In den NachrichtenMusik
Rus­si­sche Regie­rung will „Emo” und Gothic verbieten

Ker­rang! mel­de­te bereits in der vori­gen Woche:

The Rus­si­an government is in the pro­cess of draf­ting a law to make emo and goth music illegal.

Begrün­det wird dies mit der sui­zi­da­len Nei­gung, die durch die­se Gen­res ver­mit­telt wird.
Emo Kids - Oh god, why?
Ich per­sön­lich füge dem noch hin­zu, dass ich auch die Vor­bild­funk­ti­on von Jugend­ido­len, denen aus jeder Faser ihres Daseins der Wunsch strömt (kön­nen Wün­sche strö­men?), ihrem unge­lieb­ten Leben eigen­mäch­tig und mög­lichst öffent­lich­keits­wirk­sam ein Ende zu set­zen, in Fra­ge stelle.

Dass die so genann­te „Emo-Kul­tur” rei­hen­wei­se Men­schen bei­der­lei Geschlechts her­vor­bringt, die sich alle­samt klei­den und schmin­ken, als wären sie ihre eige­ne Schwe­ster in der Früh­pha­se der Puber­tät (Mar­ken­zei­chen: Fet­ti­ge Haa­re, Kir­schen und Karos), und sich, der­ma­ßen ver­un­stal­tet, als wer­weiß­wie indi­vi­du­ell bezeich­nen, unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass sie sich bis ins Detail zumin­dest sehr ähneln – geschenkt, das brin­gen die mei­sten Jugend­kul­tu­ren so mit sich.

Es kann natür­lich durch­aus sein, dass für die nega­ti­ve Ent­wick­lung der Betrof­fe­nen auch äußer­li­che Fak­to­ren eine Rol­le spie­len, dass die Sehn­sucht danach, sich Leid zuzu­fü­gen, also durch schu­li­sche oder pri­va­te Miss­erfol­ge genährt wird, so wie es eben auch bspw. sein kann, dass die mus­li­mi­sche Reli­gi­on an sich nicht dafür ver­ant­wort­lich zu machen ist, dass Atten­ta­te sei­tens ihrer Glau­ben­den sich in den letz­ten Jah­ren nahe­zu expo­nen­zi­ell auch in Deutsch­land ver­meh­ren; aber einen gewis­sen Anteil an den hohen Selbst­mord­ra­ten (ihr wisst schon, it‚s down the road, not across the street) kann man die­ser so genann­ten Jugend­kul­tur nur schwer­lich abspre­chen, schei­nen doch die Besit­zer so man­cher Pro­fil­sei­ten in ein­schlä­gi­gen „dunk­len Por­ta­len” wie bspw. Schwar­zes Glück oder ver­gleich­ba­ren Sei­ten selbst nicht unbe­dingt sicher, ob sie jeman­den für das ewi­ge Leben oder den sofor­ti­gen Tod herbeisehnen.

Und ich begin­ne zu ver­ste­hen, wie­so die Neue Deut­sche Wel­le gar nicht mal so übel war.

In den NachrichtenPolitik
Oba­ma II (Sol­da­ten und Republikaner)

End­lich dreht sich die Spi­ra­le der Poli­tik wie­der in einer kom­men­tar­wür­di­gen Geschwindigkeit:
Wäh­rend in Ita­li­en der Not­stand aus­ge­ru­fen wur­de, um des Immi­gran­ten­pro­blems – wie­so kommt in Deutsch­land eigent­lich nie­mand auf sol­che Ideen? – Herr zu wer­den, bekommt America‚s next Top Pre­si­dent Oba­ma Schel­te von sei­nem Kon­kur­ren­ten McCain:

Noch bevor Oba­ma in der Nacht zum Sonn­tag in Chi­ca­go lan­de­te, pran­ger­te sein repu­bli­ka­ni­scher Riva­le John McCain einen feh­len­den Besuch des Sena­tors bei ver­wun­de­ten US-Sol­da­ten in Deutsch­land an. Poli­ti­ker hier­zu­lan­de kri­ti­sier­ten Oba­mas Vor­schlag, durch mehr Nato-Trup­pen in Afgha­ni­stan Steu­er­sen­kun­gen in den USA zu finanzieren.

(Quel­le)
Das ist aber auch nicht nett. Gegen mör­de­ri­sche Ter­ror­re­gimes, die die Todes­stra­fe gar befür­wor­ten, muss man doch mit allen Mit­teln vor­ge­hen! Wen küm­mert da ein wenig Kol­la­te­ral­scha­den? Herrje.

Was mich per­sön­lich aber ver­wun­dert, ist die Kri­tik deut­scher Poli­ti­ker an den Vor­schlä­gen eines ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten. Gera­de das Ent­sen­den wei­te­rer Trup­pen mit dem ein­zi­gen Ziel, der USA mög­lichst viel öko­no­mi­schen Scha­den zu erspa­ren, war doch bis­lang offen­bar stets im Inter­es­se unse­rer Regierung.
Soll­te sie am Ende aus der immer lau­ter wer­den­den Kri­tik des Vol­kes gelernt haben? Soll­te sie am Ende bemerkt haben, dass es in unse­rem Land wirt­schaft­lich auch nicht gera­de per­fekt steht (apro­pos „per­fekt”)?

Wün­schens­wert wäre es ja.
Aber ich fürch­te, ein aut­ar­kes, fried­lie­ben­des Deutsch­land mit sta­bi­ler Wirt­schafts­la­ge wer­de ich nicht mehr erleben.

Nach­trag vom 29. Juli:
Wie durch Oba­mas Anwe­sen­heit ver­se­hent­lich der vor­läu­fi­ge Tief­punkt der Live-Über­tra­gun­gen erreicht wur­de, erfährt man immer­hin bei der FAZ, ent­spre­chend grau­si­ge Bil­der zum Text stellt der Medi­en­pi­rat zur Verfügung.

