Nerdkrams
Whats­App, hike und war­um es mich nicht inter­es­siert.

Whats­App gehört zu den Dien­sten, deren Popu­la­ri­tät mich irri­tiert.

Das Prin­zip hin­ter Whats­App ist es, dass Leu­te, die ihre gegen­sei­ti­ge Mobil­te­le­fon­num­mer ken­nen, sich anstel­le einer SMS-Flat­rate auch über das Inter­net schrift­lich unter­hal­ten kön­nen. Natür­lich könn­te man, wenn man schon ohne tech­ni­sche Zeit­be­schrän­kung mobil (meist per Smart­phone) im Inter­net sein Dasein fri­sten kann, statt­des­sen auch AIM, ICQ, Yahoo! IM, (noch) den MSN Mes­sen­ger, Jab­ber, Gadu-Gadu oder einen der ande­ren unge­zähl­ten instant mes­sen­ger nut­zen, aber das ist ver­mut­lich nicht en vogue genug.

So muss man statt der ICQ‑, Jab­ber- oder son­sti­gen Ken­nung eben nur noch die Tele­fon­num­mer des zu Ner­ven­den ken­nen und ein­ma­lig irgend­wo ein­tra­gen. Das hält die Anzahl der irgend­wo zu notie­ren­den Zah­len zwar schön klein, hat aber den Nach­teil, dass die eige­ne Tele­fon­num­mer qua­si zum All­ge­mein­gut wird; zumal Whats­App immer wie­der mit Sicher­heits­lücken, über die sich ein Benut­zer­kon­to (und somit eine eigent­lich ein­deu­ti­ge Iden­ti­tät) ein­fach über­neh­men lässt, von sich reden macht. (Man füt­te­re die Such­ma­schi­ne des Ver­trau­ens mit den Such­be­grif­fen „Whats­App“ und „unsi­cher“.)

Dazu kommt, dass es bei Whats­App mit einer Inter­net­flat­rate allein nicht getan ist. Die app kostet ein­ma­lig oder – wenn man, wie wohl jeder halb­wegs ver­nünf­ti­ge Zeit­ge­nos­se, kein iPho­ne besitzt – jähr­lich eine gerin­ge Gebühr.

Was ist also zu tun? Nun, ent­we­der mie­tet man eine SMS-Flat­rate und löst das Pro­blem so ele­gant, was aber vor­aus­setzt, dass die mög­li­chen Kon­takt­per­so­nen ähn­lich ver­fah­ren, oder man steigt auf Jab­ber um, das neben­bei Schnitt­stel­len zu ICQ, AIM, Goog­le Talk, dem Face­book-Mes­sen­ger, Stu­diVZ und eini­gen wei­te­ren Dien­sten bereit­stellt und neben­bei auch auf dem hei­mi­schen PC/Laptop funk­tio­niert.

Oder man guckt sich mal hike an.

hike (über die übli­chen Quel­len zu instal­lie­ren) ist eine neue, recht hüb­sche und vor allem jah­res­ge­büh­ren­freie Alter­na­ti­ve zu Whats­App, funk­tio­niert genau so und ist bis­her noch nicht durch schlech­te Pres­se auf­ge­fal­len.

hike

Wor­an es noch fehlt? Vor allem an der Bekannt­heit. Der Nut­zen von hike steht und fällt – wie’s bei „sozia­len Netz­wer­ken“ eben­falls zutrifft – mit der Anzahl sei­ner Nut­zer. Die könnt ihr übri­gens selbst ziem­lich ein­fach ändern.

Wie aber ist das Dilem­ma zu lösen, dass jeder „Kon­takt“ einen ande­ren Dienst bevor­zugt – einer Face­book, ein ande­rer Whats­App, wie­der­um ein ande­rer SMS und/oder hike, von Joyn mal ganz zu schwei­gen? Wahr­schein­lich nur, indem man selbst an jeder die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men teil­nimmt.

Alter­na­tiv könn­te man auch ein­fach auf Jab­ber set­zen. Dar­über kann man zwar – nor­ma­ler­wei­se – weder SMS-Nach­rich­ten ver­schicken noch mit Whats­App-Benut­zern in Kon­takt tre­ten, aber es umgeht das Pro­blem ziem­lich ele­gant, indem man es gar nicht erst zu einem Pro­blem macht. Um die Jahr­tau­send­wen­de her­um muss­te man bei MySpace sein, wenig spä­ter bei Stu­diVZ, dann bei Face­book, nun bei Whats­App. Die Kara­wa­ne zieht wei­ter, der Sul­tan setzt sich in sei­ne schat­ti­ge Oase (Jab­ber) und weint ihr kei­ne Trä­ne nach.

