NerdkramsIn den Nachrichten
Black­out­phone / Schwei­zer Daten­schutz­lü­gen

Wegen der NSA sind die Leu­te erfreu­lich vor­sich­tig gewor­den, was ihre Pri­vat­sphä­re im Netz betrifft; sie ver­schlüs­seln ihre Mails häu­fi­ger, gehen mit Face­book und der­glei­chen etwas weni­ger naiv um und wis­sen um die Gefah­ren von Goog­le, so fassen’s die Medi­en der­zeit gele­gent­lich zusam­men. Sie – die Leu­te – instal­lie­ren dut­zend­wei­se „Track­ing“- und Java­Script-Bekämp­fungs­mit­tel wie NoScript und Gho­stery in ihren Brow­sern, was all­ge­mein eine gute Idee ist (sie­he auch hier, hier und hier).

Und es ver­geht kaum ein Tag, an dem nicht neue Sicher­heits­lö­sun­gen „gegen Über­wa­chung“ ange­kün­digt wer­den, sei’s software‑, sei’s hard­ware­sei­tig.

Seit gestern etwa wird allent­hal­ben das „Black­pho­ne“, ein mit dem omi­nö­sen Android-Fork „Pri­va­tOS“ ver­se­he­nes „siche­res Smart­phone“, ange­prie­sen:

Black­pho­ne will nun mit dem gleich­na­mi­gen Smart­phone einen Weg aus der Mise­re bie­ten. So soll die gesam­te Kom­mu­ni­ka­ti­on – also Tele­fo­na­te, Chats und son­sti­ge Nach­rich­ten – ver­schlüs­selt ablau­fen.

Mit Phil Zim­mer­mann hat man sich schon einen Kryp­to­gra­fie­ex­per­ten ins Boot geholt, die Her­stel­ler­fir­ma selbst sitzt in der Schweiz. Das klingt nach einem inter­es­san­ten Pro­dukt, viel­leicht ist also ein Blick auf die Web­site von Black­pho­ne loh­nens­wert.

Das geht aber nur, wenn man Java­Script akti­viert:

Blackphone.ch

Mein Ver­trau­en erweckt das nicht. Aber gut, viel­leicht ist das nur ein Aus­rut­scher. Die mei­nen das mit dem Daten­schutz näm­lich ernst:

Our busi­ness is to make and sell pri­va­cy-ori­en­ted smart­phones. We take this very serious­ly. (…) The empha­sis on pri­va­cy and secu­ri­ty is what we do best.

Und nicht zu ver­ges­sen:

Your pri­va­cy is depen­dent on the pro­per hand­ling of your per­so­nal infor­ma­ti­on. We will never sell this data or give access to unaut­ho­ri­zed third par­ties.

Voll­mun­di­ge Ver­spre­chen also: „Ihre Daten gehö­ren Ihnen allein! Kein Drit­ter soll sie haben!“

Schau­en wir mal in den Quell­code der Web­site:

Gut, jQuery wird also schon mal nicht von Goog­le ein­ge­bun­den. Außer, wenn das Laden fehl­schlägt, dann näm­lich schon:

if (!jqueryLoaded) {
  var script = document.createElement('script');
  script.type = 'text/javascript';
  script.src = '//ajax.googleapis.com/ajax/libs/jquery/1.4.4/jquery.min.js';
  head.appendChild(script);
  // (...)
}

Das dürf­te aber zumin­dest in den sel­ten­sten Fäl­len der Fall sein. Sonst noch was von Goog­le im Quell­code? Ent­war­nung: Nö. Dafür aber die­ses Bon­bon am Fuß der Sei­te:

   <script type="text/javascript">
    //<![CDATA[
    var DID=223197;
    var pcheck=(window.location.protocol == "https:") ? "https://sniff.visistat.com/live.js":"//stats.visistat.com/live.js";
    document.writeln('<scr'+'ipt src="'+pcheck+'" type="text\/javascript"><\/scr'+'ipt>');
    //]]>
  </script>

Dies, mei­ne Damen, Her­ren und Son­sti­gen, ist eine so genann­te Track­ing­wan­ze, ein klei­nes Java­Script-Skript, das eure Daten an einen Fremd­an­bie­ter schickt, um zu gucken, wer ihr seid und was ihr gera­de macht. Visi­Stat ist ein kali­for­ni­sches Unter­neh­men, das ganz beson­de­re Dien­ste anbie­tet:

(…) Unter­neh­men wie Relead, Visi­Stat und Full­Cont­act bie­ten nach eige­nen Anga­ben die Iden­ti­fi­ka­ti­on von Sei­ten­be­su­chern mit­tels Social Net­works und Geo­da­ten an.

Das kann man sich im Hau­se Black­pho­ne doch nicht ent­ge­hen las­sen!

Ihre Pri­vat­sphä­re ist abhän­gig von der sau­be­ren Ver­wer­tung Ihrer pri­va­ten Infor­ma­tio­nen. Wer die­se Ver­wer­tung über­nimmt, ist ja voll­kom­men uner­heb­lich.

Mein Inter­es­se dar­an, mich mit dem „Black­pho­ne“ selbst zu beschäf­ti­gen, hält sich doch gera­de sehr in Gren­zen.

SonstigesIn den Nachrichten
Viel Schall und Rauch um nichts

Hihi:

Ein Vor­na­me wie „Pumuckl“ oder „Pep­si-Caro­la“ kann für ein Kind zur Qual wer­den – doch Deutsch­land ist offe­ner gewor­den und bei Stan­des­äm­tern wer­den unge­wöhn­li­che Namens­wün­sche von Eltern immer sel­te­ner abge­lehnt. (…) Eine Rück­be­sin­nung auf tra­di­tio­nel­le­re Namen macht das Münch­ner Stan­des­amt aus: „Der Trend geht zu tra­di­tio­nel­len Namen zurück“, sagt Lei­ter Ger­hardt Wir­sing.

„Wir­sing“.

Der Lei­ter des Stan­des­am­tes, Frank Neu­bert, sagt: „Was in man­chen Ohren fremd und exo­tisch klingt, kann in ande­ren Gegen­den ein gebräuch­li­cher Vor­na­me sein.“ Dazu zählt er Moka und Jazz für Mäd­chen sowie Orlan­do und Filou für Jungs.

Ein „Filou“ ist, das weiß das Wör­ter­buch, ein nichts­nüt­zi­ger Lebe­mann. Zumin­dest das ist tat­säch­lich gebräuch­lich. Ein­fach mal wie­der Bus fah­ren!

Vor ein paar Jah­ren war es ja noch Sit­te, sei­ne Kin­der nach Städ­ten zu benen­nen. Ein klei­ner Lein­fel­den-Ech­ter­din­gen, der aus dem Kin­der­pa­ra­dies abge­holt wer­den woll­te, ist mir zum Glück noch nicht begeg­net; dafür jede Men­ge Ald­ahs und Dig­gas.

Ob das Stan­des­amt das durch­ge­hen las­sen wür­de?

Er ist über zehn­tau­send Jah­re alt / und hat vie­le Namen.
Ton Stei­ne Scher­ben: Mein Name ist Mensch

PolitikIn den Nachrichten
Rosa Luxem­burg wür­de sich schä­men.

Heu­te vor 95 Jah­ren wur­den, wie meh­re­re Quel­len berich­ten, die frü­he­ren SPD-Mit­glie­der Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg, die sich im Janu­ar 1919 als Revo­lu­tio­nä­re im Ver­lauf des Janu­ar­auf­stands für den „Klas­sen­kampf“ – in Karl Lieb­knechts Fall aus­drück­lich auch bewaff­net – ein­setz­ten, im Auf­trag des SPD-Poli­ti­kers und spä­te­ren Reichs­wehr­mi­ni­sters Gustav Noske mit Bil­li­gung des SPD-Reichs­prä­si­den­ten Fried­rich Ebert erschos­sen. Pro­vo­kant for­mu­liert bedeu­tet das: Die Wie­ge der „links­extre­men Gewalt“ sowie gleich­zei­tig die der „Gewalt gegen links“ war die frü­he Sozi­al­de­mo­kra­tie.

