PersönlichesMusikMusikkritikFotografie
Resü­mee einer Konzertnacht

Unterwegs in der Supp-CulturIch bin wie­der da und habe (lei­der wegen kon­zert­ty­pisch recht unan­ge­neh­mer Licht­in­suf­fi­zi­enz mit­un­ter recht ver­pi­xel­te und nur unzu­rei­chend am Com­pu­ter nach­be­ar­bei­te­te) Bil­der mit­ge­bracht. Auf Ton­mit­schnit­te habe ich ver­zich­tet; zu mit­rei­ßend war der Gitar­ren­re­gen, der in der Kul­tur­fa­brik Löse­ke auf die Besu­cher niederging.

Kalt war’s, aber das Dop­pel­kon­zert fand erfreu­li­cher­wei­se drin­nen statt. Um 22 Uhr soll­te es los­ge­hen, das ließ uns, die wir – zum Glück – eine unge­fäh­re Stun­de zu früh ein­tra­fen, aus­rei­chend Zeit, um uns mit dem Ver­an­stal­ter zu unter­hal­ten und auch mit ande­ren Kon­zert­gän­gern ein wenig zu plau­dern. Wir wur­den gewarnt, dass es recht laut wer­den könn­te. Das ließ hoffen.

Eini­ge Minu­ten spä­ter als ange­kün­digt betrat dann das Han­no­ve­ra­ner Quar­tett Her­me­lin die klei­ne Bühne.

Hermelin: Prima Einstieg für den Abend.

Mit ihrem fast instru­men­ta­len Post­rock schuf (schu­fen?) Her­me­lin Klang­wän­de und riss sie wie­der ein, das Publi­kum war ent­spre­chend beein­druckt und belohn­te die Dar­bie­tung durch wil­den Tanz und fre­ne­ti­schen Applaus. Spon­ta­ne Asso­zia­ti­on: Explo­si­ons In The Sky.

Noch mehr Fotografien:

Hermelin: Zwei Gitarren, viel Musik. Hermelin: Schüttel dein Kopfhaar!

Kaum war man ent­rückt in die sur­rea­le Traum­welt ein­ge­taucht und hat­te ver­ges­sen, wo man eigent­lich ist, ließ sich die Rea­li­tät mal wie­der bli­cken, und eine kur­ze Pau­se gewähr­te Zeit, die durch gedan­ken­lo­ses Schüt­teln belas­te­ten Gelen­ke zu ent­span­nen. Nach einer kur­zen Atem­pau­se in der küh­len, ver­rauch­ten Nacht­luft Hil­des­heims stan­den die Ham­bur­ger Nihi­ling schon auf der Büh­ne, und sie tra­ten einen wei­te­ren Beleg für mei­ne vor eini­gen Mona­ten in klei­nem Kreis auf­ge­stell­te The­se, dass Bas­sis­tin­nen aktu­el­ler Rock­grup­pen grund­sätz­lich ver­dammt nied­lich – man ver­zei­he mir aus­nahms­wei­se die­se Aus­drucks­wei­se – sind, an.

Nihiling: Irgendwo zwischen Oceansize und Tool

Trotz Erkäl­tung hat­ten auch die­se sechs Musi­ker offen­sicht­lich recht viel Spaß bei der Sache und spiel­ten über die Dau­er von weit über einer Stun­de neben Bekann­tem auch neu­es Mate­ri­al, das an Oce­an­si­ze und vor allem auch an die sonst im Post­rock nur all­zu sel­ten zitier­ten Tool erinnerte.

Visu­el­le Eindrücke:

Nihiling: Bass in Trance. Nihiling: Come in, come out. Nihiling: Gitarrenarbeit par excellence. Nihiling: Musik wie aus einer anderen Welt.

Bei­de Musik­grup­pen haben gezeigt, dass die Luft bei ihnen noch lan­ge nicht raus ist, und Vor­freu­de auf kom­men­de Ton­trä­ger und Kon­zer­te geweckt. Zu hof­fen ist, dass sich in nicht all­zu fer­ner Zukunft noch­mals eine Gele­gen­heit ergibt, einem sol­chen Ereig­nis beizuwohnen.

Ich neh­me an, in abseh­ba­rer Zeit wird es bei Peter bes­se­re Bil­der und noch mehr Text geben. Emp­foh­len wird daher, ab und zu mal nachzuschauen.
Nach­trag von 22:01 Uhr: Der aus­führ­li­che Bericht mit noch bes­se­ren Bil­dern ist nun auf Schallgrenzen.de zu finden.


Am glei­chen Abend wur­de vor dem Schloss-Ein­kaufs­zen­trum in Braun­schweig übri­gens für „Wet­ten, dass…?“ kol­lek­tiv getanzt:

ZDF: Bühne für 'ne Stadtwette

Scha­de; die Betei­lig­ten wis­sen nicht, was ihnen ent­gan­gen ist.

Gern und jeder­zeit mehr davon!

PolitikIn den Nachrichten
Über die Beschnei­dung von Rechten

Argh:

Mit einem neu­en Straf­tat­be­stand soll die Geni­tal­ver­stüm­me­lung an Mäd­chen und Frau­en künf­tig här­ter bestraft wer­den. Auf der Jus­tiz­mi­nis­ter­kon­fe­renz in Ber­lin stell­ten die Län­der Baden-Würt­tem­berg und Hes­sen am Don­ners­tag dazu eine gemein­sa­me Geset­zes­in­itia­ti­ve vor.

Seit 1995 gilt die Geni­tal­ver­stüm­me­lung inter­na­tio­nal als Men­schen­rechts­ver­let­zung. Auch in Deutsch­land wur­den nach Anga­ben der Jus­tiz­mi­nis­ter­kon­fe­renz schät­zungs­wei­se 20.000 Frau­en Opfer einer Genitalverstümmelung.

(Her­vor­he­bun­gen wie­der ein­mal von mir)

Zum Ver­gleich hier­zu eine Zahl vom August 2009, die auch Arne Hoff­mann schon zitierte:

The mul­ti-par­ty com­mit­tee embark­ed on the tour to find solu­ti­ons fol­lo­wing the deaths of 53 initia­tes this season.

