Und da wir gerade bei so Computerkram waren: Steve Ballmer, seit 37 Jahren bei Microsoft und einer der letzten charismatischen Vorstände in den klassischen EDV-Unternehmen, hat angekündigt, binnen eines Jahres seinen Hut zu nehmen. Dass so genannte Nachrichtenportale wie SPIEGEL ONLINE, die einst dem weit weniger agilen Steve Jobs wie Groupies eines Popstars zitternd an den Lippen hingen, den Personalwechsel frenetisch – endlich ist „der Irre“ (ebd.) weg – bejubeln, war eigentlich absehbar. Positive Worte über Apples größten Konkurrenten verliert man nicht gern, wenn man selbst jahrelang Apples Fahne geschwenkt hat.
Da müssen sich auch die Kommentatoren nicht mehr zurückhalten. Im SPIEGEL-ONLINE-Forum etwa redet der pseudonyme anscheinende Appleanhänger „bluemetal“ folgenden Unsinn daher:
Sie bringen es auf den Punkt, eine Finanzverwalter, kein Visionär, unter dessen Ägide man alles verschlief und nur hinterherlief: Internet, mobile Computing, Tablets, Smartphones, Social Networks.
Das stimmt so nur teilweise. Tatsächlich war Microsoft unter Steve Ballmer nicht sonderlich visionär – Internet (in Windows 98 vollständig vorgesehen) sowie mobile computing und Tablets waren bereits vor Herrn Ballmers Amtsantritt keine Unbekannten mehr im Hause Microsoft. Was „social networks“ betrifft, so ist Microsoft mit der Kollaboration mit Facebook vermutlich erfolgreicher als Apples „Ping“ (kennt ihr nicht? – Eben!) es wohl jemals sein wird. Zugegeben: Das mit den Telefonen hat etwas länger gedauert.
Mit unglaublicher Arroganz und vermeintlichem Monopol wurde z. B. versucht MP3 durch das eigene WMA Format zu ersetzen. Völlig vom iPod Erfolg überrascht wurde der Flop ZUNE erfunden.
Ja, da hat Apple Microsoft etwas voraus: Bei Apple hat man nicht versucht, MP3 durch WMA zu ersetzen. Apple bevorzugt nämlich das Format AAC. Die Verbesserungen sind marginal, auch AAC ist kein freies Format. Warum kein großer Hersteller auf das freie Ogg Vorbis setzt, weiß ich nicht. Ich vermute, weil man damit weniger Geld verdienen kann.
(…) Microsoft hatte noch nie Visionen, seit den 70er liefen sie immer dem Erfinder des PCs, Apple, hinterher, schon Windows mit seiner Maus hat Gates Anfang der 80er von Apples PC Lisa gestohlen.
Der „Erfinder“ des PCs in seiner heutigen Form war der Homebrew Computer Club, Apple gab es damals noch gar nicht. Die ersten Computersysteme mit einer Maus gab es indes spätestens 1973, den Apple Lisa erst zehn Jahre später.
Die einzige strategisch richtige Entscheidung traf Gates damals indem er eben keine Hardware baute, von der Microsoft eh nichts verstand, sondern das geklaute Betriebssystem frei verkäuflich machte, und somit zum Marktführer aufstieg. Danach kam 20 Jahre lang nur Dunkelheit und Tristesse…
Apple baut ja ebenfalls keine Hardware. Das übernehmen Niedriglohnchinesen. Ansonsten ist das mit dem Klauen immer so eine Sache.
„We have always been shameless about stealing great ideas.“
– Steve Jobs, 1996
Ohne Xerox keine Apple-Maus und, was dem Ganzen noch einen interessanten Aspekt hinzufügt, ohne FreeBSD kein Mac OS X, das auf dessen Userland aufbaut und in jeder neuen Version weitere „Innovationen“ bekommt, die für uns Windowsnutzer ein alter Hut sind.
Das geht aber nicht nur Apple so – ohne „Ideenklau“ gäbe es wohl weitaus weniger Betriebssysteme als es heute der Fall ist. Gerade in der Welt der freien Software, die ja explizit daraus ausgerichtet ist, dass möglichst viele Leute möglichst viele Dinge mit dem vorliegenden Quellcode tun, herrscht da ein munteres copy & paste: Ohne Unix kein Minix, ohne Minix kein Linux, somit auch kein Android; ohne Unix ebenfalls kein BSD (und damit kein Mac OS X, kein FreeBSD, kein NetBSD, keines der anderen ungezählten BSDs). Selbst das neue kommende Ding in der Linuxwelt, das Dateisystem btrfs, ist ein konzeptioneller Nachbau des von Sun entwickelten Dateisystems ZFS (unter anderem in FreeBSD zu finden), und von den diversen UNIX- und Linuxdesktops, die sich fleißig an Bedienkonzepten aus der Apple- oder Microsoftwelt bedienen, reden wir womöglich besser gar nicht erst.
Mit unbefugt kopierten Ideen Milliarden zu „verdienen“ ist sicherlich nicht sonderlich angenehm für den ursprünglichen Erfinder, weshalb so manche dieser Ideen patentiert wurde. Anders aber sieht es mit Inspiration aus. Es ist nicht verkehrt, sich bei der Entwicklung neuer Produkte von Bestehendem leiten zu lassen. Inspiration ist oft Ursprung von Vielfalt. Vor welchem System ihr gerade auch immer sitzt: Ohne Inspiration durch andere, oft bereits seit Jahrzehnten nicht mehr weiterentwickelte Systeme wäre es höchstwahrscheinlich niemals in der vorliegenden Form entwickelt worden.
Microsoft ist, gemessen daran, erstaunlich innovativ: Nachdem es sich aus dem UNIX-Markt (schon in frühen Jahren war Microsoft mit Xenix kurzzeitig Marktführer) zurückgezogen hatte, war MS-DOS (ein gekauftes, nicht etwa „geklautes“, und dann weiterentwickeltes Produkt) ebenso eigenständig wie die leider nur kurzlebige IBM-Kollaboration OS/2. Dass das alles vor der Zeit von Steve Ballmer als CEO stattfand, soll die Verdienste der Firma Microsoft keinesfalls schmälern.
Aber was weiß ein SPIEGEL-ONLINE-Kommentator schon von solchen Zusammenhängen?