauptes Gaddafi, da dieser friedliche Proteste im eige­nen Land mit mil­itärischen Mit­teln zu ver­hin­dern ver­suchte. Dieser David Cameron nun erwägt eben­falls den Ein­satz von Wasser­w­er­fern, um die (allerd­ings nicht gle­ich­falls fried­fer­ti­gen) Protes­tanten zum Schweigen zu brin­gen. Die passende Reak­tion darauf lautet so: Muam­mar al-Gaddafi fordert David Camerons Rück­tritt, die Proteste seien ein Zeichen dafür, dass er unfähig sei zu regieren.

Wäre ich David Cameron, würde mir das zu denken geben; lei­der ist aber schon David Cameron David Cameron, und ob David Cameron viel darüber nach­denkt, was außer­halb seines Büros so geschieht, weiß ich nicht so genau. Spätestens jet­zt aber bin ich überzeugt davon, dass man das zumin­d­est ein biss­chen in Zweifel ziehen sollte.


Nach­trag: Zu den möglichen Fol­gen der Proteste hat Ste­fan Sasse noch ein paar lesenswerte Gedanken geäußert.

PersönlichesWie die Anderen
Wie die Anderen (1): Milch und Zucker

(Vorbe­merkung: Dies ist der Auf­takt zu mein­er losen Rei­he “Wie die Anderen”, dies­mal inspiri­ert von Caschy.)

Dürfte vielle­icht eini­gen mein­er Leser nicht bekan­nt sein: Ich bin ja beru­flich und in der Freizeit vor allem Infor­matik­er. Und was macht ein Infor­matik­er so, wenn er nicht ger­ade an seinen Gad­gets rum­spielt oder seine sozialen Pro­file aufhüb­scht? Klar — er trinkt Kaf­fee.

Wer ken­nt das nicht? Man kommt mor­gens, mit­tags und abends ein­fach nicht in die Hufe. Wir Infor­matik­er haben da Abhil­fe: Ein­fach die Kaf­feemas­chine befüllen, anmachen und kurz warten. Geht easy-peasy und ruck­zuck. :wink:

Blöd nur, wenn man seinen Kaf­fee gern mit Milch trinken würde, denn dann wird erst Unbox­ing fäl­lig. Das macht nor­maler­weise tierischen Spaß, ist aber bei Milch nicht leicht. Zwis­chen den Deck­el und das Natur­pro­dukt haben die Abfüller näm­lich manch­mal noch so ein Ding geschraubt, das man ganz easy-peasy abziehen kön­nen soll. Sitzt aber meist bomben­fest, das Ding. Gibt es zum Beispiel mit Ring oben dran und sieht hin­ter­her so aus:

Lust auf Kaf­fee hat man dann allerd­ings eigentlich keine mehr. Bloß nicht auf Zuck­er umsteigen. Alter­na­tiv­en? Fehlanzeige. :-S

Zu gewin­nen gibt es dies­mal nichts, aber ich frage mal in die Runde: Und ihr so?

(Nachbe­merkung: Sollte ich eine der Marot­ten der in dieser Rei­he par­o­dierten Blog­ger verse­hentlich nicht einge­baut haben, so seid ihr natür­lich her­zlich ein­ge­laden, es bess­er zu machen — gern mit Track­back und/oder Kom­men­tar hier unten drunter.)

In den NachrichtenPersönlichesMusik
Prominentenseuche gebrochenes Herz

Vor all der Panik wegen ver­zock­ter Mil­liar­den an nicht ein­mal real vorhan­den­er Währung wird doch glatt vergessen, dass auch weit­er­hin Leute ster­ben. Um eine lei­dlich brauch­bare Über­leitung hinzubekom­men, hole ich aber mal etwas weit­er aus:

Vor eini­gen Tagen fuhr ich mit dem Region­alzug durch die Gegend. Ich schätze die Region­alzüge hier sehr, denn sie bieten reich­haltige Ein­blicke in men­schliche Abgründe. In besagtem Region­alzug nun, mir schräg gegenüber, saß, som­mer­lich gek­lei­det, ein nicht unhüb­sches Mäd­chen von etwa 16 Jahren, das sich, wie man trotz ihrer Ohrhör­er vernehmen kon­nte, der Tech­no- oder jeden­falls Rave­musik hingab. Mit dem Rück­en ihr zuge­wandt saß ein bär­tiger Mann mit Hut, der aus­sah, als würde er im Dezem­ber seine Rente als Niko­laus auf­bessern.

