In den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXXXV: „Wir konn­ten Snow­den nicht auf­hal­ten, er war Sys­ad­min!“

Falls ihr euch übri­gens fragt, wie­so Edward Snow­den ein­fach mega­byte­wei­se gehei­me Doku­men­te aus der NSA raus­tra­gen konn­te: Er war Sys­ad­min – oben­drein ein exter­ner Mit­ar­bei­ter, der im NSA-Netz­werk wie etwa 1.000 ande­re (über­wie­gend extern beschäf­tig­te) Men­schen nach Belie­ben schal­ten und wal­ten konn­te:

Once he began coll­ec­ting docu­ments, Snow­den was sure­ly also embol­den­ed by the fact that, as a con­trac­tor working for Booz Allen Hamil­ton in Hawaii, he never once nee­ded to set foot in NSA head­quar­ters. Instead, he could access the files he wan­ted from a com­pu­ter ter­mi­nal some 5,000 miles away. (…) Like Snow­den, most of tho­se systems admins are con­trac­tors – or they were, at least.

Mei­ne Angst, von einer Behör­de wie der NSA, die ihre eige­nen gehei­men Daten in irgend­wel­chen unzu­rei­chend abge­si­cher­ten Intra­nets rum­lie­gen lässt, über­wacht zu wer­den, wird dadurch übri­gens nicht geschmä­lert. Was ist schlim­mer als Über­wa­cher? Natür­lich: Über­wa­cher, die nicht wis­sen, was sie tun. (Des­we­gen soll­ten wir uns auch alle vor dem BKA in Acht neh­men. Wenn die es irgend­wann doch noch schaf­fen, einen Staats­tro­ja­ner zusam­men­zuf­rickeln, wird der unter Garan­tie mehr Scha­den anrich­ten als beab­sich­tigt.)

„It’s 2013,“ an insi­der told NBC, „and the NSA is stuck in 2003 tech­no­lo­gy.“

Ein­mal mit Pro­fis…!

Mir wird geschlechtPiratenpartei
Femi­ni­sti­scher Ein­zel­fail

Da wir gera­de bei den Pira­ten waren, möch­te ich auf die aktu­el­le Sau, die durch die Pira­ten­par­tei getrie­ben wird, auch nur wegen des Pop­corn­fak­tors noch kurz näher ein­ge­hen, bevor es hier wie­der um inter­es­san­te­re The­men geht:

Auf der „Open­Mind 2013“, einer Kon­fe­renz, die irgend­was mit Gesell­schafts­bil­dern zu tun hat (und auf der es eine Frau­en­quo­te für die Red­ner­li­ste gibt, was über die­se Kon­fe­renz wahr­schein­lich schon alles Nöti­ge aus­sagt) und die von Mit­glie­dern der Pira­ten­par­tei orga­ni­siert wur­de, kam es wäh­rend des Vor­trags „Hate­speech und Vic­tim Bla­ming nach dem #Auf­schrei“, der den Dis­kus­si­ons­stil eini­ger Teil­neh­mer der Debat­te um den All­tags­se­xis­mus, selbst sexi­stisch geführt, the­ma­ti­sier­te, zum Eklat, als unter ande­rem eini­ge Tweets der femi­nis­mus­kri­ti­schen Twit­ter­nut­ze­rin @ochdomino als schlech­te Bei­spie­le ange­führt wur­den.

Die femi­ni­sti­sche Meu­te, die wäh­rend die­ses Vor­trags erst­mals besag­te Tweets zur Kennt­nis nahm, war natür­lich mil­de pikiert dar­über, dass man ihr unter­stellt, aus Mode­grün­den radi­ka­len Gesell­schafts­bil­dern anzu­hän­gen, und tat ihr Bestes, dem Radi­ka­lis­mus­vor­wurf zu ent­spre­chen@ochdomino sah sich in der Fol­ge der­art schwer­wie­gen­den Dro­hun­gen aus­ge­setzt, dass auch ihr Blog off­line genom­men und durch einen offe­nen Brief ihres Vaters ersetzt wur­de, der unter ande­rem dies schrieb:

Ich wer­de jeden, der mei­ne Toch­ter wei­ter­hin bedroht oder behel­ligt mit fai­ren und unfai­ren (den­noch recht­li­chen) Mit­teln bekämp­fen! Für die Pira­ten­par­tei und die­se Damen, die sich angeb­lich für die Rech­te von Frau­en ein­set­zen, emp­fin­de ich nichts als tie­fe Ver­ach­tung.

Wir ler­nen:

  1. Wenn Femi­ni­stin­nen, die blö­der­wei­se zum Groß­teil Pira­ten sind, einem Mann Gewalt andro­hen, wie es etwa @Faserpiratin (das ist die mit dem „Hatespeech“-Vortrag) bereits getan hat, dann ist das ein ein­ma­li­ger Aus­rut­scher, wenn nicht gar ein „Ein­zel­fall“. („Ein­zel­fall“ ist auch so ein Wort, das wohl nur von Frau­en defi­niert wer­den darf.)
  2. Wenn genau die­se gewalt­be­rei­ten Femi­ni­stin­nen, die blö­der­wei­se zum Groß­teil Pira­ten sind, sich von der Bezeich­nung als „faschi­sto­ide Hip­ster-Femi­ni­stin­nen“ ange­grif­fen füh­len und eine Kri­ti­ke­rin (offen­bar) an Leib und Leben bedro­hen, dann sind die Pira­ten alle­samt Ver­bre­cher, Mör­der und SA-taug­li­che Schlä­ger, denen man nichts als tie­fe Ver­ach­tung ent­ge­gen­brin­gen soll­te. (Nach­trag: Die ver­link­ten Tweets wur­den mitt­ler­wei­le lei­der gelöscht.)

Ja, wie denn nun? Und vor allem: Was bedeu­tet das für mich als Mit­glied der Pira­ten­par­tei? Ich ste­he inhalt­lich voll hin­ter @ochdomino (obwohl ich ihren Ton­fall zwar ange­mes­sen, aber doch etwas unsach­lich fin­de), muss mich aber den­noch stän­dig vor Repres­sa­li­en sei­tens ihres (mir unbe­kann­ten) Vaters fürch­ten, weil ich als Pirat schuld dar­an bin, dass sie von Leu­ten, die sich von ihr belei­digt füh­len, bedroht wird – habe ich das jetzt rich­tig ver­stan­den?

Kann man Pirat und trotz­dem kein Mör­der sein? Ich habe ein biss­chen den Über­blick ver­lo­ren. Ich war nicht mal auf die­ser bescheu­er­ten Kon­fe­renz.

Wer kann hel­fen?