Dass Rosa Luxem­burg spä­ter Zitat­ge­be­rin für die „Rote Armee Frak­ti­on“ wur­de, hat sie sich sicher­lich nicht aus­ge­sucht, aber dass sie in der DDR im Gegen­teil zwar ver­ehrt, aber nicht zitiert wer­den durf­te, ist eine zumin­dest erzäh­lens­wer­te Anek­do­te. Die SPD hat­te in den ersten Jah­ren des Ersten Welt­kriegs eben noch eine kri­ti­sche­re Anhän­ger­schar als heu­te.

Erst 1917 spal­te­te sich die ursprüng­lich sozia­li­sti­sche SPD in einen bür­ger­li­chen (MSPD) und einen kom­mu­ni­stisch-sozia­li­sti­schen Flü­gel (USPD), dem sich auch die Revo­lu­tio­nä­re anschlos­sen, die ihn aber bald wie­der ver­lie­ßen und 1918, nach der abwech­seln­den Aus­ru­fung der Demo­kra­tie durch Phil­ipp Schei­de­mann (MSPD) und der sozia­li­sti­schen Repu­blik durch Karl Lieb­knecht (USPD), schließ­lich die KPD grün­de­ten. Eine sol­che Auf­spal­tung hat die SPD erst 2004 wie­der erfah­ren, als sich der Arbei­ter­flü­gel der Par­tei als WASG selbst­stän­dig zu machen begann. Geschich­te wie­der­holt sich.

Ein Sprung ins Jahr 2014: Die SPD-Regie­rung des Stadt­staats Ham­burg hat Gefah­ren­ge­bie­te ein­ge­rich­tet, in denen Pas­san­ten, die irgend­wie links aus­se­hen, prä­ven­tiv einen Platz­ver­weis bekom­men, egal, wie alt oder gefähr­lich sie sind. Tat­säch­lich gibt es auch links­ra­di­ka­le Gewalt­tä­ter in Deutsch­land, das steht außer Fra­ge; die Ver­hält­nis- und Recht­mä­ßig­keit der ange­ord­ne­ten Sank­tio­nen ist aller­dings etwas, womit sich die­ser Tage ja aller­lei gute und weni­ger gute Bericht­erstat­ter beschäf­ti­gen. Die SPD als selbst­er­nann­te Par­tei des Vol­kes möch­te aber wider Erwar­ten nicht, dass man ihr Han­deln als blin­den Eifer gegen eben die­ses Volk inter­pre­tiert, und ruft die übri­gen Ham­bur­ger Par­tei­en, Bür­ger und Insti­tu­tio­nen zur Demon­stra­ti­on gegen lin­ke Gewalt auf. (Noch wäh­rend ich dies schrei­be, ist aus der Demon­stra­ti­on eine Kund­ge­bung gewor­den. Die SPD ist die­ser Tage erstaun­lich fle­xi­bel.)

Die Reak­tio­nen auf die­sen Auf­ruf sind ver­schie­den, sie rei­chen von „Was ist von einer Regie­rungs­par­tei zu hal­ten, die Demon­stra­tio­nen plant?“ – tja nun, je nach­dem, was mit der Demon­stra­ti­on bezweckt wer­den soll – bis zu Bon­mots wie die­sem:

Cool! Die #SPD will die erfolg­te Abschaf­fung der Sozi­al­de­mo­kra­tie jetzt öffent­lich und fest­lich zele­brie­ren: hamburg1.de/aktuell/Demo_gegen_linke_Gewalt_geplant-19615.html

Wie oben erläu­tert, zeigt der Schrei­ber trotz sei­ner Sym­pa­thien für die „Anti­fa“ hier vor allem sei­ne Unkennt­nis von der Geschich­te der SPD. Vor­ge­hen gegen lin­ke Gewalt ist kein Zei­chen von Abschaf­fung der Sozi­al­de­mo­kra­tie; ich wür­de es viel­mehr Tra­di­ti­ons­pfle­ge nen­nen. Die gut­bür­ger­li­che SPD als Fels, der die Arbei­ter vor der Bran­dung in Form eines feind­se­li­gen Staa­tes schützt? Wo lebt ihr denn?

Könn­te Rosa Luxem­burg noch lesen, wie der Blick in ihre Zeit und auf ihre ehe­ma­li­ge Par­tei heu­te ver­klärt wird, sie wür­de sich ver­mut­lich schä­men.

Es hat die Fee doch sehr gequält, dass ihr der lin­ke Flü­gel fehlt.
Ich sprach: „Da geht’s dir wie der SPD!“
Wise Guys – Kai­ser Franz

PolitikIn den Nachrichten
Über­ra­schung: Geheim­dien­ste ope­rier­ten im Gehei­men! (2)

ZEIT.de, 7. Novem­ber 2013:

„Wir reden nicht über ein all­ge­mei­nes No-Spy-Abkom­men“, zitier­te die New York Times jedoch einen rang­ho­hen Mit­ar­bei­ter der US-Regie­rung.

ZEIT.de, 17. Dezem­ber 2013:

Die USA ver­wei­gern Deutsch­land laut New York Times den Abschluss eines soge­nann­ten Anti-Spio­na­ge-Abkom­mens.

ZEIT.de, 13. Janu­ar 2014:

Immer mehr Infor­ma­tio­nen deu­ten dar­auf hin, dass das geplan­te No-Spy-Abkom­men der Bun­des­re­pu­blik mit den USA zu schei­tern droht.

Es bleibt span­nend.


Oh, USA – rich­tig. Ihr kennt das: Ihr wollt in aller Ruhe einen schö­nen ent­span­nen­den Kriegs­film mit vie­len schö­nen Lei­chen angucken, da geräuscht euch einer in den Film rein. Da gibt’s nur eine Lösung!

Weil ihn die Tipp­ge­räu­sche auf dem Han­dy stör­ten, hat ein Mann in einem Kino in Flo­ri­da einen ande­ren Besu­cher erschos­sen. Der soll noch vor dem Beginn des Kriegs­films „Lone Sur­vi­vor“ eine SMS geschickt haben.

(Hof­fent­lich hat er wenig­stens einen Schall­dämp­fer ver­wen­det.) :irre:

Montagsmusik
District 97 – Open Your Eyes

Eines der erstaun­li­che­ren Ereig­nis­se rund um „Ame­ri­can Idol“, die US-ame­ri­ka­ni­sche Fas­sung von „Deutsch­land sucht den Super­star“, ist die Geschich­te von Les­lie Hunt, deren Solo­kar­rie­re nach ihrer dor­ti­gen „Ent­deckung“ bran­chen­ty­pisch schlep­pend ver­lief; statt aller­dings das Schick­sal der ande­ren aus­ge­son­der­ten Teil­neh­mer zu tei­len und einen rich­ti­gen Beruf ergrei­fen zu müs­sen, bekam sie die Gele­gen­heit, der bis dahin instru­men­tal agie­ren­den Retro-Prog-Band District 97 bei­zu­tre­ten.

District 97 wur­den 2006 gegrün­det, sind aber durch­aus kei­ne Unbe­kann­ten mehr; nach zwei Stu­dio- und zwei Live­al­ben gaben sie 2013 eini­ge Kon­zer­te mit John Wet­ton (UK, King Crims­on, Asia, Uriah Heep und ande­re), auf denen sie man­cher­lei King-Crims­on-Stück (etwa Fal­len Angel) spiel­ten; und das gar nicht mal schlecht.

