In den Nachrichten
Da bahnt sich etwas an

Schon seit einigen Tagen knallen draußen die Korken oder jedenfalls die Böller. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel Geld die Volkswirtschaft in diesen krisengebeutelten Tagen noch erübrigen kann, um es in die Luft zu blasen; also die wenigen Euro, die noch nicht im Ackermann oder im Griechen stecken, denn die sind ja recht teuer, diese beiden.

Und die Silvesterraketen, diese hohlen Knallkörper (nicht mit den hohlen Knallköpfen (CDU) zu verwechseln), liegen dann auf der Straße herum und werden auf Kosten der Steuerzahler – also wenigstens meist auch derer, die den Dreck selbst machen, was mich mit einer gewissen Genugtuung erfüllt – irgendwann weggeräumt. (Andererseits: Gemeinsamkeiten mit der CDU gibt es ja doch: Irgendwann verpuffen sie, der Steuerzahler zahlt’s trotzdem.) Das ist befriedigend, dennoch neige ich dazu, es den Hunden gleichzutun und dieses nervtötende Gepfeife als äußerst störend zu empfinden. Ich war auch mal 12, aber nie bescheuert.

Auch, wenn Freunde Gegenteiliges behaupten.

Dabei ist das Aufderstraßeliegen längst Volkssport, sei es im Kampf gegen Atommülltransporte, anlässlich dessen mir immer noch keiner so recht zu erklären vermochte, inwiefern es ein Vorteil ist, wenn der Atommüll noch länger durch die Umwelt kutschiert wird als beabsichtigt, sei es wegen der hohen Arbeitslosigkeit.

Ach, die Arbeitslosigkeit. Manche können ja noch nicht einmal etwas dafür: Aus Gründen, die wohl nur die Arbeitgeber selbst verstehen, werden sie dem Arbeitsmarkt zurückgegeben, damit so manch ein Manager die Raten für seinen Bentley abbezahlen kann. Sesselfurzer, elende.

Wobei so ein Manager natürlich auch Geld verdienen bekommen möchte, und die bereits an anderer Stelle angesprochene Inflation macht das nicht leicht. Diese entgangenen Einnahmen müssen dann natürlich an anderer Stelle wieder hereinkommen, sonst braucht man bald einen Rettungsschirm. Die Bahn macht es vor:

Die Normalpreise im Fern- und im Nahverkehr steigen mit dem Fahrplanwechsel im Schnitt um 3,9 Prozent. Auch Wochen-, Monats- und Jahreskarten kosten künftig mehr, genauso die Bahncard und viele Pauschaltickets für den Nahverkehr wie das Schöne-Wochenend-Ticket.

Als wirtschaftlich orientiertes Unternehmen, wie es die Deutsche Bahn ja leider ist, braucht man eben auch sein Auskommen mit dem Einkommen, und …

Gleichzeitig will der Konzern im kommenden Jahr 2,75 Milliarden Euro erwirtschaften: ein Rekordgewinn.

… so ein Finanzplan will sorgfältig überlegt sein. Ohnehin wird der Bahn übel mitgespielt:

Laut einem Bericht des „Handelsblatts“ zahlt der Stahlproduzent dem Logistikkonzern Schadensersatz wegen Preisabsprachen beim Schienenverkauf. (…) Insgesamt belaufe sich die Schadenssumme durch das Kartell auf bis zu eine Milliarde Euro.

Da hat die Bahn noch mal Glück gehabt, dieses Geld dürfte vielleicht reichen, um die größten Budgetlöcher zu stopfen. Gutes Personal ist wertvoll in der heutigen Zeit, und das lässt sich die Bahn einiges kosten:

Im Werben um Auszubildende seien die Zeiten der Bestauswahl aus einer Vielzahl von Bewerbern vorbei, meinte [EVG-Chef Alexander] Kirchner. Hier müssten die Bahnen verstärkt Programme entwickeln, um auch schwächeren Schulabgängern den Einstieg zu ermöglichen.

Wer aus seinem Leben etwas machen will, aber in der Schule eine Niete war, der muss also trotzdem nicht bei KIK an der Kasse oder bei McDonald’s in der Küche arbeiten; die Bahn hält interessante Perspektiven offen: Sich von betrunkenen Passagieren anpöbeln lassen müssen, an den chronisch geschlossenen Bahnschaltern „arbeiten“, auf Fragen nach Zugverspätungen mit einem Achselzucken antworten müssen, weil man die tolle blaue Bahnuniform eben nur trägt, weil sie so fesch ist – all das wird bei McDonald’s nicht geboten.