NerdkramsPiratenpartei
Gnus und das Use­net: NNTP mal anders

Das Use­net ist ein Teil des Inter­nets, der viel zu wenig Beach­tung fin­det. Tat­säch­lich gibt es dort mehr zu sehen als nur irgend­wel­che Raub­ko­pien, wie die Ver­füg­bar­keit von aller­lei Pro­gram­men zum Her­un­ter­la­den von Raub­ko­pien aus dem Use­net (dar­un­ter auch kom­mer­zi­el­le Ange­bo­te wie UseN­eXT) sug­ge­riert; zum Bei­spiel das „Sync-Forum“ der Pira­ten­par­tei, also die mei­sten ihrer Mai­ling­li­sten, ist wie auch man­che Mai­ling­li­ste für freie Soft­ware per Use­net ver­füg­bar. Die Vor­tei­le lie­gen auf der Hand: Das eige­ne Mail­post­fach bleibt sau­ber, die Fil­ter­funk­tio­nen sind effi­zi­en­ter, oben­drein ist’s auch deut­lich coo­ler.

‘Gnus und das Use­net: NNTP mal anders’ wei­ter­le­sen »

MusikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXXXIV: Apple paten­tiert asyn­chro­ne Tanz­ver­an­stal­tun­gen

Mil­des Amu­se­ment ver­ur­sacht übri­gens auch die­se Mel­dung:

Apple hat ein US-Patent für „koor­di­nier­tes, musi­ka­li­sches Grup­pen­er­leb­nis­se“ erhal­ten (…). Nach der nun paten­tier­te Idee wählt ein Grup­pen­mit­glied (der DJ der Zukunft?) einen Song sei­ner Wahl, wor­auf­hin auf den Gerä­ten aller wei­te­ren Grup­pen­mit­glie­der das dazu am besten pas­sen­de Stück gespielt wird (…).

Beim DJ der Zukunft hört jeder Teil­neh­mer zur glei­chen Zeit ein ande­res Stück. Na, die Tän­ze möch­te ich sehen!


In wei­te­ren Nach­rich­ten: Justin Bie­ber ist eine „Gra­na­te im Bett“.

Granate im Bett

Explo­diert also schon bei Berüh­rung. Offen­bar wün­schen sich vie­le Frau­en heut­zu­ta­ge einen sol­chen Mann.

Das ist mei­ne Chan­ce!

Piratenpartei
Pira­ten­leaks, 27. August 2013

Nach­dem im Wahl­jahr 2013 von eini­gen Par­tei­en schon unschö­ne Details aus der Ver­gan­gen­heit (bei der F.D.P. das mit der Abstim­mung gegen dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft und Gleich­be­rech­ti­gung bei Ehe­schlie­ßun­gen, bei den Grü­nen das mit dem Kin­der­ficken) an die Ober­flä­che gespült wur­den, kön­nen natür­lich auch die Pira­ten nicht hin­ten anste­hen.

Klar ist gera­de in einer digi­tal ver­netz­ten Par­tei die Gefahr groß, dass sich Klün­gel bil­det. Nur sel­ten wird das öffent­lich gemacht.

Aktu­ell wird auf der inter­nen Mai­ling­li­ste des nie­der­säch­si­schen Lan­des­vor­stands ein pikan­ter Sach­ver­halt dis­ku­tiert: Offen­bar exi­stier­te (Vor­sicht: Ver­weis auf NSA-Goog­le!) bis vor kur­zem eine Mai­ling­li­ste namens „Pres­se­ko­or­di­na­ti­on der Lan­des­ver­bän­de“, in die nicht alle Pres­se­spre­cher und nicht alle Lan­des­vor­stän­de, wohl aber aller­lei ehe­ma­li­ge Vor­stän­de Ein­sicht erhal­ten. Die Dis­kus­si­on auf der Mai­ling­li­ste ist recht erhel­lend:

Spie­ge­lung in Text­form (Quel­le)

Nun wur­den, wohl um Spu­ren zu ver­wi­schen, fol­gen­de drei „Tickets“, also Anträ­ge, gestellt, die wahl­wei­se die Ver­öf­fent­li­chung oder die Löschung des vor­han­de­nen Archivs besag­ter Mai­ling­li­ste zum Inhalt haben. (Lei­der ist mir das Archiv selbst nicht zugäng­lich.)

Lesens­wert ist hier­bei vor allem der Kon­trast zwi­schen Befür­wor­tern und Geg­nern der Frei­ga­be. Für Rechen­künst­ler übri­gens noch fol­gen­des Gedan­ken­spiel: Der nie­der­säch­si­sche Lan­des­vor­stand hat zur­zeit 11 Mit­glie­der, um eine Frei­ga­be des Archivs zu errei­chen, müss­te es also min­de­stens 6 Dafür-Stim­men geben. Dass es kei­ne sech­ste gibt (und nicht ein­mal der erste Vor­sit­zen­de bis­lang abge­stimmt hat), ist ver­mut­lich kein Zufall, wenn man den Chat­aus­schnitt von der Mai­ling­li­ste berück­sich­tigt.

Ich fas­se zusam­men: Ein ehe­ma­li­ges Mit­glied des Lan­des­vor­stands (Tho­mas Gaul), der momen­tan als Koor­di­na­tor für die Pira­te Par­ty Inter­na­tio­nal tätig ist, hat also mit­hil­fe einer gehei­men Mai­ling­li­ste, in die nicht jeder rein­kommt (wir erin­nern uns), und eines als Bei­sit­zer erneut gewähl­ten Mit­glieds des Lan­des­vor­stands (Mario Espen­schied) sel­bi­gen Vor­stand offen­bar voll im Griff und schreckt beim Ver­such, die­sen Griff hal­ten zu kön­nen, auch vor Erpres­sungs­ver­su­chen nicht zurück. Und wie er sich dar­über freut! Natür­lich könn­te man die­sen Herrn ein­fach unsanft vor die Tür set­zen, aber so kurz vor der Wahl ist schlech­te publi­ci­ty womög­lich nicht erstre­bens­wert. Die basis­de­mo­kra­ti­sche Mit­be­stim­mung (Open­An­trag hat­te ich ja bereits als posi­ti­ve Neue­rung her­aus­ge­stellt) nimmt gele­gent­lich impo­san­te Aus­ma­ße an.

Der nie­der­säch­si­sche Lan­des­vor­stand wird zur­zeit von Kevin Pri­ce gelei­tet, der in sei­nen E‑Mails an den Lan­des­ver­band Nie­der­sach­sen nicht sel­ten das Trans­pa­renz­ge­bot erwähnt, dem er sich selbst unter­wor­fen sieht. Ich über­neh­me das jetzt mal für ihn.

(Quel­le: Inter­net.)


