Hui, eine neue “Cosmopolitan” (“Endlich wieder Montagmorgen”, ebd.) mit Gwen Stefani vornedrauf, und dann gleich so ein toller Aufmacher:

Neue Flirt-Tipps für mehr Spaß und bessere Typen
(Wir haben sie, wissenschaftlich erwiesen!)
Nun ja, selbst Genderforscher und Mediengestalter dürfen sich heutzutage “Wissenschaftler” nennen, wenn sie an der richtigen (bzw. eben grundfalschen) Hochschule “studiert” haben; aber wer wäre besser geeignet als ein Frauenmagazin (vgl. “JOY” et al.)? Eben; und bei der “Cosmopolitan” hat man wohl ohnehin in letzter Zeit Sonderschulungen in erfolgreicher Schnackselanbahnung absolviert, denn direkt vor den “neuen Flirt-Tipps” wird ein “neues Orga-Tool für Polyamore” angepriesen, eine Art app zur Terminplanung, damit man nicht versehentlich die Partner verwechselt.
In dieser Hinsicht erkenne ich zumindest ein Muster; im selben Heft gibt die Drehbuchautorin (“Drehbuch-Queen”) Anika Decker im Gespräch mit der “Cosmopolitan”-Autorin Julia Rotherbl bekannt, sie bedaure es, dass es ihr anders als in ihrem neuen, nur nebensächlich erwähnten Film bislang nicht gelungen sei, Liebeskummer durch Sex mit möglichst vielen Männern nacheinander zu verdrängen. Und ich war bislang der Überzeugung, das Gewese um die “große Liebe” in Mädchenzeitschriften sei schon nur noch schwerlich an Peinlichkeit zu überbieten. — Andererseits erklärt Moritz Pontani im wiederum gleichen Heft, Männer säßen nicht allein zwecks Spermienbelüftung gern breitbeinig herum:
Unsere geöffneten Beine, vor allem die Oberschenkel, fungieren hier als Fluchtlinien oder Lotsen. Sie weisen euch den Weg zum zentralen Fluchtpunkt, unseren Hosenmittelpunkt. Er schreit euch förmlich weit geöffnet zu: “Hier liegt ein Prachtstück, Baby! Greif zu!”
Ach so.
Damit wäre die Zielgruppe der “Cosmopolitan” ziemlich klar definiert: Flittchen zwar, aber doch zumindest solche, die auch mal neue Filme ansehen und wahrscheinlich just in diesem Moment ihren Partner (oder jeden von ihnen) ausführlich über die Geschehnisse in dem kürzlich verfilmten Weichspül-Fickroman “50 Shades of Grey” in Kenntnis setzen; Frauen von Welt also, blöderweise von einer anderen.
Wie ein Mann sich anlässlich eines Rendezvous’ zu verhalten habe, erklärt die Website der “Cosmopolitan” — was aber müsse man als eine solche Frau tun, um mehr Spaß und “bessere” Typen — besser als wer oder was? — beim Flirten zu erzielen? Nun, folgende neue Tipps befolgen:
Regel 1: Das Beuteschema erweitern
Bessere Typen lassen sich finden, indem man weniger wählerisch ist; mach’ Sachen. Ein solcher Traummann aus dem erweiterten Beuteschema sei, so die immer gleiche Julia Rotherbl, c/o “Cosmopolitan”, einer, der “irgendwann vielleicht sogar bereit dazu [sei], den Nachwuchs zu hüten, während Mama ins Büro geht” — einer ohne eigene Karriere also, auf den “starke Single-Ladys” (ebd.) ein wenig mitleidig hinabblicken können. Emanzipation am Arsch, aber der Siegeszug der softies (also Weichbirnen) ist nicht aufzuhalten. “77% der Frauen sagen: Meist entscheide ich, ob aus einem Date mehr wird”, die anderen 23 Prozent werden bestimmt von denen bevormundet, die Fluchtlinien auf ihre Hosen zeichnen.
So einen softie jedenfalls hat wohl jede Frau aus dem “Cosmopolitan”-Publikum sowieso im Freundeskreis, daher:
Regel 2: Den eigenen Freundeskreis scannen
Dass das in Kombination mit einem Hang zu wechselnden Intimpartnerschaften möglicherweise den Freundeskreis zerreibt und ausdünnt, sei gnädig verschwiegen. “Je länger man Single ist, desto wichtiger und größer wird der Freundes- und Bekanntenkreis” (Regel 10); es wäre doch wirklich schade um all die mögliche Beute.
Wenn die “selbstbewusste Single-Lady” ihren Leumund beim Befolgen dieser Regel erst einmal zur Genüge gemindert hat, eilen die so genannten “neuen Medien” gern zu Hilfe:
Regel 3: Selbstbewusst surfen
Nämlich: “auf Dating-Webseiten nach einer neuen Liebe suchen”, und zwar “tough” (J. Rotherbl), denn sonst mache man sich als Frau nur selbst klein, während man für weniger einsam gehalten werde, wenn man sich auf dem virtuellen Fleischmarkt energisch selbst anzupreisen wisse. Selbstbewusstsein, dies sei “Cosmopolitan”-Leserinnen kurz erklärt, beinhaltet im Übrigen auch, zu seinen Schwächen (Scham, “Cosmopolitan”-Abonnement oder noch schlimmer) zu stehen und vermeintlich schlechte Eigenschaften zu akzeptieren, statt sie zu überschminken. Aber wem sag’ ich das?
