PolitikIn den NachrichtenWirtschaft
Terrorgeld

Das hat Allzweck­los­min­is­ter Schäu­ble schon richtig erkan­nt: Wer in diesem Land trotz der hor­ren­den Steuern, der Infla­tion und der Miet­preise noch über eine nen­nenswerte Summe Bargeldes ver­fügt, der macht bes­timmt was Anrüchiges.

Nur solle die Geld­wäsche bess­er bekämpft wer­den. Und deshalb erwägt das Ressort von Finanzmin­is­ter Wolf­gang Schäu­ble (CDU), eine Ober­gren­ze für Bargeldgeschäfte von 5.000 Euro einzuführen. (…) Bei dem Vorstoß, Zahlun­gen ober­halb ein­er gewis­sen Gren­ze verpflich­t­end per Über­weisung vorzunehmen, gehe es nicht um die Abschaf­fung des Bargeldes, son­dern um die Bekämp­fung von Geld­wäsche und Steuer­be­trug im großen Stil.

Geld­trans­fers mit größeren Beträ­gen sind also kün­ftig bevorzugt virtuell vorzunehmen. Angst vor Überwachung? So ein Quatsch. Die USA haben doch ver­sprochen, in Zukun­ft ein biss­chen reuiger zu guck­en, wenn ihre Geheim­di­en­ste bei der Arbeit ertappt wer­den. Auch eine Art von Moral.

Seid erkennbar; wichtiger noch: seid ver­fol­gbar! Es ist ja zu unser aller Wohl. Es wird die meis­ten Ver­brechen effizient ver­hin­dern, wenn etwa durch unsaubere Geschäfte erwor­benes Geld nur noch in Kof­fern aus­ge­tauscht wer­den kann, die höch­stens 5.000 Euro bein­hal­ten. Mehr geht nicht, mehr ist ja ver­boten.

So viel Geld lässt sich, weiß Gott, nicht mit etwas Gutem ver­di­enen.
Friedrich Schiller: “Kabale und Liebe”

In den NachrichtenNerdkrams
Datenschutz unter Fuchsfeuer

Im Forum von “heise online” ver­meldete heute ein pseu­do­nymer Nutzer, es brauche eine Alter­na­tive zur Such­mas­chine von Google, denn “wir” kön­nten nicht “unser” gesamtes Wis­sen durch Google “vor­fil­tern” lassen. Wenn doch nur jemand eine zweite Such­mas­chine und ein unab­hängiges Nach­schlagew­erk erfände!

Einen zweit­en Brows­er kön­nten “wir” übri­gens auch mal brauchen. Bei Mozil­la, einem der früher offen­sichtlichen Wer­bekun­den von Google, hat man schon seit län­ger­er Zeit ein ges­paltenes Ver­hält­nis zu Pri­vat­sphäre und Daten­schutz; bei der Entschei­dung zwis­chen let­zteren Din­gen und ein­er möglichst dep­pen­sicheren user expe­ri­ence fall­en diese Kri­te­rien mitunter auch völ­lig aus der Pla­nung.

Ein häu­figes Prob­lem von Web­nutzern ist es, sich all die kom­plizierten Kom­bi­na­tio­nen aus Benutzer­na­men und Pass­wörtern zu merken. Nicht jed­er möchte eine sep­a­rate Pass­wortver­wal­tung nutzen. Hier­für gibt es zum Beispiel den etablierten Dienst OpenID, der von vie­len Web­sites unter­stützt wird; viele Men­schen besitzen bere­its eine OpenID-Ken­nung, ohne es zu wis­sen. Mozil­la aber fand, es sei den Benutzern nicht zuzu­muten, Anmelde­dat­en über einen Serv­er ihrer Wahl ver­i­fizieren zu lassen, und ersann Mozil­la Per­sona, dessen einziger nen­nenswert­er Unter­schied zu OpenID darin beste­ht, dass es die Pass­wörter für 24 Stun­den im Brows­er spe­ichert, was für den Daten­schutz sicher­lich prinzip­iell sehr hil­fre­ich ist.

Nach­dem Mozil­la bekan­nt­gegeben hat­te, Per­sona wegen man­gel­nden Zus­pruchs im Novem­ber dieses Jahres einzustellen, musste natür­lich eine selb­st­gestrick­te Alter­na­tive her, deren schnelle Ver­bre­itung von vorn­here­in sichergestellt sein sollte. Das neue große Dings­bums nen­nt sich Fire­fox-Accounts, es wurde bish­er vor­rangig für den Dienst “Fire­fox Sync” ver­wen­det und soll kün­ftig die einzige Anmeldemeth­ode für alles sein, was mit Mozil­la zu tun hat. Ver­hin­dert wird damit die Tren­nung zwis­chen mehreren Pseu­do­ny­men (ein einzel­ner Benutzer von Mozil­la-Pro­duk­ten wird damit leichter iden­ti­fizier­bar), eben­so wird es nicht mehr möglich sein, sich mit ein­er beliebi­gen, nicht ein­deutig zuor­den­baren E‑Mail-Adresse zum Beispiel auf der Addons-Seite anzumelden.

Dem­nächst wird dann ein Mozil­la-Entschei­der vielle­icht diese neue, hippe Funk­tion “Anmelden mit Face­book” ent­deck­en. Das würde das Prob­lem ja ein für alle­mal…

:irre:

PolitikIn den NachrichtenMontagsmusik
Purposeful Porpoise — Cycles

ChrrrrrrEs ist Mon­tag, ab jet­zt geht’s bergab. Das Son­ntagsmiteinan­der erin­nert stets daran, wie sehr es das Leben aufw­ertet und sich dadurch unverzicht­bar macht. Stand up, stand up, stand up. Das Dasein als Apho­ris­mus, man wollte es nicht anders. Attrak­tion macht Sprachge­fühl kaputt und das ist eigentlich nur ein biss­chen furcht­bar.