Nach­trag 1: Soeben wur­den zwei der drei Tickets geöff­net, Kevin hat jetzt auch abge­stimmt.

Nach­trag 2: Um 3:56 Uhr hat Kevin Pri­ce sich – laut eige­ner Aus­sa­ge zwei Wochen nach erst­ma­li­ger Kennt­nis­nah­me vom Sach­ver­halt – öffent­lich zu dem Vor­fall geäu­ßert (Spie­gel hier).

KaufbefehleMusikkritik
Kurz­kri­tik: In the Silence – A Fair Dream Gone Mad

In The Silence - A Fair Dream Gone MadFür die Jah­res­li­ste 2012 lei­der etwas zu spät erreich­te mich das Album „A Fair Dream Gone Mad“ des kali­for­ni­schen Quar­tetts In the Silence.

Silent, also still, sind sie jedoch nicht. Als tags haben sich In The Silence die Gen­res Hard Rock, Metal, Prog, Pro­gres­si­ve Rock, Rock, Gothic Metal, Metal, Post-Metal und Pro­gres­si­ve Metal ange­hef­tet. Gen­res sind was für alte Leu­te und Musik­jour­na­li­sten. (Na gut, „Post­rock“ las­se ich gel­ten.) Gothic und Prog(-ressive Rock) erken­ne ich als Hörer hier aber auch nicht, trotz­dem weiß ich wohl zu schät­zen, was ich höre. In the Silence – wenn’s denn unbe­dingt einer die­ser kli­schee­haf­ten Ver­glei­che sein muss, klingt wie Toc.Sin ohne Layn und mit noch mehr Eiern. Von Anfang an domi­niert eine trei­ben­de Rhyth­mus­ab­tei­lung, die sich über wei­te Tei­le des Albums mit schnei­den­den Gitar­ren ver­mengt.

Zu viel Text? Nun, das vor­letz­te Stück „All the Pie­ces“ fasst all die Stücke auf „A Fair Dream Gone Mad“ gut zusam­men:

Auf Band­camp sind zumin­dest vier der acht Stücke frei hör­bar, mitt­ler­wei­le haben In the Silence jedoch die Plat­ten­fir­ma gewech­selt und ste­hen nun bei Sen­so­ry Records unter Ver­trag, die immer­hin auch per Amazon.de ver­trei­ben – Hör­pro­ben für die vier ande­ren Stücke sind also auch im Inter­net zu fin­den.

„A Fair Dream Gone Mad“ ist für die­je­ni­gen, die für Gitar­ren­mu­sik mit ange­nehm unauf­fäl­li­gem Gesang emp­fäng­lich sind, höchst emp­feh­lens­wert. Folgt die­ser Emp­feh­lung zahl­reich!

PiratenparteiMontagsmusik
Han­nes Wader und Die Toten Hosen – Heu­te hier, mor­gen dort

Gele­gent­lich wer­de ich gefragt, wie­so ich immer noch in die­ser Pira­ten­par­tei bin. Nun, einer der Grün­de ist der, dass sie als ein­zi­ge grö­ße­re Par­tei ihre Wahl­ver­spre­chen hält, auch, wenn es manch­mal etwas län­ger dau­ert. Das Ver­spre­chen, dass im Fall einer Wahl die Stim­me der Bür­ger mehr Gewicht erhal­ten wird, wur­de nun etwa mit­tels einer neu­en soft­ware mit dem herz­er­wei­chend däm­li­chen Namen Open­An­trag (nur echt mit Bin­nen­Ma­jus­kel) umge­setzt, über das jeder Bür­ger „sei­ner“ Frak­ti­on einen Antrag über­mit­teln kann, der dann, wenn er nicht all­zu kon­trär den Grund­pfei­lern der Pira­ten­par­tei zuwi­der­läuft, im jewei­li­gen Par­la­ment ein­ge­bracht wird. Am bescheu­er­ten Namen soll’s ja dann auch nicht mehr schei­tern. (Wenn’s wenig­stens Open­So­ur­ce wäre!) – Gele­gent­lich (ganz, ganz sel­ten) glaubt man ja dann doch noch in das Gute in die­ser Par­tei, wenn’s halt weni­ger Spin­ner in ihr gäbe.

Gele­gent­lich (ganz, ganz sel­ten) glaubt man ja dann auch noch an das Gute in der Musik­in­du­strie. Den dies­jäh­ri­gen „Echo“ (so ein medi­al zele­brier­ter Musik­preis, mit­hil­fe des­sen die Pop­in­du­strie die Pop­in­du­strie dafür belohnt, eine Pop­in­du­strie zu sein) gewan­nen neben aller­lei Musi­kern, die man ver­mut­lich nicht ein­mal ken­nen soll­te, auch Led Zep­pe­lin und Han­nes Wader. Han­nes Wader, der jun­gen Gene­ra­ti­on womög­lich bis dato unbe­kannt, ist ein Volks­sän­ger (nicht zu ver­wech­seln mit Schla­ger­sän­gern), der in den 1970er Jah­ren mit aller­lei Gesell­schafts­po­li­ti­schem Bekannt­heit erlangt hat­te.

Man möge aber nur nicht glau­ben, die Musik­in­du­strie sei bereit, einem nicht mit ihrer Fixie­rung auf die musi­ka­li­schen Vor­lie­ben jun­ger Leu­te kom­pa­ti­blen Musi­ker, gleich­wie legen­där er auch sein mag, eine eige­ne Büh­ne zu bie­ten. Da fehlt’s am Punk, und Cam­pi­no kann den Text nicht. Irgend­was ist ja immer.

Und wie pas­send!

So ver­geht Jahr um Jahr,
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.

Guten Mor­gen.

PolitikNetzfundstücke
„She was very plea­sed.“

War­um sind die Ame­ri­ka­ner eigent­lich so unsag­bar naiv? Nun, viel­leicht auch des­halb, weil sie von Kin­des­bei­nen an mit der Mär von Sicher­heit auf­wach­sen, die sie beschützt und ihr Freund, nicht jedoch ihr Feind ist.

Eine belieb­te Kin­der­buch­rei­he ist etwa „Oli­via“ von Ian Fal­co­ner, in der ein Schwein namens Oli­via durch die Welt reist und blö­de Din­ge tut. Da bie­tet es sich doch an, gele­gent­lich Hin­wei­se auf die Welt zu hin­ter­las­sen, in der man als Kind heut­zu­ta­ge so auf­wächst, denn auch ein ver­mensch­lich­tes Schwein bekommt kei­ne Son­der­be­hand­lung; wenn es etwa nach Vene­dig flie­gen will, muss es erst mal an der Flug­ha­fen­si­cher­heit vor­bei:

She was very pleased

Als sie durch den Flug­ha­fen gin­gen, wur­de Oli­via nach Waf­fen durch­sucht. Sie war äußerst zufrie­den.