Diesen Mann nun hat­te keines­falls der Geist der Wei­h­nacht erfüllt, denn er stand irgend­wann auf, drehte sich um, beugte sich über sie und nuschelte “mach das aus, das stört mich” in seinen beein­druck­enden Bart hinein. Ich über­legte, ob ich ein­wer­fen sollte, dass ich mich in mein­er Gemüt­sruhe eher von seinem Gemurmel als von ihrer Beschal­lung gestört fühlte, aber da saß er auch schon wieder, und die Musik blieb, wie sie war; daher wid­mete ich mich wiederum lauschend den übri­gen Reisenden.

Irgend­wann stand der grim­mige Herr dann auf und ver­ließ den Zug. Allerd­ings nahm er hier­für einen kleinen Umweg in Kauf, nur um an dem nicht unhüb­schen Mäd­chen vorüberzuge­hen und sie nochmals ob ihres Hörver­hal­tens als Störerin beze­ich­nen zu kön­nen. Wieso ihm das nun, da er den Zug ohne­hin ver­ließ, noch so wichtig war, kon­nte ich nicht in Erfahrung brin­gen, das Mäd­chen jeden­falls wandte sich anschließend ihren offen­baren Fre­undin­nen zu, die vor ihr saßen, und in bre­it­em Jugendslang und wild gestikulierend spot­teten sie über das betagte Ver­hal­ten des betagten Her­rn.

Tja, wer­den nun die Leser ein­wen­den, da tre­f­fen wieder völ­lig unter­schiedliche Gen­er­a­tio­nen und Gesellschaftss­chicht­en aufeinan­der, und mit über 60 ist man dann so, wie man mit unter 20 nie sein wollte. So unter­schiedlich sind ihre Sor­gen aber gar nicht.

In dieser Woche zum Beispiel sind die Boule­vard­magazine im Zeitschriften­re­gal erfüllt von Trauer, weil zwei Per­so­n­en des öffentlichen Lebens abgenip­pelt ver­stor­ben sind. Den Tod von Amy Wine­house the­ma­tisierte ich ja bere­its. “Wer ist Amy Wine­house?”, fra­gen nun die älteren Men­schen. Amy Wine­house, das antworte ich ihnen, war eine Sän­gerin, die beim vor­wiegend jun­gen Pub­likum beliebte Weisen intonierte. Ver­gle­ich­bar ist sie etwa mit Bernd Clüver, gle­ich­falls inzwis­chen tot­er Musik­er, dessen “Junge mit der Mund­har­moni­ka” einst eben­falls Massen begeis­terte.

Und so prangte heute in trauter Einigkeit in näm­lichem Zeitschriften­re­gal das Gesicht von Amy Wine­house gle­ich neben dem von Bernd Clüver. Und während man bei der BRAVO spekulierte, ob Frau Wine­house wohl an gebroch­en­em Herzen starb (“Starb sie an gebroch­en­em Herzen?”), ist man bei der “Neuen Post” boden­ständi­ger genau so über­dreht eso­ter­isch und fragt anlässlich Her­rn Clüvers Ablebens: “Starb er an gebroch­en­em Herzen?”.

Das mit dem gebroch­enen Herzen scheint ja eine brandge­fährliche Sache zu sein. (Ob daran die Killer­spiele schuld sind?)
Da ist es beina­he schon beruhi­gend, dass ein berühmter Tot­er garantiert an etwas anderem ver­starb: Knut.

(Danke an V.!)

Wie die Anderen
Wie die Anderen: Ein Experiment

Eine Ankündi­gung in eigen­er Sache:

Seit ich hier wieder etwas regelmäßiger schreibe, erfahre ich hin und wieder Kri­tik, ich würde stilis­tisch allzu deut­lich von anderen Insin­ter­netschreibern inspiri­ert, sei gar ein Kopist.