In den NachrichtenNetzfundstückePersönliches
Gina-Lisa und die Erotikfilmerei

Nach­dem ich mehr­fach dar­auf ange­spro­chen wur­de, dass von einer der zahl­lo­sen Hob­by­hun­ger­ha­ken aus­’m Fern­se­hen eine Video­auf­zeich­nung exi­stiert, an der vor allem die Beklei­dung des Dreh­part­ners von für das Bou­le­vard erstaun­li­cher Wich­tig­keit zu sein scheint, sehe ich mich nahe­zu dazu genö­tigt, mei­ne Mei­nung zu die­sem Film­chen, das ich mir aus ästhe­ti­schen Grün­den nur aus­zugs­wei­se anschau­te, schrift­lich zu fixieren:

Die Haupt­dar­stel­le­rin trifft mei­nen Geschmack nicht im Ansatz, und von einem auf­re­gen­den Akt kann auch nicht die Rede sein. Man ist fast ver­sucht, sich an „1 Night in Paris” zu erin­nern; dann lässt man es aber doch lie­ber. Schön ist das nicht.

Das ein­zig Inter­es­san­te an dem Film ist dann, abge­se­hen von den Socken des Dreh­part­ners, wohl tat­säch­lich der Name der Dar­stel­le­rin. Aber für den kann die Dame ja nichts. Ohne sie jedoch wür­de das Mach­werk – zu Recht – in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit ver­schwin­den, ohne in diver­sen Online­me­di­en wie dem, das Sie soeben kon­su­mie­ren, ver­ris­sen zu werden.

Und über­haupt, apro­pos Bedeu­tungs­lo­sig­keit: Wer kennt die­se Frau in einem Jahr noch?
Ein wei­te­res Stern­chen, das sei­ne 15 minu­tes of fame mit dem Abdre­hen öder Eigen­wer­be­spots vertut.

Aber immer­hin singt sie nicht.


In eige­ner Sache:
War­ten auf das Come­back. Es gibt nichts zu ver­lie­ren, man kann nur gewin­nen. Wie sonst sel­ten im Leben.
I love you some­ti­mes, always never. Muss was dran sein.

Sonstiges
Medi­en­kri­tik V: Scha­de, nichts gelernt.

Der­zeit auf MTV:

In die­sem MTV Masters gibt’s die größ­ten Momen­te aus dem Musik-Biz. Unter ande­rem mit dabei: Der Brit­ney-Madon­na-Kuss, Janet Jack­sons Nipple­ga­te und Kurt Cobains Selbstmord.

Also die unge­zähl­te Wie­der­ho­lung einer Sen­dung, in der Leu­te, die den Namen Nir­va­na schon mal irgend­wo gehört haben, bekannt­ge­ben, dass sie den Namen Nir­va­na schon mal irgend­wo gehört haben.

Und jetzt, lie­be Leser, gilt es, sich zu infor­mie­ren über des Herrn Cobain Sui­zid­an­lass. Für die Lese­fau­len: Es hat­te, wie es heißt, etwas mit den Anfor­de­run­gen der Mas­sen­me­di­en zu tun und dem Druck, den es ver­ur­sacht, stän­dig in dritt­klas­si­gen Fern­seh­sen­dun­gen erwähnt wer­den zu müssen.

Dann hat man den Redak­teu­ren des Klin­gel­ton­sen­ders eini­ges vor­aus, und sei es nur jour­na­li­sti­scher Weitblick.

Scha­de drum.

Nerdkrams
Das Ende einer Ära

Kein Scherz, um so trauriger:
Nach­dem das Ende von Win­dows XP offi­zi­ell ange­kün­digt wur­de, ist nun auch für Win­dows 3.11, den Vor­gän­ger von Win­dows 95, end­gül­tig Schluss:

for tho­se that were not awa­re, we recent­ly announ­ced that effec­ti­ve Novem­ber 1st, 2008, OEM’s will no lon­ger be able to licen­se Win­dows for Work­groups 3.11 in the embed­ded chan­nel. Now we all know that it’s been long gone in the stan­dard (retail/OEM) chan­nel, but one of the uni­que things in the embed­ded busi­ness is that we allow the clas­sic OS pro­ducts to be sold lon­ger than the other chan­nels. it’s *final­ly the end of an era! 

(Quel­le)

„Sag zum Abschied lei­se servus…”

Sonstiges
„Vize is’ ja auch was.”

Wie sie alle gegrölt haben, und selbst Peter war flei­ßig am Het­zen gegen die­ses aus­län­di­sche Pack, das ver­sucht, uns arrrr­ri­schem Volk die wodurch auch immer erar­bei­te­te Euro­pa­mei­ster­schaft strei­tig zu machen.

Aber Oppor­tu­nis­mus können’se nach wie vor gut, die Deutschen:
Die BILD wur­de pünkt­lich zum ver­dien­ten Sieg für Spa­ni­en unge­wohnt klein­laut und ‑buch­sta­big und gröl­te zum Glück nicht „Wir sind Vize!”, so wie es heu­te allent­hal­ben auf den hit­ze­ge­schä­dig­ten Stra­ßen, die bis vor kur­zem noch Fan­me­ter bzw. ‑mei­len waren, zu hören war. Und auch Peter wan­del­te sich von „die alte Regel lau­tet, ein Tor mehr als die ande­ren” zu „Nur Zwei­ter – und das zu Recht”.

Ein Hoch auf alle, die ihrer Mei­nung von vorn­her­ein trotz aller Dro­hun­gen aus ihrem Umfeld treu geblie­ben sind. Wen­de­häl­se sind, das sei gesagt, ein gei­stig schwa­ches Völk­chen. Zumal es beim Sport ja auch nicht dar­um geht, zu einer Mann­schaft zu hal­ten, nur weil alle ande­ren sie auch mögen oder mögen zu müs­sen mei­nen, man hat ja auch Pflich­ten als Deut­scher usw., wofür man dann eigent­lich nicht mal was kann.