(Frei über­setzt – die deut­sche Fas­sung habe ich lei­der momen­tan nicht vor­lie­gen.)

Seht ihr, Kin­der, der Staat passt auf euch auf – er guckt jedes Mal nach, ob ihr nicht viel­leicht doch Ter­ro­ri­sten seid. Wenn das kein Grund zum Lächeln ist…?

„Und Pig­gel­dy ging mit Fre­de­rick nach Hau­se.“
– Gott­fried Kra­mer

(via Eli­as Schwerd­fe­ger)

In den NachrichtenNerdkrams
Lot­se Ball­mer geht von Bord, die Rat­ten sind amü­siert.

Und da wir gera­de bei so Com­pu­ter­kram waren: Ste­ve Ball­mer, seit 37 Jah­ren bei Micro­soft und einer der letz­ten cha­ris­ma­ti­schen Vor­stän­de in den klas­si­schen EDV-Unter­neh­men, hat ange­kün­digt, bin­nen eines Jah­res sei­nen Hut zu neh­men. Dass so genann­te Nach­rich­ten­por­ta­le wie SPIEGEL ONLINE, die einst dem weit weni­ger agi­len Ste­ve Jobs wie Grou­pies eines Pop­stars zit­ternd an den Lip­pen hin­gen, den Per­so­nal­wech­sel fre­ne­tisch – end­lich ist „der Irre“ (ebd.) weg – beju­beln, war eigent­lich abseh­bar. Posi­ti­ve Wor­te über App­les größ­ten Kon­kur­ren­ten ver­liert man nicht gern, wenn man selbst jah­re­lang App­les Fah­ne geschwenkt hat.

Da müs­sen sich auch die Kom­men­ta­to­ren nicht mehr zurück­hal­ten. Im SPIE­GEL-ONLINE-Forum etwa redet der pseud­ony­me anschei­nen­de App­le­an­hän­ger „blue­me­tal“ fol­gen­den Unsinn daher:

Sie brin­gen es auf den Punkt, eine Finanz­ver­wal­ter, kein Visio­när, unter des­sen Ägi­de man alles ver­schlief und nur hin­ter­her­lief: Inter­net, mobi­le Com­pu­ting, Tablets, Smart­phones, Social Net­works.

Das stimmt so nur teil­wei­se. Tat­säch­lich war Micro­soft unter Ste­ve Ball­mer nicht son­der­lich visio­när – Inter­net (in Win­dows 98 voll­stän­dig vor­ge­se­hen) sowie mobi­le com­pu­ting und Tablets waren bereits vor Herrn Ball­mers Amts­an­tritt kei­ne Unbe­kann­ten mehr im Hau­se Micro­soft. Was „social net­works“ betrifft, so ist Micro­soft mit der Kol­la­bo­ra­ti­on mit Face­book ver­mut­lich erfolg­rei­cher als App­les „Ping“ (kennt ihr nicht? – Eben!) es wohl jemals sein wird. Zuge­ge­ben: Das mit den Tele­fo­nen hat etwas län­ger gedau­ert.

Mit unglaub­li­cher Arro­ganz und ver­meint­li­chem Mono­pol wur­de z. B. ver­sucht MP3 durch das eige­ne WMA For­mat zu erset­zen. Völ­lig vom iPod Erfolg über­rascht wur­de der Flop ZUNE erfun­den.

Ja, da hat Apple Micro­soft etwas vor­aus: Bei Apple hat man nicht ver­sucht, MP3 durch WMA zu erset­zen. Apple bevor­zugt näm­lich das For­mat AAC. Die Ver­bes­se­run­gen sind mar­gi­nal, auch AAC ist kein frei­es For­mat. War­um kein gro­ßer Her­stel­ler auf das freie Ogg Vor­bis setzt, weiß ich nicht. Ich ver­mu­te, weil man damit weni­ger Geld ver­die­nen kann.

(…) Micro­soft hat­te noch nie Visio­nen, seit den 70er lie­fen sie immer dem Erfin­der des PCs, Apple, hin­ter­her, schon Win­dows mit sei­ner Maus hat Gates Anfang der 80er von App­les PC Lisa gestoh­len.

Der „Erfin­der“ des PCs in sei­ner heu­ti­gen Form war der Home­brew Com­pu­ter Club, Apple gab es damals noch gar nicht. Die ersten Com­pu­ter­sy­ste­me mit einer Maus gab es indes spä­te­stens 1973, den Apple Lisa erst zehn Jah­re spä­ter.

Die ein­zi­ge stra­te­gisch rich­ti­ge Ent­schei­dung traf Gates damals indem er eben kei­ne Hard­ware bau­te, von der Micro­soft eh nichts ver­stand, son­dern das geklau­te Betriebs­sy­stem frei ver­käuf­lich mach­te, und somit zum Markt­füh­rer auf­stieg. Danach kam 20 Jah­re lang nur Dun­kel­heit und Tri­stesse…

Apple baut ja eben­falls kei­ne Hard­ware. Das über­neh­men Nied­rig­lohn­chi­ne­sen. Anson­sten ist das mit dem Klau­en immer so eine Sache.

„We have always been shame­l­ess about ste­al­ing gre­at ide­as.“
– Ste­ve Jobs, 1996

Ohne Xerox kei­ne Apple-Maus und, was dem Gan­zen noch einen inter­es­san­ten Aspekt hin­zu­fügt, ohne Free­BSD kein Mac OS X, das auf des­sen User­land auf­baut und in jeder neu­en Ver­si­on wei­te­re „Inno­va­tio­nen“ bekommt, die für uns Win­dows­nut­zer ein alter Hut sind.

Das geht aber nicht nur Apple so – ohne „Ideen­klau“ gäbe es wohl weit­aus weni­ger Betriebs­sy­ste­me als es heu­te der Fall ist. Gera­de in der Welt der frei­en Soft­ware, die ja expli­zit dar­aus aus­ge­rich­tet ist, dass mög­lichst vie­le Leu­te mög­lichst vie­le Din­ge mit dem vor­lie­gen­den Quell­code tun, herrscht da ein mun­te­res copy & paste: Ohne Unix kein Minix, ohne Minix kein Linux, somit auch kein Android; ohne Unix eben­falls kein BSD (und damit kein Mac OS X, kein Free­BSD, kein Net­BSD, kei­nes der ande­ren unge­zähl­ten BSDs). Selbst das neue kom­men­de Ding in der Linux­welt, das Datei­sy­stem btrfs, ist ein kon­zep­tio­nel­ler Nach­bau des von Sun ent­wickel­ten Datei­sy­stems ZFS (unter ande­rem in Free­BSD zu fin­den), und von den diver­sen UNIX- und Linux­desk­tops, die sich flei­ßig an Bedien­kon­zep­ten aus der Apple- oder Micro­soft­welt bedie­nen, reden wir womög­lich bes­ser gar nicht erst.