So sieht’s aus: Beschnei­dung ist nur so lan­ge eine Ver­stüm­me­lung, wie sie nicht an Jun­gen und Män­nern durch­ge­führt wird; in ihrem Fall ist es ein auf jeden Fall zu schüt­zen­der reli­giö­ser und/oder sons­ti­ger kul­tu­rel­ler Ritus. 53 Todes­fäl­le allein in die­ser Sai­son, sicher­lich scha­de, aber nicht mehr zu ändern.

(Natür­lich, immer­hin gehö­ren Jun­gen und Män­ner dem star­ken Geschlecht an, dem auch mal ein klei­ner Krieg in der Jugend sicher gut tut. Und es gibt eh recht vie­le von denen, da stört es die Sta­tis­tik nicht, wenn ein Teil von ihnen in einer Holz­kis­te zurückkommt.)

Außer­dem, was sind schon 53 tote Jun­gen per sea­son gegen unge­fähr 20.000 tote Frau­en und Mäd­chen ins­ge­samt? Die zwei­te Zahl ist doch viel größer! …

Könn­te bit­te end­lich mal jemand das mit der „Gleich­be­rech­ti­gung der Frau“ ganz schnell wie­der vergessen?


(Apro­pos spiegel.de: In einer US-ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­ba­sis haben ein paar Sol­da­ten wild um sich geschos­sen. Hat eigent­lich schon jemand nach­ge­schaut, ob sie viel­leicht vor­her mit Com­pu­ter­spie­len geübt haben?)

PolitikNetzfundstückeKaufbefehle
Lese­tipp: Das bür­ger­li­che Mani­fest – Auf­ruf für eine Zeitenwende

Peter Slo­ter­di­jk, einer der weni­gen noch halb­wegs ernst zu neh­men­den zeit­ge­nös­si­schen Phi­lo­so­phen, äußert sich in der aktu­el­len Aus­ga­be des Polit­quatsch­blatts (© S. Gärt­ner) Cice­ro wie folgt:

Wir haben uns – unter dem Deck­man­tel der Rede­frei­heit und der unbe­hin­der­ten Mei­nungs­äu­ße­rung – in einem Sys­tem der Unter­wür­fig­keit, bes­ser gesagt: der orga­ni­sier­ten sprach­li­chen und gedank­li­chen Feig­heit ein­ge­rich­tet, das prak­tisch das gan­ze sozia­le Feld von oben bis unten paralysiert.

Nicht so ganz ver­stan­den hat das immer­hin rp online, wo man grund­sätz­lich alles auf Thi­lo Sar­ra­zin zurück­führt, der inhalt­lich sicher viel rich­ti­ges gesagt hat, aber nun auch so lang­sam nervt.

Nein, Slo­ter­di­jk setzt tie­fer an, direkt an der Wur­zel und somit, das wis­sen wir vom Zahn­arzt, dort, wo es weh tut. Dass man von der Norm abwei­chen­de Mei­nun­gen bes­ser nur ver­hal­ten äußern soll­te, ist nur ein Sym­ptom der Krank­heit, an der das Sys­tem Deutsch­land laboriert.

Die Deut­schen sind bin­nen eines hal­ben Jahr­hun­derts, das sie in Wohl­stand, Frie­den und Harm­lo­sig­keit ver­brach­ten, ein Savoir-viv­re-Kol­lek­tiv gewor­den, das sich so leicht von nie­man­dem um den Ver­stand brin­gen lässt.

Das Pro­blem der Poli­tik für die­ses Kol­lek­tiv ist, schreibt Slo­ter­di­jk, die Selbst­ver­ständ­lich­keit der Par­tei­en. Eine Par­tei, die ihrer Nach­fol­ge­rin in der Regie­rung nichts als Pro­ble­me hin­ter­lässt, kann sich sicher sein, dass die­se strau­cheln und erfolg­los blei­ben wird; erfolg­reich gezeigt an der SPD ab 1998, der die CDU einen Fli­cken­tep­pich hin­ter­las­sen hatte.

Den voll­stän­di­gen Elf­sei­ter (Wer­bung abge­zo­gen und teil­wei­se befüll­te Sei­ten groß­zü­gig auf­ge­run­det) gibt es in „Cice­ro“, Aus­ga­be Novem­ber 2009, zu lesen. Ver­dammt gut inves­tier­te sie­ben Euro.

(Den Rest kann man, wie üblich, ignorieren.)


Nach­trag:
Einen etwas ande­ren, auf die stän­di­gen Schreie nach „mehr Wachs­tum“ gerich­te­ten Blick auf die Phra­sen­dre­sche­rei hat Chris im Dok­tors­blog hin­ter­las­sen. Vor­sicht, Flüche!

MusikkritikSonstigesNetzfundstückeIn den NachrichtenKaufbefehle
Kurz und gut: Our Cea­sing Voice zum Zweiten

Und da wir gera­de alle so schön empört sind, kom­me ich zur all­ge­mei­nen Ent­span­nung noch­mals auf die Halb­jah­res­ana­ly­se 2009 zurück. Ich schrieb damals:

Nicht ganz eine hal­be Stun­de füllt das Quar­tett mit psy­che­de­li­schen Klang­flä­chen, die hier und da auch mal durch Gitar­ren­wän­de unter­bro­chen werden.

Inzwi­schen ist eine spe­cial edi­ti­on, also eine Son­der­auf­la­ge, des Ton­trä­gers erschie­nen, die wei­te­re vier Stü­cke, davon zwei alter­na­ti­ve Auf­nah­men bereits zuvor ent­hal­te­ner Stü­cke, drauf­legt, so dass es inzwi­schen zu fast einer Stun­de fort­ge­schrit­te­nen Musik­ge­nus­ses reicht.

Apro­pos Musik:
Kei­nes­falls ärger­lich sind die meis­ten Stu­di­en, die letz­tens über die Kauf­ge­wohn­hei­ten von Tausch­bör­sen­nut­zern ange­stellt wer­den, für jeden­falls mich.