Man könnte sich das alles allerdings ersparen, indem man einfach stirbt, zum Beispiel an einer Herzkrankheit. Das Bewusstsein für Herzkrankheiten ist viel zu niedrig, lässt die Coca-Cola Company mit Fokus auf das immerhin nur Hirnschäden und Diabetes fördernde „Light“-Coca-Cola-Produkt vermelden, ungeachtet der Tatsache, dass man selbst mit seinem Zuckergesöff für so manche Organschäden gesorgt haben dürfte. Dabei dürfen die blöden Kerle ruhig verrecken:

Die Initiative „Hör auf dein Herz“ startete heute in Berlin im Rahmen eines Ladies Lunchs im Berliner China Club erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie hat das Ziel, das Bewusstsein für die Herzgesundheit bei Frauen zu erhöhen, über Präventionsmaßnahmen aufzuklären und somit möglichst viele Frauen zu einem herzgesunden Lebensstil zu motivieren. (…) Die geladenen Gäste – Frauen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft – wie Friede Springer, Nadja Uhl, Alexandra Oetker, Anna von Griesheim, Gräfin Karin von Dönhoff sowie Ursula Karven, Fiona Bennett und Ehrengast Katja Flint wurden von Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek und Dr. Natascha Hess über die wichtigsten Fakten zum Thema Herzgesundheit informiert.

(Hervorhebungen von mir.)

Dass angeblich seit 1984 mehr Frauen als Männer an Herz-/Kreislauferkrankungen sterben, ist noch kein Grund, „insbesondere Frauen“ auf dieses Risiko hinzuweisen. Zumal es dafür nicht mal prominenter Patinnen bedürfte, denn die Grundregeln lernt man eigentlich schon als kleines Kind: Nicht so viel ungesunde Zuckerplörre trinken, sonst wird man das noch mal bereuen.

Wer die braune Brühe ohnehin nicht gern mag, der hat gute Chancen, nachhaltigen Schaden an der neuen Volkskrankheit Burn-Out-Syndrom zu nehmen. Das ist eigentlich eine Unverschämtheit, sagt die „Welt“ und appelliert: Hört auf, ausgebrannt zu sein, sonst macht ihr die Wirtschaft kaputt, ihr Pimmel! Am besten einfach einsperren, das arbeitsscheue Pack. Tja, ʇןǝʍ ǝıp steht Kopf in diesen Tagen.

Ach, kaputte Wirtschaft – wir Deutschen, wir zahlungskräftigen Schuldner, sollten uns nicht so anstellen. Verglichen mit Spanien und den USA geht es uns noch bestens. Dass sich der US-amerikanische Präsident da lieber ins Ausland absetzt, ist verständlich:

US-Präsident Barack Obama zieht es wieder nach Berlin. „Die Chancen, dass Präsident Obama wieder nach Berlin kommt, stehen gut, weil er das auch selbst unbedingt will“, verdeutlicht der US-Botschafter Philip D. Murphy in der Samstagsausgabe der „Berliner Morgenpost“.

Es ist eine urdeutsche Tradition, hohlen Blendern zuzujubeln. Der Karl-Theodor ist gerade nicht greifbar, also muss man sich an einen anderen notorischen Lügner halten und ihn zum Heiland stilisieren. Einen echten Deutschen interessieren gebrochene Wahlversprechen nicht. Der CDU steht auch weiterhin eine rosige Zukunft bevor.

2012 wird sicher lustig. Frohes neues Jahr.

Senfecke:

  1. Ich kenne jemanden, der hat vor Jahrzehnten seine Böller kostengünstig aus Stahrohren, Kohle, Schwefel sowie Salpeter selbst hergestellt und mittels Autobatterie, Draht und Zündholzköpfen detonieren lassen. Von einem solchen risikobehafteten Verhalten ist auf lange Sicht wegen etwaiger Gefährdung des weiteren beruflichen Fortkommens doch eher abzuraten.
    Aber billig, laut und spannend wird es wohl gewesen sein.

  2. Egal, ist unaufregend. Im Fernsehen kommt besseres. Konzerttag auf 3sat. Vorhin: Rolling Stones, „Some Girls“. Großartiges Album.

  3. Ja, aber seit Peter Gabriel i. V. m. den Symphonikern habe ich abgeschaltet. Die anderen kannte ich aus vergangenen Jahren. Ich legte den Schwerpunkt auf Louis de Funès. Kann ich immer wieder drüber lachen.

  4. Pingback: Liegengebliebenes « Roger Reloaded

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