Dass Frau Hunt bei die­sen Auf­trit­ten eher wenig zu Wort kam, ist nicht all­zu ver­wun­der­lich, King Crims­on hat­ten nie eine Sän­ge­rin. Ein biss­chen scha­de ist es aber schon, denn trotz ihrer Teil­nah­me an besag­ter Fern­seh­sen­dung kann sie erstaun­lich unner­vig sin­gen. Zum Bei­spiel so:

District 97-Open Your Eyes (Offi­ci­al Music Video)

In die­sem Sin­ne: Guten Mor­gen!

In den NachrichtenNerdkrams
Die Welt vom Sofa aus ver­än­dern (2): Der Tag, an dem wir Pla­ka­te kle­ben

Erin­nert ihr euch noch an die Online­de­mon­stra­tio­nen der Pira­ten­par­tei? Was haben wir da nicht alle gelacht, wie naiv das doch sei und dass man den Kampf wohl kaum gewin­nen kön­ne, indem man sich im Inter­net „trifft“ und unter­hält.

Heu­te fand ich in mei­nem Nach­rich­ten­ticker die Web­site The Day We Fight Back, eine Art Kam­pa­gnen­sei­te von Mozil­la, der EFF, Red­dit und wei­te­ren Teil­neh­mern. Die Betei­lig­ten erklä­ren dar­auf den 11. Febru­ar 2014 zum „Tag, an dem wir gegen die Mas­sen­über­wa­chung zurück­schla­gen“. Das soll fol­gen­der­ma­ßen gesche­hen:

  1. Man möge sich auf obi­ger Web­site anmel­den und einen Wer­be­ban­ner für die Kam­pa­gne auf sei­ne Inter­net­prä­senz set­zen.
  2. Anschlie­ßend möge man sie auch ander­wei­tig bekannt­ma­chen. „The Day We Fight Back“ stellt dafür Links zu Twit­ter, Face­book und Goog­le+ bereit – denn gegen staat­li­che Über­wa­chung kämpft man eben beson­ders erfolg­reich, wenn man an über­staat­li­chen Über­wa­chungs­pro­gram­men teil­nimmt.
  3. In den sozia­len Net­zen, in denen man ange­mel­det ist, möge man sein Pro­fil­bild um den Schrift­zug „#STOPTHENSA“ und das Logo der Kam­pa­gne ergän­zen. Das ist immer­hin etwas klü­ger als es ein­heit­lich kom­plett zu erset­zen, wie es „die Pira­ten“ vor­ge­schla­gen hat­ten.
  4. Optio­nal möge man eines von vier Wer­be­pla­ka­ten auf Face­book (sie­he oben) posten.
  5. Red­dit als Kam­pa­gnen­mit­för­de­rer möch­te selbst­ver­ständ­lich auch nicht leer aus­ge­hen. Der näch­ste Schritt: Man möge auf Red­dit an der Dis­kus­si­on über die­se Kam­pa­gne teil­neh­men. Das ist natür­lich viel durch­dach­ter als eine Mum­ble-Demon­stra­ti­on.
  6. Abschlie­ßend sei’s gestat­tet, selbst krea­tiv zu sein. „Schreibt einen Kom­men­tar über die NSA, baut eine Web­site, star­tet irgend­wel­che Aktio­nen, erzählt uns davon.“

War­um für letz­te­ren Schritt auf die E‑Mail-Adres­se ver­wie­sen wur­de, ist mir nicht klar. Die Nut­zer kön­nen das doch sicher auch per Face­book tun!

:wallbash:

KaufbefehleMusikkritik
Fan­ta­sy – Paint A Pic­tu­re

Fantasy - Paint A PictureDie 1970er Jah­re waren der­art vol­ler jun­ger, auf­stre­ben­der Musik­grup­pen ins­be­son­de­re aus Groß­bri­tan­ni­en, dass es nur weni­ge von ihnen zu so etwas wie Ruhm gebracht haben. Fan­ta­sy gehö­ren zu denen, denen ihre Kon­kur­renz zum Ver­häng­nis gewor­den ist.

Fan­ta­sy (nicht die US-ame­ri­ka­ni­sche Dis­co­band glei­chen Namens) wur­den um 1970 her­um als Cha­pel Farm gegrün­det, änder­ten mit dem Unfall­tod ihres Bas­si­sten, der an sei­nem acht­zehn­ten Geburts­tag betrun­ken zu unacht­sam an Klip­pen ent­lang­ba­lan­ciert war, und fol­gen­den Umbe­set­zun­gen aber ihren Namen in Fire­queen und began­nen Demo­bän­der an Plat­ten­fir­men zu ver­schicken. Poly­dor nahm sie unter der Bedin­gung unter Ver­trag, dass sie den Namen Fire­queen durch irgend­et­was Unblö­des ersetz­ten; so wur­de es eben Fan­ta­sy. (Bei Poly­dor stan­den spä­ter unter ande­rem Bro’­Sis und Take That unter Ver­trag. Tem­po­ra mutan­tur.) Poly­dor gewähr­te Fan­ta­sy dann einen Drei­jah­res­ver­trag und warf 1973 das Debüt­al­bum „Paint A Pic­tu­re“ auf den Markt.

Die­se For­mu­lie­rung ist tref­fend gewählt, denn ein kom­mer­zi­el­ler Erfolg blieb aus. Fan­ta­sy waren ihrer Zeit nicht vor­aus, son­dern waren spät dran. Für sym­pho­ni­sche Rock­mu­sik mit einer Viel­falt an Ein­flüs­sen und unblö­den Tex­ten von bis dahin unbe­kann­ten Grup­pen woll­te sich in der Zeit zwi­schen Hard­rock und Punk kaum noch jemand Zeit neh­men. Auf Druck Poly­dors wur­de in einem Tag die Sin­gle „Poli­te­ly Insa­ne“ geschrie­ben und auf­ge­nom­men, um den kom­mer­zi­el­len Erfolg zu stei­gern. Wenn ich 2014 höre, was Plat­ten­fir­men 1973 für ver­kau­fens­wert hiel­ten, muss ich ja immer fast ein biss­chen wei­nen.

Fan­ta­sy – Poli­te­ly Insa­ne (1973)

Gent­le Giant („Young Man’s For­tu­ne“), Cara­van („Silent Mine“), Star­cast­le, die frü­hen Van der Graaf Gene­ra­tor, (natür­lich) Gene­sis und aller­lei ande­re zeit­ge­nös­si­sche Bands stan­den für „Paint A Pic­tu­re“ musi­ka­lisch Pate, die Gitar­re setzt genau da die rich­ti­gen Akzen­te, wo man sie braucht, und selbst der Gesang, meist der Fla­schen­hals einer Band aus die­ser Musik­rich­tung, ver­mag zu gefal­len.

Zum Fol­ge­al­bum „Bey­ond The Bey­ond“, das 1974 auf­ge­nom­men wer­den soll­te, kam es dann aber vor­erst nicht mehr. Wohl auf­grund des nicht erfolg­ten Durch­bruchs mit „Paint A Pic­tu­re“ ließ Poly­dor die Grup­pe fal­len, die sich anschlie­ßend ent­täuscht auf­lö­ste. Dass das Album 1992 doch noch erschien (wenn auch nur auf CD), ist inso­fern eine erfreu­li­che Über­ra­schung. Ande­rer­seits: Wer weiß, was pas­siert wäre, hät­te Poly­dor damals Fan­ta­sys Poten­zi­al erkannt?