Eine neue Stu­die bestä­tigt eine frü­he­re Unter­su­chung, wonach Nut­zer von File­sha­ring-Platt­for­men zwar durch­aus ille­gal Musik aus dem Netz laden, aber trotz­dem das meis­te Geld für lega­le Musik­ein­käu­fe ausgeben.

Eine wahr­lich gute Zeit für eMu­le-Freun­de – in Deutsch­land wer­den kaum noch Pro­zes­se gegen sei­ne Nut­zer geführt, da es sich ein­fach nicht lohnt, und der Indus­trie gehen die Argu­men­te aus, über­haupt noch etwas gegen sie unter­neh­men zu wollen.

Wer sei­ne eige­nen Kun­den kri­mi­na­li­siert, ver­schwin­det irgend­wann in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit. An die­ser Stel­le mein Dank an die Grün­der von Platt­for­men wie Jamen­do und MySpace, die zei­gen, dass es auch anders geht.

(Jetzt ist aber auch mal gut.)

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PersönlichesMusikNetzfundstücke
Mei­ne Spalte.

Die deutsch­spra­chi­ge Blogo­sphä­re, wie auch immer man sie defi­nie­ren mag, hat sich gera­de wie­der auf eini­ge leicht zu dif­fa­mie­ren­de Geg­ner ein­ge­schos­sen, nament­lich Frau Dr. Schweit­zer und diver­se Daten­schutz­ver­sa­ger, also bleibt mir mal wie­der nur übrig, zur eini­ger­ma­ßen abwechs­lungs­rei­chen Unter­hal­tung mei­ner geschätz­ten Leser­schar wie­der in den Abgrün­den des Inter­nets zu wüh­len. Eigent­lich woll­te ich mich hier über das zufäl­lig ent­deck­te Pro­gramm Mei­ne­Spal­te amü­sie­ren, aber gera­de noch recht­zei­tig fiel mir ein, dass dies wahr­lich unter dem Niveau wäre, das die Mehr­heit der­je­ni­gen, die hier ab und zu rein­schau­en, hof­fent­lich erwar­tet. Also ver­lin­ke ich statt­des­sen fröh­lich das hier wei­ter, das ich bei Frank fand und das dem­nächst hof­fent­lich in jedem halb­wegs guten Inter­net­ver­zeich­nis unter „Komik“, „Mini­ma­lis­mus“ und „sur­rea­le Absur­di­tä­ten“ zu fin­den sein möge, wo doch die Inter­net­ka­te­go­ri­sier­hei­nis gern mal wun­der­li­che Kate­go­rien (Schub­la­den) erfin­den und dann alles, was sich nicht weh­ren kann, so lan­ge in Wür­fel­form kne­ten, bis es hineinpasst.

Nicht alles ist so knet­bar wie abs­trak­te Gebil­de, man­ches ver­formt sich auch nicht, wenn man selbst Hand anlegt. Ist es ver­werf­lich, sich an eine Zeit der Zufrie­den­heit mit dem eige­nen Dasein und des see­li­schen Wohl­be­fin­dens (fast woll­te ich schrei­ben: des Glücks) auch nach Jah­ren noch zu erin­nern und jeden Moment, im dem die Schwin­gung ihrer Renais­sance zu spü­ren ist, mit allen Sin­nen fest­zu­hal­ten? Ist es falsch, eben die Renais­sance die­ser Zeit zu erstre­ben, jeden ihrer Fun­ken begie­rig zu ergrei­fen, auch auf die Gefahr hin, sich die Fin­ger zu ver­bren­nen? All dies geschrie­ben unter Zweifeln.

Zeit ist eine Kon­stan­te, die der Mensch sich erdacht hat, um sich selbst belü­gen zu können.

All the dreams that we were building
We never ful­fil­led them
Could be bet­ter, should be better
For les­sons in love


Aus aktu­el­lem Anlass möch­te ich übri­gens noch­mals dar­auf ver­wei­sen, dass in einer Woche das Kon­zert des Jah­res, wenn nicht sogar das Kon­zert der Deka­de für wenig Geld in der Kul­tur­fa­brik in Hil­des­heim statt­fin­det. Die Prot­ago­nis­ten mei­ner bevor­zug­ten Mai­ling­lis­te wür­den es fol­gen­der­ma­ßen tref­fend formulieren:
Erschei­nen Sie, sonst wei­nen Sie!

Sonstiges
Schreck­lich, mor­gen ist schon wie­der Halloween.

Heu­te wie­der nur ein Kur­zer wegen all­ge­mei­ner Müdig­keit des Schreibers:

Wie seit Wochen aus den Süß­wa­ren­ab­tei­lun­gen von Lebens­mit­tel­ge­schäf­ten ersicht­lich ist, ist mor­gen schon wie­der „Hal­lo­ween“, das Fest des Bösen, des­sen nega­ti­ve Kon­no­ta­ti­on noch dadurch ver­stärkt wird, dass es aus dem Hei­den­tum stammt.

Schlimm, wie? Nun, über Sil­ves­ter und Hei­lig­abend brei­ten wir also lie­ber den Man­tel des Schweigens.

;)

(Was genau es mit dem Glau­ben zu tun haben soll, sei­nen Nach­wuchs wild­frem­de Leu­te mit­tels „Süßes, sonst gibt’s Sau­res“ erpres­sen zu las­sen, mag mir auch noch nicht so recht ein­leuch­ten; aber ich wie­der­ho­le mich auch nur ungern.)

MusikKaufbefehle
40 Jah­re „In the Court of the Crims­on King“

Fast hät­te ich es ver­ges­sen zu erwähnen:

Am 10. Okto­ber 1969 erschien In The Court Of The Crims­on King – An Obser­va­ti­on By King Crims­on und nahm die Musik­welt der nächs­ten acht Jah­re voraus.

40 Jah­re fünf Lie­der, 40 Jah­re Tex­te wie die­ser von Lie­dern wie die­sem:

When every man is torn apart
With night­ma­res and with dreams
Will no one lay the lau­rel wreath
When silence drowns the screams

Con­fu­si­on will be my epitaph
As I crawl a cra­cked and bro­ken path
If we make it we can all sit back and laugh
But I fear tomor­row I’ll be crying

Zeit­los schön.