Wahr ist, dass mein Schreib­stil, wie wohl der der meis­ten Men­schen, die nicht nur schreiben, son­dern auch lesen, im Laufe der Jahre von eini­gen Autoren bee­in­flusst wurde, gele­gentlich auch von Blog­gern. Falsch ist aber, dass ich deshalb gän­zlich auf einen eige­nen Stil verzichte. Um diese Kri­tik kün­ftig etwas abzuschwächen, werde ich in den näch­sten Wochen, vielle­icht auch Tagen, ver­suchen, einige Beiträge im Schreib­stil bekan­nter und vielle­icht weniger bekan­nter Blog­ger zu ver­fassen, und hoffe, dass meine geneigte Leser­schaft den Unter­schied bemerkt. Zur Sicher­heit werde ich jeden­falls diese Artikel geson­dert kennze­ich­nen.

Anre­gun­gen nehme ich selb­stver­ständlich gern ent­ge­gen.

KaufbefehleMontagsmusik
Nine Inch Nails — The Becoming

Eine Begeben­heit erin­nerte mich jüngst daran, dass “The Down­ward Spi­ral” der großar­ti­gen Nine Inch Nails auch schon wieder 17 Jahre her ist:

NIN: The Becom­ing live at Sasquatch Fes­ti­val 5.24.09 [HD]

The me that you know, he used to have feel­ings,
but the blood has stopped pump­ing and he is left to decay.
The me that you know, he is now made up of wires,
and even when I’m right with you I’m so far away.

Zeit­lose Psy­chose.
(Reimt sich.)

SonstigesFotografie
Sparen Sie sich reich!

Heute in der beliebten Serie “Die Qual­ität­sof­fen­sive der Bahn”:

Sparpreise!

“Im Sep­tem­ber (2010, A.d.V.) wird der Vor­stand weit­ere Schritte unser­er Kun­den- und Qual­ität­sof­fen­sive ver­stellen”, kündigte Grube bei der Vorstel­lung des Hal­b­jahre­sergeb­niss­es der Bahn an.

:?

Sonstiges
Party/-innen

Ter­mi­ni, die man erst seit der All­ge­gen­wart des post­fem­i­nis­tis­chen Sex­is­mus nicht ein­mal mehr lesen kann, ohne kurz innezuhal­ten:

(Und dann ent­deck­en, dass da entwed­er ein Binde­strich fehlt oder ein Schrägstrich über­flüs­sig ist, endlich den Zusam­men­hang ver­ste­hen, ein wenig schmun­zeln und was anderes machen.)

Netzfundstücke
Erschreckend: Apple.

In ein­er Welt, die täglich neue Hiob­s­botschaften für ihre Bewohn­er bere­i­thält, ist es nur mehr wenig ver­wun­der­lich, dass sel­bige in ständi­ger Angst leben. Fröh­liche Beschwingheit ist seit dem 11. Sep­tem­ber ohne­hin ver­pönt, Sor­glosigkeit als Naiv­ität ver­schrien.

Die Welt ist nicht mehr groß und weit und span­nend, sie ist erschreck­end. Das schlägt sich auch in unserem Wortschatz nieder: Was ehe­dem mit man­nig­falti­gen Adjek­tiv­en aus­geze­ich­net wurde, ist in diesen schreck­en­sre­ichen Tagen erschreck­end.

Ein kurz­er Blick in die Wikipedia, einen der beredtesten Zeu­gen men­schlichen Sprach­wan­dels und ‑ver­falls, offen­bart bere­its: Men­schen wer­den erschreckt, wenn sie Gesichter genau able­sen kön­nen, und bere­its geringe Unwäg­barkeit­en wie das Ver­säu­men eines Löschantrages und Geld­knap­pheit bei Formel-1-Ren­nen ver­set­zen sie ger­adezu in Panik. Noch erschreck­ender (“mehr als erschreck­end”) als das Erschreck­en ist eigentlich nur noch die Gle­ichgültigkeit:

(…) Mary stirbt (…) an einem Herz­in­farkt. Rays Reak­tion darauf ist mehr als erschreck­end: Völ­lig gle­ichgültig ver­fol­gt er die Arbeit der San­itäter (…).

