Das ist ja furchtbar:
Die US-Ratingagentur Standard & Poor’s droht nun mit einer Herabstufung des Euro-Rettungsschirms EFSF um zwei Stufen von “AAA” auf “AA”. Zuvor hat man Deutschland und 14 weitere Euro-Staaten gewarnt.
Oi-oi-oi, das ist wirklich schlimm: US-amerikanische Ratingagenturen verbringen die letzten paar Monate anscheinend damit, Schulnoten für europäische Länder und sonstige Institutionen zu vergeben, die eine ungefähre Aussage darüber darstellen sollen, ob das Bewertete nun liquide ist oder nicht. Dass Griechenland aufgrund seiner enormen Kaufkraft gerade nicht gerade ein Fass aufmachen kann, hätten wir ohne solche Agenturen sicherlich nie verstanden, denn das andauernde Herumhacken der “BILD” auf den “Pleite-Griechen” wäre ohne die Herabstufung durch die Agentur Moody’s wahrscheinlich niemandem überhaupt aufgefallen.
Eine andere Lesart lautet so: Da sitzen also ein paar überbezahlte Quarknasen in großen, vollverglasten Büros in irgendeiner teuren Gegend der seit dem Kalten Krieg quasi exponenziell weniger finanzstarken USA herum, tippen die üblichen Berichte der Finanzministerien in ihren Computer ein und bewerten das Gelesene von “supigut” bis “kannste abhaken”. Das kann ich auch, aber ich würde nicht dafür bezahlt.
Dass da schon mal Fehler passieren, etwa die versehentliche Herabstufung der Bonität Frankreichs, ist nicht etwa ein Anlass, keinen Pfifferling mehr auf die Bewertungen jener Quarknasen zu geben, sondern ein “schwerwiegender Vorfall”, der umfangreiche Ermittlungen und viel Verzweiflung nach sich zieht. Wenn man eben sonst keine Sorgen hat.
Überhaupt bin ich willens, die Relevanz der Ratingagenturen mit dem ebenfalls ziemlich blödsinnigen “ifo-Geschäftsklimaindex” zu vergleichen: Jeden Monat fragt das ifo-Institut Unternehmen nach ihren Erwartungen für kommende Geschäfte und tippt das in Computer ein, die das dann in Zahlen umwandeln, die aus irgendeinem Grund anscheinend irgendjemanden interessieren. Nun bin ich in Sachen Finanzwirtschaft ungefähr so beflissen wie Helmut Schmidt im Nichtraucherschutz und könnte mich also gewaltig irren, aber wenn ich jetzt zum Beispiel bei Volkswagen anrufe und frage, ob man bis Ende des Jahres eher mit Gewinn oder mit Verlust rechnet, dann ist die eventuelle Antwort genau so aussagekräftig wie der Wetterbericht: Kann stimmen, muss aber nicht.
Es muss kein Zufall sein, dass die Ratingagenturen aus den USA jetzt gerade den Euro auf dem Kieker haben, behauptet Dr. Paul Craig Roberts:
Aus seiner Sicht handelte es sich um eine fein abgestimmte Aktion seitens des US-Finanzministeriums, der Europäischen Zentralbank (EZB), EU-Behörden und der privaten Banken, die faule Staatsschulden in ihren Büchern führen. Sie wollen Deutschland in die Knie zwingen und dazu bringen, den Widerstand gegen das Anwerfen der Geld-Druckmaschine seitens der EZB aufzugeben. Damit soll das Übergreifen der europäischen Staatsschuldenkrise auf die USA verhindert werden, was ansonsten wohl die Chancen von Präsident Barack Obama auf Wiederwahl bei den Wahlen im nächsten Jahr vermindern würde.
In den USA hat man ja auch derzeit keinen Grund zur Sorge, alles läuft bestens, die Bankiers bekommen wieder großzügige Bonuszahlungen für ihr “Engagement” und auch sonst hat man keine große Lust darauf, sich von so etwas wie einer Finanzkrise, an der man, wie schon 1929, nicht ganz unschuldig war, irgendwie beeinflussen zu lassen:
Amerikanische Investoren zeigen sich unbeeindruckt von der Drohung der Ratingagentur Standard and Poor’s (S&P), Länder der Euro-Zone herabzustufen.
“Die USA werden wohl kaum vorerst größer auf die Drohung der US-Ratingagentur reagieren,” sagte Händler Markus Huber von ETX Capital der FTD. “Die Amerikaner konzentrieren sich derzeit auf das Weihnachtsgeschäft. Der Wirtschaft geht es besser als erwartet.”
Käpt’n Offensichtlich ist anscheinend aus dem Urlaub zurück.
Putzig finde ich übrigens den Hinweis, man habe Euro-Staaten zuvor vor der Herabstufung “gewarnt”. Wäre ich ein Euro-Staat, ich krümmte mich angesichts der Aussicht darauf, mein “supigut” von irgendeiner Horde Privatleute ohne besondere Privilegien in ein “fast supigut” umgewandelt zu bekommen, vermutlich vor Lachen am Boden, aber ich bin kein Euro-Staat. Die Euro-Staaten, die Euro-Staaten sind, krümmen sich aber nicht vor Lachen am Boden, sondern laufen wie aufgeschreckte Hühner durch die Gegend und finden es nicht etwa voll dolle schlimm, dass ihre finanzielle Lage nicht rosig ist, sondern, dass eine fiese, gemeine Ratingagentur dafür auch noch eine schlechte Note vergibt.
Ein Gutes haben diese Agenturen jedenfalls an sich: Je mehr sie mit ihrem Quatsch beschäftigt sind, desto weniger Leute, die dort angestellt sind, sitzen arbeitslos auf der Straße herum und saufen sich ins Koma. Dafür kann man sie gar nicht genug loben.
(Danke an L.!)