Persönliches
ÖPNV-Gesprä­che (und sie so: Arschloch)

Wenn mei­ne übli­cher­wei­se eher so maue Stim­mung zu kip­pen droht, schaue ich bis­wei­len dem Volk aufs Maul und fand bis­lang noch immer einen Grund zum Lächeln.

Und ich lächel­te heu­te nach lan­ger Zeit wie­der ein­mal aus­gie­big über die Jugend und ihren gran­dio­sen Dis­kus­si­ons­stil, und das gleich mehrfach:

Eini­ge Rei­hen hin­ter mir nah­men zwei offen­sicht­li­che Freun­din­nen, bei­de augen­schein­lich 15 oder 16 Jah­re alt, Platz, und eine von ihnen begann geräusch­voll zu schnat­tern. Dem Geschnat­ter konn­te ich, da es immer wie­der von gefühlt minu­ten­lan­gem „und ich so ey und er dann so ey nä und ich dann so was und er so na“-Scat unter­bro­chen wur­de, recht mühe­los fol­gen­de Situa­ti­on entnehmen:

Die der­ge­stalt schnat­tern­de jun­ge Per­son, der ich an die­ser Stel­le ein ein­drucks­vol­les Durch­hal­te­ver­mö­gen attes­tie­ren möch­te – ich habe nicht auf die Uhr gese­hen, aber ihr Mono­log dau­er­te ohne Unter­bre­chung von Ein­stieg bis Aus­stieg, wes­halb mir ihre offen­sicht­li­che Freun­din ob ihrer Geduld und ihrer Lei­dens­fä­hig­keit einen gewis­sen Respekt abnö­tigt, aber genug davon -, hat­te am oder zum Wochen­en­de aus irgend­wel­chen, hier nicht zur Dis­kus­si­on ste­hen­den Grün­den ihren Lebens­ab­schnitts­part­ner ent­part­nert und warf ihm nun in Abwe­sen­heit diver­ses vor.

So besaß er die Kühn­heit Frech­heit, nach der Tren­nung nicht mög­lichst lan­ge und qual­voll zu lei­den, son­dern war qua­si umge­hend wie­der von Inter­es­sen­tin­nen umge­ben. Er wei­ger­te sich außer­dem, auf die über diver­se Nach­rich­ten­pro­gram­me über­mit­tel­ten Beschimp­fun­gen sei­ner ehe­ma­li­gen Freun­din zu reagie­ren, so dass sie, wie sie mehr­fach beton­te, „stink­sauer“ war, „das Arsch­loch“ aus sämt­li­chen „Lis­ten“ ent­fern­te und, was sie eben­falls gegen Ende der Bus­fahrt mit stei­gen­der Häu­fig­keit erwähn­te, ihm bei einem even­tu­el­len künf­ti­gen Zusam­men­tref­fen „alle Zäh­ne raus[zu]hauen“ beab­sich­tig­te, „Alter“.

Dass sie selbst indes bereits wie­der von „süßen Jungs“ umschwärmt wur­de, was ihr nicht viel aus­mach­te, erwähn­te sie nur in einem Neben­satz; es war ihr wich­ti­ger, anzu­mer­ken, dass ihr Ver­flos­se­ner es wag­te, sich, nach­dem sie ihn ver­las­sen hat­te, nach Nach­fol­ge­rin­nen umzusehen.

Uralte bio­lo­gi­sche Riten machen sich bemerk­bar: Man will selbst nicht mehr mit dem Ball spie­len, aber man will um jeden Preis ver­hin­dern, dass ihn der­weil ein ande­rer benutzt, oder, wie es ein regel­mä­ßi­ger Leser mei­ner Tex­te bei Kon­fron­ta­ti­on mit obi­ger Geschich­te for­mu­lier­te, schön auf das But­ter­brot spu­cken, damit nie­mand anders es bekommt.

Ich neh­me in mei­nem nai­ven Glau­ben an den Sieg des Ver­stan­des an, dass es auch eine ande­re ratio­na­le Erklä­rung für die­ses Ver­hal­ten gibt, und es ist sehr wahr­schein­lich, dass sie mich nichts angeht, daher möch­te ich hier nun auch kei­ne wir­ren The­sen aufstellen.

Ledig­lich zwei rhe­to­ri­sche Fra­gen möch­te ich mir hier erlauben:
Wie, beim Bar­te des Pro­phe­ten, soll das einer ver­ste­hen? Und ist „beim Bar­te des Pro­phe­ten“ hier über­haupt der rich­ti­ge Terminus?

Wel­cher Pro­phet ist denn gemeint? Womög­lich ein bibli­scher? Woher ist der Zustand sei­ner Gesichts­be­haa­rung bekannt? Foto­gra­fie war damals, so weit die For­schung bis­lang her­aus­fand, noch nicht verbreitet.

Ihr merkt sicher, wenn ich druck­voll ver­su­che, vom Text abzu­wei­chen, daher keh­re ich nun flugs zu ihm zurück. Anfangs erwähn­te ich, ich hät­te mehr­fach gelä­chelt, aber ich unter­schlug im Fol­ge­text alle dem ers­ten fol­gen­den Läch­ler. Nun, um ehr­lich zu sein, waren es ins­ge­samt nur zwei, und der zwei­te erscheint mir in Rela­ti­on zum ers­ten eigent­lich fast schon albern und kin­disch, aber jetzt habe ich ja schon ange­fan­gen, also brin­ge ich es auch zu Ende:

Zwei ande­re Mäd­chen, von mir geschätzt auf ein Alter zwi­schen 12 und 14 Jah­ren, fuh­ren in dem glei­chen Ver­kehrs­mit­tel wie ich. Es sprach die älter aus­se­hen­de zu der jün­ger aus­se­hen­den über eine Klas­sen­ka­me­ra­din oder gemein­sa­me Freun­din wie folgt:

„Die war heu­te voll auf­ge­dreht, die hat zum ers­ten Mal einen geblasen.“

Natür­lich auch dies nicht geflüs­tert. Ich, der hin­ten saß, konn­te es in aus­rei­chen­der Laut­stär­ke von ihr, die ver­gleichs­wei­se weit vorn saß, ver­neh­men. Ich ließ mir aber nichts anmer­ken und grins­te still in mich hinein.