Wen wun­dert es da noch, dass manch einem vor lauter Panik der Wortschatz ent­gleit­et?

Uni­body-Gehäuse mit erschreck­end präzisen Kan­ten und Spalt­maßen find­et man son­st nur bei Alter­na­tiv­mod­ellen aus eigen­em Hause.

Die Welt ist voller Gefahren.
Es ist erschreck­end.

Spaß mit Spam
Hallo freund

Diese Anrede höre ich üblicher­weise nur in der Fußgänger­zone, wenn der kleine Sohn ein­er offen­bar recht lib­eralen Mut­ter mal wieder Dummheit­en macht. Das klingt dann unge­fähr so: “Hal-looooo?! Fre-heuu­u­und?!” (Man stelle sich zur besseren Visu­al­isierung jedes Wort auf der ersten Silbe betont, aber auf der let­zten gebrüllt vor.) Aber es ist keine lib­erale Mut­ter, die dergestalt ihren Sohn rügend um meine Aufmerk­samkeit buhlt, son­dern eine gewisse “Natasha”. Und sie geht gle­ich ziem­lich ran, die Gute:

Hal­lo,

Ich würde Sie gerne ken­nen ler­nen

Nun mal langsam: Warum, woher, wann; die üblichen tech­nis­chen Dat­en eben?

Mein Name ist Natascha und ich bin 26 Jahre alt, ich lebe in Rus­s­land.

Das kön­nte das mit dem Ken­nen­ler­nen dann vielle­icht doch ein biss­chen erschw­eren. Aber wie sind Sie eigentlich an “mich” ger­at­en?

Ich habe Ihr Bild in der Agen­tur von Bekan­nten und Sie mocht­en mich.

(Ich frage mich ja manch­mal, was es in Rus­s­land so alles für Agen­turen gibt, und will das dann eigentlich doch lieber nicht wis­sen.)

Immer­hin geben Sie zu, dass Sie ober­fläch­lich sind. Ehrlichkeit ist in diesen Din­gen heutzu­tage ein wahrlich sel­tener Schatz gewor­den.
Aber wie muss man sich das nun eigentlich vorstellen? Man besucht also als rus­sis­che Frau, die ihren Namen je nach Gus­to buch­sta­biert, Bekan­nte in denen ihrer Agen­tur, und die Bekan­nten drück­en einem dann mit den Worten “wir mögen dich, hier hast du einen Kerl” — auf Rus­sisch natür­lich — mein Bild in die Hand? Mich fröstelt ein wenig.

Ich möchte bess­er ken­nen zu ler­nen mit Ihnen und zu entsprechen.

Dann entsprechen Sie erst mal, bevor Sie sich auf­drän­gen; ich kenne Sie immer­hin nicht, und Rus­s­land erscheint mir dann doch außer­halb mein­er gewün­scht­en Reich­weite.

Ich habe auch meine Foto.

Äh — ich grat­uliere.

Wenn ich dich mochte, und Sie inter­essiert sind — bitte mailen Sie mir.

Ich füh­le mich beina­he ein wenig geschme­ichelt. Ihre Inter­essensgenossin­nen pfle­gen anlässlich dieses Anliegens bedin­gungslose Forderun­gen zu stellen, Sie lassen mir die Entschei­dung auch ver­bal frei. Dann bin ich mal so frei …

Warten auf Ihre Antwort.

Natasha.

… und nehme an, die Agen­tur Ihrer Bekan­nten wird Ihnen meine Entschei­dung als­bald mit­teilen. Schauen Sie ein­fach mal wieder dort vor­bei!

Mit hin­ter­hältigem Lächeln,
unle­ser­lich.