Nun, „Zwei­ter is’ ja auch was”. Ja, nur was?
Pokal gibt’s nicht, inter­na­tio­na­le Aner­ken­nung gibt’s auch nicht, und, nun ja, gewon­nen hat man eben­falls nicht. Aber so etwas prallt an den selbst ernann­ten Welt­mei­stern der (eige­nen) Her­zen natür­lich ab wie kon­struk­ti­ve Kri­tik an der deut­schen Ver­tei­di­gung, man weiß ja genau, was man tut.
Gewin­nen scheint’s aller­dings, das beto­ne ich hier genuss­voll ein wei­te­res Mal, nicht zu sein.

Nun ja. ¡Que viva Espaí±a! – ver­dient ist’s allemal.
Und jetzt ist end­lich Ruhe da drau­ßen. Herrlich!

KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2008 – Favo­ri­ten und Analyse

Die­ser Arti­kel ist Teil 1 von 25 der Serie Jah­res­rück­blick

Hal­lo,

im Über­schwang mei­nes der­zeit enorm hohen Musik­kon­sums habe ich beschlos­sen, schon jetzt eine Halb­jah­res­ana­ly­se aufzustellen:

Was hat der Musik­markt in die­sem Jahr an Per­len zu bieten?

Eini­ges davon habe ich in frü­he­ren Ein­trä­gen schon ver­wur­stet, bei Inter­es­se bit­te dort nachlesen.
Auf die charts möch­te ich aus hof­fent­lich ver­ständ­li­chen qua­li­ta­ti­ven Grün­den nicht ein­ge­hen. Zur Erstel­lung der ersten Top 5 der ersten bei­den Quar­ta­le 2008 dient mir mei­ne eige­ne play­list, die doch recht prall gefüllt ist.

Anzu­mer­ken sei vor­weg, dass nur Alben berück­sich­tigt wer­den, die ich gera­de vor­lie­gen habe; außer­dem erhebt die Liste kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit, das kommt dann erst am Ende des Jah­res. Da sich Text­ein­drücke in einer Kurz­re­zen­si­on – für aus­führ­li­che Rezen­sio­nen fehlt mir schlicht die Kom­pe­tenz – nur schwer ein­fan­gen las­sen, habe ich aus jedem Album eine mög­lichst aus­sa­ge­kräf­ti­ge Text­zei­le her­aus­ge­sucht. Ich hof­fe, das Expe­ri­ment gelingt.

Zudem:
2008 bedeu­tet auch 40 Jah­re „’68”. Die Ent­wick­lung der Musik anhand der jeweils aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren lässt sich anhand eines will­kür­lich gewähl­ten, doch mar­kan­ten Bei­spiels anschau­lich nach­voll­zie­hen, dazu jedoch unten mehr. Und viel­leicht fin­det ja einer von euch neben­bei auch eine Geschenk­idee für musik­be­ses­se­ne Freun­de und Bekann­te. (Wäre natür­lich ein net­ter Nebeneffekt.)

Es fol­gen die Top 5, num­me­riert nach per­sön­li­cher Wertung:

  1. Dear John Let­ter – Bet­ween Lea­ves | Forestal
    „Final­ly time era­ses time, and all I can do is hide” (Clea­ring | Leaving)
     
    Ich hat­te es ja vor zwei Bei­trä­gen schon ange­deu­tet, daher hier nur die um eini­ge Hör­ein­drücke erwei­ter­te Zusammenfassung:

    Nach der bzw. dem an sich schon wun­der­ba­ren EP der Augs­bur­ger Dear John Let­ter folgt nun­mehr ein Album, das mit einem gewohnt auf­wän­di­gen art­work aus der Mas­se der Pla­stik­hül­len-CDs her­aus­sticht und zudem das erwähn­te Erst­lings­werk an Ton­qua­li­tät noch zu über­tref­fen vermag.

    Die unge­fäh­re Drei­vier­tel­stun­de an Musik geht auch wie im Flug vorbei:
    Wenn­gleich Dear John Let­ter sich nur ungern in ein Gen­re­kor­sett zwän­gen las­sen wol­len, so ist hier doch der Post­rock all­ge­gen­wär­tig. Gitar­ren­wän­de schwil­len an und ebben ab, immer wie­der setzt der emo­tio­nal hoch­wer­ti­ge Gesang ein und wie­der aus. Kei­ne Sekun­de wird ver­schwen­det, auch end­los wir­ken­de Schlag­zeug­so­li wer­den mit Bedacht ein­ge­setzt. Hier wird nicht gelärmt oder gar gerockt, hier wird musi­ziert. Die gro­ßen Vor­bil­der Oce­an­si­ze, aber auch Mog­wai las­sen in fast jedem Takt grüßen.

    Apro­pos Gesang: Der ist nicht ledig­lich schmücken­des Bei­werk, son­dern trägt auch wesent­lich zur Stim­mung bei. So ist nicht nur die ver­träumt, aber auch ver­zwei­felt wir­ken­de Stim­me des Herrn Fischer ein prä­gen­des Ele­ment des Albums, auch die Tex­te kön­nen über­zeu­gen. Nichts mit „I love you baby”, hier geht’s see­lisch-schmerz­voll zur Sache.

    Hör­pro­be:
    Ein­drücke vom Album sowie von der/dem EP kann man auf MyS­pace sammeln.

    Und wenn man sich nach dem letz­ten der ins­ge­samt sechs Stücke von drei­ein­halb bis 11 Minu­ten Spiel­zeit in einer ande­ren Welt wie­der­fin­det und sich selt­sam leicht, aber auch leer fühlt, ist es Zeit für ein wenig Abwechslung:

  2. Nick Cave & the Bad Seeds – Dig Laza­rus Dig!!!
    „Pro­lix! Pro­lix! Not­hing a pair of scis­sors can’t fix.” (We call upon the author)
     
    Der ehe­ma­li­ge Fürst der Fin­ster­nis Nick Cave hat Blut geleckt. Nach­dem er schon mit sei­nem Neben­pro­jekt Grin­der­man ordent­lich auf die Kacke gehau­en hat, gibt’s mit Dig Laza­rus Dig!!! auch wie­der eine durch­aus offen­sicht­lich davon beein­fluss­te Schei­be der Bad Seeds zu kaufen.