Wenig­stens ist ihre Musik unver­gäng­lich.

NetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkramsPiratenpartei
Kurz ver­linkt: Anti­fa, Kern­kraft, Mini­ma­lis­mus

Sind in der Pira­ten­par­tei jetzt (ich berich­te­te) nur noch Ver­rück­te? Aber nein! Viel­mehr ist es eine radi­ka­le Min­der­heit, die den „nor­ma­len Pira­ten“ (Don Alphon­so) die Arbeit unnö­tig erschwert. Teil die­ser radi­ka­len Min­der­heit ist auch Julia Schramm (das war die hier), die sich die­se Woche mal als links­ra­di­ka­le Mar­xi­stin posi­tio­niert. Mal gucken, wo sie näch­ste Woche steht.

Beach­tens­wert ist auch, dass Chri­sto­pher Lau­er sich von der­lei Umtrie­ben öffent­lich distan­ziert. Soll­te es in näch­ster Zeit wie­der ruhi­ger um ihn wer­den, wäre das also nicht beson­ders über­ra­schend.


Die­se Mel­dung ist schon etwas älter, aber immer noch lesens­wert: Kana­da ver­bie­tet Koh­le­kraft­wer­ke, um die Luft sau­ber zu hal­ten; in Deutsch­land steigt die Braun­koh­le­ver­hei­zung der­weil auf neue Spit­zen­wer­te, um den Ener­gie­ver­lust auf­grund des Aus­stiegs aus der Kern­kraft auf­zu­fan­gen. Deutsch­land: Wo sau­be­re Luft der Homöo­pa­thie geop­fert wird.

(via @Nuklearia)


Ich bin ja nicht nur Musik­freund und poli­ti­scher Agi­ta­tor, son­dern mache manch­mal auch was mit Com­pu­tern. In die­ser Eigen­schaft pries ich im Juni 2010 die Vor­zü­ge eines mini­ma­li­sti­schen Win­dows mit tasta­tur­ge­steu­er­ter Fen­ster­ver­wal­tung. Unter Unix und sei­nen Nach­bau­ten ist letz­te­re nun schon seit vie­len Jah­ren nichts Neu­es mehr, abseits von Gno­me, KDE und Open­box gibt es eine Viel­zahl an Fen­ster­ver­wal­tern, die die Arbeit im Voll­bild wie auch mit meh­re­ren Fen­stern neben­ein­an­der deut­lich ver­ein­fa­chen. Im Zusam­men­spiel mit dem Sta­ti­stik­werk­zeug con­ky las­sen sich so fle­xi­ble und viel­sei­tig anpass­ba­re Arbeits­um­ge­bun­gen schaf­fen (alle drei Kon­fi­gu­ra­tio­nen zei­gen awe­so­me mit con­ky in der „Haupt“- oder einer eige­nen Lei­ste), in denen man zwi­schen Voll­bild- und geka­chel­ten Anwen­dun­gen sowie vir­tu­el­len Desk­tops (auch meh­re­ren gleich­zei­tig) per Tasten­kür­zel (unter awe­so­me frei kon­fi­gu­rier­bar, stan­dard­mä­ßig dient die Win­dows­ta­ste als „Modi­fi­ka­tor“) wech­seln kann. Spart Bild­schirm­platz, erhöht die Pro­duk­ti­vi­tät. Im Forum von #! Linux gibt es einen mehr oder weni­ger aus­führ­li­chen Test (mit Bil­dern) von über 30 mal „kacheln­den“, mal (wie KDE, Mac OS X und Win­dows) „schwe­ben­den“ Fen­ster­ver­wal­tern abseits der „gro­ßen“ Desk­top­um­ge­bun­gen, den ich jetzt ein­fach mal als Ein­stieg emp­feh­le.

In den Nachrichten
So was von out!

Ich spa­re mir einen Link, da’s ohne­hin jede so genann­te „Zei­tung“ momen­tan über ihre Web­site (man­nig­fach ver­viel­fäl­tigt per Twit­ter und der­glei­chen) in hel­ler Auf­re­gung bekannt­gibt: Tho­mas – hehe – „Ham­mer“ Hitzl­sper­ger, ehe­ma­li­ger deut­scher Fuß­ball­na­tio­nal­spie­ler, habe nicht ein­fach ver­kün­det, dass er Män­ner als Lebens­part­ner bevor­zugt; nein, er habe sein coming-out, sein outing gehabt, kurz: er habe sich geoutet. Mir als Freund wohl­über­leg­ter Wort­wahl ver­schlägt es mir da aus­nahms­wei­se mal nicht wegen der Ver­wen­dung eines Lehn­worts die Spra­che.

Was die­se Begrif­fe näm­lich eigent­lich aus­sa­gen, ist, dass man sich als Mensch mit nicht hete­ro­se­xu­el­len Vor­lie­ben ver­stecken müs­se, bis man sich raus traue aus der Deckung. Das coming-out – hehe – als „Befrei­ung“ – wovon?

Hitzl­sper­ger sagt: „Ich habe mich nie dafür geschämt, dass ich nun mal so bin“.

Wovon hat er sich dann befreit? Das „erklärt“ Jan Schnor­ren­berg:

Klas­si­sche “Män­ner­do­mä­nen” wie der Fuß­ball skiz­zie­ren die Männ­lich­keit und tun dies auch über den Aus­schluss von Homo­se­xua­li­tät, auch wenn dies gar nicht der Lebens­rea­li­tät der Betei­lig­ten ent­spricht.

Der Fuß­ball schließt Homo­se­xua­li­tät genau wie aus? Müs­sen Fuß­ball­spie­ler regel­mä­ßig zum Schwu­len­test? Rich­tig: Sie wer­den schlicht nicht gefragt. Müs­sen sie ja auch nicht, auf dem Fuß­ball­feld ist es ja eini­ger­ma­ßen egal, ob der Typ im geg­ne­ri­schen Tor vor dem Spiel homo‑, hete­ro- oder pan­se­xu­el­len Spaß hat­te. Und weil es auf die Spiel­qua­li­tät kei­nen Ein­fluss hat, in wel­cher Art von Lebe­we­sen die Mit­spie­ler nor­ma­ler­wei­se ihren jewei­li­gen Penis ver­sen­ken, wird dar­über auch in der Mann­schaft eher sel­ten gespro­chen. In Tho­mas Hitzl­sper­gers Fall wur­den ín der Mann­schaft angeb­lich häu­fig Schwu­len­wit­ze gemacht; dass die­se Wit­ze ver­mut­lich unter­blie­ben wären, wenn er, statt mit­zu­la­chen, sei­ne Sexua­li­tät bekannt­ge­ge­ben hät­te, ist ihm offen­bar nicht ein­mal in den Sinn gekom­men.

Jan Schnor­ren­berg zitiert einen wei­te­ren Fuß­bal­ler:

Der Preis für mei­nen geleb­ten Traum von der Bun­des­li­ga ist hoch. Ich muss täg­lich den Schau­spie­ler geben und mich selbst ver­leug­nen. (…) Ich weiß nicht, ob ich den stän­di­gen Druck zwi­schen dem hete­ro­se­xu­el­len Vor­zei­ge­spie­ler und der mög­li­chen Ent­deckung noch bis zum Ende mei­ner Kar­rie­re aus­hal­ten kann.

Er spricht im Wei­te­ren von der „häss­li­che Frat­ze der Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät“, die Men­schen „zwin­ge“, ihre Iden­ti­tät und ihre Gefüh­le zu ver­leug­nen; von einer Gesell­schaft, in der Homo­se­xua­li­tät etwas Unna­tür­li­ches ist. Selbst auf­er­leg­te Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät ist kei­ne. Jemand, der von „Bekennt­nis­sen“ oder „coming-outs“ redet, wenn es um Men­schen geht, die nicht hete­ro­se­xu­ell sind, ver­ur­teilt die­se Eigen­schaft aller­dings schon durch sei­ne Wort­wahl als etwas Unüb­li­ches, Unna­tür­li­ches.