In den Nachrichten
Kurz ver­linkt CXLVI: Die spin­nen, die Römer!

Wenn sich noch irgend­wer fragt, wo eigent­lich das Geld hin­fließt, das der Steu­er­zah­ler in arme Euro­län­der (Grie­chen­land, Ita­li­en, Ber­lin) sen­den darf: In die katho­li­sche Kir­che natür­lich.

Für den bevor­ste­hen­den Amts­ver­zicht von Papst Bene­dikt XVI. hat die Stadt Rom nach ita­lie­ni­schen Medi­en­be­rich­ten 4,5 Mil­lio­nen Euro von der Regie­rung bean­tragt. Das „außer­or­dent­li­che Ereig­nis“ ver­lan­ge auch „außer­or­dent­li­che Res­sour­cen und Mit­tel“ (…).

Katho­li­sche Kir­che? Das war die hier:

Doch das von einer katho­li­schen Stif­tung getra­ge­ne Kres­zen­tia-Stift winkt ab: Die Schwe­stern woll­ten kei­nen Homo­se­xu­el­len im Haus.

Das „außer­or­dent­li­che Ereig­nis“ (der Wech­sel des Ober­spin­ners vor dem Tod des der­zei­ti­gen Amts­in­ha­bers), das, wie 1996 vom dama­li­gen Papst Johan­nes Paul II. fest­ge­legt, in der Six­ti­ni­schen Kapel­le – die im Vati­kan­staat, einem sou­ve­rä­nen Staat auf der ita­lie­ni­schen Halb­in­sel, steht – statt­fin­den muss, kostet die Haupt­stadt (mit­hin: die Steu­er­zah­ler) eines ande­ren Staa­tes also 4,5 Mil­lio­nen Euro mehr als wenn der noch amtie­ren­de Papst ein­fach gestor­ben wäre.

„Tock, tock, tock.“
– Obe­lix, „Die Odys­see“

(via [via])

(Mit Dank an K. für die Über­schrift.)

KaufbefehleMusikkritik
Cas­pian – Waking Sea­son

Caspian - Waking SeasonDie US-ame­ri­ka­ni­schen Postrocker Cas­pian hat­te ich kurz­zei­tig ver­ges­sen. Als im letz­ten Jahr Peter, eigent­lich über das zuletzt ver­öf­fent­lich­te Cas­pian-Album „Waking Sea­son“ berich­tend, all­ge­mein über die Ein­tö­nig­keit der aktu­el­len Postrock­land­schaft refe­rier­te, ließ ich mich nur zu einem kur­zen Kom­men­tar hin­rei­ßen, in dem ich ihm grund­sätz­lich Recht gab. Ja, natür­lich ist das, was gemein­hin unter dem all­zu unklar defi­nier­ten Begriff „Post­rock“ ein­ge­ord­net wird, fast immer (die von mir hoch geschätz­ten Dear John Let­ter etwa sind will­kom­me­ne Aus­nah­men) Gitar­ren­ge­wit­ter und ele­gi­sche Melo­dien und Laut-Lei­se-Wech­sel und die­se kur­zen Ambi­ent-Momen­te als Ruhe mit­ten im Sturm, und ja, natür­lich klingt da ein­fach vie­les gleich.

Auch Cas­pian.

Cas­pian ist ein Quin­tett aus Mas­sa­chu­setts, das auch auf sei­nem drit­ten Album nicht viel anders macht als auf den bei­den Alben davor. Über 57 Minu­ten machen Cas­pian auf „Waking Sea­son“ nicht ein­fach Musik, sie fan­gen Emo­tio­nen ein und wan­deln sie um in Bil­der, wie es sich für eine gute Musik­grup­pe gehört. Die Stücke tra­gen Titel wie „Halls of the Sum­mer“, „Long the Desert Mile“ und „Fire Made Fle­sh“. Das ist kein fröh­li­cher Som­mer­pop, es ist der sound­track zum ewi­gen Herbst. Gele­gent­lich, etwa in „Gone in Bloom and Bough“ (10:24 Minu­ten lang), ertönt eine lei­se, aber gut ver­nehm­ba­re Stim­me, wäh­rend die Instru­men­te – melo­diö­se Gitar­ren, dar­über ein trei­ben­des Schlag­zeug – den grau­en Him­mel im Kopf blau bema­len.