Mit unbe­fugt kopier­ten Ideen Mil­li­ar­den zu „ver­die­nen“ ist sicher­lich nicht son­der­lich ange­nehm für den ursprüng­li­chen Erfin­der, wes­halb so man­che die­ser Ideen paten­tiert wur­de. Anders aber sieht es mit Inspi­ra­ti­on aus. Es ist nicht ver­kehrt, sich bei der Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­te von Bestehen­dem lei­ten zu las­sen. Inspi­ra­ti­on ist oft Ursprung von Viel­falt. Vor wel­chem System ihr gera­de auch immer sitzt: Ohne Inspi­ra­ti­on durch ande­re, oft bereits seit Jahr­zehn­ten nicht mehr wei­ter­ent­wickel­te Syste­me wäre es höchst­wahr­schein­lich nie­mals in der vor­lie­gen­den Form ent­wickelt wor­den.

Micro­soft ist, gemes­sen dar­an, erstaun­lich inno­va­tiv: Nach­dem es sich aus dem UNIX-Markt (schon in frü­hen Jah­ren war Micro­soft mit Xenix kurz­zei­tig Markt­füh­rer) zurück­ge­zo­gen hat­te, war MS-DOS (ein gekauf­tes, nicht etwa „geklau­tes“, und dann wei­ter­ent­wickel­tes Pro­dukt) eben­so eigen­stän­dig wie die lei­der nur kurz­le­bi­ge IBM-Kol­la­bo­ra­ti­on OS/2. Dass das alles vor der Zeit von Ste­ve Ball­mer als CEO statt­fand, soll die Ver­dien­ste der Fir­ma Micro­soft kei­nes­falls schmä­lern.

Aber was weiß ein SPIE­GEL-ONLINE-Kom­men­ta­tor schon von sol­chen Zusam­men­hän­gen?

NetzfundstückeNerdkrams
Medi­en­kri­tik LXXIX: Gespalt3ne Zun­ge

Einer der Vor­tei­le des frei­en Webs ist ja das mit den Wer­be­blockern; nie­mand kann einem Benut­zer vor­schrei­ben, wel­che Tei­le sei­ner Web­site er gefäl­ligst anzu­zei­gen hat. Jah­re­lang beliebt war etwa Adblock Plus, eine Brow­ser­er­wei­te­rung für Gecko- und Web­kit-basier­te Brow­ser, mit­hil­fe derer die mit­un­ter all­zu ner­vi­ge Wer­bung auf eini­gen Web­sei­ten qua­si auto­ma­tisch ver­schwand. (Wer nicht unbe­dingt quell­of­fe­ne Soft­ware benö­tigt und Win­dows ein­setzt, der soll­te sich ein­mal Adguard und Ad Mun­cher anse­hen, die unab­hän­gig vom ein­ge­setz­ten Brow­ser funk­tio­nie­ren.) Mitt­ler­wei­le wird Adblock Edge emp­foh­len, denn die Macher von Adblock Plus haben augen­schein­lich unter dem Vor­wand der Fair­ness eini­ge unsau­be­re Geschäfts­prak­ti­ken durch­ge­setzt. Auch in der Open-Source-Sze­ne scheint das mit dem Gemein­schafts­den­ken und dem frei­en Für­ein­an­der gele­gent­lich nicht mehr als ein Fei­gen­blatt zu sein. – Aber ich schwei­fe ab.

Nach­dem vor eini­ger Zeit sei­tens man­cher deutsch­spra­chi­gen Nach­rich­ten­sei­te (das waren die mit dem Lei­stungs­schmutz­recht) eine ziem­lich umfang­rei­che „Bit­te stellt euren Wer­be­blocker ab!“-Kampagne gelau­fen war, begin­nen die Medi­en, deren nerv­tö­ten­dem Geflen­ne dies­be­züg­lich wahr­schein­lich so man­cher Inter­net­nut­zer nach­ge­kom­men ist, sich wie­der den Ursa­chen, nicht mehr nur den Sym­pto­men der Wer­be­blocke­rei zuzu­wen­den: Wer­bung nervt meist. Es gibt unauf­dring­li­che Wer­bung, gegen die nie­mand was hat; aber grell­bun­te, ani­mier­te, womög­lich trö­ten­de oder sonst­wie klin­gen­de Wer­bung ist über­flüs­sig wie sonst nur SPIEGEL ONLINE.

Das hat auch t3n erkannt. t3n (wohl „ten“, nicht „tdrein“, ist gemeint; na ja, mit drei oder vier Jah­ren hab‘ ich so man­chen Buch­sta­ben auch noch nicht rich­tig­her­um geschrie­ben) ist ein vor­geb­li­ches Tech­nik­ma­ga­zin, das es in einer Druck- und einer Web­fas­sung gibt. Die Web­prä­senz ist mit dem Mot­to des Maga­zins, „we love tech­no­lo­gy“, über­schrie­ben; laut Twit­ter ist man gar ein Maga­zin für (…) Web­ent­wick­lung. Der blo­ße Auf­ruf der Web­site über­zeugt mich aller­dings – Fire­fox‘ wort­rei­cher Feh­ler­kon­so­le sei’s gedankt – bereits von einem etwas merk­wür­di­gen Ver­ständ­nis von Lie­be und Web­zeug:

t3n CSS-FAIL

In einem aktu­el­len Arti­kel („So deak­ti­vierst du alle Wer­bung auf You­Tube“) erklärt t3n-Autor Séba­stien Bon­set, wie man zum Bei­spiel die gräss­lich blink­bun­te Wer­bung vor You­Tube-Vide­os los­wird:

Es gibt unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten, sich der Wer­bung auch auf You­Tube zu ent­le­di­gen. Wer­be­blocker sind dabei wohl das bekann­te­ste Mit­tel.

Der Arti­kel geht im Fol­gen­den etwas näher auf einen aktu­el­len und womög­lich nur befri­ste­ten Test sei­tens Goo­gles ein, der es ermög­licht, auf You­Tube die Wer­bung per Coo­kie zu ent­fer­nen. t3n scheint also durch­aus eben­falls der Ansicht zu sein, dass ani­mier­te Wer­bung eher stö­rend ist und vom Besu­cher einer Web­site nicht gedul­det wer­den muss.