    Rei­me sucht man, wie bei Cave üblich, fast ver­ge­bens, nur hier und da wird gedich­tet; aber Freun­de die­ser Art von Musik, gen­re­tech­nisch zwi­schen Blues, Rock und Dark Wave ein­zu­ord­nen, erfreu­en sich ohne­hin ver­mut­lich mehr am zyni­schen Sprech­ge­sang und düste­ren Klang (noch ein Reim!) des Alt­mei­sters als an den Texten.

    Die sind indes bis­sig bis belang­los, doch wen kümmert’s?
    Nach meh­re­ren Durch­läu­fen macht’s Klick, und es wer­den Remi­nis­zen­zen erkannt, unter ande­rem an das fast schon legen­dä­re The Gift von den noch legen­dä­re­re­ren Vel­vet Under­ground. Düste­re Erzäh­lun­gen im Vor­der­grund, und im Hin­ter­grund gibt’s Rück­kopp­lun­gen, „Lärm” en mas­se. Eine will­kom­me­ne Abwechs­lung zu all dem rosa­ro­ten Weich­spül­pop im Radio.

    Hör­pro­be:
    Bei You­Tube lässt sich der oben ange­deu­te­te Ver­gleich zwi­schen The Gift und We call upon the aut­hor anhand zwei­er Live­vi­de­os hof­fent­lich nachvollziehen.

    Und wem das dann doch zu anstren­gend ist, für den hält auch der erfreu­li­cher­wei­se kon­stant auf­ge­wer­te­te Indie-Markt eini­ges bereit, was zwar durch­aus radio­taug­lich wäre, aber sich gegen Super­stars, Pop­stars und ähn­lich arme Würst­chen nur schwer zu behaup­ten weiß:

  3. Black­mail – Tem­po Tempo
    „You might die from medi­ca­ti­on, but it’ll surely kill the pain” (Fal­se Medication)
     
    Black­mail aus Koblenz sind ein wei­te­rer Beleg dafür, dass die deut­sche Musiksze­ne weit­aus mehr zu bie­ten hat als nur Die­ter Boh­len und die Flip­pers. Auf Tem­po Tem­po gibt’s zwar für Black­mail-Ken­ner kei­ne Über­ra­schun­gen, aber soli­den Pop­rock zu hören, der kaum Erwar­tun­gen offen lässt.

    Ken­ner wür­den viel­leicht bes­se­re Ver­glei­che fin­den, ich jedoch wür­de Black­mail irgend­wo zwi­schen The Kil­lers und den Dan­dy War­hols ein­ord­nen. Der Gesang bewegt sich zwi­schen den Spät­wer­ken der Beat­les, Pla­ce­bo und Under the Influ­ence of Giants, wäh­rend Bass- und Schlag­zeug­spiel mit den Gitar­ren­bret­tern Schritt zu hal­ten ver­su­chen. Hier und da blitzt sogar Post­rock auf, bspw. die Laut-Lei­se-Wech­sel in Speed­luv. Ins­ge­samt also soli­de Som­mer­mu­sik für anspruchs­vol­le Musik­freun­de, denen auch Pla­ce­bo-ähn­li­che Tex­te, wie sie auf die­sem Album domi­nie­ren, nichts ausmachen.

    Hör­pro­be:
    Das Video zu Shshs­ha­me (welch ein Titel!) gibt’s, wie üblich, bei You­Tube.

    Und falls das zu anspruchs­los ist: Im Jahr 2008 wird auch wie­der mäch­tig gefrickelt.

  4. The Tan­gent – Not as good as the book
    „It’s half past nine on Tues­day morning, and still nobody“â„¢s lan­ded yet on Mars” (Not As Good As The Book)
     
    Da nun das geplan­te Büh­nen-Come­back der Pro­gres­si­ve-Rock-Dino­sau­ri­er Yes auf unbe­stimm­te Zeit ver­scho­ben wer­den muss, trifft es sich gut, dass die bri­ti­sche For­ma­ti­on The Tan­gent wie bis­her jedes Jahr ein neu­es Album ver­öf­fent­licht hat.

    Und das hat’s in sich:
    Über 94 Minu­ten Spiel­zeit, ver­teilt auf zwei CDs und kon­zi­piert als ein, nun ja, Kon­zept­al­bum. Das Kon­zept des Albums zu ver­ste­hen fällt mit der Spe­cial Edi­ti­on ver­mut­lich am leich­te­sten, ent­hält die­se neben den CDs zusätz­lich eine 85-sei­ti­ge Sci­ence-Fic­tion-Geschich­te, die die Hin­ter­grün­de der Lied­tex­te umfasst und erweitert.

    Die­se Geschich­te ist abstrus genug, aber schnell erzählt:
    Der Prot­ago­nist Dave, in den 70-ern Pro­gres­si­ve-Rock-Anhän­ger, ver­nich­tet am 20. Juni 2008 (scheint also tat­säch­lich nur Sci­ence Fic­tion zu sein) ver­se­hent­lich mit dem Album Relay­er von Yes die Welt. 80.000 Jah­re spä­ter ver­su­chen Histo­ri­ker, mit­hil­fe von 298 CDs aus unse­rer Zeit zu rekon­stru­ie­ren, wie die Men­schen im 21. Jahr­hun­dert gelebt haben.

    Hier­zu wird inhalt­lich flei­ßig zitiert und ange­spielt, es geht unter ande­rem um Micro­soft, Mobil­te­le­fo­ne, Yes und Gene­sis. Durch Yes und Gene­sis schei­nen auch die acht betei­lig­ten Musi­ker inspi­riert wor­den zu sein, die die Inspi­ra­tio­nen mit mas­sig Can­ter­bu­ry-Prog, Jazz­rock und schep­pern­dem 70-er-Jah­re-Rock ver­mischt und in ein­zel­ne Stücke ver­packt haben, die gen­re­ty­pisch zwi­schen fast vier und über zwan­zig Minu­ten lang sind.