Um die pein­li­che Stil­le, die hier eigent­lich ange­bracht wäre, geschickt zu umge­hen, schlie­ße ich die­sen Ein­trag ent­ge­gen mei­ner Gewohn­heit nicht mit einem Ver­weis auf irgend­so­was komi­sches oder mit einer hier ein­ge­bun­de­nen Foto­gra­fie oder sons­ti­gen Gra­fik, son­dern ein­fach so. Und zwar jetzt.

In den NachrichtenWirtschaft
taz.de: „Schäub­le über­wacht nun Banken“

Ich weiß noch nicht, was ich an die­ser Schlag­zei­le für humo­rö­ser halte:

Die oben noch­mals zitier­te Über­schrift, wie Fefe vorschlägt?

Nein, viel­leicht doch eher den Arti­kel selbst:

… Ein Job, des­sen Inha­ber mit allen poli­ti­schen Was­sern gewa­schen sein muss, das Ohr der Kanz­le­rin braucht und zugleich über Glaub­wür­dig­keit in der Öffent­lich­keit verfügt.

Der Mann, auf den die­se Stel­len­be­schrei­bung aus Sicht von Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel passt, heißt Wolf­gang Schäub­le.

Passt, ja. Wie Faust aufs Auge, Arsch auf Eimer oder Ele­fant in Porzellanladen.

Ürks!

‘taz.de: „Schäub­le über­wacht nun Ban­ken“’ weiterlesen »

PersönlichesLyrik
Sie. (Frag­ment)

… Noch in sei­nem Ses­sel, er hat­te längst die Zeit aus den Augen ver­lo­ren, über­kam ihn ein selt­sa­mes Gefühl. Er blick­te an sich her­ab. Was war nur mit ihm passiert?
Er ließ die Zeit, seit sie fort war, Revue pas­sie­ren. Das war nun schon lan­ge her, und den­noch berühr­te es ihn noch immer sehr, wann immer er an sie dach­te; und er dach­te oft an sie.

Als sie noch bei ihm war, so sag­ten sei­ne Freun­de und sei­ne Fami­lie, schien er vol­ler Lebens­freu­de, mit sich und dem Leben im Rei­nen. Sei­ne Augen leuch­te­ten und sei­ne Wan­gen glüh­ten, wenn er von ihr sprach. Sie hat­te sein Leben berei­chert, war längst zu einem Teil von ihm gewor­den; nein, sie war sein Leben. Men­schen ver­än­dern sich, dach­te er, und das nicht immer nur zum Guten. Er hat­te es, wie so oft, gründ­lich ver­mas­selt, hat­te dadurch, dass er nur kei­ne Feh­ler machen woll­te, den größ­ten Feh­ler sei­nes bis­he­ri­gen und, so mein­te er, ver­mut­lich auch zukünf­ti­gen Lebens gemacht.

Hat­ten sie nicht die schöns­te Zeit ihres oder jeden­falls min­des­tens sei­nes Lebens gemein­sam ver­bracht? Und dach­te sie eigent­lich genau so? Er wuss­te es nicht, es war ihm in die­ser Minu­te auch völ­lig egal. „Ganz schön selbst­süch­tig“, dach­te er und ver­ach­te­te sich, wie so oft in den letz­ten Mona­ten, für sei­ne eige­nen unaus­ge­spro­che­nen Gedanken.

Nach­dem sie es been­det hat­te, war er nicht in Depres­si­on ver­fal­len – die hät­te er ver­mut­lich längst über­wun­den -, son­dern in Apa­thie. Sei­ne Zukunfts­plä­ne lagen in Scher­ben, das Leuch­ten war ver­schwun­den. Es blieb eine Lee­re, die er, wenn er die Augen schloss, wie ein gro­ßes schwar­zes Loch vor sich sah.

Im Radio lief „Was zählt“ der Toten Hosen. Er sang lei­se mit:

„Für mich ist ges­tern wert­los und mor­gen ganz egal, so lan­ge du mir ver­sprichst, dass du mich hal­ten kannst…“

Über all die Mona­te, bald Jah­re hat­te er jeg­li­ches Inter­es­se dar­an, sei­ne Ver­gan­gen­heit end­lich ruhen zu las­sen, abge­legt. Nie­mand anders, des­sen war er sich sicher, hat­te ihm je die­ses Gefühl gege­ben, und er konn­te sich nicht vor­stel­len, dass eine ande­re es ihm jemals geben könnte.

Er war damals – frü­her – sicher nie ein Kost­ver­äch­ter gewe­sen, aber er wuss­te: Wenn er jemals wie­der glück­lich wer­den woll­te, brauch­te er sie dafür. Natür­lich gab es ande­re Frau­en in sei­nem Freun­des- und Bekann­ten­kreis, und natür­lich hät­te er, und sei es aus Trotz, ver­su­chen kön­nen, sei­ne Geschich­te in ihren Armen zu ver­ges­sen. Allein: Er wuss­te eben­so wie sie, dass dies unmög­lich funk­tio­nie­ren konn­te. Er wür­de ihnen – und sich – das Herz bre­chen. In sei­nen Träu­men sah er sie. In sei­nen Träu­men war er glück­lich, sei­ne Augen leuch­te­ten und sei­ne Wan­gen glüh­ten. Nein, so konn­te das nicht funktionieren.

Viel­leicht hat­te er nur noch eine Chan­ce, viel­leicht kei­ne mehr; auf jeden Fall muss­te er es ver­su­chen. Er muss­te sei­nen Mut zusam­men­neh­men, er muss­te sie zurück­ge­win­nen. Was soll­te ihm pas­sie­ren? Er hat­te nichts zu ver­lie­ren, er konn­te nur gewin­nen. Den Haupt­ge­winn. Sie.

Zufrie­den lächelnd im Gedan­ken an das Glück griff er zag­haft nach der Bier­fla­sche, die halb geleert neben ihm stand.
Eine ver­trau­te Stim­me in sei­ner Erin­ne­rung flüs­ter­te lei­se: „Ich lie­be dich.“ …

(Stim­mung heu­te: Schwüls­tig.)