Die ruhi­gen Momen­te sind es dann, die den blau bemal­ten Him­mel wie mit einem Ham­mer­schlag zusam­men­stür­zen las­sen. „Waking Sea­son“, der puber­tie­rend rebel­lie­ren­de klei­ne Bru­der von Spi­rit of Eden? Mög­li­cher­wei­se. Post­rock hat ja gele­gent­lich die­se grund­sätz­lich durch­aus posi­ti­ve Eigen­schaft, die vor­geb­lich hei­le Gefühls­welt eines Men­schen bin­nen Sekun­den in hei­ße Lava zu tau­chen oder eben unter eine erfri­schen­de Dusche zu stel­len. Das hier ist Lava, und wann sonst soll­te man Lava hören wol­len, wenn nicht am Valen­tins­tag, an dem es vie­len nur um Roman­tik und lav geht? Ver­bit­ter­te Men­schen kön­nen gern wei­ter­hin affi­gen Mäd­chen­pop mit dum­men Tex­ten („Baby Baby Baby Baby Baby Baby“ usw.) hören, bis er ihnen zu den Ohren her­aus­trieft. Ich höre Lava.

Die­se Lava klingt natür­lich wie Mog­wai, wie Rus­si­an Cir­cles und wie Mono (deren Pro­du­zent Matt Bayl­es auch hier sei­nen Teil bei­trug), außer­dem aber klingt sie unver­wech­sel­bar nach Cas­pian. Und Cas­pian klingt gut – den Stream gibt es zur­zeit hier, Hör­pro­ben dort.

Soll­te euch ein Banau­se ein­mal fra­gen, wofür man heut­zu­ta­ge noch Kopf­hö­rer (und einen Plat­ten­spie­ler) braucht, wenn man gute Laut­spre­cher besitzt, gebt ihm „Spi­rit of Eden“. Oder die­ses Album.

Denn es ist wirk­lich ziem­lich gut.

NetzfundstückeNerdkrams
Kurz ver­linkt CXLV: Der Mythos vom unab­hän­gi­gen „cyber­space“

(Vor­be­mer­kung: Eigent­lich gehört die­ser Arti­kel in die Kate­go­rie der „Schmal­hän­se des Tages“. Da der Prot­ago­nist aber weder Deut­scher noch in der CDU ist, wür­de ich die Serie voll­stän­dig bre­chen – ich bit­te daher die Umka­te­go­ri­sie­rung zu ver­zei­hen.)

Das mit die­sem frei­en Inter­net, das ist nicht gut. Das Inter­net als Lebens­raum oder gar als teil­wei­se oder voll­stän­dig inklu­dier­te Par­al­lel­ge­sell­schaft, so ein Quatsch. Fax ist ja auch kein Lebens­raum.

A libe­ral regime will pass legis­la­ti­ve safe­guards against govern­ment misu­se of data and com­mu­ni­ca­ti­ons and will gene­ral­ly take a light hand, when it comes to regu­la­ti­on and taxa­ti­on, in the inte­rest of per­so­nal free­dom and ease of com­mer­ce. But the fact that bad sta­tes may abu­se the power to regu­la­te tele­com­mu­ni­ca­ti­ons does not mean that benign sta­tes lack, or should lack, that power. (…) If you’re not con­vin­ced by now that the very noti­on of cyber­space is sil­ly, try sub­sti­tu­ting “fax” or “tele­pho­ne” or “tele­graph” for “cyber” in words and sen­ten­ces. The results will be comic­al. “Acti­vists denoun­ced govern­ment cri­mi­nal sur­veil­lan­ce poli­ci­es for colo­ni­zing Fax Space.” “Should Tele­pho­ne Space be com­mer­cia­li­zed?” (…) Like other intellec­tu­al-poli­ti­cal fads of the late 20th cen­tu­ry, inclu­ding neo­li­be­ral eco­no­mics and neo­con­ser­va­ti­ve for­eign poli­cy, the idea of cyber­space as a par­al­lel rea­li­ty free from govern­ment regu­la­ti­on and com­mer­cial cor­rup­ti­on was con­fu­sed in its con­cep­ti­on and doo­med in prac­ti­ce.