    Dabei schaf­fen sie das Kunst­stück, dass selbst das Stück The full Gamut über die gesam­te Spiel­zeit von 22:42 Minu­ten wie ein ein­heit­li­cher Klang­kos­mos klingt und immer wie­der zum Kern­the­ma zurück­fin­det – Ken­ner die­ser Musik­rich­tung wer­den sich an YesTales from topo­gra­phic oce­ans erinnern.

    Aber hier gilt wie schon bei Dear John Let­ter:
    Die­ses Album ist nicht fürs Auto­fah­ren, Buch­le­sen oder für die Haus­ar­beit geeig­net. Man muss sich dar­auf ein­las­sen, denn auch beim zehn­ten Hör­durch­lauf sind hier und da noch neue Details, neue Anspie­lun­gen und Zita­te zu entdecken.

    Hör­pro­be:
    Das erste Lied A cri­sis in mid life, das zwar ein­gän­gig­ste, aber durch die 80-er-Jah­re-Key­boards auch unty­pisch­ste Stück des Wer­kes, gibt es bei You­Tube zu hören.

    Zu fröh­lich? Bit­te sehr, Abhil­fe schafft fol­gen­des Werk:

  5. Thee Sil­ver Mt. Zion Memo­ri­al Orche­stra & Tra-La-La Band – 13 Blues For Thir­te­en Moons
    „We’­re buil­ding train wrecks in the set­ting sun” (Black Waters Blowed/Engine Bro­ke Blues)
     
    Allein schon der Name der Grup­pe, aus ver­ständ­li­chen Grün­den oft zu A Sil­ver Mt. Zion gekürzt, ist eine Auf­nah­me in die­se Liste wert.

    Nie gehört? Durch­aus ver­ständ­lich, han­delt es sich doch um ein Neben­pro­jekt der zur­zeit für eine unbe­stimm­te Dau­er auf Eis lie­gen­den und alles ande­re als radio­kom­pa­ti­blen Post­rock-Hero­en God­speed You! Black Emperor. Wäh­rend die Musik von GY!BE, so die offi­zi­el­le Abkür­zung des Namens, jedoch eben­so sper­rig ist wie der Name selbst und mehr mit Sigur Rós als mit Oce­an­si­ze gemein hat, ist es bei A Sil­ver Mt. Zion eher umgekehrt:

    Der Name des Albums ist Pro­gramm. Blues, wenn­gleich in einer zap­paesk schrä­gen Dar­bie­tungs­form, gibt’s hier reich­lich, gepaart mit bra­chia­len Wut- und Ver­zweif­lungs­aus­brü­chen sowohl der Instru­men­te als auch des Sän­gers. Anders aus­ge­drückt: Hier wird rück­ge­kop­pelt, drauf­ge­hau­en und gejam­mert, dass es eine wah­re Freu­de ist. Die vier Lie­der, zwi­schen 13 und fast 17 Minu­ten lang, beschwö­ren eine Nico-ähn­li­che Stim­mung her­auf; das Wort „beschwö­ren” scheint ange­sichts der bewusst her­bei­ge­führ­ten Trost­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung indes fast schon lächerlich.

    Auf den Baby­blau­en Sei­ten wird dies tref­fend beschrie­ben:

    Die zer­brech­li­che Schön­heit, die noch die ersten Alben der Band bestimmt hat, ist über wei­te Strecken einem despe­rat-melan­cho­li­schen Gitar­ren-Strei­cher­ge­l­är­me gewi­chen, in dem sich ab und zu auch noch Orgel- und Trom­pe­ten­klän­ge gera­de noch aus­ma­chen las­sen. Wie sich E‑Gitarren und elek­trisch ver­stärk­te Strei­cher anein­an­der rei­ben und schep­pern, erin­nert gele­gent­lich an die Bri­ten von High Tide, die vor über 35 Jah­ren eigent­lich ganz ande­re Musik gemacht haben.

    Hör­pro­be:
    Bei You­Tube gibt’s Live­ver­sio­nen von 13 Blues For Thir­te­en Moons und Engi­ne Bro­ke Blues zu hören und zu sehen. Die sind zwar aus qua­li­ta­ti­ven Grün­den nicht so druck­voll wie die CD-Ver­sio­nen, aber genü­gen für einen Ein­blick. Festhalten! 

Ohne Bewer­tung, für Inter­es­sier­te zum Rein­hö­ren, nur der Voll­stän­dig­keit wegen:

  • Van der Graaf Gene­ra­tor – Trisector
     
    Als Van der Graaf Gene­ra­tor sich 2005 nach über 20 Jah­ren Pau­se mit einem neu­en Album zurück­ge­mel­det hat­ten, weck­te dies Hoff­nun­gen auf ein neu­es H to He who am the only one; die Grup­pe um den cha­ris­ma­ti­schen Sän­ger Peter Ham­mill mit dem mar­kan­ten Klang von David Jack­sons Saxo­fon hat­te die Ent­wick­lung des Pro­gres­si­ve Rock mit die­sem Album maß­geb­lich beein­flusst. Nun haben sie ihr zwei­tes Album nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ver­öf­fent­licht, und erst­mals seit 1968 wur­de das Saxo­fon durch E‑Gitarre und ver­stärk­ten Orgel­ein­satz ersetzt. Die Grün­de für die Tren­nung von ihrem Saxo­fo­ni­sten will die Grup­pe noch immer nicht bekannt­ge­ben, jedoch steht außer Fra­ge, dass die neue Instru­men­ta­li­sie­rung den typi­schen VdGG-Klang stark beeinflusst.

    Tat­säch­lich ist von dem sonst all­ge­gen­wär­ti­gen Klang der frü­hen Mei­ster­wer­ke Kil­ler und Pioneers over c. außer Ham­mills Stim­me nicht mehr viel übrig, dafür haben die nun­mehr drei Musi­ker neben dem bewähr­ten Rock (Drop Dead) jetzt auch Can­ter­bu­ry-ähn­li­che Klän­ge (The Hur­ly­bur­ly) für sich ent­deckt, teil­wei­se wirkt das Album gar uner­war­tet radio­kom­pa­ti­bel (All that befo­re).