PolitikNetzfundstücke
Jubi­lä­um: 30 Jah­re paranoid

Vor unge­fähr 30 Jah­ren urteil­te die dama­li­ge Regie­rung über das sich ankün­di­gen­de RTL-Fern­se­hen in Deutsch­land folgendermaßen:

„Ich kann mir nichts Gefähr­li­che­res für die Fami­lie vor­stel­len.“ Zu vie­le Kri­mis, Quiz und Shows mach­ten die Men­schen „muf­fig und sprachlos“.

Der Unter­gang nicht nur mensch­li­chen Mit­ein­an­ders, son­dern auch öffent­lich-recht­li­cher Fern­seh­sen­der und wer­be­fi­nan­zier­ter Nach­rich­ten­ma­ga­zi­ne wur­de vor­her­ge­sagt, und man hat­te schon einen Plan in pet­to, um der unlieb­sa­men neu­en Medi­en­welt Ein­halt zu gebieten:

Jus­tiz­mi­nis­ter Vogel hat eine mög­li­che Ver­fas­sungs­än­de­rung schon vor­be­dacht. Sei­ner Ansicht nach ist die nach Arti­kel 5 des Grund­ge­set­zes garan­tier­te Infor­ma­ti­ons­frei­heit „ein­ge­schränkt“ durch den Arti­kel 6, der die Fami­lie schützt. Vogel: „Wir kön­nen doch nicht zulas­sen, daß durch Infor­ma­ti­ons­über­flu­tung die Pri­vat­heit der Fami­lie zer­stört wird.“

(Voll­stän­di­ger Text: SPIEGEL 40/1979, 1. Okto­ber 1979.)

Wer­be­fi­nan­zier­tes Pri­vat­fern­se­hen war Ende der 70-er Jah­re also so unge­fähr das, was heu­te das Inter­net ist; min­des­tens der Unter­gang der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on und die Ursa­che für die geis­ti­ge Abstump­fung und den mora­li­schen Wer­te­ver­fall gan­zer Gene­ra­tio­nen, dem und der man mit allen Mit­teln einen Rie­gel vor­zu­schie­ben hat­te. (Die nahe lie­gen­de Fra­ge, ob das Bei­spiel RTL für eine zyni­sche Betrach­tung die­ses The­mas all­zu geeig­net ist, möch­te ich an die­ser Stel­le nicht berücksichtigen.)

Hat eigent­lich dar­über schon jemand eine aus­führ­li­che Abschluss­ar­beit ver­fasst? Sonst mer­ke ich mir das The­ma schon mal für später…

In den Nachrichten
Schär­fer als die Realität

Ich rol­le mich inner­lich lachend auf dem Par­kett her­um, wenn ich fol­gen­de Mel­dung lese:

Weil ein Ober­stabs­feld­we­bel bei der Prä­sen­ta­ti­on eines pro­fes­sio­nel­len Schieß­si­mu­la­tors ins Schwär­men geriet und das Sys­tem laut einer Zei­tung „bes­ser als jede Play­sta­ti­on“ fand, hagelt es nun Kri­tik von Eltern­ver­bän­den und Landespolitikern.

(…)

Nach Anga­ben der Zei­tung trai­nie­ren Sol­da­ten in dem com­pu­ter­ani­mier­ten Kino mit Elek­tro­waf­fen für den Ein­satz in Afgha­ni­stan. Die Eltern kri­ti­sie­ren laut dem Bericht, dass sie ver­such­ten, ihre Kin­der von Bal­ler­spie­len fern­zu­hal­ten, und dann pas­sie­re in der Kaser­ne so etwas.

Ich fas­se das mal zusammen:

  • Eine Schul­klas­se besucht eine Kaserne.
  • In die­ser Kaser­ne befin­den sich Soldaten.
  • Die­se Sol­da­ten wer­den dazu aus­ge­bil­det, im Zwei­fels­fall gezielt Men­schen zu ermor­den, gern auch meh­re­re auf einmal.
  • Die Eltern hal­ten es für unver­ant­wort­lich, wenn ihre Kin­der in die­ser doch eigent­lich so harm­lo­sen und lehr­rei­chen Umge­bung mit Schieß­si­mu­la­to­ren kon­fron­tiert werden.

Kicher aber auch:

„Ich hal­te es für päd­ago­gisch nicht ver­tret­bar, wenn Her­an­wach­sen­den ein sol­cher Schieß­si­mu­la­tor vor­ge­führt wird“, sag­te (…) Ekke­hard Klug.

Da wol­len die Päd­ago­gen nur das Bes­te für ihre Schütz­lin­ge, und dann wer­den sie in einer Kaser­ne unver­hofft mit Gewalt und Schie­ße­rei­en kon­fron­tiert. Frech­heit, das.

NetzfundstückeIn den Nachrichten
Daten­leck im Hirn

Facebook? Facepalm.Da schau her: Gold­man Sachs macht wie­der rekord­ver­däch­ti­ge Umsät­ze. Es reicht ja, wenn die Wirt­schafts­kri­se den Steu­er­zah­ler beutelt.

Gran­di­os unter­ge­gan­gen ist übri­gens auch das Akti­ons­bünd­nis Win­nen­den, das sich der Ein­fach­heit hal­ber auch nicht zu der Fra­ge durch­rin­gen kann, wie­so Amok­läu­fe fast immer aus­ge­rech­net in Schu­len statt­fin­den, son­dern lie­ber für viel Geld dazu auf­ru­fen, Spie­le-CDs zu entsorgen.

Medi­en­prä­sen­ter aller­dings ist der­zeit das mit der Sicher­heit die­ser omi­nö­sen „Web‑2.0″-Anwen­dun­gen. Damit mei­ne ich nicht mal unbe­dingt den unge­fähr sie­ben­und­dr­ölf­zigs­ten Ver­such unin­for­mier­ter Medi­en, das blo­ße Aus­le­sen von Schü­lerVZ-Daten für einen fie­sen Hack zu hal­ten, son­dern die Tat­sa­che, dass unab­hän­gig vom ver­wen­de­ten Por­tal mit der Nut­zung auch die Sicher­heits­pro­ble­me stei­gen.