In den Nachrichten
Tuten und Blasen

Und falls es echt noch jeman­dem nicht so ganz klar war, wieso einem die ganze Krise in den USA ger­ade irgend­wie bekan­nt vorkommt, leis­tet man als über­bezahlter Ses­sel­furz­er doch gern mal Abhil­fe:

Face­book-Anteil­seign­er Peter Thiel glaubt nicht an eine neue Finanzblase bei Inter­ne­tun­ternehmen. Statt jet­zt einzuknick­en, müsse man noch viel stärk­er in Zukun­ft­stech­nolo­gien investieren. Dem SPIEGEL sagte der Mil­liardär, die High­tech-Indus­trie ver­spreche weit­er Wach­s­tum und Fortschritt. (…) Thiel sieht nicht “den Wahnsinn von früher” wiederkehren, son­dern im Gegen­teil eine “kul­turelle Trans­for­ma­tion”. (…) Das Sil­i­con Val­ley sei nun an der Spitze gelandet, als einziger Ort, “der noch Wach­s­tum und Fortschritt ver­spricht”.

Klar würde so ein Face­book-Anteil­seign­er nie sagen, dass es eine ziem­liche Schnap­sidee wäre, sein sonst­wie ergaunertes Geld in das Web 2.0, was immer das jet­zt genau auch sein soll, zu pumpen. Nein, diese Dot­com-Blase wird niemals platzen, denn anders als noch vor einem Jahrzehnt spekuliert man nicht darauf, dass die Unternehmen, in die man Geld investiert, sat­te Gewinne abw­er­fen, son­dern nur darauf, dass der Markt, in dem sie sich etablieren wollen, sta­bil bleibt; was ja dann auch irgend­wie das­selbe Ergeb­nis hat.

Ger­ade aus ein­er “Krise” her­aus­gerutscht und wieder ein paar Kröten auf dem Kon­to zeigt man sich in Investi­tion­skreisen also wieder wage­mutig. Man hat es allerd­ings auch leicht heutzu­tage, als Investor stinkre­ich zu wer­den, denn man muss kein Glück mehr haben oder gar ökonomis­che Weit­sicht, son­dern die jew­eili­gen Unternehmen ver­sprechen Wach­s­tum und Fortschritt, was selb­stver­ständlich nur bedeuten kann, dass es bergauf geht und man sich mit dem Investieren bess­er ein biss­chen beeilen sollte, und nicht etwa, dass so ein Unternehmen natür­lich schön blöd wäre, möglichen Aktionären zu sagen: So, Leute, wir sind dann in Bälde mal pleite.

Die tat­säch­lichen Unternehmenswerte liegen eben im run­derneuerten Web zwei­dreivier­tel eben­so in der Cloud wie die Aus­sicht­en auf Gewinn aus diesen Unternehmenswerten. Die Logik scheint bestechend: So etwas ist ja erst vor kurzem gewaltig in die Hose gegan­gen, der kollek­tive Gemeinsinn macht den gle­ichen Fehler nicht zweimal in so kurz­er Zeit und wird schon rechtzeit­ig die Kurve kratzen bekom­men.

Und Peter Thiel hat das ver­standen:

“Es gibt keine Blase, nicht bei Face­book, nicht bei LinkedIn und bei keinem der anderen bekan­nten Unternehmen”, so Thiel im SPIEGEL.

Denn das hätte sich ja wohl schon herumge­sprochen, wenn es eine Blase gäbe, die kurz vorm Platzen ist, das hat ja damals auch schon gut funk­tion­iert. Wo der tat­säch­liche Fir­men­wert von zum Beispiel Face­book liegt, dessen einziges stetes Kap­i­tal seine Kun­den — vielmehr: ihre Dat­en — sind, wagt ein Face­book-Anteil­seign­er natür­lich nicht zu hin­ter­fra­gen. Wird schon alles seine Richtigkeit haben, son­st würde man den Wert wohl kaum so hoch schätzen.

Krise? Was für eine Krise?