Man kön­nte es ja auch schlim­mer haben, man kön­nte stattdessen Staats­be­such aus dem Iran bekom­men. Erst mal die beschniedel­ten Stat­uen ver­steck­en. Son­st glaubt der noch, Ital­iener hät­ten eine aufgek­lärte Gesellschaft.

Darf man 2016 eigentlich noch von ein­er aufgek­lärten Gesellschaft reden? Da fliegen immer­hin Hand­granat­en auf Flüchtling­sheime, was ja nun nicht beson­ders zivil­isiert wirkt; aber keine Sorge, die Schuldige ist vom Föje­tong schon ermit­telt wor­den: Frauke Petry (AfD) befür­wortet bewaffneten Gren­zschutz, was natür­lich kon­tro­vers disku­tiert (“AfD ver­bi­eten! Nazis auf’s Maul!” usw.) wird, denn die Deutschen sollen bitteschön nett zu Leuten sein, die hier rein­wollen. Anderen geht das ja auch immer noch nicht schnell genug: Der offen­sichtlich nicht mehr völ­lig dichte Nato-Gen­er­alsekretär, ein Herr Stoltenberg, fordert mehr deutsche Beruf­s­mörder beim Ein­satz gegen das Böse. Irgend­wo mehr Sol­dat­en hinzuschick­en war bekan­ntlich schon immer ein Garant für ein friedlich­es Miteinan­der.

Frieden ohne staatlich geförderte Gewalt­täter kön­nen oder wollen sie nicht, aber “organ­isieren kön­nen die Deutschen” (Traudl Junge, 2001) allerd­ings, und dafür reicht es alle­mal: Hitler ist nun kein Ehren­bürg­er von Uetersen mehr. Das hat er nun davon.

Wir hinge­gen haben von diesem Mon­tag auch Musik.

Pur­pose­ful Por­poise — Cycles

Guten Mor­gen.

In den Nachrichten
ZUGRIFF! — Entschuldigung. ZUGRIFF! — Entschuldigung. ZUGRIFF! Entsch-

Hop­pla:

Es ist kurz vor sechs Uhr, als Beamte des Biele­felder Spezialein­satzkom­man­dos (SEK) und ihre Kol­le­gen ein­er Hun­dertschaft an einem Mehrfam­i­lien­haus an der Güter­slo­her Diek­straße vor­fahren, sich schuss­sichere West­en und Sturmhauben über­streifen und ihre Waf­fen in Anschlag nehmen. (…) Mit den Worten: „Das ist die falsche Woh­nung”, ver­schwinden sie so schnell, wie sie gekom­men waren. An der Tür zur Nach­bar­woh­nung set­zt die ver­mummte Ein­grifftruppe erneut den Ramm­bock an. Wieder wird ein Mann im Schlaf über­wältigt, wieder ist es der Falsche. Auch beim drit­ten Vorstoß eine Etage tiefer sind die Polizis­ten an der falschen Adresse. Erst der vierte Anlauf gelingt.

:wallbash:

In den NachrichtenWirtschaft
VW: Das Management.

Wenn schon son­st nicht mehr auf vieles Ver­lass ist, so hat doch wenig­stens der Volk­swa­gen-Konz­ern endlich eine Antwort auf die Frage gefun­den, wie man wieder zu ein­er beliebteren Automarke wird. Dafür hat Markenchef Her­bert Diess kür­zlich ein “Zwölf-Punk­te-Pro­gramm” vorgestellt, das alles bess­er machen soll.

Näm­lich so (Quelle: Inter­net):

1. Weltweite Posi­tion­ierung

Die ver­füg­baren Automarken des Konz­erns sollen an die jew­eili­gen Märk­te “angepasst” wer­den. Einige Automarken wer­den in bes­timmten Län­dern also wegen geringer Verkauf­szahlen ver­mut­lich eingestellt wer­den.

Ver­mu­tung: Damit wer­den auch weniger Mitar­beit­er benötigt.

2. Kosten und Aufwand

Durch gerin­gere Kosten soll mehr Gewinn erzielt wer­den.

Ver­mu­tung: Über­mäßig teure Posten, zum Beispiel zu viele Mitar­beit­er, wer­den reduziert.

3. Region­ss­teuerung

Region­s­man­ag­er von Volk­swa­gen sollen mehr Ein­fluss erhal­ten, um mehr Kon­trolle über “ihr” Gebi­et zu haben.

Ver­mu­tung: Mit mehr Ver­ant­wor­tung geht auch mehr Gehalt für Man­ag­er ein­her.

4. Neue Unternehmen­skul­tur

Bei Volk­swa­gen soll ein regerer Aus­tausch zwis­chen den ver­schiede­nen Unternehmensebe­nen stat­tfind­en. Worin das resul­tieren wird, bleibt abzuwarten.

5. Zukun­ft durch Effizienz

Es sollen unter anderem Unternehmen­sprozesse beschle­u­nigt und ent­fehlert wer­den, unnötige und poten­ziell Fehler machende Zwis­chenglieder zwis­chen Führungsebene und Belegschaft und damit Mitar­beit­er oder ganze Abteilun­gen ent­fer­nt wer­den. Wach­s­tum ist alles.

6. Kom­mu­nika­tion

Es soll eine vom Konz­ern unab­hängige Markenkom­mu­nika­tion bei Volk­swa­gen geben.

Ver­mu­tung: Was immer damit gemeint sein mag, es resul­tiert doch let­z­tendlich in out­sourc­ing und damit weniger Bedarf an Mitar­beit­ern.

7. Effiziente Prozesse, schlanke Struk­turen

Ver­mu­tung: Habe ich eigentlich schon über Ent­las­sun­gen spekuliert?