Frei über­setzt:

Ein libe­ra­les Regime wird gesetz­li­che Schutz­maß­nah­men gegen regie­rungs­sei­ti­gen Miss­brauch von Daten und Kom­mu­ni­ka­ti­on (sic!) errich­ten und gene­rell im Inter­es­se per­sön­li­cher Frei­heit und der Ver­ein­fa­chung des Han­dels in Bezug auf Regu­lie­rung und Besteue­rung eher sach­te agie­ren. Der Umstand jedoch, dass bös­wil­li­ge Staa­ten die Macht, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on zu regu­lie­ren, miss­brau­chen könn­ten, bedeu­tet nicht, dass freund­li­che Staa­ten die­se Macht nicht haben soll­ten. (…) Wenn Sie noch nicht davon über­zeugt sind, dass der Begriff des „Cyber­spaces“ blöd ist, pro­bie­ren Sie ein­mal, „Fax“ oder „Tele­fon“ oder „Tele­graf“ in Wör­tern und Sät­zen durch durch „Cyber“ zu erset­zen. Die Ergeb­nis­se wer­den komisch sein. „Akti­vi­sten pran­ger­ten Über­wa­chungs­po­li­tik der Regie­rung für Kri­mi­nel­le zur Kolo­ni­sie­rung des Fax­spaces an.“ „Soll­te der Tele­fon­space kom­mer­zia­li­siert wer­den?“ (…) Wie ande­re intel­lek­tu­ell-poli­ti­sche Marot­ten des spä­ten 20. Jahr­hun­derts, ein­schließ­lich neo­li­be­ra­ler Wirt­schafts- und neo­kon­ser­va­ti­ver Frem­den­po­li­tik, wur­de die Idee des Cyber­spaces als Par­al­lel­welt frei von staat­li­cher Regu­lie­rung und kom­mer­zi­el­ler Kom­pro­mit­tie­rung in sei­nen Grund­zü­gen ver­wirrt und in der Pra­xis zer­stört.

Der Autor die­ser kon­fu­sen Zei­len ist Micha­el Lind, ein US-ame­ri­ka­ni­scher Natio­nal­de­mo­krat (natür­lich aus Texas, wen wundert’s?) mit neo­kon­ser­va­ti­ver Ver­gan­gen­heit. Falls euch jetzt beim Lesen ein kal­ter Schau­er über den Rücken läuft: Der Text wird übri­gens deut­lich lusti­ger, wenn man sich vor­stellt, wie Micha­el Lind ihn auf einer Apfel­si­nen­ki­ste auf dem Markt­platz einer belie­bi­gen deut­schen Klein­stadt vor­trägt. Pro­biert es mal aus!

NetzfundstückeNerdkrams
Legal­soft­warez-BB.

Was „warez“ sind, muss ich hof­fent­lich nie­man­dem, der schon mal was mit die­sem Inter­net gemacht hat, erklä­ren – es han­delt sich um einen Sze­n­e­be­griff für in nicht immer mit den Lizenz­be­din­gun­gen kom­pa­ti­bler Wei­se kopier­te Com­pu­ter­pro­gram­me (bis hin zu gan­zen Betriebs­sy­ste­men). Ich wage zu behaup­ten: Nie­mand, der noch ganz bei Trost ist, käme auf die Idee, eine Inter­net­sei­te namens „warez-irgend­was“ – abge­se­hen viel­leicht von „keine-warez.de“ (der­zeit anschei­nend nicht regi­striert) – zu eröff­nen und dort aus­schließ­lich freie und kosten­lo­se Soft­ware zu ver­öf­fent­li­chen.

(Für sol­che Zwecke gibt es ohne­hin bereits genug Por­ta­le, dar­un­ter Gizmo’s Free­ware und Free­wareBB.)