War­um eigent­lich sind immer noch Men­schen, die schon län­ger als eine Woche im Inter­net aktiv sind, der Mei­nung, sie sei­en aus­ge­rech­net auf Inter­net­sei­ten, auf denen sie teil­wei­se ihr gan­zes Leben zur Schau stel­len, vor unan­ge­neh­men Über­ra­schun­gen sicher?

Für die Ant­wort auf drin­gen­de Fra­gen wie „Wel­che Simpson-Figur bist du?“ bit­ten sie den Anwen­der zunächst um Zugang zu sei­nem [Benut­zer-]Kon­to. Gestat­tet er das, haben sie Zugriff auf alle Res­sour­cen des Anwenders.

Ich bin immer wie­der beein­druckt von Leu­ten, die für sol­cher­lei tri­via­le Zwe­cke jeg­li­chen Ver­stand über Bord wer­fen. Über den prak­ti­schen Nut­zen von zumeist kom­mer­zi­ell ori­en­tier­ten (auch Wer­bung bringt Ein­nah­men, lie­be Leser) und für die zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on alle­samt immens wich­ti­gen Sei­ten wie Face­book oder Wer-kennt-Wen möch­te ich mich auch an die­ser Stel­le gar nicht aus­las­sen, den kann sich ver­mut­lich jeder, der aus­rei­chend Chuz­pe Auf­nah­me­fä­hig­keit vor­zu­wei­sen hat, hier ab und zu vor­bei­zu­schau­en, selbst gut aus­ma­len (so mit Bunt­stif­ten und allem, was man sonst so braucht), aber mal ganz unter uns, lie­be Gene­ra­ti­on Internet:

War­um tut ihr das?

Sicher bleibt es jedem selbst über­las­sen, wie viel er von sich preis­ge­ben möch­te. Nie­mand kann euch dar­an hin­dern, die Nackt­tanz­bil­der von der letz­ten Sauf­par­ty auf irgend­ei­ne Sei­te zu kleis­tern. Damit tut ihr bes­ten­falls euch selbst kei­nen Gefal­len, aber scha­det sonst nie­man­dem damit. Aber gewöhnt euch bes­ser ab, Ein­ga­be­fel­der immer als Auf­for­de­rung zum Ein­ge­ben pri­va­ter Daten miss­zu­ver­ste­hen. Der Com­pu­ter denkt nicht für euch.

Ich wünsch­te, die­ser Satz stün­de rot, fett und lus­tig blin­kend ganz oben und (zur Sicher­heit) ganz unten auf jedem Bild­schirm die­ser Welt, sobald er eine die­ser Sei­ten anzei­gen muss.

Unver­mu­tet auf­tau­chen­de Ein­ga­be­fel­der soll­ten sel­ten dazu genutzt wer­den, irgend­wel­che Pass­wör­ter ein­zu­tip­pen, schon gar nicht die eige­nen. Aber ich habe die unan­ge­neh­me Vor­ah­nung, dass die „Betrof­fe­nen“ nichts aus ihren Feh­lern ler­nen wer­den. Sie wer­den auch wei­ter­hin ihre Frei­zeit damit ver­brin­gen, drin­gen­den Fra­gen nach­zu­ge­hen, deren Beant­wor­tung frü­her ein­mal die Auf­ga­be von Zeit­schrif­ten wie der Micky Maus war, sie wer­den sich auch wei­ter­hin von lang­wei­li­gen Spie­ßern nicht vor­schrei­ben las­sen, wie sie ihr gei­les und bun­tes Inter­net gefäl­ligst zu bedie­nen haben, sie wer­den auch wei­ter­hin hier kli­cken, wenn hier steht „hier kli­cken“, und sie wer­den auch wei­ter­hin ihre Pro­fi­le auf irgend­wel­chen deklas­sier­ten „Freun­de dich mit Leu­ten an, denen du drau­ßen an der fri­schen Luft am liebs­ten einen Tritt in den Hin­tern geben würdest“-Portalen mit Dut­zend­sprü­chen, schlech­ter Musik, unlus­ti­gen Gra­fi­ken und den Fotos von der letz­ten Sauf­fei­er beschmie­ren. Immer­hin steht groß dran: „Nur für Freun­de sichtbar“.

Nicht wahr?

KaufbefehleMusikkritik
Ramm­stein – Lie­be ist für alle da

Flei­ßi­ge Leser die­ser flau­schi­gen Inter­net­prä­senz haben sicher in eini­gen mei­ner Bei­trä­ge schon eine Affi­ni­tät zu melo­di­scher Fri­ckel­mu­sik erken­nen kön­nen. Ich hof­fe, all jene, die sol­cher­lei erkannt haben, ver­fü­gen über star­ke Ner­ven oder sit­zen gera­de auf einem vor ver­se­hent­li­chem Her­un­ter­fal­len geschütz­ten Möbel­stück, denn ich muss nach eini­gen Stun­den inten­si­ven Hörens ein womög­lich über­ra­schen­des Geständ­nis machen:

Das neue Album von Ramm­stein ist klasse.

Man kann von den Bra­chi­al­ro­ckern hal­ten, was man will, man kann sie auch auf­grund ihrer ost­deut­schen Her­kunft in einem Atem­zug mit Tokio Hotel nen­nen, wie es der frü­her eigent­lich mal ganz okaye Musik­ex­press in der aktu­el­len Aus­ga­be tut und sich damit jeg­li­che Sym­pa­thien bei mir ver­spielt hat, aber man kommt nur schwer­lich an ihnen vorbei.

Nach den bei­den schwa­chen Alben „Rei­se, Rei­se“ und „Rosen­rot“, erschie­nen in den Jah­ren 2004 und 2005, hör­te man nicht mehr viel von dem Sex­tett. Zwi­schen­drin erschien mit „Völ­ker­ball“ ein Live­al­bum, das aber nicht beson­ders viel Auf­se­hen erreg­te. Ich habe es anfangs nicht ein­mal bemerkt.