8. New Volk­swa­gen

Bere­its jet­zt beschäftigt der Volk­swa­gen-Konz­ern unzäh­lige externe Dien­stleis­ter, die als Zulief­er­er die “Dig­i­tal­isierung” der Auto­mo­bile vorantreiben. Kün­ftig soll diese “Dig­i­tal­isierung” noch etwas mehr Gewicht bekom­men.

Ver­mu­tung: Da die exter­nen Dien­stleis­ter die entsprechen­den Entwick­lun­gen bere­its beitra­gen, sind weniger interne Mitar­beit­er notwendig.

9. Exzel­lente Führung

Die Wirk­samkeit von Führung soll im Mit­telpunkt ste­hen.

Ver­mu­tung: Mehr Geld für effiziente Man­ag­er.

10. Strate­giehaus

Es soll mit zusät­zlichem Per­son­al eine Marken­strate­gie ent­wor­fen wer­den. (Ach so, das ist noch gar keine Strate­gie?)

Ver­mu­tung: Das zusät­zliche Per­son­al wird, wie so oft, vorüberge­hend extern angemietet. Das Gehalt wird durch Ent­las­sun­gen finanziert.

11. Unternehmerische Ziele und Struk­turen

Die unternehmerische Ver­ant­wor­tung soll gestärkt wer­den.

Ver­mu­tung: Gehalt­ser­höhun­gen für Man­ag­er.

12. Erschließung Chan­cen­märk­te

Volk­swa­gen möchte auch in Län­dern, in denen es bish­er nicht son­der­lich erfol­gre­ich ist, “starke Teams” etablieren.

Ver­mu­tung: Mehr Man­ag­er ins Aus­land, dort gibt es auch preiswerte Arbeit­skräfte.


Zur weit­ge­hen­den Umset­zung des 12-Punk­te-Pro­gramms wür­den also zwei Änderun­gen genü­gen:

  • Mehr Ein­fluss und Geld für Man­ag­er
  • Weniger Mitar­beit­er in weniger Abteilun­gen

Ich bin davon überzeugt, dass es so oder so ähn­lich kom­men wird. Und ich bin davon überzeugt, dass die Börse das goutieren wird.

In den NachrichtenPiratenparteiMontagsmusik
Explosions In The Sky — The Only Moment We Were Alone

KnutscheulenMon­tag, du Ekel! Er kommt auch jede Woche früher und käl­ter daher, dies­mal allerd­ings unter wirk­lich guten Voraus­set­zun­gen. Öfter mal was aus­pro­bieren, zu zweit kann nichts schiefge­hen. Ein angemessen­er Dank ken­nt keine Worte.

Andere Leute reden zu viel: 93 von 150 Dres­d­nern sind recht­sohrig. Darf man 2016 noch Witze über Dres­den und Rich­tun­gen machen? Dabei sind doch “Links” und “Rechts” mal wieder so aktuell wie sel­ten zuvor: 36 poli­tisch oft weniger nüt­zliche Ange­hörige des eher am linken Rand fis­chen­den Berlin­er Piratenum­felds, darunter natür­lich Julia Schramm, betreiben jet­zt Wer­bung für die “LINKE”. Post­wen­dend hätte die Berlin­er Piraten­partei beina­he beschlossen, für die diesjährige Neuwahl des Abge­ord­neten­haus­es nur mehr Parteim­it­glieder zuzu­lassen, was zu erstaunlichen Diskus­sio­nen führte. Natür­lich lehne man die Piraten­partei ab, aber man wolle doch trotz­dem für sie antreten dür­fen, das habe man doch immer schon so gemacht. So ein Fut­tertrog lockt eben nicht immer nur die Elfen an. Ander­swo greift man zumin­d­est zu hemd­särmeli­gen Lösun­gen: Auf AfD-Wahlwer­ber wird mitunter scharf geschossen. Und Ihre Demokratie so?

Eben­falls nicht zu den Elfen gehört die Telekom: Für 20 Euro im Monat kann man sich dort von der Stör­erhaf­tung freikaufen (natür­lich mit Cis­co-Routern, denn mit Cis­co-Routern ist es sel­ten ein Prob­lem, vor Gericht den Übeltäter in File­shar­ingfällen nachzuweisen), wom­it die Abschaf­fung der Stör­erhaf­tung wohl bis auf Weit­eres poli­tisch erschw­ert sein dürfte. Der befre­un­de­ten Fir­ma T‑Systems neb­st Mut­terkonz­ern macht man doch als Staat nicht das Geschäft kaputt. Es gibt noch viel zu tun.

Aber vorher: Musik. Es ist Mon­tag, da kön­nen Herz und Hirn einen kleinen Anschub­ser ver­tra­gen.

Guten Mor­gen.

SonstigesIn den Nachrichten
Christliche Pappnasen

Man kann gegen Fasching, Fast­nacht, Karneval eine Menge ein­wen­den: Die Musik ist scheiße, die Witze sind däm­lich, das Pub­likum würde unter allen anderen Umstän­den samt und son­ders not­geschlachtet wer­den und die immer­gle­ichen Verklei­dun­gen als Cow­boy, “sexy” Prinzessin/Hexe oder Bat­man möchte man ja eigentlich auch nicht jedes Jahr an Kindern sehen müssen.

All das Gerede ist aber offen­sichtlich nicht zíelführend, also tut endlich mal jemand was:

Im öster­re­ichis­chen Karneval soll es kein “Hohn­lachen von Mehrheit­en über Min­der­heit­en” wie Les­ben und Schwule mehr geben. (…) Gle­ichzeit­ig ver­bi­etet die Ethik-Char­ta für den öster­re­ichis­chen Karneval allerd­ings auch scharfe Kri­tik an Reli­gio­nen: “Fasching und Karneval dür­fen nie­man­den in seinen Gefühlen ver­let­zen. Das gilt in ganz beson­derem Maße für den Umgang in religiösen Belan­gen”, heißt es im dem vier­seit­i­gen Papi­er.