Inso­fern habe ich gera­de amü­siert zur Kennt­nis genom­men, dass das „warez“-Portal Warez-BB (aus Grün­den nicht ver­linkt), auf dem seit Jah­ren immer wie­der neue Win­dows­ver­sio­nen, aller­lei System­pro­gram­me und ähn­li­ches Gedöns einen Platz fin­den, neben einer Infor­ma­ti­on, dass man Orga­ni­sa­tio­nen wie die Free Soft­ware Foun­da­ti­on finan­zi­ell unter­stützt, die­sen Hin­weis­text am Fuß jeder Sei­te anzeigt:

Warez-BB respects the rights of others and is com­mit­ted to hel­ping third par­ties pro­tect their rights. Our terms of ser­vice offer anyo­ne to send inqui­ries to (Mail­adres­se).

Frei über­setzt: „Wir, das Schwarz­ko­pien-Forum, berück­sich­ti­gen die Rech­te Drit­ter und hel­fen gern, die Ver­brei­tung von Schwarz­ko­pien ein­zu­däm­men. Schicken Sie uns ein­fach eine E‑Mail.“

Das scheint nicht all­zu oft zu pas­sie­ren.

KaufbefehleMusikkritik
Som­nam­bu­list – The Para­nor­mal Humi­dor

Somnambulist - The Paranormal HumidorIn mei­nem Fun­dus an Musik, die sich im Lau­fe der Zeit so ange­sam­melt hat, fand ich zufäl­lig auch das Album „The Para­nor­mal Humi­dor“ („Der para­nor­ma­le Feucht­raum“) des US-ame­ri­ka­ni­schen Quin­tetts Som­nam­bu­list, ver­öf­fent­licht im Jahr 2001.

Dabei han­delt es sich um das zwei­te Album bezie­hungs­wei­se das erste (und bis heu­te offen­bar letz­te) nach der Neu­grün­dung der Band. Als Sän­ger ist Peter Cor­nell, Bru­der von Chris Cor­nell (unter ande­rem Mit­glied von Sound­gar­den), zu Som­nam­bu­list gesto­ßen, was kei­nes­wegs eine sti­li­sti­sche Über­ein­stim­mung bedingt. Viel­mehr ertönt hier mit aller­lei Anlei­hen am Pro­gres­si­ve Rock ange­rei­cher­ter Hard­rock.

Das Album beginnt mit „In The Mind­warp Pavil­li­on“: Tie­fes Atmen, Stim­men­ge­wirr. „The Sum­mer has ended and you’­re not pre­pared to meet God – are you afraid to die?“. Sehr stim­mungs­voll und ein wenig beäng­sti­gend. Es beginnt mit einem Hard­rock­teil mit fie­sem Death-Metal-Gesang, pas­send zur Ein­lei­tung, wird aber rasch sanft. Getra­gen wird das Album ins­ge­samt vom Zusam­men­spiel der domi­nan­ten Retro-Prog-Key­boards und der Gitar­re einer­seits, vom gele­gent­lich aus­ufern­den Schlag­zeug­spiel ande­rer­seits. Auf den „Baby­blau­en Sei­ten“ ist außer­dem von einem „wuch­ti­gen Bass“ die Rede – den ver­schluckt mein Abspiel­ge­rät in die­sem Fall lei­der. Ich neh­me an, das liegt aus­nahms­wei­se an mir. (Nach­trag: Es lag tat­säch­lich am Abspiel­ge­rät.)

Das Resul­tat der Mix­tur ist mit sei­ner Melan­cho­lie, aber auch Düster­heit eine durch­aus eigen­stän­di­ge Mischung aus echo­lyn („mei“), den frü­hen (also bes­se­ren) Gene­sis („Fox­t­rot“, gele­gent­lich „The Lamb Lies Down on Broad­way“) und Van der Graaf Gene­ra­tor („Still Life“). (Ich fin­de Stil­ver­glei­che ja immer blöd­sin­nig, aber wenn sie der Wahr­heits­fin­dung die­nen, will ich mal nicht so sein.)

Ach, oben hat­te ich ja die „Baby­blau­en Sei­ten“ erwähnt. Ich zitie­re mal von dort:

Die sie­ben Songs des neu­en Out­puts bie­ten kom­ple­xen Pro­gres­si­ve Rock, der typi­sche Retro-Ele­men­te mit einer gesun­den Här­te ver­bin­det. Dabei ist man jedoch von übli­chen Metal-Ten­den­zen mei­len­weit ent­fernt, son­dern ver­bin­det die tra­di­tio­nel­le und sym­pho­ni­sche Rock­tra­di­ti­on mit aggres­si­ven Aus­brü­chen, wobei sich ins­be­son­de­re Sän­ger Peter Cor­nell statt des übli­chen pathe­ti­schen Gesangs durch bis­wei­len fast schon bra­chi­al anmu­ten­de Aus­brü­che aus­zeich­net. (…) [Es] braucht dem Prog-Puri­sten kei­nes­falls angst und ban­ge zu wer­den, da ins­be­son­de­re der Key­board­sound tief in den seli­gen 70er Jah­ren ver­wur­zelt ist und die vol­le Breit­sei­te an Ham­mond- und Mello­tron­sounds gebo­ten wird.

