Christian Bangel (ZEIT ONLINE) findet es etwas schade, dass zum Mauerfalljubiläum kaum noch Ostdeutsche mit komischen Brillen und Pullis und Autos zu sehen sind:
Wo sind eigentlich die Ostdeutschen? Man erkennt sie nicht am Namen und am Beruf, nicht mehr an ihrer Kleidung und an der Frisur.
Thüringer und Sachsen weiß ich wohl noch als solche zu erkennen, wenn sie zu parlieren beginnen, ansonsten würde ich einfach mal unterstellen, Ostdeutsche seien in Ostdeutschland anzutreffen. Norddeutsche vermutet man ja auch primär im Raum Hamburg und Emden.
Und was ist mit den alten Ostdeutschen passiert? Viele sind gestorben, andere nicht:
Eine halbe Generation ging in den Westen und lernte westdeutsch.
Westdeutsch, so richtig mit westdeutscher Grammatik. Ihr kennt das.
Zwei Systeme zu kennen, zu wissen, dass keines für ewig ist – das ist ein Vorteil für jeden, der es erlebt hat. So wird ganz Deutschland nach und nach ostdeutscher.
Ostdeutsch, ostdeutscher, am ostdeutschesten. In welcher Einheit misst man das eigentlich? — Und verstehe ich das jetzt richtig, dass Herr Bangel der Ansicht ist, man müsse einen untergegangenen Staat bewohnt haben, um zu wissen, dass auch ein anderer, völlig anders strukturierter Staat ähnlich untergehen werde? Worin besteht der genannte Vorteil?
Die Antwort bleibt Herr Bangel schuldig, unbekümmert schwafelt er weiter daher:
Woher kommt es, dass heute kaum noch jemand Parteibuchmacker (…) erträgt? Die professionelle Politikdeutung erklärt das vor allem mit dem Naturereignis Angela Merkel.
(Hervorhebung von mir.)
Ihre Ideologieskepsis, ihre Nüchternheit aber kommen aus dem Osten (…). Hat sich die im Osten schon lange verbreitete Institutionenskepsis in den Westen geschlichen?
Denn wer ein wackerer Ostdeutscher war, der stand der Ideologie skeptisch gegenüber, die ihm Macht und Ansehen verliehen hat; weshalb Parteifunktionäre in der DDR, auch die der erst 1990 gegründeten Parteien, es meist lieber gesehen hätten, wenn die DDR sich mit dem Westen lieber nicht zusammengeschlossen hätte. Die eigenen Institutionen waren eben immer die besseren.
Das mit dem Osten ist ja sowieso Geschichte:
Einige wird es schon empören, dass in diesem Text überhaupt von Ost- und Westdeutschen die Rede ist.
Das “empört” dann wahrscheinlich die gleichen Leute, die sonst einen selbstverständlichen Unterschied zwischen Nord- und Süddeutschen zu erkennen vermögen, aber vor Norddeutschland stand natürlich auch keine Mauer, weswegen der Vergleich in dem Fall ein viel besserer ist. Im Fußball jedenfalls ist das erlaubt. So sindse, die Bayern.
Das, immerhin, hat Christian Bangel erkannt und fordert das gleiche Recht auch für die Ostdeutschen:
Warum sollten nicht auch die Ostdeutschen ihr Anderssein, ihre Widersprüche und inneren Kämpfe nach außen tragen?
Die wesentliche Andersartigkeit “der Ostdeutschen” hat sich ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall vielleicht auch einfach von selbst erledigt, nur Berlin pflegt noch sein inoffizielles Motto “wir sind bescheuerter als alle anderen”. Eine derart einfache Antwort auf die Frage kommt Herrn Bangel allerdings nicht in den Sinn. Die waren doch früher auch immer anders!
Wieso spricht niemand über ein Bundesland Ostdeutschland?
Selbst Herrn Bangel scheint “sein” Bundesland Berlin etwas lästig zu werden. Auch diese Frage ist aber einfach zu beantworten: Auch Sachsen sind lernfähig. Ein Zusammenschluss mehrerer finanziell angeschlagener Bundesländer jedenfalls wird das Malheur vermutlich eher nicht beseitigen.
Ist der sozialromantische und postkommunistische Osten am Ende gar neoliberaler als der Westen?
Im Interesse aller: Es wird Zeit für die Ostdeutschen, sich großzumachen.
Jaha: Der Westen ist noch nicht neoliberal genug, es wird Zeit, dass sich eine neoliberale Macht erhebt und das ändert! Und zwar nicht in unserem Sinne, …
… [n]icht als Gesamtdeutsche, sondern als Ostdeutsche, deren Einfluss erkennbar werden muss.
Die Ostdeutschen hatten jetzt lange genug Spaß daran, Gesamtdeutsche zu sein. Das muss endlich aufhören!
Sie tragen seit Langem die richtigen Schuhe. Es wird Zeit, in ihnen zu gehen.
Keine Pointe.
Christian Bangel fragt übrigens zwischendurch in seinem Artikel:
Warum gibt es kein relevantes ostdeutsches Medium? Der Erfolg der ZEIT im Osten zeigt doch, wie groß der Bedarf an intelligenten Sprechern und einer Plattform mit Anspruch ist.
Ich behaupte: Das Gegenteil ist der Fall. Aber ich als norddeutscher Wessi hab’ wahrscheinlich auch einfach keine Ahnung.


Sch sare daderzu nüschd.
Orneedoch: http://www.youtube.com/watch?v=Hm0tqDL0B9Q
Aaaaalt!