Geboten sind daher Witze, die keine Per­son — keine Min­der­heit­en, keine religiösen Fanatik­er, ver­mut­lich keine Poli­tik­er, prak­tisch also nie­man­den — dem Spott der Zuhör­er aus­set­zen; es bleiben also nur abstrak­te plots übrig. (Zählen eigentlich Städte? Ken­nt man Han­nover in Öster­re­ich?) Da es nur zwei oder drei mögliche Pointen dafür gibt, ist Karneval in Öster­re­ich damit wohl in diesem Jahr ein sehr kurzes “Vergnü­gen”.

Auch der deutsche Karneval ken­nt übri­gens eine “Ethik-Char­ta”, die in vie­len Teilen der öster­re­ichis­chen verdächtig ähn­lich ist. In bei­den Fas­sun­gen find­et sich fol­gen­der Pas­sus:

Eben­so wie die anderen Wel­tre­li­gio­nen hat das Chris­ten­tum als die prä­gende Kraft europäis­ch­er Kul­tur und als Rah­menbe­din­gung unseres Tuns Anspruch auf gebühren­den Respekt.

Es ist gut, dass sich endlich mal wieder jemand auf unsere christlichen Tra­di­tio­nen beruft, das hat­ten wir bekan­ntlich schon länger nicht mehr. Das “heilige Buch” des Chris­ten­tums, die Bibel, weist an eini­gen Stellen darauf hin, dass Städte wie Sodom und Gomor­ra, in denen Homo­sex­u­al­ität prak­tiziert wird, vom christlichen Gott dur­chaus auch mal zer­stört wer­den. Der “Römer­brief” wird noch etwas deut­lich­er:

Darum hat sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lüste: denn ihre Weiber haben ver­wan­delt den natür­lichen Brauch in den unnatür­lichen; des­gle­ichen auch die Män­ner haben ver­lassen den natür­lichen Brauch des Weibes und sind aneinan­der erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selb­st emp­fan­gen.
Römer 1, 26–27

Ach, was inter­essieren uns noch Jahrtausende alte Texte in der heuti­gen mod­er­nen, aufgek­lärten Zeit? Nehmen wir ein neueres Beispiel, als 2008 der dama­lige so genan­nte Vertreter des christlichen Gottes auf Erden sich zum lei­di­gen Geschlechterthe­ma äußerte:

Die Men­schheit solle auf “die Stimme der Schöp­fung” hören, um die vorgegebe­nen Rollen von Mann und Frau zu ver­ste­hen. Alles andere käme “ein­er Selb­stzer­störung des Men­schen und der Zer­störung von Gottes Werk selb­st” gle­ich.

Nur mal so aus Neugi­er, “Bund Öster­re­ichis­ch­er Faschings­gilden”, und “Bund Deutsch­er Karneval e. V.”:

Wenn eure alberne “Feier” schon jedes Jahr wieder stat­tfind­en muss und die Teil­nehmer das Chris­ten­tum zu respek­tieren haben — müssen Städte, in denen Homo­sex­uelle leben, jet­zt kom­plett zer­stört wer­den oder reicht es, die Homo­sex­uellen, wie in 3. Mose 20,13 emp­fohlen, paar­weise zu töten?

Ich will das ja gebührend respek­tieren.

In den Nachrichten
Liegengebliebenes vom 21. Januar 2016

Reli­gion ist kaputt, Reli­gion kann weg:

Wegen des Vor­wurfs der Gottes­lästerung hat sich in Pak­istan ein 15-Jähriger nach Polizeiangaben selb­st die Hand abge­hackt. (…) In der Predigt hat­te der Imam gefragt, ob jemand anwe­send sei, der nicht an den Propheten glaube, berichtete die Polizei. Weil er die Frage falsch ver­standen habe, soll der Jugendliche seine Hand gehoben und sich gemeldet haben. (…) Anschließend habe sich der Jugendliche zu Hause die Hand abge­hackt und sie dem Geistlichen als Sym­bol sein­er Reue präsen­tiert, heißt es in Mel­dun­gen ver­schieden­er Medi­en. Eltern und Dorf­be­wohn­er hät­ten die Tat des Jugendlichen als Zeichen der Zunei­gung zum Propheten gefeiert, erk­lärte dem­nach die Polizei.

So ein Fei­gling. Sein Kopf wäre doch ein viel ein­drucksvolleres Sym­bol gewe­sen. Allah ist hof­fentlich sehr ent­täuscht.


Gute Nachricht­en: Der Mann, der monate­lang in Häuser einge­brochen war, um Män­ner am Anus zu kitzeln, wurde ver­haftet.


Sascha Lobo schreibt:

Vie­len Leuten bekommt das Inter­net ein­fach nicht.

Had­mut Danisch ergänzt:

Und wisst Ihr (sic! A.d.V.), was mir aufge­fall­en ist, näm­lich auf den Jour­nal­is­tenkon­feren­zen, bei denen ich auch Lobo live erlebt habe? Dass wir über­schwemmt wer­den von ein­er Jungjour­nal­is­ten­gener­a­tion, die über­haupt nichts mehr denken und recher­chieren kann und sich nur noch in den Social Media bewegt und aus Twit­ter abschreibt.


Was hat uns denn allen noch gefehlt? Richtig: Noch mehr Geräte mit Inter­net dran!

PiratenparteiMir wird geschlechtPersönliches
Der Zusammenbruch der Hackerkultur durch den Siegeszug des Twitterfeminismus

Dieser Artikel ist Teil 1 von 20 der Serie Congresskrise(n)

(Vorbe­merkung: Ich bin zurzeit Mit­glied von CCC und Piraten­partei, hoffe aber, deswe­gen nicht an irgend­was die Schuld zu tra­gen. Es fol­gt, da mich einige Geschehnisse der let­zten Jahre nicht ganz unbe­wegt lassen, ein ide­al­is­tisch motiviert­er Aufreg­text, der keines­falls zu ein­er sach­lichen Diskus­sion beitra­gen soll.)