Ein homo­se­xu­el­ler Fuß­bal­ler wird von nicht benann­ten Per­so­nen zum „hete­ro­se­xu­el­len Vor­zei­ge­spie­ler“ sti­li­siert und muss die­ses Bild auf­recht­erhal­ten, weil sonst was pas­sie­ren wür­de? Angst davor, für etwas aus­ge­lacht zu wer­den, haben Men­schen mit ent­we­der gerin­gem Selbst­be­wusst­sein oder pein­li­chen Talen­ten. Drit­ten dafür die Schuld zu geben ist eine mög­li­che, aber nicht die beste Lösung. Die Gesell­schaft ist schuld. Die Sexua­li­tät eines Men­schen wird für den Groß­teil der Gesell­schaft aller­dings erst dann rele­vant, wenn er sie aus irgend­wel­chen Grün­den (die auch noch zu klä­ren sind) publik macht.

Ande­re Medi­en spa­ren sich übri­gens Wör­ter mit „out“, die sie ja doch selbst nicht ver­ste­hen, und reden statt­des­sen von einem „Bekennt­nis“. Ver­gib mir, Vater, ich habe gesün­digt. Gibt es über­haupt eine wenig affi­ge Wort­wahl für die­se Nicht­mel­dung? Natür­lich: „Tho­mas Hitzl­sper­ger ist homo­se­xu­ell“. Eine sol­che Schlag­zei­le lie­ße aller­dings den feh­len­den Nach­rich­ten­wert der sexu­el­len Vor­lie­ben eines ehe­ma­li­gen Pro­fi­sport­lers noch deut­li­cher wer­den. Über die Sexua­li­tät der Bun­des­kanz­le­rin hät­te ich ja zum Bei­spiel auch lie­ber kei­ner­lei Infor­ma­tio­nen. Seht her, Per­son x hat gern Sex mit Per­so­nen aus Grup­pe y!

Qua­li­täts­jour­na­lis­mus, wis­sen­schon.

Piratenpartei
Nach­trag: Die Pira­ten zur Euro­pa­wahl (2)

Wäh­rend sich auf Twit­ter „die Pira­ten“ und „die Anti­fa“ und „die Femi­ni­stin­nen“ – sie­he auch hier und hier und hier – mit „den Medi­en“ (man lese mal spa­ßes­hal­ber die aktu­el­len Gesprä­che von Don Alphon­so und ver­zweif­le anschlie­ßend ein biss­chen) ver­bal dar­um prü­geln, wel­che der betei­lig­ten Grup­pen als hete­ro­gen­ster aller Zusam­men­schlüs­se wohl die größ­ten Anfüh­rungs­zei­chen ver­dient hat, machen die ande­ren Pira­ten übri­gens Wahl­kampf.

Ich schrieb zur Auf­stel­lungs­ver­samm­lung für die Euro­pa­wahl:

Dabei hät­te es die Pira­ten­par­tei eigent­lich ziem­lich leicht; als Par­tei, die nicht aus Deutsch­land nach Euro­pa expor­tiert wer­den muss­te, son­dern die selbst in ihrem deut­schen Able­ger ein euro­päi­sches Pro­dukt ist, muss sie das mit Euro­pa nicht erst ler­nen, son­dern kann sich auf ihre poli­ti­schen Inhal­te kon­zen­trie­ren. Gera­de in Euro­pa wären die Kern­the­men der Pira­ten­par­tei – strik­te Ableh­nung jeg­li­cher Urhe­ber­rechts­ver­schär­fun­gen zum Nach­teil des Kon­su­men­ten, Kampf gegen den Patent­wahn­sinn, freie Bil­dung für alle und so wei­ter – eine höchst will­kom­me­ne Alter­na­ti­ve zu den gegen­sei­ti­gen Ver­spre­chen für mehr Ter­ror­be­kämp­fung, mehr Büro­kra­tie und so wei­ter.

Die mög­li­chen The­men­schwer­punk­te für die Euro­pa­wahl sind nun gesetzt: „Demo­kra­tie-Upgrade“ (mehr Trans­pa­renz, mehr Mit­be­stim­mung), Urhe­ber­recht (ver­tre­ten durch Bru­no Gert Kramm, des­sen Reden ihr euch bei­zei­ten mal anhö­ren soll­tet, denn sie sind sehr gut) und Asyl­po­li­tik ste­hen auf der Agen­da, letz­te­res dem Umstand geschul­det, dass die Pira­ten­par­tei Euro­pa als Gan­zes begreift. (War­um man mit dem „Tan­dem nach Brüs­sel“ ins Euro­päi­sche Par­la­ment nach Straß­burg fah­ren möch­te, ist mir nicht so ganz klar; aber dar­um soll es gera­de mal nicht gehen. Immer­hin schreibt auch das „Qua­li­täts­me­di­um“ taz, die Pira­ten sei­en auf dem Weg nach Brüs­sel. Ist ja auch ganz hübsch dort.)

Die Kan­di­da­ten der Pira­ten­par­tei möch­ten also für Euro­pa nicht wie­der den glei­chen Feh­ler machen wie anläss­lich der Bun­des­tags­wahl 2013, son­dern es aus­nahms­wei­se mal wie­der mit einem eige­nen Pro­fil ver­su­chen; mit The­men, von denen sie Ahnung haben und die an das ein­sti­ge image als pro­gres­si­ve Par­tei anknüp­fen, und nicht mit den übli­chen Gemein­plät­zen, die die ande­ren Par­tei­en eben­falls ver­tre­ten.

Gibt es schon inner­par­tei­li­che Kom­men­ta­re zu die­sem The­men­plan? Klar; „stefan.pirat“ kom­men­tier­te:

Aller­dings soll­ten wir auch im Blick haben, wel­ches The­ma “mas­sen­kom­pa­ti­bel” ist, damit wir auch poten­zi­el­le Wäh­ler anspre­chen, die nicht so ganz direkt in unse­rem der­zei­ti­gen Dunst­kreis unter­wegs sind.

Aber Mas­sen­kom­pa­ti­bi­li­tät ist genau das, was die Pira­ten­par­tei jetzt nicht braucht. Bloß nicht auf­fal­len, bloß nicht anecken, bloß nicht anders sein? Zwar braucht man als Par­tei nur drei statt fünf Pro­zent, um die Euro­pa­wahl erfolg­reich zu gewin­nen, aber war­um dann die Pira­ten­par­tei? Weil wir uns so toll für Umwelt und Bil­dung ein­set­zen und weil wir irgend­was mit sozi­al im Pro­gramm haben? Nein, eine Reduk­ti­on auf die Kern­the­men ist das Beste, was „die Pira­ten“ jetzt beschlie­ßen kön­nen.

„Die Pira­ten wer­den ja doch noch ver­nünf­tig?!“, fragt ihr jetzt viel­leicht erstaunt. Nein, kei­ne Sor­ge, das wer­den sie nicht. Mensch­lich­keit ist alles ande­re als Ver­nunft. Zumin­dest aber wer­den „die Pira­ten“ wie­der eine Par­tei mit einer pro­gres­si­ven Agen­da. Wenn die mit der Flag­ge sich nicht ein biss­chen anstren­gen, könn­te man fast dar­über nach­zu­den­ken, sie wie­der zu wäh­len.

So weit ist es gekom­men.