    Hör­pro­be:
    Vor allem für Ein­stei­ger, aber auch für etwas erfah­re­ne­re VdGG-Hörer ist vor dem Blind­kauf ein Ver­gleich des Klas­si­kers Kil­ler mit dem neu­en All that befo­re zu empfehlen.

  • Radi­us System – Escape / Restart
     
    Ich hat­te bereits in eini­gen Foren sowie hier auf die­se gran­dio­se Musik­grup­pe hin­ge­wie­sen, möch­te daher nur­mehr erneut Peter von den Schall­gren­zen zitieren:

    Mäch­ti­ge Gitar­ren­wän­de wer­den hoch­ge­zo­gen, hin und wie­der wie­der ein­ge­ris­sen und von neu­em tür­men sich Sounds auf Sounds. Gro­ße Vor­bil­der der Fran­zo­sen dürf­te Oce­an­si­ze sein. Eben­so kom­pro­miss­los wie die Bri­ten wer­den die übli­chen Struk­tu­ren über Bord gewor­fen und mit Gitar­re, ambi­en­ten Elek­tronik­sounds, Sam­ples und wuch­ti­gem Rhyth­mus­fun­da­ment Songs fürs Leben gemeißelt.

    Hör­pro­be:
    Fällt dies­mal aus, den Spaß gibt’s kom­plett kosten­los ohne Ver­pflich­tun­gen oder dubio­se Umwege.

  • The Kills – Mid­ni­ght Boom
     
    Was ist das für ein Stil? Mini­ma­li­stic-Elec­tro-Pop­rock? Egal, die spex fin­det das Duo The Kills klas­se, und ich als eigent­lich bevor­zugt rock­af­fi­ner Audio­phi­ler stel­le fest, dass mich die ein­fa­chen Klän­ge des Albums auch mit­rei­ßen. War­um? Wer weiß! Ist jeden­falls mal was ande­res, ver­gleich­bar allen­falls mit dem, was die über­tol­le Sen­dung Tracks all­wö­chent­lich empfiehlt.

    Und so bleibt mir auch nur ein Ver­weis auf die Hör­pro­be:
    Auf You­Tube gibt’s das mei­nes Erach­tens über­aus gute Lied Sour Cher­ry zu hören, inklu­si­ve Text zum Mitsingen.

  • King’s X – XV
     
    Irgend­wo zwi­schen Pro­gres­si­ve Metal und Hard­rock musi­ziert das texa­ni­sche Trio King’s X. Und obwohl die Gen­re­ein­ord­nung sowohl eine Nähe zu Tool als auch zu Rush umfasst, so schafft die­se Grup­pe es den­noch seit über 25 Jah­ren, trotz des sel­ten vari­ier­ten typi­schen King’s X-Klan­ges nie nach der eige­nen Cover­band, son­dern immer wie­der frisch und neu zu klin­gen. Beneidenswert.

    Musi­ka­lisch geht’s hier gewohnt zur Sache, nur der Gesang nervt mich per­sön­lich ein wenig. Stellt euch eine Metal­ver­si­on von Rush mit viel, viel Head­ban­ging (Deutsch: Kopf­bum­sen, Hirn­fick qua­si) und einem dem Gothrock ent­stam­men­den Sän­ger vor, der bis­wei­len wie Rod (Die Ärz­te bzw. Abwärts) klingt (Pray).

    Aber das ist zum Glück Geschmacks­sa­che, und dar­über lässt sich bekannt­lich nicht immer strei­ten. Daher als Kom­pro­miss die letz­te Hör­pro­be:
    Auf Amazon.de lässt sich jedes Lied auf dem Album aus­schnitts­wei­se probehören. 

Rück­schau:

  • Vor 40 Jahren:
    The United Sta­tes of Ame­ri­ca – The United Sta­tes of America
     
    In die Zeit der Stu­den­ten­auf­stän­de fiel auch die ver­stärk­te hal­lu­zi­no­ge­ner Dro­gen zur Erwei­te­rung der eige­nen Krea­ti­vi­tät und des Bewusst­seins. Zu den bekann­te­sten von LSD beein­fluss­ten Grup­pen zäh­len Gra­te­ful Dead und Quick­sil­ver Mes­sen­ger Ser­vice.
    Das ein­zi­ge Album der Grup­pe The United Sta­tes of Ame­ri­ca, erschie­nen zur Hoch­zeit der LSD-Ver­brei­tung, ist ein musi­ka­li­scher Dro­gen­trip mit Beat­les-Gesang und schwe­ben­den Psy­che­de­lic-Klän­gen. Die Grup­pe expe­ri­men­tiert mit Klang­col­la­gen und Syn­the­si­zern und per­fek­tio­niert qua­si neben­bei das Kon­zept eines Musik­al­bums als in sich geschlos­se­nes Gesamtkunstwerk.
    2004 erschien eine Neu­auf­la­ge des Albums mit zehn zusätz­li­chen Liedern.
     
  • Vor 30 Jahren:
    Hinn í­slenski Þur­safl­ok­ku­rinn – Hinn í­slenski Þursaflokkurinn
     
    Gegen Ende der 70-er Jah­re waren Ver­tre­ter von Psy­che­de­lic und Pro­gres­si­ve Rock an einem krea­ti­ven Tief­punkt ange­langt. Es gab, so schien es, nichts mehr zu sagen, und wäh­rend Yes sich in gefäl­li­ge­re Rock­ge­fil­de bega­ben und King Crim­son sich erst­mals kom­plett auf­lö­sten – es soll­ten noch meh­re­re Auf­lö­sun­gen fol­gen -, wand­te sich die Zuhö­rer­schaft dem Folk zu.
    Und davon gab es reich­lich: In Deutsch­land ver­tra­ten Ougen­wei­de den Mit­tel­al­ter-Folk, in Groß­bri­tan­ni­en brach­ten Jet­hro Tull dem Publi­kum die Flö­ten­tö­ne bei, und in Island schließ­lich nahm sich Hinn í­slenski Þur­safl­ok­ku­rinn, der islän­di­sche Troll­hau­fen, klas­si­sches Lied­gut vor.
    Viel­leicht ist es die islän­di­sche Spra­che, die dem Album sei­nen Zau­ber ver­leiht, viel­leicht ist es auch die für Folk­rock unge­wohn­te, vor­wie­gend aku­sti­sche Instru­men­tie­rung, aber es ent­fal­tet eine befremd­li­che Schön­heit schon in den ersten paar Minu­ten. Die Traum­welt islän­di­scher Folk­lo­re wird in die­sem Album ein­ge­fan­gen und kom­pri­miert, und der Chor­ge­sang tut ein übri­ges. Scha­de, dass die Grup­pe trotz aller Ambi­tio­nen kei­ne Bekannt­heit erzie­len konnte.
     