Felix “Fefe” von Leit­ner ist aus dem Chaos Com­put­er Club aus­ge­treten. Um zu ver­ste­hen, warum das ein schlecht­es Zeichen ist, ist es rat­sam, die Geschichte der Hack­erkul­tur in Deutsch­land ein­mal genauer zu betra­cht­en.

‘Der Zusam­men­bruch der Hack­erkul­tur durch den Siegeszug des Twit­ter­fem­i­nis­mus’ weit­er­lesen »

Sonstiges
Medienkritik XCV: Ein Satz mit X: “POPCORN” erklärt das Internet

In den späten 1990-er Jahren — das “World Wide Web” war noch nicht ganz so furcht­bar wie heute, was wohl auch damit zu tun hat­te, dass es mit AOL, Com­puServe u.a. starke kom­merzielle Konkur­renz hat­te — las ich ein­mal im Kin­der­magazin “Micky Maus” eine begeis­ternde Wer­bung für den “Online-Auftritt” des Heftes, das damals natür­lich noch über Com­puServe abruf­bar war. Als ich am ver­gan­genen Woch­enende wieder ein­mal in den Neuer­schei­n­un­gen am Zeitschriftenkiosk blät­terte, fühlte ich mich in diese Zeit zurück­ver­set­zt, denn ich sah Unge­wohntes:

POPCORN 2-2016

Das Fach­blatt “POPCORN” — die Web­site des Mag­a­zins datiert gegen­wär­tig offen­bar noch von 2015 — will “fit fürs Inter­net!” machen. Das ver­spricht doch eine Menge Spaß.

Es sind aber lei­der nur drei Seit­en, zusam­menge­fasst unter der Über­schrift “Klick dich schlau! — Inter­net von A‑Z”, es wer­den also 26 Stich­worte über “das Inter­net” kurz erk­lärt. Eins sei vor­weg ver­rat­en: Es kommt auss­chließlich das Web zur Sprache, den Rest “des Inter­nets” hält man bei “POPCORN” offen­sichtlich für nicht bedeut­sam. Dass der Anreißer­text “New­bie oder Pro — völ­lig egal!” lautet, ist allerd­ings nicht über­trieben; new­bies find­en das Schlauk­lick­en (wo klickt man in ein­er Zeitschrift eigentlich hin?) sicher­lich lehrre­ich und pros höchst amüsant.

Aber keine Sorge, werte new­bies, es muss euch nicht pein­lich sein, denn was ihr seid, erk­lärt man bei “POPCORN” unter “N”:

“Du Noob” oder “Was ein New­bie”! — Kön­nte als Belei­di­gung benutzt wer­den, ist aber meis­tens nur eine Fest­stel­lung. (Das glaube ich gern. A.d.V.) Denn unter “New­bie” oder “Noob” wird im Web ein Neul­ing beze­ich­net!

Fein, fein — dass “Web” und “Inter­net” irgend­was miteinan­der zu tun haben, ver­mag der unbekan­nte Ver­fass­er ger­ade noch zu wis­sen, aber den Unter­schied lei­der nicht. In dieser durchdig­i­tal­isierten Welt ist das aber auch manch­mal schwierig, die Inter­net­sprache hält ja Einzug in alle Lebens­bere­iche. Zum Beispiel das Szenewort “Quelle”:

Im Inter­net beze­ich­net man Seit­en, aus denen man Infor­ma­tio­nen bekommt, als Quelle.

Ulkig, wie diese Jugend heute redet. Noch so ein kom­pliziertes Wort ist übri­gens “Jubiläum”:

Olé. olé, olé! Auch das Inter­net feiert Feste — und es hat­te 2015 allen Grund dazu: Da wurde die erste Web­site “info.cern.ch” am 13. Novem­ber 25 Jahre alt! Kaum zu glauben: Früher gab’s nur Schriften auf ein­er Web­site und kein­er­lei Fotos oder Ani­ma­tio­nen…

Kaum zu glauben. Warum erfind­et denn irgendw­er ein Sys­tem zum Aus­tausch von Nachricht­en, bei dem man nicht mal Schmink- oder Katzen­videos sehen kann? Laaaaame!

“Lame” erk­lärt “POPCORN” lei­der nicht. Leet ist, was nicht lame ist. Was allerd­ings offen­sichtlich leet ist: Wer­be­block­er.

(…) Das Pro­gramm (sic! A.d.V.) “Adblock” block­iert die blö­den Pop­ups (…). “Adblock” gibt’s bei www.chip.de zum Run­ter­laden! Instal­lieren, öff­nen — und zack: wer­be­frei…!

Es ist natür­lich möglich, auf einem Por­tal wie chip.de, das vor poten­ziell tro­janer­be­fal­l­en­er Wer­bung selb­st nur so strotzt und dessen Down­loads gele­gentlich eigens mit Mal­ware angere­ichert wer­den, einen Wer­be­block­er herun­terzu­laden. Es ist natür­lich nur auch keine beson­ders gute Idee.

Tut man es doch, erkäl­tet sich vielle­icht noch der Com­put­er (“V” wie “Virus”):

So wie unser Kör­p­er sich einen Virus ein­fan­gen kann, kann das unser Com­put­er auch. (…) Das Ziel eines Virus ist es (…), bes­timmte Dateien oder gar die kom­plette Fest­plat­te zu zer­stören. (Genau, nur dafür sind Viren da. A.d.V.) (…) Ladet möglichst keine Pro­gramme von dubiosen Web­sites herunter.

Ja, wie denn nun? :-?