PersönlichesIn den Nachrichten
Gestank und Geständ­nis

Ich wünsch­te, ich hät­te auch so oft so viel Spaß wie Thor­ge­Faehr­lich, wenn ich im ÖPNV unter­wegs bin; aber ich lebe nicht in Ham­burg, was ich immer wie­der bedau­re, wenn ich dort bin. Anders als zum Bei­spiel Ber­lin oder Han­no­ver ist Ham­burg näm­lich eigent­lich recht sehens­wert, dort stirbt man nicht aus Lan­ge­wei­le.

Die übli­che Lauf­kund­schaft in hie­si­gen Zügen besteht aus mür­ri­schen Lang­wei­lern, die ungern mit Frem­den reden, was mir prin­zi­pi­ell sehr gefällt, nur sel­ten unter­bro­chen von spa­ßi­gen Zeit­ge­nos­sen wie dem Jugend­li­chen, der sich just mit geschwun­ge­nem Ruck­sack vor den Pas­sa­gie­ren im „Vie­rer“ neben­an auf­bau­te, genervt „kannsch mich hier mal hin­set­zen oder so?“ nuschel­te und seit­dem mit bösem Gesichts­aus­druck auf sein Smart­phone starrt, aus dem offen­bar Klän­ge an sein Ohr drin­gen, denn ein Kabel ragt aus ihm (dem Smart­phone, nicht dem Jugend­li­chen) her­aus und endet in des­sen Ohr, wie üblich locker hin­ein­ge­hängt, denn eine anstän­di­ge Kabel­füh­rung hin­ter dem Ohr sähe genau so uncool aus wie eine rich­ti­grum­me Schirm­müt­ze. Fröh­li­che Musik scheint er nicht zu hören. Das „oder so“ gefiel mir aller­dings von vorn­her­ein sehr gut.

Weni­ger gut gefal­len mir die Gerü­che, die ent­ste­hen, wenn die Jugend­li­chen im vol­len Abteil plötz­lich bemer­ken, dass in ihrer Hand ein Spei­se­er­satz von der Fir­ma mit dem gro­ßen „M“ oder dem gro­ßen „BK“ all­mäh­lich abkühlt. Nicht, dass das Zeug kühl deut­lich schlech­ter schmeck­te, aber es geht ja ums Prin­zip. Da sitzt man dann also gegen­über von einer die­ser alten Frau­en, wie man sie aus schlech­ten Kari­ka­tu­ren kennt, oft (auch im Som­mer) so schlimm erkäl­tet, dass der Aus­wurf einem die Schu­he durch­tränkt, und dann kommt so ein läs­si­ger hip­per Tee­nie daher und trägt dazu bei, dass einem die Zug­fahrt stinkt. (Bemer­kens­wer­ter­wei­se sind es immer jun­ge Män­ner, die stin­ken­den Fraß im Zug in sich rein­stop­fen. Frau­en nicht. Klar: Pla­stik­bur­ger sind nicht vege­ta­risch genug. Dafür ist das Deodo­rant letzt­ge­nann­ter Spe­zi­es oft eben­falls eine Wucht.)

Gegen kran­ke Mit­fah­rer ist, haha, kein Kraut gewach­sen, aber zumin­dest dem Gestank kann man vor­beu­gen. Es ist Zeit, dass ich ein Geständ­nis mache: Ich bin einer von Denen; aber nicht so rich­tig.

Nach mei­nen all­täg­li­chen Erle­di­gun­gen habe ich meist etwa vier­zig Minu­ten Zeit, mich auf die Heim­fahrt vor­zu­be­rei­ten: Zwan­zig Minu­ten, bis der Zug kommt, und zwan­zig Minu­ten, bis er los­fährt. In der Regel lässt mir das zehn Minu­ten Zeit in einem voll­ends lee­ren Abteil, die genü­gen. um mei­ne Geruchs­ner­ven mit (schlech­tem „Kaf­fee to go“ oder) zum Bei­spiel einem eilends beim Bahn­hofs­bäcker gekauf­ten Bröt­chen mit irgend­ei­nem Belag (dort hat alles mehr Aro­ma als die Papp­tei­le vom Papp­teil­ver­trieb mit dem gro­ßen „M“ oder dem gro­ßen „BK“) so weit an kom­men­des Unheil zu gewöh­nen, dass etwa­ige hasti­ge hung­ri­ge Nach­züg­ler mei­ne Krei­se nicht wei­ter stö­ren kön­nen. Ja, ich esse im Zug; aber ich bin damit fer­tig, bevor wei­te­re Pas­sa­gie­re das Abteil betre­ten. Nie­mals käme ich auf die Idee, ein­ge­pfercht zwi­schen frem­den Ein­kaufs­tü­ten und frem­den Men­schen mit Hygie­ne- oder Gesund­heits­pro­ble­men erst mal einen Bur­ger aus­zu­packen.

Ich wäre ein her­vor­ra­gen­des Vor­bild, glau­be ich.


Apro­pos „her­vor­ra­gen­des Vor­bild“: Feu­er­wehr befreit nack­ten Mann aus Wasch­ma­schi­ne (…). Der Unglück­li­che hat­te sei­ne Freun­din über­ra­schen wol­len und war des­halb in den Top­la­der geklet­tert. Über­ra­schung!

Die Reak­ti­on der­sel­ben ist nicht über­lie­fert.

In den NachrichtenMontagsmusik
Neneh Cher­ry & The Thing – Dream Baby Dream

Kra­wall, Kra­wall! Ein nen­nens­wer­ter Teil von Ham­burg ist momen­tan Gefah­ren­ge­biet, selbst Anwoh­ner wer­den prin­zi­pi­ell dar­um gebe­ten, den Bereich weit­räu­mig zu mei­den, ganz beson­ders aber „rele­van­te Per­so­nen­grup­pen“, also ver­mut­lich jeder, der aus­sieht wie einer von die­sen Lin­ken. Dies sei auf­grund „wie­der­hol­ter Angrif­fe gegen Poli­zi­sten“ gesche­hen, was selbst­ver­ständ­lich ohne jeden erkenn­ba­ren Anlass gesche­hen sei.

Der Rechts­bei­stand der Gegen­sei­te sieht das anders, selbst der „Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Kri­ti­scher Poli­zi­stin­nen und Poli­zi­sten (Ham­bur­ger Signal) e.V“ ist empört:

Die Ham­bur­ger Poli­zei führt sich auf wie eine Ord­nungs­macht des fin­ste­ren Mit­tel­al­ters.

Da hilft nur noch eine wirk­lich gro­ße Explo­si­on. Oder Jazz.

Ich ver­su­che es mal mit Jazz.

Keep tho­se dreams burn­in‘ fore­ver!

Guten Mor­gen.

PersönlichesMusik
Vinyl 3 / Ein Plä­doy­er.

caschy frug heu­te:

Ich weiss (sic! A.d.V.) gar nicht mehr, wann ich wirk­lich das letz­te Musik-Album mal gekauft habe. Wie schaut es bei euch aus?

Ich mei­ner­seits habe mein bis­lang letz­tes Musik­al­bum erst in die­ser Woche gekauft, weil der Wil­le, Din­ge zu besit­zen, mir wie wohl den mei­sten Men­schen gege­ben ist; Musik, die mir gefällt, wie frü­her Video­kas­set­ten für einen begrenz­ten Zeit­raum zu mie­ten (und gege­be­nen­falls zu ver­län­gern) wider­spricht mei­nem Selbst­ver­ständ­nis. Ein gutes Musik­al­bum möch­te ich ja auch in ein paar Jahr­zehn­ten noch ohne wei­te­ren Auf­preis hören kön­nen, nicht nur bis Ende der Woche (oder des Jah­res).