Alles endet mit einer wei­te­ren gespro­che­nen Pas­sa­ge. „I’m scared some­ti­mes“. Passt.

„The Para­nor­mal Humi­dor“ ist ein hörens­wer­tes Album für jeden Musik­freund, der nichts dage­gen hat, wenn die Sieb­zi­ger bemüht wer­den, ohne dass es ange­staubt oder künst­lich klingt. Mei­ner­seits eine unbe­ding­te Gut­find­emp­feh­lung. Es muss ja nicht immer Hei­no sein.

In den NachrichtenPiratenpartei
Medi­en­kri­tik in Kür­ze: Die Zeu­gen Ponaders

Nur noch mal kurz zum Rea­li­täts­ab­gleich, was die media­le Auf­merk­sam­keit doch für ein wan­kel­mü­ti­ges Biest ist:

Mari­na Weis­band, erklär­ter Lieb­ling der Medi­en (denn sie sei „(e)ine jun­ge Frau, die zwei gera­de Sät­ze her­aus­bringt, und dabei auch noch gut aus­sieht“), ana­ly­sier­te vor eini­gen Tagen den Zustand der Pira­ten­par­tei und for­der­te, dass sie sich end­lich wie­der mehr auf ihre Wur­zeln besin­nen sol­le.

Das Ergeb­nis: Es wird vir­tu­ell zu ihr gebe­tet und ihre Rück­kehr an die Par­tei­spit­ze erhofft, auf dass sie die ange­zähl­te Par­tei zurück ans Licht füh­ren möge. Ange­zählt? Ja, und das liegt allein am poli­ti­schen Geschäfts­füh­rer Johan­nes Pon­ader, heißt es.

Johan­nes Pon­ader näm­lich, erklär­ter Schul­di­ger an jeder Wahl­nie­der­la­ge der letz­ten Mona­te, heißt es in den Medi­en, ana­ly­sier­te vor eini­gen Tagen den Zustand der Pira­ten­par­tei und for­der­te, dass sie sich end­lich wie­der mehr auf ihre Wur­zeln besin­nen sol­le.

Das Ergeb­nis: Die ande­ren Mit­glie­der des Bun­des­vor­stands beschimp­fen Johan­nes Pon­ader öffent­lich und fin­den sei­ne Aus­sa­gen gar nicht gut.

Viel­leicht ist er nicht nied­lich genug.


Nach­trag (zum The­ma) vom 7. Febru­ar 2013:

Falls sich noch jemand fragt, war­um in Ber­lin ledig­lich zwei Abge­ord­ne­te der Pira­ten­par­tei unbe­lieb­ter sind als Klaus Wowe­reit: Das könn­te dar­an lie­gen, dass zumin­dest einer von ihnen sich etwas zu wich­tig nimmt.

PersönlichesMir wird geschlecht
Glei­cher als die ande­ren (Fort­set­zung).

Zu Beginn mei­ner Stu­di­en­zeit hat­te ich mich teils belu­stigt, teils ver­wun­dert über das hoch­schul­ei­ge­ne Frau­en- und Gleich­stel­lungs­bü­ro geäu­ßert. Es ist Zeit für einen Nach­trag.

Heu­te näm­lich kam durch Zufall ein Exem­plar der zur­zeit gül­ti­gen Richt­li­nie gegen sexu­el­le Belä­sti­gung und Dis­kri­mi­nie­rung in mei­nen Besitz. Dar­in ste­hen gut gemein­te Hin­wei­se, was denn alles zu unter­las­sen sei. Dabei ist aus­drück­lich nicht von Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung die Rede:

[Zu uner­wünsch­tem Ver­hal­ten] zähl[t] unter ande­rem: (…) sexu­ell her­ab­wür­di­gen­de Kom­men­ta­re über Per­so­nen, deren Intim­ge­ben, deren Kör­per sowie deren sexu­el­le Iden­ti­tät

Nor­ma­les Her­ab­wür­di­gen auf­grund des Geschlechts wird von besag­ter Richt­li­nie somit nicht ein­mal for­mell abge­deckt.