Man kön­nte meinen, der Autor der Inter­ne­tan­leitung lei­de unter Real­itätsver­lust; wenn nicht gar unter Real­itäts-Ver­lust (“R”):

(…) Inter­net­süchtige ver­lieren das “echte” Leben völ­lig aus den Augen und leben nur noch in ein­er “virtuellen Welt”! Tipp: Begren­zt eure Inter­net­zeit auf 1–2 Stun­den am Tag — am besten mit einem Weck­er, der euch sagt, wann Schluss ist!

Diese 1–2 Stun­den kann man dann mit “What­sapp” (“W”) auf dem “Smarth­phone” (sic! Seite 19), mit “Zock­en” (“Z”), “Chal­lenges” (“C”) auf “YouTube” (“Y”), “Face­book” (“F”) oder “Strea­men” (“S”) ver­brin­gen. Auf YouTube gibt es immer­hin span­nende Dinge sehen, zum Beispiel — “Witzig!” — das allererste Video, auf dem der Grün­der von YouTube im Zoo vor dem Ele­fan­tenge­hege zu sehen ist. Rof­fel!

Ob es auch was zu “X” gibt? Aber natür­lich, die essen­ziell wichtige “X‑Taste”:

Smi­leys und Abkürzun­gen mit dem Buch­staben “x” sind im Web voll trendy. Beispiele: “xoxo” oder auch der Smi­ley :x — bei­des soll Küsse(n) sig­nal­isieren!

Zu mein­er Zeit wur­den Küsse ja noch durch :* aus­ge­drückt. :x stand für etwas anderes — “meine Lip­pen sind ver­siegelt”, “ich sag’ nix dazu”. Es tut mir wirk­lich ein biss­chen leid, dass der unbekan­nte Autor es auf diese Weise erfahren muss, aber die Sekretärin hat auf Ihre Liebess­chwüre also gar nicht mit einem Kuss reagiert.

Eben­falls in dieser Aus­gabe der “POPCORN” zu sehen: Die “Blon­dine” und “hüb­sche Düs­sel­dor­ferin” (ebd.) “Dagi Bee” gibt ein dop­pel­seit­iges Inter­view ohne Worte, indem sie dumme Fra­gen (etwa “Magenknur­ren! Hunger! Schoko­lade!”) mit min­destens eben­so dum­men (“witzi­gen”) Gri­massen beant­wortet.

Mir fällt dazu übri­gens auch eine witzige Gri­masse ein. Lei­der hat mein Weck­er ger­ade gek­lin­gelt.

MusikMontagsmusik
Wooden Shjips — Flight

Heute (Symbolbild)So mag ich meine Mon­tage, ohne Reue, nicht allein; naja, zumin­d­est nicht allein. Tem­po­ra mutan­tur, irgend­was läuft nicht ganz so falsch. Das muss dieses Altwer­den sein, von dem so oft die Rede ist. Ich glaube, ich finde das ganz in Ord­nung so.

Im deutschsprachi­gen Teil Twit­ters der­weil sind Tweets über das Pri­vatleben von Men­schen inzwis­chen ein Trend. Allmäh­lich über­rascht es mich kaum noch, dass klas­sis­che Medi­en immer wieder Ten­den­zen auf Twit­ter mit “der Stim­mung des Volkes” ver­wech­seln, obwohl das Volk eben auch vieles redet, dessen Ken­nt­nis wohl kaum jemand für eine tat­säch­liche Bere­icherung seines Lebens hielte. Wer sitzt in der Jury ein­er grauen­vollen Sendung, die bere­its gescheit­erte Exis­ten­zen nach kurzem Auf­blühen nach­haltig ver­nichtet? Wie alt ist die gegen­wär­tige Fre­undlin eines vor zwanzig Jahren ver­gle­ichs- wie über­raschen­der­weise erfol­gre­ichen Musik­ers? Wie teuer war die Frisur eines aus­tauschbaren Beruf­s­gesichts? Was hat das über­haupt alles zu bedeuten?

“Oh, was nicht wis­sen find’ ich toll!” (Patrick Star, c/o “Sponge­Bob Schwammkopf”).

ZEIT.de weiß indes: “Vinyl ist was für Hip­ster”. Es sei unmod­ern, friste ein Nis­chen­da­sein und zahle sich kaum aus. Dabei geht es gar nicht immer um’s Geld, son­dern um viel mehr.

Wood­en Shjips — Flight (Live on KEXP)

Aber darauf müsst ihr schon selb­st kom­men.

Guten Mor­gen.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt: Von allem (Content, Vernetzung, TTIP) zu viel

Gute Neuigkeit­en: Der peak con­tent ist erre­icht, es gibt mehr Unsinn im Web als irgend­je­mand jemals kon­sum­ieren kön­nte. Schwafelt um euer Leben! Die Men­schen sind eben noch immer nicht smart gewor­den. Kein Inter­net? Keine Heizung! Man kann so vieles — nicht nur Medi­en­mach­er — ans Netz hän­gen, vielle­icht sollte man nur manch­mal lieber darauf verzicht­en.

Verzicht­bar auch: Wir haben jet­zt vier miteinan­der ver­femte CDUs, aber nur zwei Kreuze. Vielle­icht ist Parteipoli­tik ein­fach nicht mehr zeit­gemäß. Diese Zeit verge­ht aber auch schneller als man es bemerken würde, in Super­märk­ten ist es bere­its Ostern und dann ist auch bald schon wieder Wei­h­nacht­en. Unklar ist nur die Zeit zwis­chen zwei Fest­ta­gen. Vielle­icht sollte man einen zusät­zlichen Feiertag im August ein­führen, damit der Einzel­han­del nicht so lange dar­ben muss. Das ist ja auch im Sinne der Bürg­er, denn ein Bürg­er, der eine flo­ri­erende Wirtschaft nicht zu sein­er Lebens­maxime erk­lärt hat, ist ein­deutig ein Son­der­ling:

Sie könne sich die beson­ders starke Ablehnung in Deutsch­land nicht erk­lären: “Wenn eine Volk­swirtschaft von TTIP prof­i­tiert, dann ist es Deutsch­land.”