Frauen natürlich, denen man auch so etwas erklären muss:
Regel 4: Nicht auf ein Date warten
Die Zeit, so die Argumentation, die man damit verbringe, auf “den Einen” zu warten, könne man stattdessen auch nutzen, um im Alltag “tausende andere Möglichkeiten, neue Bekanntschaften zu knüpfen”, wahrzunehmen. Dass “der Eine” dann früher oder später keine Lust mehr hat, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit abserviert zu werden, wird dabei implizit geduldet. Soll er sich halt ein bisschen beeilen, der Arsch.
Denn:
Regel 5: Sich auf keinen Fall klein machen
Den Anderen hingegen schon, wenn Zuwiderhandlung der Erfüllung der Regeln im Weg steht. “Starke Single-Ladys” wollen starke Ladys bleiben und sich vielleicht zur LP weiterentwickeln. Aber auf keinen Fall zur Sonderpressung:
Regel 6: Leicht zu kriegen sein
Regel 7: Beim ersten Date Sex haben
Klar: Je schneller eine Frau zur Sache kommt, je offensiver sie baggert, desto lieber greift der typische “Cosmopolitan”-Leserinnen-Zielmann zu. “Null(!) Prozent der deutschen Single-Männer stehen darauf, wenn ihnen die Flirtpartnerin die kalte Schulter zeigt”, und “wie frustrierend wäre es denn, nach drei Monaten Dating festzustellen, dass man im Bett nicht harmoniert?”. Allerdings finden auch “null(!)” Prozent der mir bekannten Singlemänner eine Frau, die leicht “zu kriegen” in beiderlei Sinne ist, dauerhaft interessant, aber die lesen auch keine “Cosmopolitan”, sondern Blogs und politische Magazine.
Es muss wiederum ja auch nicht von Dauer sein:
Regel 8: So bald wie möglich streiten
Dabei gehe es darum, herauszufinden, ob die (zweifelsfrei) beiden Dickköpfe, die mit den “neuen Flirt-Tipps” zueinander gefunden haben, einander auch im Falle unterschiedlicher Ansichten zu einem Thema (zum Beispiel der Qualität der “Cosmopolitan”) noch zu dulden imstande sind. Nur zur Sicherheit gibt “Cosmopolitan” den eher schüchternen ihrer Leserinnen noch einen Rat, der die Umsetzung dieser Regel erleichtern soll:
Regel 9: Keine Kompromisse eingehen
Regel 12: Die biologische Uhr abstellen
Dabei gehe es darum, sich bei der Partnerwahl nicht mit jemandem abzufinden, bei dem das “Knistern” (J. Rotherbl) ausbleibe. Der Traummann müsse es sein! Zwar ist dies vielleicht einer der häufigsten Gründe, dass die typische “starke Single-Lady” eben ein Single ist, aber wer aufgibt, hat schon verloren.
Es eile ja auch nicht, die quasi sprichwörtliche “Torschlusspanik” sei “kein guter Ratgeber”. Lieber bis ins hohe Alter allein bleiben als mit jemandem zusammen zu sein, der nicht “richtig gut” (zum Beispiel Omar Sy, “Cosmopolitan”, gleiches Heft) ist, scheint das Credo zu lauten, das die “Cosmopolitan” hier ausgibt. George Clooney (“scharfer Schauspieler”, britische Website der “Cosmopolitan”, 2008) sieht ja auch in vergleichsweise hohem Alter noch aus wie jemand, den man als “Cosmopolitan”-Leserin gern vom Fleck weg heiraten würde — warum dann nicht auch die Leserin selbst?
Unsicher? Da hilft nur eins:
Regel 10: Nur auf den Bauch hören
Der Bauch sei der einzige Außenstehende, dessen Einschätzung des potenziellen neuen Partners zählen solle, Meinungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis (ihr erinnert euch: das sind diejenigen Personen, mit denen man vorher allerlei, ähem, Bekanntschaften geknüpft hat) hingegen nicht. Der Bauch als zuverlässiger Beziehungsratgeber ist natürlich nur eine Metapher: “Schließlich müssen nur Sie sich in ihn verlieben”. Allzu viel Zeit bleibt der “starken Single-Lady” sowieso nicht für den Austausch:
Regel 11: Dating als Fulltime-Job betrachten
Trotz eher mauer Bezahlung: “Was würden Sie denken, wenn Sie Ihrer Affäre morgens um acht eine WhatsApp-Nachricht schicken und den ganzen Tag über nichts von ihm hören?”, da ist ja die Frage schon falsch, denn es geht bei den “Dating-Regeln” ja letztlich um’s Verlieben, wofür zumeist anderes Verhalten bedeutsam ist als bei einer Affäre, die sich von einer Beziehung ja auch in ihrer Innigkeit zu unterscheiden pflegt, aber so wichtig ist das vielleicht auch nicht; die Regel lautet jedenfalls zusammengefasst, dass man als Teil der Zielgruppe rund um die Uhr erreichbar sein sollte, falls einer der zu Fick- und/oder Romantikzwecken anvisierten Herren trotz der anstrengend künsatlichen Persönlichkeit der jeweiligen “Lady” auf ihre Nachrichten antworten. Die will man ja nicht warten lassen.
Plural? Aber natürlich!
Regel 13: Nicht nur auf einen Typen setzen
“Multi-Dating ist mittlerweile ganz normal, ja fast schon Trend”, und wer will schon aus der Mode kommen?
Früher ist man ja einfach in eine Bar gegangen.