Das erklärt, wie­so im Umfeld der Richt­li­ni­en­ex­em­pla­re zahl­rei­che wei­te­re Pam­phle­te aus­lie­gen und ‑lagen, etwa „Schutz und Hil­fe für Frau­en in Not!“ vom loka­len Frau­en­schutz­haus („Frau­en­schutz­Haus“), denn so ein Mann braucht kei­ne Hil­fe:

Miss­hand­lun­gen durch den Ehe­mann, Lebens­part­ner, Freund oder die Fami­lie gehö­ren für vie­le Frau­en in Deutsch­land zum All­tag.

Vice ver­sa; aber mit eurem Latein seid ihr wohl längst am Ende.

Frau­en wer­den: (aus sti­li­sti­schen Grün­den gekürzt, A.d.V.)

  • Kon­trol­liert
  • Bedroht
  • (…)
  • Geschla­gen
  • Getre­ten
  • Belei­digt
  • Sexu­ell miß­han­delt

(…) Spre­chen Sie mit mög­lichst vie­len Men­schen über Frau­en- und Kin­des­miss­hand­lung sowie Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung, wie sie über­all und täg­lich geschieht.

Ich sag‘ euch was, „Frau­en­schutz­haus Wol­fen­büt­tel“: Ich spre­che gern mit mög­lichst vie­len Men­schen dar­über, wie ihr eigent­lich das Rol­len­mo­dell in der Gesell­schaft seht. Ist das eigent­lich schon Her­ab­wür­di­gen des Geschlechts, wenn Frau­en in die Rol­le der hilf­lo­sen Opfer gedrängt wer­den? Aber was interessiert’s euch, ihr kämpft ja für die gute Sache. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch die „Bera­tungs­stel­le gegen sexu­el­le Gewalt e. V.“ hat neben eurem, „Frau­en­schutz­haus Wol­fen­büt­tel“, ein eige­nes Falt­blatt plat­zie­ren las­sen, das the­ma­ti­siert, wie­so Ver­ge­wal­ti­gung schlimm ist. Natür­lich auch hier nur die gegen Frau­en und Mäd­chen, denn ande­re Men­schen ste­hen in die­ser Gesell­schaft nicht unter Schutz. Die sol­len sich gefäl­ligst selbst weh­ren!

Zuge­ge­ben: Besag­te Pam­phle­te ent­stamm­ten nicht direkt der Feder des „Frau­en- und Gleich­stel­lungs­bü­ros“. Die­ses hat sein eige­nes Scherf­lein bei­getra­gen: Ein Falt­blatt namens „Nie­der­sach­sen-Tech­ni­kum – Eine inter­es­san­te Per­spek­ti­ve für Abitu­ri­en­tin­nen“ beschreibt eine Art Prak­ti­kum, das vom Land finan­ziert und nur Frau­en ange­bo­ten wird, die vor der Wahl ihrer beruf­li­chen Zukunft ste­hen. „Gleich­stel­lung“ ist anschei­nend eine ande­re Art, „Frau­en brau­chen mehr Vor­tei­le gegen­über den Män­nern“ aus­zu­drücken. Aller­dings kei­ne viel bes­se­re.

Was das Gleich­stel­lungs­bü­ro so macht? Nun, dies erklärt ein A4-Blatt: För­de­rung einer geschlech­ter­sen­si­blen Leh­re steht dar­auf, Lite­ra­tur zu gen­der­spe­zi­fi­schen The­men sei auch im Ange­bot. Außer­dem – nicht zu ver­ges­sen – Maß­nah­men zur För­de­rung der Balan­ce der Geschlech­ter in den Stu­di­en­gän­gen, denn in so einem Stu­di­um geht es nicht um „Inter­es­se oder nicht“, son­dern um „Tit­ten oder nicht“. Des­halb ist es auch drin­gend not­wen­dig, in der Infor­ma­tik eine Frau­en­quo­te von min­de­stens 50 Pro­zent zu errei­chen, denn auch als Frau hat man gefäl­ligst Inter­es­se an Com­pu­tern zu haben und nicht nur an so doo­fen sozia­len Beru­fen. Nur für Frau­en, so das A4-Blatt wei­ter, sei­en Ver­an­stal­tun­gen und Work­shops im Ange­bot, Ver­net­zung in Stu­di­um und Beruf und der­glei­chen. Män­ner, Trans­se­xu­el­le und Geschlechts­lo­se brau­chen so was nicht. Oder sie bekom­men es ein­fach nicht.