Vielle­icht ist manchem Men­schen ein selb­st­bes­timmtes, gesun­des Leben ja doch noch ein wenig mehr wert als das Brut­tosozial­pro­dukt. Trotz­dem: “Mein Schwanz bleibt ganz”, mein Kopf macht Platz. Heit­eres Forderungsrat­en statt poli­tis­ch­er Schlagkraft.

So geh’n die Deutschen, die Deutschen, die geh’n so.

KaufbefehleMusikkritik
KoMaRa — KoMaRa

KoMaRaWelch schön­er Krach!

So gern ich mich auch mit musikalis­chem Wohlk­lang befasse, so gern schweife ich doch immer wieder ab. Manch­mal, wenn Weltschmerz Schönes zu bit­terem Witz wer­den lässt, ist San­ftheit vielle­icht auch nicht das Rechte. Ein Hoch gibt es da auf Com­bos wie KoMaRa auszus­prechen, die die Lust am Kon­tra ausleben.

KoMaRa sind die drei Her­ren David Kol­lar (slowakisch­er Exper­i­men­tal­jaz­zgi­tar­rist), Pao­lo Raineri (ital­ienis­ch­er Trompeter) und der Schlagzeuger Pat Mas­telot­to (King Crim­son, Mr. Mis­ter, Stick Men, HoBoLe­Ma, ToPa­Ma­Ra und manch weit­er­er Zeitvertreib), die sich 2014 zusam­menge­tan haben, um gemein­sam ein­er bemerkenswerten Spielart mod­er­nen Jazzes ihren Trib­ut zu zollen. Ihr gemein­sames Debü­tal­bum, das eben­falls, glaubt man dem Inter­net, den Namen “KoMaRa” trägt, war im Jahr 2015 in manch­er Besten­liste zu find­en und hat sich mein­er Aufmerk­samkeit den­noch bish­er erfol­gre­ich ent­zo­gen. Zeit, das zu ändern.

Pat Mas­telot­to, David Kol­lar, Pao­lo Raineri — KOMARA live in Prague 2014

Zwar sind vere­inzelt mal geflüsterte, mal wie aus der Ferne gerufene Sprach­beiträge von Pao­lo Raineri und mit den Gast­stim­men von Leashya Fitz­patrick-Mun­y­on und Bill Mun­y­on zu hören, aber “KoMaRa” ist über weite Streck­en hin­weg ein Instru­men­ta­lal­bum. Das ist pri­ma, denn auf Gesang ist diese Musik auch keines­falls eingestellt. Dumpfes Schlagzeug, düstere Elek­tron­ik und ver­störende Trompe­ten ergeben eine Mis­chung, die den Kopf angenehm freibläst.

Bere­its das erste Stück “Dirty Smelly” — ein Titel, der das selt­same Cover­bild dieses Albums ganz gut abbildet — ver­heiratet eine Free-Jazz-Adap­tion der 80er-Trilo­gie der eigens reformierten King Crim­son mit Exper­i­men­tal­rock von Boris’scher Qual­ität, das fol­gende “37 Forms” vere­int nach beina­he harm­los jazz­igem Beginn einen atmo­sphärischen Postrock mit RIO/A­vant-Fet­zen und Hardrock­ein­sprengseln. Eine bedrohliche Stimme murmelt etwas, das wie eine Ver­wün­schung klingt, und wird sogle­ich wieder ver­trieben von der irrlichtern­den Trompete. Übertrof­fen wird dieses her­rliche Durcheinan­der schließlich vom dis­so­nant-hek­tis­chen “After­birth” und dem selt­sam zer­ris­se­nen “God Has Left This Place”, das nach weit­erem Murmeln überge­ht in eine bizarre Klang­welt, deren mech­a­nisch-blech­ern­er Rhyth­mus immer wieder von verzweifel­ten Mis­stö­nen von Elek­tron­ik, Trompete und den bei­den Ergänzungsstim­men zer­schnit­ten wird. “I have to get out!”

Mit “Incit­ing Inci­dents” — spo­ken words über Rauschen — find­et dieses Album einen angemesse­nen Abschluss. Die Ori­en­tierungslosigkeit, die sich nach seinem Ausklin­gen ein­stellt, fühlt sich eigentlich gar nicht schlecht an.

Wahrlich: ein schön­er Krach.

PolitikIn den Nachrichten
Eine ganz linke Tour: Der aufgemischte Pöbel löst die Flüchtlingsfrage

Vor ein paar Jahren, als die Berlin­er Spitze neb­st näherem Umfeld des dama­li­gen linken Flügels in der Piraten­partei erst mit aller­lei Kinker­l­itzchen die poli­tis­che Arbeit in der Partei gelähmt und sie anschließend ener­gisch bloggend in Scharen ver­lassen hat­te, kamen einige sein­er weniger besonnenen Mit­glieder bei der “Emanzi­pa­torischen Linken”, kurz “Ema.Li”, unter und kon­nten selb­stre­dend das Mausen nicht lassen: DIE LINKE aufmischen!!1; zur Hölle mit der Kon­sens­demokratie (sofern sie nicht ohne­hin bere­its dort ist), denn nur ein primus inter pares ist imstande, Wort­führer in der “LINKEN” zu sein. Manch­mal wird man dann ein­bal­samiert und jahrzehn­te­lang aus­gestellt, das ist dann sehr schön, weil man immer wieder einen neuen Anzug bekommt, ohne sich bewe­gen zu müssen.