Bei caschy in den Kom­men­ta­ren merkt Ste­phan Lipp­hardt an:

Ich nut­ze aus­schließ­lich Strea­ming. (…) Daten­trä­ger, CDs, MP3, LPs etc. fin­de ich nur noch unhand­lich.

Für­wahr, „MP3s“ sind schon ziem­lich sper­rig, damit zu ver­rei­sen ist ein Ärger­nis son­der­glei­chen. Die pas­sen ja nicht mal ins Hand­ge­päck. Herr Lipp­hardt ist also umge­stie­gen auf Strea­ming (laut caschy somit auf ein ster­ben­des Pferd), denn ein Tablet oder einen Lap­top (oder gar einen Desk­top­rech­ner) fin­det er offen­sicht­lich nicht so sper­rig wie einen MP3-Spie­ler. Musik im chro­nisch kaputt­kom­pri­mier­ten MP3-For­mat, so las ich kürz­lich, ermü­de das Gehirn; wahr­schein­lich ist unge­fähr so etwas damit gemeint. (Ande­re Kom­men­ta­to­ren, etwa Micha­el Mey­er, brin­gen auf caschys Fra­ge hin ja auch nur noch ein „Spo­ti­fy <3“ her­vor. Län­ge­re Tex­te kann Mit­mensch Trend­nut­zer auf sei­nem gad­get sowie­so nicht mehr feh­ler­frei tip­pen.)

Vie­le Musik­grup­pen haben sich ent­spre­chend ori­en­tiert und ver­kau­fen ihre Wer­ke pri­mär auf Schall­plat­te mit bei­geleg­tem Down­load­code oder ganz ohne phy­si­schen Ton­trä­ger. (Der Musik­grup­pe, deren CD ich vor weni­gen Tagen erwarb, nahm ich aller­dings nur eine CD-Pres­sung ab, dies schon des­halb, weil die ein­zi­ge phy­si­sche Alter­na­ti­ve eine Kas­set­te gewe­sen wäre.) In einer Zeit, in der nur noch zwei Arten von Leu­ten CDs kau­fen, einer­seits die­je­ni­gen, die sie sowie­so gleich nach Erhalt digi­ta­li­sie­ren und dann nie wie­der aus dem Schrank holen wol­len, ande­rer­seits die­je­ni­gen, denen es um das art­work und die Hap­tik geht, ist das erfreu­lich kon­se­quent. Eine Schall­plat­te hat oben­drein nor­ma­ler­wei­se eine deut­lich län­ge­re „Lebens­dau­er“ als das che­misch insta­bi­le Medi­um CD, tech­nisch gese­hen ist auch das heu­te lei­der übli­che Kaputt­kom­pri­mie­ren der ent­hal­te­nen Musik auf Kosten der Dyna­mik auf Vinyl deut­lich schwie­ri­ger als das einer CD. Die CD ist ein ster­ben­des Medi­um, und so schlimm ist das nicht.

Wen wun­dert es da noch, dass Plat­ten­spie­ler mit USB-Anschluss einen stei­gen­den Markt­an­teil haben? Ein Musik­al­bum hört man als Freund von Nicht­down­loads sowie­so nicht pro Lied, son­dern im Gesam­ten, und die Digi­ta­li­sie­rung ist denk­bar ein­fach – der Plat­ten­spie­ler ist ein Ton­ein­gangs­ge­rät wie sonst zum Bei­spiel ein Mikro­fon. Zu die­ser Digi­ta­li­sie­rung sind nicht mal „Ripping“-Programme nötig wie noch bei der CD, ein ein­fa­cher Audio­re­cor­der, wie er selbst in Win­dows seit vie­len Jah­ren ent­hal­ten ist, genügt voll­kom­men.

Auch ich nut­ze gele­gent­lich Strea­ming, manch­mal per Band­camp, manch­mal per Groo­veshark, manch­mal per Spo­ti­fy, manch­mal auch per Ama­zon. Ich nut­ze es als Hör­pro­be, um zu wis­sen, ob sich die Anschaf­fung des jewei­li­gen Musik­al­bums loh­nen könn­te. Blind­käu­fe wage ich nur gele­gent­lich, sie enden zu häu­fig mit einem mau­en Ein­druck. Bei die­sem Strea­ming geht es aber auch genau dar­um: „Nur mal rein­hö­ren.“ Nie­mals käme ich auf die Idee, mit der Begrün­dung, es gebe ja einen preis­wer­ten Stream davon, vom Kauf eines gran­dio­sen Musik­al­bums abzu­se­hen. Zwar bele­gen die Musikal­ben Platz im Schrank, aber sie gehen voll­stän­dig in mei­nen Besitz über. Wenn mei­ne Fest­plat­te mal explo­diert oder mei­ne Abon­ne­ments alle­samt aus­lau­fen – die Musik bleibt ver­füg­bar, lässt sich jeder­zeit zur por­ta­blen Nut­zung in eines die­ser „ver­lust­frei­en“ For­ma­te über­füh­ren und wird jeden digi­ta­len Trend, jeden cloud-Anbie­ter über­le­ben.

CDs „hal­ten“ bei sorg­sa­mem Umgang etwa zehn Jah­re (oder wenig mehr), dann frisst sich die Che­mie lang­sam durch die Ton­schicht, und selbst das ist im schnelllebi­gen Inter­net eine lan­ge Zeit. Eine Schall­plat­te hin­ge­gen über­lebt, wenn er sie nicht gera­de als Piz­za­tel­ler oder für ähn­li­che Per­ver­si­tä­ten ver­wen­det, bei eben­sol­chem Umgang oft sogar ihren Besit­zer.

Die­ter Boh­lens „Super­stars“ wer­den es ver­mut­lich nie auf eine Schall­plat­te schaf­fen. Allein das soll­te Anreiz genug sein.

Piratenpartei
Blind­gän­ger ent­schärft: Die Pira­ten zur Euro­pa­wahl

Am 25. Mai 2014 wird zum ach­ten Mal das Euro­päi­sche Par­la­ment gewählt. Natür­lich hofft auch die Pira­ten­par­tei Deutsch­land auf die Mög­lich­keit zur Ent­sen­dung von Ver­tre­tern in sel­bi­ges, wes­halb sie heu­te und mor­gen in Bochum eine ent­spre­chen­de Liste zusam­men­wählt.

Dabei hät­te es die Pira­ten­par­tei eigent­lich ziem­lich leicht; als Par­tei, die nicht aus Deutsch­land nach Euro­pa expor­tiert wer­den muss­te, son­dern die selbst in ihrem deut­schen Able­ger ein euro­päi­sches Pro­dukt ist, muss sie das mit Euro­pa nicht erst ler­nen, son­dern kann sich auf ihre poli­ti­schen Inhal­te kon­zen­trie­ren. Gera­de in Euro­pa wären die Kern­the­men der Pira­ten­par­tei – strik­te Ableh­nung jeg­li­cher Urhe­ber­rechts­ver­schär­fun­gen zum Nach­teil des Kon­su­men­ten, Kampf gegen den Patent­wahn­sinn, freie Bil­dung für alle und so wei­ter – eine höchst will­kom­me­ne Alter­na­ti­ve zu den gegen­sei­ti­gen Ver­spre­chen für mehr Ter­ror­be­kämp­fung, mehr Büro­kra­tie und so wei­ter.