  • Vor 20 Jahren:
    Die Toten Hosen – Ein klei­nes biss­chen Horrorschau
     
    Im Jahr 1988 wur­de das damals bereits 26 Jah­re alte Buch A Clock­work Oran­ge an den Kam­mer­spie­len Bad Godes­berg mit Betei­li­gung der Toten Hosen auf­ge­führt. Pas­send hier­zu ent­stand auch die­ses Album, das zwar nur schwer­lich mit der damals aktu­el­len poli­ti­schen Situa­ti­on in Ver­bin­dung zu brin­gen ist, jedoch die musi­ka­li­sche Ent­wick­lung jener Jah­re widerspiegelt:
    Nach Rock (60-er Jah­re), Pro­gres­si­ve Rock und Dis­co­fie­ber (70-er Jah­re) sowie Syn­thie-Pop und NDW (80-er Jah­re) hat­te man genug von den musi­ka­li­schen Expe­ri­men­ten. Der Stel­len­wert der Musik änder­te sich: Sie dien­te nicht mehr als Aus­drucks­form von Pro­test und als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­in­stru­ment ein­zel­ner Grup­pen, son­dern wur­de zuneh­mend mas­sen­taug­lich. Die Toten Hosen bil­de­ten als eta­blier­te (also auch „mas­sen­taug­li­che”) Punk­rock-Grup­pe da kei­ne Aus­nah­me, allein der inhalt­lich expe­ri­men­tel­le Cha­rak­ter die­ses Albums, das A Clock­work Oran­ge nach­er­zählt, lässt noch ein wenig musi­ka­li­schen Wage­mut erahnen.
     
  • Vor 10 Jahren:
    Die Ärz­te – 13
     
    Das Ende der 90-er Jah­re stand im Zei­chen von Bal­ler­mann und Kom­merz. Alle innen­po­li­ti­schen Kata­stro­phen schie­nen über­wun­den, den Kampf gegen die Poli­tik der USA hat­te man auf­ge­ge­ben, als jugend­li­cher „Rebell” woll­te man im All­ge­mei­nen nur noch sei­nen Spaß haben.
    Das belegt auch die­ses Album, des­sen bekann­te­ste Lie­der Män­ner sind Schwei­ne und Rebell gesell­schafts- und musik­kri­tisch als direk­te Refe­ren­zen her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen. „Punk” gab’s nur noch in Ver­bin­dung mit „Fun” – kei­ne Gewalt, kei­ne Pro­vo­ka­ti­on und vor allem kei­ne Poli­tik mehr. Fun­punk-Grup­pen wie Die Ärz­te hat­ten hier ihre musi­ka­li­sche und vor allem auch kom­mer­zi­el­le Blü­te­zeit. Und erst gegen Mit­te unse­res Jahr­zehnts began­nen die Ansprü­che an musi­ka­li­sche Qua­li­tät mit der Brit­pop- und Indie­wel­le wie­der zu wachsen…

KaufbefehleMusikkritik
dear john let­ter: Bet­ween Lea­ves – Forestal

Wun­der­bar, ganz vergessen:
Die von mir vor eini­ger Zeit hoch gelob­te Postrock­grup­pe dear john let­ter hat in die­sem Jahr das erste regu­lä­re Album veröffentlicht.

Sein Name Bet­ween Lea­ves | Fore­s­tal, auf Deutsch unge­fähr „Zwi­schen Blät­tern / Wald­be­zo­gen”, spie­gelt die Musik schon recht gut wieder:
Die Stim­mung wech­selt zwi­schen male­risch-lyri­schen Momen­ten und ver­zwei­fel­ter Wut, wird aber nie schwül­stig oder bra­chi­al. Das Album lebt von der Fort­ent­wick­lung des bereits auf der EP im Ansatz vor­han­de­nen, offen­sicht­lich von Gen­re­grö­ßen wie Oce­an­si­ze beein­fluss­ten, aber den­noch eigen­stän­di­gen Stils der Gruppe.

Schwer­mü­ti­ge, nach­denk­li­che Musik also, die zu Som­mer, Son­ne, Strand nicht so recht pas­sen mag, den Hörer jedoch schon nach weni­gen Minu­ten auf eine Rei­se der Gedan­ken schickt, die auch in einer End­los­schlei­fe des CD-Spie­lers nie ein­tö­nig wird. Eine Aus­wahl der Lie­der gibt es wie immer hier zu hören.

Nun aber das art­work:
Vor­bei ist’s mit selbst­ge­klei­ster­ten Buch­col­la­gen, nun ist Zeit für Kunst.

Und auch dies­mal ist es ein Gesamtkunstwerk:

Das Album von außen: Blatt mit Vogel. Das Album von innen: Einschübe und Titelliste.

In den bei­den Sei­ten des genäh­ten Etuis – „CD-Hül­le” wäre unter­trie­ben! – gibt’s ein Text­blatt, die CD selbst und ein paar aus schwar­zer Pap­pe aus­ge­schnit­te­ne Tier­fi­gu­ren, für die dear john let­ter selbst auf ihrer Web­sei­te eine zur Musik pas­sen­de Ver­wen­dung vorschlagen:

Zur Nach­ah­mung wärm­stens empfohlen!


