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Medienkritik XCV: Ein Satz mit X: “POPCORN” erklärt das Internet

In den späten 1990-er Jahren — das “World Wide Web” war noch nicht ganz so furcht­bar wie heute, was wohl auch damit zu tun hat­te, dass es mit AOL, Com­puServe u.a. starke kom­merzielle Konkur­renz hat­te — las ich ein­mal im Kin­der­magazin “Micky Maus” eine begeis­ternde Wer­bung für den “Online-Auftritt” des Heftes, das damals natür­lich noch über Com­puServe abruf­bar war. Als ich am ver­gan­genen Woch­enende wieder ein­mal in den Neuer­schei­n­un­gen am Zeitschriftenkiosk blät­terte, fühlte ich mich in diese Zeit zurück­ver­set­zt, denn ich sah Unge­wohntes:

POPCORN 2-2016

Das Fach­blatt “POPCORN” — die Web­site des Mag­a­zins datiert gegen­wär­tig offen­bar noch von 2015 — will “fit fürs Inter­net!” machen. Das ver­spricht doch eine Menge Spaß.

Es sind aber lei­der nur drei Seit­en, zusam­menge­fasst unter der Über­schrift “Klick dich schlau! — Inter­net von A‑Z”, es wer­den also 26 Stich­worte über “das Inter­net” kurz erk­lärt. Eins sei vor­weg ver­rat­en: Es kommt auss­chließlich das Web zur Sprache, den Rest “des Inter­nets” hält man bei “POPCORN” offen­sichtlich für nicht bedeut­sam. Dass der Anreißer­text “New­bie oder Pro — völ­lig egal!” lautet, ist allerd­ings nicht über­trieben; new­bies find­en das Schlauk­lick­en (wo klickt man in ein­er Zeitschrift eigentlich hin?) sicher­lich lehrre­ich und pros höchst amüsant.

Aber keine Sorge, werte new­bies, es muss euch nicht pein­lich sein, denn was ihr seid, erk­lärt man bei “POPCORN” unter “N”:

“Du Noob” oder “Was ein New­bie”! — Kön­nte als Belei­di­gung benutzt wer­den, ist aber meis­tens nur eine Fest­stel­lung. (Das glaube ich gern. A.d.V.) Denn unter “New­bie” oder “Noob” wird im Web ein Neul­ing beze­ich­net!

Fein, fein — dass “Web” und “Inter­net” irgend­was miteinan­der zu tun haben, ver­mag der unbekan­nte Ver­fass­er ger­ade noch zu wis­sen, aber den Unter­schied lei­der nicht. In dieser durchdig­i­tal­isierten Welt ist das aber auch manch­mal schwierig, die Inter­net­sprache hält ja Einzug in alle Lebens­bere­iche. Zum Beispiel das Szenewort “Quelle”:

Im Inter­net beze­ich­net man Seit­en, aus denen man Infor­ma­tio­nen bekommt, als Quelle.

Ulkig, wie diese Jugend heute redet. Noch so ein kom­pliziertes Wort ist übri­gens “Jubiläum”:

Olé. olé, olé! Auch das Inter­net feiert Feste — und es hat­te 2015 allen Grund dazu: Da wurde die erste Web­site “info.cern.ch” am 13. Novem­ber 25 Jahre alt! Kaum zu glauben: Früher gab’s nur Schriften auf ein­er Web­site und kein­er­lei Fotos oder Ani­ma­tio­nen…

Kaum zu glauben. Warum erfind­et denn irgendw­er ein Sys­tem zum Aus­tausch von Nachricht­en, bei dem man nicht mal Schmink- oder Katzen­videos sehen kann? Laaaaame!

“Lame” erk­lärt “POPCORN” lei­der nicht. Leet ist, was nicht lame ist. Was allerd­ings offen­sichtlich leet ist: Wer­be­block­er.

(…) Das Pro­gramm (sic! A.d.V.) “Adblock” block­iert die blö­den Pop­ups (…). “Adblock” gibt’s bei www.chip.de zum Run­ter­laden! Instal­lieren, öff­nen — und zack: wer­be­frei…!

Es ist natür­lich möglich, auf einem Por­tal wie chip.de, das vor poten­ziell tro­janer­be­fal­l­en­er Wer­bung selb­st nur so strotzt und dessen Down­loads gele­gentlich eigens mit Mal­ware angere­ichert wer­den, einen Wer­be­block­er herun­terzu­laden. Es ist natür­lich nur auch keine beson­ders gute Idee.

Tut man es doch, erkäl­tet sich vielle­icht noch der Com­put­er (“V” wie “Virus”):

So wie unser Kör­p­er sich einen Virus ein­fan­gen kann, kann das unser Com­put­er auch. (…) Das Ziel eines Virus ist es (…), bes­timmte Dateien oder gar die kom­plette Fest­plat­te zu zer­stören. (Genau, nur dafür sind Viren da. A.d.V.) (…) Ladet möglichst keine Pro­gramme von dubiosen Web­sites herunter.

Ja, wie denn nun? :-?

Man kön­nte meinen, der Autor der Inter­ne­tan­leitung lei­de unter Real­itätsver­lust; wenn nicht gar unter Real­itäts-Ver­lust (“R”):

(…) Inter­net­süchtige ver­lieren das “echte” Leben völ­lig aus den Augen und leben nur noch in ein­er “virtuellen Welt”! Tipp: Begren­zt eure Inter­net­zeit auf 1–2 Stun­den am Tag — am besten mit einem Weck­er, der euch sagt, wann Schluss ist!

Diese 1–2 Stun­den kann man dann mit “What­sapp” (“W”) auf dem “Smarth­phone” (sic! Seite 19), mit “Zock­en” (“Z”), “Chal­lenges” (“C”) auf “YouTube” (“Y”), “Face­book” (“F”) oder “Strea­men” (“S”) ver­brin­gen. Auf YouTube gibt es immer­hin span­nende Dinge sehen, zum Beispiel — “Witzig!” — das allererste Video, auf dem der Grün­der von YouTube im Zoo vor dem Ele­fan­tenge­hege zu sehen ist. Rof­fel!

Ob es auch was zu “X” gibt? Aber natür­lich, die essen­ziell wichtige “X‑Taste”:

Smi­leys und Abkürzun­gen mit dem Buch­staben “x” sind im Web voll trendy. Beispiele: “xoxo” oder auch der Smi­ley :x — bei­des soll Küsse(n) sig­nal­isieren!

Zu mein­er Zeit wur­den Küsse ja noch durch :* aus­ge­drückt. :x stand für etwas anderes — “meine Lip­pen sind ver­siegelt”, “ich sag’ nix dazu”. Es tut mir wirk­lich ein biss­chen leid, dass der unbekan­nte Autor es auf diese Weise erfahren muss, aber die Sekretärin hat auf Ihre Liebess­chwüre also gar nicht mit einem Kuss reagiert.

Eben­falls in dieser Aus­gabe der “POPCORN” zu sehen: Die “Blon­dine” und “hüb­sche Düs­sel­dor­ferin” (ebd.) “Dagi Bee” gibt ein dop­pel­seit­iges Inter­view ohne Worte, indem sie dumme Fra­gen (etwa “Magenknur­ren! Hunger! Schoko­lade!”) mit min­destens eben­so dum­men (“witzi­gen”) Gri­massen beant­wortet.

Mir fällt dazu übri­gens auch eine witzige Gri­masse ein. Lei­der hat mein Weck­er ger­ade gek­lin­gelt.