Sie könn­te den Wäh­ler eigent­lich mit The­men über­zeu­gen, die ihn im Jahr 1 nach Snow­den wirk­lich bewe­gen, statt auf den Gemein­plät­zen her­um­zu­rei­ten, die von klei­nen Split­ter­grup­pen der Par­tei vehe­ment ver­tei­digt wer­den und die außer­halb Deutsch­lands noch weni­ger Rele­vanz besit­zen als im Inland. Sie könn­te die Schlag­kraft einer euro­päi­schen Sam­mel­be­we­gung von Wut­bür­gern demon­strie­ren, die die Pira­ten­par­tei ins Leben geru­fen hat­ten, weil sie nicht mehr Bitt­stel­ler sein, son­dern nicht weni­ger als die Welt ändern woll­ten.

Eigent­lich.

Antifa-Flagge auf dem #bpt141

(lei­se wei­nend ab)

Im Grun­de ist eine Fah­ne als Sym­bol des Anar­chis­mus ein Wider­spruch zum Auf­stel­len einer Liste für ein Par­la­ment, oder?
Bir­git Ryd­lew­ski

In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik LXXXIV: „Ost­deutsch­land muss wie­der ost­deutsch wer­den!“

Chri­sti­an Ban­gel (ZEIT ONLINE) fin­det es etwas scha­de, dass zum Mau­er­fall­ju­bi­lä­um kaum noch Ost­deut­sche mit komi­schen Bril­len und Pul­lis und Autos zu sehen sind:

Wo sind eigent­lich die Ost­deut­schen? Man erkennt sie nicht am Namen und am Beruf, nicht mehr an ihrer Klei­dung und an der Fri­sur.

Thü­rin­ger und Sach­sen weiß ich wohl noch als sol­che zu erken­nen, wenn sie zu par­lie­ren begin­nen, anson­sten wür­de ich ein­fach mal unter­stel­len, Ost­deut­sche sei­en in Ost­deutsch­land anzu­tref­fen. Nord­deut­sche ver­mu­tet man ja auch pri­mär im Raum Ham­burg und Emden.

Und was ist mit den alten Ost­deut­schen pas­siert? Vie­le sind gestor­ben, ande­re nicht:

Eine hal­be Gene­ra­ti­on ging in den Westen und lern­te west­deutsch.

West­deutsch, so rich­tig mit west­deut­scher Gram­ma­tik. Ihr kennt das.

Zwei Syste­me zu ken­nen, zu wis­sen, dass kei­nes für ewig ist – das ist ein Vor­teil für jeden, der es erlebt hat. So wird ganz Deutsch­land nach und nach ost­deut­scher.

Ost­deutsch, ost­deut­scher, am ost­deut­sche­sten. In wel­cher Ein­heit misst man das eigent­lich? – Und ver­ste­he ich das jetzt rich­tig, dass Herr Ban­gel der Ansicht ist, man müs­se einen unter­ge­gan­ge­nen Staat bewohnt haben, um zu wis­sen, dass auch ein ande­rer, völ­lig anders struk­tu­rier­ter Staat ähn­lich unter­ge­hen wer­de? Wor­in besteht der genann­te Vor­teil?

Die Ant­wort bleibt Herr Ban­gel schul­dig, unbe­küm­mert schwa­felt er wei­ter daher:

Woher kommt es, dass heu­te kaum noch jemand Par­tei­buch­macker (…) erträgt? Die pro­fes­sio­nel­le Poli­tik­deu­tung erklärt das vor allem mit dem Natur­er­eig­nis Ange­la Mer­kel.

(Her­vor­he­bung von mir.)

Ihre Ideo­lo­gie­skep­sis, ihre Nüch­tern­heit aber kom­men aus dem Osten (…). Hat sich die im Osten schon lan­ge ver­brei­te­te Insti­tu­tio­nen­skep­sis in den Westen geschli­chen?

Denn wer ein wacke­rer Ost­deut­scher war, der stand der Ideo­lo­gie skep­tisch gegen­über, die ihm Macht und Anse­hen ver­lie­hen hat; wes­halb Par­tei­funk­tio­nä­re in der DDR, auch die der erst 1990 gegrün­de­ten Par­tei­en, es meist lie­ber gese­hen hät­ten, wenn die DDR sich mit dem Westen lie­ber nicht zusam­men­ge­schlos­sen hät­te. Die eige­nen Insti­tu­tio­nen waren eben immer die bes­se­ren.

Das mit dem Osten ist ja sowie­so Geschich­te:

Eini­ge wird es schon empö­ren, dass in die­sem Text über­haupt von Ost- und West­deut­schen die Rede ist.

Das „empört“ dann wahr­schein­lich die glei­chen Leu­te, die sonst einen selbst­ver­ständ­li­chen Unter­schied zwi­schen Nord- und Süd­deut­schen zu erken­nen ver­mö­gen, aber vor Nord­deutsch­land stand natür­lich auch kei­ne Mau­er, wes­we­gen der Ver­gleich in dem Fall ein viel bes­se­rer ist. Im Fuß­ball jeden­falls ist das erlaubt. So sind­se, die Bay­ern.

Das, immer­hin, hat Chri­sti­an Ban­gel erkannt und for­dert das glei­che Recht auch für die Ost­deut­schen:

War­um soll­ten nicht auch die Ost­deut­schen ihr Anders­sein, ihre Wider­sprü­che und inne­ren Kämp­fe nach außen tra­gen?

Die wesent­li­che Anders­ar­tig­keit „der Ost­deut­schen“ hat sich ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Mau­er­fall viel­leicht auch ein­fach von selbst erle­digt, nur Ber­lin pflegt noch sein inof­fi­zi­el­les Mot­to „wir sind bescheu­er­ter als alle ande­ren“. Eine der­art ein­fa­che Ant­wort auf die Fra­ge kommt Herrn Ban­gel aller­dings nicht in den Sinn. Die waren doch frü­her auch immer anders!

Wie­so spricht nie­mand über ein Bun­des­land Ost­deutsch­land?

Selbst Herrn Ban­gel scheint „sein“ Bun­des­land Ber­lin etwas lästig zu wer­den. Auch die­se Fra­ge ist aber ein­fach zu beant­wor­ten: Auch Sach­sen sind lern­fä­hig. Ein Zusam­men­schluss meh­re­rer finan­zi­ell ange­schla­ge­ner Bun­des­län­der jeden­falls wird das Mal­heur ver­mut­lich eher nicht besei­ti­gen.

Ist der sozi­al­ro­man­ti­sche und post­kom­mu­ni­sti­sche Osten am Ende gar neo­li­be­ra­ler als der Westen?

Im Inter­es­se aller: Es wird Zeit für die Ost­deut­schen, sich groß­zu­ma­chen.

Jaha: Der Westen ist noch nicht neo­li­be­ral genug, es wird Zeit, dass sich eine neo­li­be­ra­le Macht erhebt und das ändert! Und zwar nicht in unse­rem Sin­ne, …

… [n]icht als Gesamt­deut­sche, son­dern als Ost­deut­sche, deren Ein­fluss erkenn­bar wer­den muss.

Die Ost­deut­schen hat­ten jetzt lan­ge genug Spaß dar­an, Gesamt­deut­sche zu sein. Das muss end­lich auf­hö­ren!

Sie tra­gen seit Lan­gem die rich­ti­gen Schu­he. Es wird Zeit, in ihnen zu gehen.

Ostdeutsche Schuhe

Kei­ne Poin­te.

Chri­sti­an Ban­gel fragt übri­gens zwi­schen­durch in sei­nem Arti­kel:

War­um gibt es kein rele­van­tes ost­deut­sches Medi­um? Der Erfolg der ZEIT im Osten zeigt doch, wie groß der Bedarf an intel­li­gen­ten Spre­chern und einer Platt­form mit Anspruch ist.

Ich behaup­te: Das Gegen­teil ist der Fall. Aber ich als nord­deut­scher Wes­si hab‘ wahr­schein­lich auch ein­fach kei­ne Ahnung.