Nach­ah­men kann man übri­gens auch hier.

Persönliches
Zwei Cents auf Fußball.

Im Vor­feld des ver­mu­te­ten deut­schen Ver­sa­gens möch­te ich anmer­ken, dass ich per­sön­lich immer für den Geg­ner Deutsch­lands bin, gleich, wer dies sein mag. Die kol­lek­ti­ve Ablen­kung von innen- und außen­po­li­ti­schem Scheiß­dreck (Krieg, Ölpreis­er­hö­hun­gen usw. wie u. a. wäh­rend der WM 2006) ent­spricht genau so wenig mei­nen Vor­stel­lun­gen von Frei­zeit­ver­gnü­gen wie der Fuß­ball­sport selbst mei­ner Vor­stel­lung von Ästhe­tik und Verehrenswürdigem.

Dan­ke für die Aufmerksamkeit.

In den NachrichtenPolitik
„Ame­ri­ka is’ wunderba.”

Mehr Chan­cen als Risi­ken: Außen­mi­ni­ster Stein­mei­er sieht für die Zeit nach den Prä­si­dent­schafts­wah­len in den USA posi­ti­ve Ent­wick­lun­gen. Sowohl unter einem Prä­si­den­ten Oba­ma als auch unter einem Prä­si­den­ten McCain erwar­tet er neue Impulse.

(SPON)

Soso, Impul­se also? Womög­lich in eine posi­ti­ve Richtung?

Zur Kennt­nis­nah­me und Information:
Zwar geben bei­de Kan­di­da­ten vor, grund­le­gen­de Ände­run­gen durch­füh­ren zu wol­len, aber ich fürch­te, das hat der Herr Stein­mei­er falsch verstanden.

Eine mili­tä­ri­sche Lösung des wie auch immer gear­te­ten Iran-Pro­blems hal­ten sich bei­de Par­tei­en näm­lich aus­drück­lich offen. Natür­lich nur, sofern die Diplo­ma­tie, zwin­ker, zwin­ker, wei­ter­hin versagt.

„Ich glau­be, es stecken mehr Chan­cen dar­in als Risiken.”

Wohl dem, der nichts zu ver­lie­ren hat.

FotografieIn den NachrichtenPolitik
Lebens­qua­li­tät für Afrika!

Eine schnel­le Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung in Afri­ka mit Com­pu­tern und Inter­net­an­schlüs­sen hat die ira­ni­sche Frie­dens­no­bel­preis­trä­ge­rin Schi­rin Eba­di gefor­dert. Die digi­ta­le Kluft zwi­schen Nord und Süd müs­se rasch geschlos­sen wer­den, sag­te Eba­di am Mon­tag zum Auf­takt des „Glo­bal Media Forum” der Deut­schen Wel­le in Bonn.

(Quel­le)

Es ist natür­lich über­aus bedau­er­lich, dass noch nie­mand zuvor auf die­se Idee gekom­men ist.
Wir Nai­ven haben doch tat­säch­lich geglaubt, den Afri­ka­nern fehlt es im Wesent­li­chen an Lebens­mit­teln und medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung; nein, was ihnen fehlt, ist das Internet!
Das löst zwar wahr­schein­lich das Hun­ger- und Krank­heits­pro­blem nicht, aber immer­hin kön­nen sie dar­über blog­gen. Wird sicher ein Erfolg.

Aber ver­mut­lich bedarf es mit min­de­stens dem Frie­dens­no­bel­preis aus­ge­zeich­ne­ter, folg­lich gesell­schaft­lich hoch­ran­gi­ger Per­sön­lich­kei­ten, um sol­che Lösun­gen her­vor­zu­brin­gen, zumal auf einem solch wich­ti­gen Kongress:

Anlass für den Kon­gress ist nach den Wor­ten des Inten­dan­ten der Deut­schen Wel­le, Erik Bet­ter­mann, die Erkennt­nis, dass die Aus­ein­an­der­set­zung über Kon­flikt­prä­ven­ti­on und Frie­dens­stif­tung inter­na­tio­nal geführt wer­den muss. Über Län­der­gren­zen, Kul­tur- und Sprach­räu­me hin­weg müss­ten alle Sei­ten und ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven ein­be­zo­gen werden.

Das heißt, weni­ger kom­plex, jedoch mehr gewagt for­mu­liert, dass das Ende aller Krie­ge nur mit­hil­fe glo­ba­ler Dis­kus­sio­nen erreicht wer­den kann und eine Grund­ver­sor­gung mit Inter­net­an­schlüs­sen der erste Schritt zum Frie­den ist.
Was ja für die afri­ka­ni­schen Völ­ker höch­ste Prio­ri­tät haben dürfte.

Wie vie­le Inter­net­an­schlüs­se es zur­zeit in den USA gibt, ist mir übri­gens nicht bekannt.

In den Nachrichten
Angriff der Clownkrieger

Gene­ti­ker der nie­der­län­di­schen Uni­ver­si­tät Lei­den haben nach eige­nen Anga­ben erst­mals das Erb­gut einer Frau entziffert.

(Quel­le, Her­vor­he­bun­gen fast rein zufäl­lig gewählt)

Ein Hoch auf die moder­ne Wissenschaft!

Was man nun mit dem Wis­sen um das Erb­gut der Frau anzu­fan­gen gedenkt, ist mei­nes Wis­sens noch nicht publik gemacht wor­den, jedoch zweif­le ich nicht dar­an, dass es dem Ziel, einen Men­schen jeg­li­chen Geschlechts nach Maß anzu­fer­ti­gen, wohl die­nen mag.

Wobei bei­der­lei Geschlech­ter gewis­se Urtrie­be mit sich her­um­tra­gen, deren Ursprung es zum Zwecke der Wis­sen­schaft durch­aus zu ergrün­den sich lohn­te. Nur ist zu befürch­ten, dass es nicht bei der Ergrün­dung blei­ben wird.

Mit etwas Glück erle­ben wir das Ergeb­nis nicht mehr.