Mit Sahra Wagenknecht, ein­er promi­nen­ten Vertreterin der “Kom­mu­nis­tis­chen Plat­tform” in der “LINKEN” und regelmäßiger Fernse­hgestalt, gibt es auch jeman­den, an dem man sich ori­en­tieren kann. Eine “kluge Frau”, die “viel Schlaues” daherrede und die ein aus­geze­ich­neter “Grund” sei, “DIE LINKE” als kle­in­stes Übel zu wählen, sei sie, so heißt es in meinem Bekan­ntenkreis vielfach. Man müsse ja in diesen harten Zeit­en dem Recht­sruck etwas ent­ge­gen­hal­ten, um PEGIDA “und so weit­er” mehr ent­ge­gen­zuset­zen als nur ein empört gebrülltes “wir sind dage­gen, dass die dage­gen sind”. Im Herzen schon immer knall­rot.

Flüchtlinge willkom­men, jed­er darf rein, wehret der Anfänge. Krawehl, krawehl. Wir schaf­fen das. Aber auch dieser Spaß hat Gren­zen, näm­lich spätestens dort, wo unsere ure­ige­nen Tugen­den der Über­frem­dung zum Opfer zu fall­en dro­hen: Zwei Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan sollen einen Juden aus Frankre­ich auf der Insel Fehmarn beschimpft, bedrängt und beraubt haben. Zwei Män­ner, natür­lich, dem Nar­ra­tiv tut’s gut, aber mehr eben auch nicht. Unsere Juden beschimpfen wir aber dann doch lieber immer noch selb­st, Links­sein ist ja auch nicht alles:

“Wer Gas­trecht miss­braucht”, sagt Wagenknecht, “der hat Gas­trecht dann eben auch ver­wirkt.” Das sei “ganz klar Posi­tion” der Linken.

Das mit dem Aufmis­chen hat offen­sichtlich, wie gewohnt, her­vor­ra­gend funk­tion­iert, im Radikalisieren waren manche Strö­mungen schon in der Weimar­er Repub­lik die Meis­ter. “Krim­inelle Aus­län­der raus!”, so heißt’s bei der NPD Thürin­gen (Allergik­er­hin­weis: NPD Thürin­gen), möchte man es dann doch nicht nen­nen, das ziemt sich nicht, wenn man “die linke Linke” (Anja Maier von der “taz” über Sahra Wagenknecht, allerd­ings 2011), zumin­d­est aber “das Gesicht des linken Flügels der Linkspartei” (“WELT ONLINE”, März 2014) genan­nt wird und das nicht unbe­d­ingt ändern will. Nach zehn Jahren Angela Merkel sind klare poli­tis­che Posi­tio­nen endlich als uner­he­blich erkan­nt wor­den.

Manch­er Leute Kopf ist rund, damit die Nar­renkappe passt.

PolitikIn den NachrichtenMontagsmusik
System of a Down — B.Y.O.B. // Zu den Waffen!

KriegseuleEin Mon­tag­mor­gen fernab vom längst gewohn­ten Beisam­men­sein zählt zu den größeren Ärg­ernissen des Kalen­ders. Ander­er­seits: Endlich mal Moti­va­tion, etwas zu bewe­gen (im Zweifel: sich). Sehn­sucht, du Liebesteufel. Mit einem Teelöf­fel Zuck­er ist Schw­er­mut manch­mal erträglich­er, aber die Rezes­sion, Sie ver­ste­hen?

Wahrschein­lich nicht, denn die Nachricht­en sind schon weit­erge­zo­gen. Pleite sind immer noch alle, aber es stört keinen mehr. (Was macht eigentlich der Bun­de­stro­jan­er?) Es ist ja auch nach Köln — im “Post­colog­nial­is­mus”, witzelt man auf Twit­ter in ermü­den­der Häu­figkeit — nicht alles furcht­bar, wenn man nicht ger­ade in Berlin wohnt, denn endlich funk­tion­ieren auch deutsche Behör­den wieder. Doch, wirk­lich!

BND und NSA set­zen jet­zt ihre gemein­same Arbeit fort.

Die NSA zeigte sich immer­hin ent­ge­genk­om­mend: Sie begrün­det nun, warum sie bes­timmte Begriffe mitle­sen möchte. Ach so, hat man da beim BND gesagt, na, wenn die NSA begrün­den kann, warum sie zum Beispiel jede Nachricht mitle­sen möchte, in der “Emil” ste­ht, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Die wis­sen schon, was richtig ist. Die Telekom würde doch nicht ein­fach ihren Ruf ver­spie­len.

BND und NSA set­zen jet­zt ihre gemein­same Arbeit fort. Wer hat da “Rus­s­land” gerufen? Ja, gegen den Klassen­feind müssen wir doch zusam­men­hal­ten, der über­fällt ein­fach andere Län­der und hat ein komis­ches Ver­ständ­nis von Men­schen­recht­en, ganz anders als der West­en. Die USA schauen der­weil mal an der Gren­ze zu Nord­ko­rea vor­bei. Ein paar Friedens­bomber zu Diplo­matiezweck­en, weit­er nichts. Es ist, das sei gesagt, allmäh­lich etwas schwierig, noch ein fried­fer­tiger Men­sch zu sein, dem Waf­fenge­walt zuwider ist.

BND und NSA set­zen jet­zt ihre gemein­same Arbeit fort. Gegen jeden, der es untern­immt, diese Ord­nung zu beseit­i­gen, haben alle Deutschen das Recht zum Wider­stand, wenn andere Abhil­fe nicht möglich ist. Je dés­espérais. Habt ihr auch alle schon “Ich bin gegen Überwachung!” in euren Twit­ter­a­vatar geschrieben? Die Mum­ble-Demon­stra­tion find­et wie immer um sechzehn Uhr statt. Es gibt Schnittchen.

Keine Fra­gen. Alles wird gut. Ein biss­chen Lärm weht den Unmut sicher­lich hin­weg.

Sys­tem Of A Down — B.Y.O.B (MTV EMA Music Awards 2005)

Schade. Hat nicht geholfen.

Guten Mor­gen.