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt LIV: Die Rückkehr der Juniorpartner / Deutscher Egoismus

Erin­nert sich noch jemand an die SPD, diese vor 1998, als Ger­hard Schröder die Nach­folge Hel­mut Kohls antrat, poli­tisch ziel­gerichtete, ein­flussre­iche und eigentlich auch inhaltlich noch einiger­maßen erträgliche Partei, die in der fol­gen­den Koali­tion mit der “Union” (christlich wie die Kreuz­züge, demokratisch und sozial wie die Deutsche Demokratis­che Repub­lik) sich als “Junior­part­ner” an den stim­mge­waltigeren “Senior­part­ner” anbiederte und die leicht­gläu­bi­gen Wäh­ler infolge dessen anwiderte?

Sie ist wieder da:

Der SPD-Vor­sitzende Sig­mar Gabriel hat Bun­deskan­z­lerin Angela Merkel (CDU) die Zusam­me­nar­beit bei ein­er Steuer­reform ange­boten.

Wenn SPD und CDU “zusam­men” die Steuern reformieren wollen, kann das nur ein Erfolg wer­den.
Das sieht dann ver­mut­lich unge­fähr so aus (Artikel von 2005):

Wenn es nach Spitzen­poli­tik­ern von Union und SPD geht, würde die Mehrw­ert­s­teuer ange­blich auf 20 Prozent erhöht.

Oder auch so (Artikel vom Dezem­ber 2010):

SPD und CDU stim­men für Steuer­erhöhun­gen in Salzu­flen

Diese SPD ist schon putzig.


Auch ziem­lich putzig ist übri­gens Romano Pro­di, ehe­mals Regierungschef Ital­iens, der dann mal den Cap­tain Obvi­ous macht:

Ex-Regierungschef Pro­di hält die Deutschen für ego­is­tisch. (…) Er ver­wies darauf, dass die Deutsche Bank fast ihre gesamten ital­ienis­chen Staat­san­lei­hen im Wert von acht Mil­liar­den Euro verkauft habe. Dies sei “ein ein­drucksvolles Sig­nal des Nicht-Ver­trauens”.

Sign­or Pro­di, chiedo scusa, aber so recht Ver­trauen in ein Land, dessen Finanzen auf­grund eige­nen Ver­sagens nicht die besten sind und dessen lauteste Kra­keel­er, wie Sie ein­er sind, dann ver­suchen, anderen Län­dern die Schuld hier­an zuzuschieben, zu haben ist dann doch nicht unbe­d­ingt ein­fach. So schwierig ist das nicht zu ver­ste­hen: Wenn ich Anteil­seign­er an einem großen Unternehmen bin und dessen Bankrott unmit­tel­bar bevorste­ht, werde ich nicht mit dem Verkauf warten, bis meine Anteile nichts mehr wert sind, son­dern sie vorher abstoßen.

So funk­tion­iert das in der Wirtschaft. Aber wem sage ich das?

Nerdkrams
Welt-Nerd-Tag

Nach dem Welt­pin­guin­tag dachte ich, es gäbe keine ähn­lich lobenswerten Feiertage. Dann las ich dies:

Am 29. Juli 2011 wird der Welt-Nerd-Tag gefeiert.

Passender­weise find­et am 29. Juli 2011 — also heute — auch der diesjährige “SysAd­min­Day”, der Tag der Sys­temad­min­is­tra­toren, statt. Während let­ztere aber im All­ge­meinen geachtete Zeitgenossen sind, hat die Öffentlichkeit von Nerds ein etwas anderes Bild:

Rein äußer­lich sind sie durch ihre dick­en Horn­brillen und Hochwasser­ho­sen erkennbar sowie daran, dass sie über Per­ry Rho­dan, Comics, die neuesten Lan-Par­ties (sic!) oder die ange­sagtesten Videospiele philoso­phieren. Willkom­men in der Welt der Nerds.

