Piratenpartei
Pira­ten und der Eso­ter­ror

Ach, das ist ja gera­de­zu furcht­bar: Die Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­re­rin der Ber­li­ner Pira­ten­par­tei, Danie­la Scher­ler, hängt pri­vat eso­te­ri­scher Alter­na­tiv­me­di­zin an, wor­über sie auch Bücher schreibt, in denen sie angeb­lich – ich habe das jetzt aus Grün­den nicht selbst über­prüft – schwer Kran­ken (etwa Krebs- oder AIDS-Erkrank­ten) zu ver­ste­hen gibt, sie sei­en selbst schuld an ihrem Zustand. Gut, bei AIDS kann man sich jetzt dar­über strei­ten, inwie­weit eine Erkran­kung ver­meid­bar wäre.

SPIEGEL Online hat vor­geb­lich nach­ge­le­sen:

An einer Stel­le schreibt sie etwa über das Fasten. Sie sei sich vor­her sicher gewe­sen, die Zeit locker zu über­le­ben. Es gebe aber Men­schen, die in ver­gleich­ba­ren Situa­tio­nen ster­ben wür­den, „weil sie noch in ihrem begrenz­ten Ego-Den­ken gefan­gen sind“.

Als Bei­spiel zieht Scher­ler dafür eine Flug­zeug­ka­ta­stro­phe her­an: Sie habe davon gele­sen, dass nach dem Unglück in den Ber­gen eini­ge der Über­le­ben­den gestor­ben sei­en, nach­dem sie drei Tage nichts zu essen hat­ten: „Und das, weil sie sich nicht vor­stel­len konn­ten, län­ger ohne Essen zu über­le­ben. Sie mani­fe­stier­ten so unbe­wusst ihr Ver­hun­gern.“

Die Ver­hun­ger­ten waren also selbst schuld? Zu ganz ähn­li­chen Ergeb­nis­sen kommt sie, wenn es um Krank­hei­ten geht. Die­se sei­en die „ ‚Quit­tung für (fal­sches) Pro­jek­ti­ons­ver­hal­ten“, meint Scher­ler.

Tja, ihr bei SPIEGEL Online, Lesen und Ver­ste­hen sind eben zwei Din­ge. Eure gan­ze Argu­men­ta­ti­on steht und fällt mit der von mir hier her­vor­ge­ho­be­nen, ver­meint­lich rhe­to­ri­schen Fra­ge. Dabei hat Frau Scher­ler von „Schuld“ über­haupt nichts geschrie­ben, nur von man­geln­der Dis­zi­plin. Pro­vo­kant gefragt: Könnt ihr das wider­le­gen?

Neh­men wir an, die Inter­pre­ta­ti­on von SPIEGEL Online ist über­haupt auch nur ansatz­wei­se rich­tig, wor­an es zu zwei­feln gilt, so ist die­se Hal­tung den Betrof­fe­nen gegen­über sicher­lich nicht nett. Die Welt der Eso­te­rik ist in der Regel in sich abge­schlos­sen: Wer nicht mit­zieht, ist selbst schuld. Was mir aber von den vie­len, die nach Par­tei­aus­schluss und Unwähl­bar­keit krä­hen, bis­lang nicht beant­wor­ten konn­ten oder woll­ten: Inwie­fern ist es poli­tisch rele­vant, wenn (und falls) die Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­re­rin der Ber­li­ner Pira­ten­par­tei pri­vat irgend­wel­che absur­den eso­te­ri­schen Metho­den der Alter­na­tiv­me­di­zin nicht schlecht fin­det?

Die Frak­ti­on hat sich hin­ter Frau Scher­ler gestellt und ern­tet dafür Schel­te: Sei man doch nicht so anders als die ande­ren Par­tei­en?

Doch, natür­lich ist die Pira­ten­par­tei das, und dar­um ver­zich­tet man auf einen Par­tei­aus­schluss. Es ist doch ganz ein­fach: So lan­ge man nichts tut, was den Prin­zi­pi­en der Pira­ten­par­tei zuwi­der­läuft, ist alles erlaubt. Einen Pro­gramm­punkt, der besagt, die Pira­ten­par­tei stel­le sich ent­schlos­sen gegen Alter­na­tiv­me­di­zin, Homöo­pa­thie und ähn­lich wir­res Zeug, gibt es nun ein­mal nicht. (Dass Men­schen, die Alter­na­tiv­me­di­zin und Eso­te­rik seriö­ser Wis­sen­schaft vor­zie­hen, wohl doch nicht so ver­ach­tens­wert sind, zeigt der Fall von Ste­ve Jobs, des­sen Tod unter ande­rem sei­nem Ver­such, den Krebs mit eben­sol­chen Metho­den zu bekämp­fen, geschul­det ist; und was sieht man auf Fotos von Pira­ten-Frak­ti­ons­sit­zun­gen? Klar: Apple-Pro­duk­te.)

Es ist schlimm mit der Pira­ten­par­tei. Dort tum­meln sich geläu­ter­te NPD-Aus­stei­ger, Sci­en­to­lo­gen und Eso­te­ri­ker. Wenn jetzt auch noch her­aus­kommt, dass trotz der welt­frem­den und Men­schen ver­ach­ten­den Hal­tung des Pap­stes zur Sexua­li­tät sogar Katho­li­ken in ihren Rei­hen sind – nicht aus­zu­den­ken!