Nun, wenn ich t3n.de ohne Wer­be- und son­sti­ge Blockier­werk­zeu­ge besu­che, blinkt mir zunächst mal ein gro­ßer Flash­ban­ner ent­ge­gen. (Flash ist die­ses stän­dig kaput­te Brow­ser­plug­in, das dafür sorgt, dass Wer­be­ban­ner auch Töne abspie­len kön­nen. Nütz­lich, nicht?) Jedoch gibt es unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten, sich der Wer­bung auch auf t3n.de zu ent­le­di­gen. Das mag t3n.de aber nicht:

t3n Werbeblockergejammer

Wer­bung auf die­sen Sei­ten wird über­wie­gend pro Ein­blen­dung bezahlt und die­se Ein­nah­men ermög­li­chen uns, dir die Inhal­te von t3n.de kosten­los anzu­bie­ten. Wenn dir t3n.de gefällt und Du unse­re Arbeit gern unter­stüt­zen möch­test, deak­ti­vie­re doch bit­te den AdBlocker auf unse­ren Sei­ten.

Das könn­te natür­lich erklä­ren, war­um man beim Maga­zin für Web­ent­wick­lung nicht dar­auf ein­ge­stellt ist, dass nicht jeder Besu­cher den Blink­quatsch ertra­gen möch­te:

t3n JavaScript-FAIL

Inter­es­san­ter­wei­se läuft t3n.de übri­gens unter GNU/Linux, einem Betriebs­sy­stem, das über­wie­gend (mit Aus­nah­me Dumm­bun­tus) kosten­los und wer­be­frei ange­bo­ten wird, obwohl vie­le Frei­wil­li­ge eine Men­ge Zeit (und Geld) hin­ein­in­ve­stie­ren, ohne dafür regel­mä­ßi­ges Gehalt abgrei­fen zu kön­nen:

# nmap ‑v ‑A t3n.de
(…)
OS details: Linux 2.6.32 – 2.6.33

Dass auf eurer mobi­len Sei­te, auf der mich kei­ner­lei Wer­bung anbrüllt, besag­ter Arti­kel im Gegen­satz zur Desk­top­ver­si­on nicht in den „Top-Arti­keln“ zu fin­den ist, ver­wun­dert mich nur bedingt. Ich dan­ke jedoch für die For­mu­lie­rung in eurem Wer­be­blocker­an­pran­ge­rungs­text, denn so gese­hen habe ich gar kein Inter­es­se dar­an, dass eure „Arbeit“ finan­zier­bar bleibt. Ich neh­me an, ihr ver­steht das.

„Herr­je!“
– Win­nie Puuh

(teil­wei­se via Alarm­knopf)

MusikNetzfundstücke
Mate­ria­lis­mus Delu­xe

Apro­pos Musik:

Manch­mal ist die Musik­in­du­strie doch komö­di­an­ti­scher als sie es sich selbst ein­zu­ge­ste­hen traut.

Wenn man zum Bei­spiel Plat­ten­fir­ma ist und ein Album wie Geor­ge Har­ri­sons „Living in the Mate­ri­al World“ („Leben in einer mate­ri­el­len Welt“) neu auf­le­gen möch­te, dann schmeißt man nicht ein­fach für’nen Fün­fer (mei­net­we­gen für’nen Zeh­ner, wenn’s ein anstän­di­ges digi­pack dazu gibt) eine Neu­fas­sung der alten Schei­be auf den Markt, nee-hee, dann gibt es eine Super Delu­xe Edi­ti­on mit DVDs und CDs und Fotos und Mur­meln (ach nein, das waren ja Pink Floyd; Man­no, Geor­ge-Har­ri­son-Mur­meln hab‘ ich noch nicht).

Eine Super Delu­xe Edi­ti­on. Von „Living in the Mate­ri­al World“.

Dar­auf muss man erst mal kom­men.

„Some boys kiss me, some boys hug me / I think they’­re O.K. / if they don’t give me pro­per cre­dit / I just walk away“
– Madon­na: Mate­ri­al Girl

KaufbefehleMusikkritik
douBt – Mer­cy, Pity, Peace & Love

douBt - Mercy, Pity, Peace & LoveJa, das Con­ti­nen­tal-Album war­tet immer noch dar­auf, dass ich es mal höre. Eins nach dem ande­ren! Wei­ter oben auf mei­nem Sta­pel näm­lich liegt douBts Zweit­ling „Mer­cy, Pity, Peace & Love“ von Ende 2012 (lei­der also etwas zu früh für die Jah­res­li­ste 2013) und ist wirk­lich nicht schlecht.

„Mer­cy, Pity, Peace & Love“ (zu Deutsch etwa „Barm­her­zig­keit, Mit­leid, Fried­fer­tig­keit und Lie­be“) bezeich­net laut Wil­liam Bla­ke vier der sie­ben christ­li­chen Kar­di­nal­tu­gen­den. Was mit den ande­ren drei Kar­di­nal­tu­gen­den ist, weiß ich nicht. Viel­leicht kom­men die auf dem näch­sten Album. douBt jeden­falls ist ein Jazz­rock-Trio, das auf sei­nem Debüt­al­bum „Never Pet A Bur­ning Dog“ die Can­ter­bu­ry-Legen­de Richard Sin­clair als Gast­mu­si­ker enga­gie­ren konn­te und so die Mess­lat­te natür­lich von vorn­her­ein recht hoch gehängt hat. „Mer­cy, Pity, Peace & Love“ soll­te also dar­an gemes­sen wer­den.

Aber kei­nes­falls führt eine sol­che Mes­sung auto­ma­tisch zu einem Rang­ver­lust, eher ist das Gegen­teil der Fall. Dabei soll­te man sich nicht vom Anfang des Albums täu­schen las­sen: „The­re Is a War Going On“ ist eine von 70-er-Jah­re-Orgel­klän­gen unter­leg­te aus­zugs­wei­se Rede des US-ame­ri­ka­ni­schen Sena­tors Ber­nie San­ders, in der die­ser über die Unter­schie­de in den gesell­schaft­li­chen Klas­sen refe­rier­te. Na gut, eigent­lich soll­te man sich schon täu­schen las­sen, denn abge­dreh­te Ideen sind auf „Mer­cy, Pity, Peace & Love“ reich­lich zu hören. Mit Gesang soll­te man zwar nicht rech­nen, aber wer erwar­tet sol­chen schon auf einem Jazz­al­bum?