Dabei sieht die Welt der Nerds eigentlich ganz anders aus. Sie sind nur sel­ten klis­chee­haft gek­lei­det, viele von ihnen inter­essieren sich nicht ein­mal für Sci­ence-Fic­tion, son­dern find­en sie, im Gegen­teil, stin­klang­weilig. Als Nerd beze­ich­net man sich auch nur sel­ten selb­st, zu neg­a­tiv ist dieses Wort in der öffentlichen Wahrnehmung beset­zt, son­dern man wird von anderen Men­schen als Nerd iden­ti­fiziert. Dazu gehört nicht ein­mal eine dicke Horn­brille, es genügt bere­its, sich für The­men zu inter­essieren, die in den Augen eher kon­ser­v­a­tiv­er Medi­en und Mit­men­schen als wun­der­lich gel­ten. Die Zahl der­er, die dieses Inter­esse teilen, ist hier­bei uner­he­blich; so gibt es Com­put­er­spiel­nerds, obwohl wohl jed­er Dreikäse­hoch heutzu­tage dieses Inter­esse teilt; es gibt Sci­ence-Fic­tion-Nerds — bekan­nt sind die “Trekkies”, die sog­ar Gegen­stand eigen­er Filme (“Fan­boys”) wur­den — ver­schieden­ster Aus­rich­tung, obwohl nicht erst seit der let­zten Star-Wars-Trilo­gie das Wis­sen über Hin­ter­gründe und Zusam­men­hänge dieser Wel­ten zumin­d­est teil­weise zum All­ge­meingut wurde (wer hat noch nie was von “Laser­schw­ert­ern” gehört?); und es gibt vere­inzelt auch Nerds, die fernab elek­tro­n­is­ch­er Medi­en ihrem Nerd­tun nachge­hen, etwa Büch­ern­erds. So sieht die Gesellschaft das.

Ist man also schon ein Welt-Nerd-Tag-Nerd, weil man diesen Artikel hier liest und somit alles Wis­senswerte über ihn her­aus­ge­fun­den hat? Wom­öglich schon. Da aber nun ander­er­seits jed­er Men­sch ein Nerd ist, schlage ich vor, für uns Com­put­er­bastler, die im täglichen Leben mit ihrem Nerd­tum so manchen Betrieb am Laufen hal­ten, ein anderes Wort zu etablieren.

Wie wäre es mit “Sysad­mins”?
Gern geschehen.

Einen Gruß und meine volle Hochachtung an all die Lei­densgenossen da draußen! :)

Fotografie
Drei Bilder, drei Geschichten

(Die Bil­dun­ter­schriften sind aus­gedacht, die Motive lei­der nicht.)

Was mochte der Autor damit aus­drück­en wollen?
Möglich ist, dass ein find­i­ger Geschäfts­mann, um die homo­sex­uelle Szene in sein­er Heimat­stadt wirtschaftlich zu fördern, jüngst ein Etab­lisse­ment eröffnete, es plaka­tiv mul­ti­kul­turell “Gay-Town” nan­nte und nun nur noch ein gutes Mot­to benötigte. Vielle­icht sind dies also die ersten Gehver­suche eines zukün­ftig berühmten Wer­be­tex­ters?
Möglicher­weise wollte der Schreiber aber auch nur in einem Anflug pubertär­er Heit­erkeit die Nach­barstadt verunglimpfen. Es ist jedoch lei­der nicht ersichtlich, um welche es sich han­deln möge, weshalb der Vor­wurf, sie sei schwul und würde oben­drein orale Aktiv­itäten vollführen, unwider­sprochen bleiben muss. Ganz schön gewitzt, der unbekan­nte Ver­fass­er.


Die Bau GmbH in Bal­len­st­edt war verzweifelt: Das Tra­di­tion­sun­ternehmen, dessen Kun­den seit jeher das geschäftliche Mot­to “Bewusst bess­er bauen” zu schätzen wussten, hat­te sich eine teure Ver­mark­tungskam­pagne geleis­tet und sog­ar in fer­nen Innen­städten plakatiert, und den­noch blieben Neukun­den aus. An der Kam­pagne selb­st, dessen war man sich sich­er, kon­nte das jeden­falls nicht liegen.


Das Wort “svadu” bedeutet auf San­skrit unge­fähr “wohlschmeck­end”. Was aber ist ein Dack­ster­spi­en?
Ich empfehle, in näch­ster Zeit das Süßwaren­re­gal des örtlichen Super­mark­ts im Auge zu behal­ten. Lobenswert ist es jeden­falls, dass die Jugend noch immer zu sprach­lich­er Kreativ­ität imstande ist.