Erst im Som­mer 2009 war die Band wie­der in den Schlag­zei­len, aller­dings mit einer Schlag­zei­le, die nicht unbe­dingt für all­ge­mei­ne Freu­de gesorgt hat: Nach­dem Aus­schnit­te aus dem Album „Lie­be ist für alle da“, um das es hier geht, ihren Weg ins Inter­net „gefun­den“ hat­ten, gab es Abmah­nun­gen in nicht gerin­ger Zahl sowie eine min­des­tens eben­so gro­ße Zahl an davon beein­fluss­ten Schmäh­kri­ti­ken in deutsch­spra­chi­gen Web­logs zu lesen. Ich habe mich da mal vor­nehm zurück­ge­hal­ten; Aus­schnit­te aus urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Wer­ken und Hin­wei­se hier­zu unge­fragt auf irgend­wel­chen Nach­rich­ten­sei­ten zu ver­öf­fent­li­chen ist nichts, was man als Künst­ler igno­rie­ren müss­te, Bür­ger­rech­te hin oder her. Wer immer für die­se Abmahn­wel­le ver­ant­wort­lich war: Es war sein gutes Recht. Kor­rek­tur: Es war zumin­dest aber nicht nett. (Dan­ke an Peter für den Hin­weis. Manch­mal schrei­be ich mich ver­se­hent­lich in Rage und ver­ges­se dabei eini­ge nicht ganz unwich­ti­ge Details.)

Nach­dem also jeden­falls die Pro­phe­ten des Unter­gangs des Abend­lan­des all­mäh­lich ver­stummt waren, rück­te man end­lich mit der Spra­che raus und mach­te wie­der das, was man in den weich­ge­spül­ten Vor­gän­ger­al­ben vor Ein­gän­gig­keit ganz über­se­hen hat­te; Man brach Tabus.
Die Sexua­li­sie­rung in der Musik ist nun kein unbe­dingt neu­es The­ma mehr, ein Musik­vi­deo als Por­no­film zu dre­hen nur kon­se­quent. Den­noch wur­de die­ser Schritt natür­lich all­ge­mein als Tabu­bruch bezeich­net, ohne dass irgend­je­mand mal dazu geschrie­ben hät­te, wel­ches noch bestehen­de gesell­schaft­li­che Tabu denn mit­tels die­ses Vide­os nun gebro­chen sei. Die Dar­stel­lung sexu­el­ler Akti­vi­tä­ten im Inter­net ist jeden­falls sicher nicht gemeint, und im Fern­se­hen läuft, so weit mir bekannt ist, aus­schließ­lich eine zen­sier­te Fassung.

Das ehe­ma­li­ge Nach­rich­ten­ma­ga­zin Der Spie­gel hat das mit der Iro­nie noch immer nicht so ganz ver­stan­den und zitiert Paul Land­ers infor­ma­tiv, aber auch suggestiv:

Gitar­rist Paul Land­ers behaup­tet, die Pro­vo­ka­ti­on sei kei­ne bewuss­te Stra­te­gie. „Wir sit­zen doch nicht am Schreib­tisch und fra­gen uns: Wo könn­ten wir noch pro­vo­zie­ren?“, sagt er, wäh­rend sei­ne Nie­ten und Ket­ten klap­pern, „so komisch es klingt: Die Pro­vo­ka­ti­on fin­det uns“.

Die Her­vor­he­bun­gen sind, wie meist, von mir.

Sicher kann man Ramm­stein der­ge­stalt als fort­wäh­rend irgend­wel­che „Tabus“ bre­chen­de Böse­wich­te dar­stel­len, und sie sind auch nicht ganz unschul­dig dar­an. Dies jedoch möch­te ich von nun an wie­der den eta­blier­ten Klatsch­me­di­en über­las­sen und lie­ber wie­der zum The­ma zurückkommen:

Das neue Album von Ramm­stein ist klasse.

Bereits das ers­te Stück, „Ramm­lied“, zeigt, dass „Lie­be ist für alle da“ wie­der den Stil der ers­ten Alben „Her­ze­leid“ und „Sehn­sucht“ auf­greift. Melo­di­sche, bal­la­des­ke Selt­sam­kei­ten, wie sie auf den bei­den Vor­gän­ger­al­ben vor­herrsch­ten, sind hier nur noch ein­ge­schränkt zu fin­den. Statt­des­sen beginnt das Album mit – ich schreib’s noch mal – dem „Ramm­lied“, das an das Lied „Ramm­stein“ vom Album „Her­ze­leid“ anknüpft, mich text­lich bei jedem Hören an „Super Drei von den Ärz­ten erin­nert und zu dem man ordent­lich auf die sprich­wört­li­che Kacke hau­en kann. Auf die­sem Niveau geht es erfreu­li­cher­wei­se auch wei­ter, Aus­fäl­le gibt es nicht. Mit „Früh­ling in Paris“ ist auch mal wie­der eine Bal­la­de im Stil des furcht­bar ein­gän­gi­gen „Ohne dich“ dabei, die aber den guten Ein­druck auch nicht mehr rui­nie­ren kann.

„Lie­be ist für alle da“ ist ein durch­aus mit Bedacht gewähl­ter Titel für das Album; mit Aus­nah­me des Ramm­lieds han­deln tat­säch­lich alle Titel von Lie­be in see­li­scher oder rein kör­per­li­cher Form – natür­lich, in Ramm­stein-Manier, mit sado­ma­so­chis­ti­schen Zügen inklu­si­ve einer Schil­de­rung des Inzest­falls von Amstet­ten, all dies unter­malt von Musik der här­te­ren Gang­art, wie sie zuletzt auf „Her­ze­leid“ und „Sehn­sucht“ so aus­ufernd zu hören war. Dazu schreit und singt Till Lin­de­mann, der sei­ne Stim­me um gleich meh­re­re Nuan­cen erwei­tert zu haben scheint, mit einer Kraft, dass es eine wah­re Freu­de ist. Schön, dass sie wie­der zu ihrer alten Form gefun­den haben. Jetzt bit­te so bleiben!

Schrieb ich schon, dass das Album klas­se ist?

Nach­trag vom 6. Novem­ber: Angeb­lich ist das Album nun indi­ziert. Ein wei­te­rer Kauf­an­reiz für das jün­ge­re Publi­kum, wie ich annehme.