„Jazz“ ist dabei viel­leicht etwas zu kurz gegrif­fen. Hier wer­den Psy­che­de­lic („The­re Is A War Going On“), Jazz und Funk (wenn auch weni­ger als noch auf dem Vor­gän­ger­al­bum) sowie Expe­ri­men­tell-Elek­tro­ni­sches („Mer­cy, Pity, Peace and Love“) eng mit­ein­an­der ver­zahnt. Schon das zwei­te Stück, „Jalal“, ist groo­ve­la­sti­ger Jazz­rock mit merk­wür­dig schrä­gem Rhyth­mus, der trotz­dem im Ohr hän­gen bleibt, will sagen: mit­reißt. Eher an die jün­ge­ren King Crims­on – wenn­gleich das Schlag­zeug­spiel auch Bill-Bruford-Fans gefal­len dürf­te – erin­nert das gitar­ren­la­sti­ge „No More Quar­rel with the Devil“, das gegen Ende unver­mit­telt in Kir­mes­mu­sik über­geht. Skur­ril, aber inter­es­sant. Nach einem irgend­wie bedroh­li­chen Lounge-Jazz-Inter­mez­zo („Rising Upon Clouds“) folgt dann ein fast fünf­mi­nü­ti­ges Gitar­ren­ge­flim­mer namens „Pur­ple Haze“. Pur­ple Haze? Nein, nicht Hen­drix, aber ein ver­dammt ein­drucks­vol­les Cover des­sel­ben. Gitar­rist Michel Del­ville und Key­boar­der Alex Magui­re lie­fern sich hier ein rasend schnel­les Duett (wenn nicht gar Duell), das auf­hor­chen lässt. Ist das noch Jazz? Nö! Na und?

Kei­ne Sor­ge jedoch, denn der Jazz hat sich nur eine kur­ze Pau­se gegönnt. Bereits im col­tra­nes­quen „The Invi­ta­ti­on“ und deut­li­cher noch im vor­letz­ten Stück „Mer­cury“ kehrt er zurück und spielt ein wei­te­res Mal sei­ne Stär­ken aus. Kon­ser­va­ti­ven Jazz­freun­den feh­len womög­lich Blä­ser anstel­le des (oder zusätz­lich zum) Pianoklimpern(s), aber als kon­ser­va­ti­ver Jazz­freund hört man wahr­schein­lich sowie­so nichts, was nicht von Col­tra­ne oder Davis selbst ist. Scha­de drum. Aber zurück zum gewohn­ten Pro­gramm­ab­lauf: Das „The Invi­ta­ti­on“ fol­gen­de Titel­stück („Mer­cy, Pity, Peace and Love“) – ich erwähn­te es ja schon – hat mit Jazz wie­der­um eher wenig zu tun, tat­säch­lich ist nur die Lust an der frei­en Form von die­sem geblie­ben. Auf knapp über zwölf Minu­ten wirft die Band hier Krau­tig-Spa­ci­ges, Doom-Jazz (also doch!) und Avant­gar­de-Ein­spreng­sel wie Kon­fet­ti in die Luft und fängt das Durch­ein­an­der wie­der ein, nicht ohne ihm einen Sinn zu ver­lei­hen. Das Stück schwellt an und wie­der ab wie Mee­res­rau­schen, aber in dem Meer ist eine Men­ge los. Wem das gefällt, der hat wenig spä­ter noch eine Mög­lich­keit, die­sem Stil zu hul­di­gen: „The Human Abstract“ ist eine wirr schei­nen­de Instru­men­tal­col­la­ge, die ich nur schwer­lich zu beschrei­ben weiß. Viel­leicht so: Spielt drei Jazz­rock­plat­ten und ein Spa­ce­rock­al­bum mit unter­schied­li­chen Geschwin­dig­kei­ten, aber zur glei­chen Zeit ab. So unge­fähr müsst ihr euch „The Human Abstract“ vor­stel­len; und das Erstaun­li­che ist, dass es trotz­dem funk­tio­niert. So ungern ich mich hier auch wie­der­ho­le: Merk­wür­dig.

Das Album schließt mit dem Neun­ein­sech­stel­mi­nü­ter „Good­bye My Fel­low Sol­dier“, das den etwas auf­ge­dreh­ten Stil von douBt mit dem Can­ter­bu­ry-Jazz von Soft Machi­ne paart. Ganz vom Can­ter­bu­ry lösen will man sich also nicht, und das ist gut. Ich mag den Can­ter­bu­ry-Sound. Von „The­re Is a War Going On“ (wie auch von „No More Quar­rel with the Devil“) gibt es auf dem Album übri­gens auch ein repri­se, das ohne Poli­ti­ker­stim­men aus­kommt. Auch mal ganz schön.

Für Hör­pro­ben soll­tet ihr MySpace kon­sul­tie­ren und her­nach umge­hend das Album kau­fen. Es lohnt sich. Aber das soll­tet ihr ja nun schon wis­sen.

PolitikIn den Nachrichten
Die Kanz­le­rin steht ihren Mann

Nun, da die Kanz­le­rin die Sache mit der NSA gewohnt sou­ve­rän erle­digt hat, hat sie sich ein wenig Urlaub red­lich ver­dient. Zunächst mach­te sie aber gestern Halt im KZ Dach­au, von wo aus sie zu einem Wahl­kampf­auf­tritt in einem Bier­zelt wei­ter­rei­ste. Für den Wahl­kampf nimmt man doch so ein biss­chen Betrof­fen­heit gern in Kauf, wenn man bei der CDU ist. Die CSU Puch­heim fin­det das gut, von Rena­te Kün­ast (das war die mit der Heu­che­lei) ver­nahm man das gewohn­te Tamm­tamm, sie sei dar­ob, ich zitie­re, „empört“. Empört!!1

Etwas scha­de ist es nur, dass das Agen­tur­bild offen­bar nach­träg­lich retu­schiert wur­de:

Kanzlerin in Dachau (unecht)

Da fehlt doch was!

Kanzlerin in Dachau (echt)

Na also – jetzt stimmt es. Alles muss man sel­ber machen!

Sonstiges
Gegen Gewalt! (Also gegen die fal­sche jeden­falls.)

(Vor­be­mer­kung: Im Fol­gen­den ver­lin­ke ich in Erman­ge­lung wirk­lich zuver­läs­si­ger Quel­len mehr­fach auf die Goog­le-Suche. Ich emp­feh­le vor einem Klick auf die­se Ver­wei­se vor­über­ge­hend Java­Script und Coo­kies zu deak­ti­vie­ren.)

Wie fried­fer­tig die Men­schen in die­sem Land doch sind, obwohl ihr Land welt­weit Sol­da­ten sta­tio­niert hat, ist doch immer wie­der erfreu­lich. Glaubt man Goog­le, so sind die gewalt­frei­en Enga­ge­ments hier­zu­lan­de viel­sei­tig: Die Bür­ger set­zen sich zum Bei­spiel mit Spra­che und Mil­lio­nen gegen rech­te Gewalt (etwa 1,3 Mil­lio­nen Ergeb­nis­se), männ­li­che Gewalt gegen­über Frau­en (etwa 1,14 Mil­lio­nen Ergeb­nis­se) und nicht zuletzt Gewalt an Kin­dern (immer­hin noch etwa 461.000 Ergeb­nis­se) ein.

Was haben all die­se Gewalt­ver­hin­de­run­gen gemein­sam? Rich­tig: Sie dif­fe­ren­zie­ren. Es scheint eine all­zu welt­ent­rück­te Vor­stel­lung zu sein, die Über­zeu­gung, man leh­ne Gewalt immer und grund­sätz­lich und unter allen Umstän­den ab, ohne Ein­schrän­kun­gen nach außen hin zu ver­tre­ten; offen­bar gibt es Qua­li­täts­ab­stu­fun­gen in der Beur­tei­lung von Gewalt. Eine gedank­li­che Tren­nung von schlim­mer Gewalt (etwa „von rechts“) und weni­ger schlim­mer Gewalt (zum Bei­spiel Män­ner, die Män­ner schla­gen) ist en vogue, denn, so lau­tet eine gän­gi­ge Argu­men­ta­ti­on, wenn ein deut­scher Mann einen ande­ren deut­schen Mann schlägt, sei das ja nicht so schlimm wie Gewalt von deut­schen Män­nern gegen männ­li­che Asy­lan­ten, weil isso. Es fehlt die Fähig­keit zu erken­nen, dass es kei­ne qua­li­ta­ti­ven Unter­schie­de in gewalt­sa­men Über­grif­fen gibt, denn wo zieht der Mensch die Gren­ze zwi­schen akzep­ta­bler und inak­zep­ta­bler Gewalt? Wo liegt momen­tan der Kon­sens? Sofern er erstaun­li­cher- wie erfreu­li­cher­wei­se lau­tet, dass Gewalt immer und unter allen Umstän­den kei­ne ver­tret­ba­re Lösung ist, war­um fällt es euch dann so schwer, die Phra­se „gegen Gewalt“ ohne jedes Adjek­tiv und ohne jede son­sti­ge Ein­schrän­kung zu ver­wen­den?

Gewalt, das lasst euch gesagt sein, ist nie­mals ange­mes­sen, auch nicht, um grö­ße­res Leid zu ver­mei­den. (Wäre sie das, dann wären die deut­schen Kampf­ein­sät­ze im Aus­land nichts, wofür wir uns schä­men soll­ten, son­dern ein Akt der Not­wehr gegen Tali­ban und ähn­li­che Böse­wich­te, die uns ja qua­si jeden Tag direkt bedro­hen und so.) Wenn ihr das näch­ste Mal gefragt wer­det, ob ihr Inter­es­se dar­an habt, euch gegen irgend­ei­ne Unter­ka­te­go­rie von Gewalt zu enga­gie­ren, emp­feh­le ich euch daher mil­de Ableh­nung und (optio­nal) Vogelz­ei­gen. Wer Gewalt qua­li­ta­tiv abstuft, der hat das Prin­zip der Gewalt­spi­ra­le noch nicht ver­stan­den und ist poten­zi­ell selbst Gewalt­tä­ter, denn in sei­nen Augen gibt es offen­bar nicht so schlim­me Gewalt. Es ist also auch in eurem Inter­es­se, die Gesell­schaft sol­cher Zeit­ge­nos­sen best­mög­lich zu mei­den.

Es gibt übri­gens einen Ver­ein namens Men­schen­rech­te für die Frau. Die Poin­te über­las­se ich ganz eurer Fan­ta­sie.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXXXIII: Der Guar­di­an, die Kanz­le­rin, das Brot und die Spie­le

Die Staa­ten, die heu­te noch eine Mon­ar­chie (und sei’s nur sym­bo­lisch) erlau­ben, sind für pro­gres­si­ves Den­ken nicht unbe­dingt prä­de­sti­niert. Das Gegen­teil eines pro­gres­si­ven Staa­tes indes ist eine Dik­ta­tur, wenn nicht gar der Rück­fall in den Faschis­mus. Eine Dik­ta­tur zeich­net unter ande­rem aus, dass sie die Pres­se­frei­heit not­falls auch gewalt­sam den eige­nen Anwei­sun­gen unter­ord­net.

So ist’s etwa gestern im Hau­se Guar­di­an gesche­hen, als der bri­ti­sche Geheim­dienst dem Lebens­part­ner von Glenn Green­wald (das war der, der auf den Snow­den-Ent­hül­lun­gen sitzt und die­sel­ben zwecks Auf­la­gen­meh­rung nur scheib­chen­wei­se raus­rückt) mal eben die Fest­plat­ten zer­stört hat. (Nicht, dass ich die Zer­stö­rung von Mac­books nicht prin­zi­pi­ell ver­ständ­lich fän­de!) Der Sinn dahin­ter dürf­te es gewe­sen sein, die rele­van­ten Auf­zeich­nun­gen zu ver­nich­ten.

Dass es heut­zu­ta­ge zur Ver­nich­tung wich­ti­ger Daten nor­ma­ler­wei­se nicht genügt, ein paar Fest­plat­ten zu zer­trüm­mern, kommt einem sol­chen Regime natür­lich nicht in den Sinn, aber das soll nun auch nicht wei­ter ver­wun­dern. Es ist sogar beru­hi­gend, dass die tech­ni­sche Fach­kom­pe­tenz des bri­ti­schen Geheim­dien­stes nicht aus­reicht, um zu erken­nen, dass ein Jour­na­list, der auf bri­san­ten Daten sitzt, recht­zei­tig ent­spre­chen­de Vor­keh­run­gen getrof­fen hat, zumal er das selbst gesagt hat­te. (Zu beur­tei­len, was für eine Regie­rung die Bestra­fung von Men­schen anord­net, nur weil sie blö­der­wei­se Fami­li­en­mit­glie­der eines ande­ren Men­schen, an den man nicht so leicht unbe­scha­det ran­kommt, sind, über­las­se ich übri­gens dem Leser.)

Wo sind nun eigent­lich die­je­ni­gen, die sonst bei jedem ernst zu neh­men­den dik­ta­to­ri­schen Bestre­ben irgend­was von Weh­ren und Anfän­gen brül­len? – Ach so, Groß­bri­tan­ni­en ist weit weg. Wür­de das in Deutsch­land pas­sie­ren, wäre hier der Teu­fel los. Viel­leicht wür­de sogar jemand eine Peti­ti­on unter­zeich­nen! Zum Glück sind alle Fra­gen in der NSA-Affä­re geklärt, sagt die Kanz­le­rin. Sonst wäre noch jemand ernst­haft empört.

„Vor allem durch zwei­er­lei ist das römi­sche Volk im Bann zu hal­ten, durch Spei­sung und durch Spie­le.“
– M. Cor­ne­li­us Fron­to, prin­ci­pia histo­riae

(via Fefe)