So flößt man der schwei­gen­den Mas­se immer wie­der aufs Neue ein, wie die Rol­len­mo­del­le in die­ser Gesell­schaft so lau­fen, auf dass sie auch wei­ter­hin den­ken möge, es sei schon alles in Ord­nung so.

Falls es noch jemand nicht ver­stan­den hat: Insti­tu­tio­nen wie die­ses „Gleich­stel­lungs­bü­ro“ sind ein wider­wär­ti­ges, weil tra­gen­des Ele­ment sexi­sti­scher Aus­wüch­se an staat­li­chen Ein­rich­tun­gen und gehö­ren daher abge­schafft. Von Steu­er­gel­dern bezahl­te Heu­che­lei haben wir in den Par­la­men­ten bereits genug.

Politik
Die Revo­lu­ti­on schei­tert am Kaba­rett.

Poli­ti­sches Kaba­rett, wenn es gut gemacht ist (also nicht auf RTL oder Das Erste gesen­det wird), hat zwei Funk­tio­nen: Es soll einer­seits unter­hal­ten, ande­rer­seits aber auch und vor allem Leu­te mit­tels die­ser Unter­hal­tung dazu bewe­gen zu erken­nen, was in der Poli­tik gera­de falsch läuft. Poli­ti­sches Kaba­rett, wenn es gut gemacht ist (im Fol­gen­den kurz PK-Weg­gi genannt, Lese­fluss und lusti­ger Klang sind Kri­te­ri­en), ist so ein mah­nen­des Instru­ment und eine Aus­drucks­form des Pro­tests.

Natür­lich regt PK-Weg­gi zum Lachen an, aber kei­nes­falls, weil es sich um einen guten Witz han­delt. Die Leu­te lachen ja auch über Mario Barth und Paul Pan­zer, die nun wirk­lich alles ande­re als gute Wit­ze machen.

Ich brin­ge mal ein kon­kre­tes Bei­spiel: Im Jahr 2007 sprach der groß­ar­ti­ge Kaba­ret­tist Vol­ker Pis­pers vor Publi­kum über Hin­ter­grün­de der Lohn­be­steue­rung. Lasst das Video ein­mal auf euch wir­ken:

Nut­to vom Bret­to Vol­ker Pis­pers

Die Situa­ti­on stellt sich fol­gen­der­ma­ßen dar: Da gehen Leu­te ins PK-Weg­gi, wo man ihnen erzählt, wie ihre gewähl­te Regie­rung ihnen das Geld qua­si aus der Tasche zieht. In ande­ren Län­dern wür­de der zor­ni­ge Mob das Rich­ti­ge tun, in Deutsch­land wird gewie­hert. Ja, schlimm, das mit dem Geld, aber, hihihi, er hat „Nut­to“ gesagt! Denn man hat in all den Jah­ren vor dem Fern­se­her gelernt, wie das Spiel läuft: Auf der Büh­ne macht einer Faxen, vor Beginn der Sen­dung wird das Publi­kum dazu trai­niert, wie es rich­tig applau­diert (in der Sen­dung „Zim­mer frei!“ etwa besteht „Applaus“ stets aus einer Kom­bi­na­ti­on aus Klat­schen, Tram­peln und Joh­len, was merk­wür­di­ger­wei­se in offen­bar nie­man­dem den Ein­druck weckt, dadurch wür­de rich­ti­ger Applaus abge­wer­tet), das Gelern­te wird ange­wen­det. Als Beloh­nung für’s Mit­spie­len darf man noch eine Wei­le zugucken. Dümm­li­che Män­ner-Frau­en-Wit­ze, Aso­zia­len­witz­chen („Cin­dy aus Mar­zahn“) und anspre­chend ver­pack­te Kri­tik am Staat sind ja irgend­wie das Glei­che.

You're doing it wrong

Und natür­lich sind die staats­tra­gen­den Medi­en, die öffent­lich-recht­li­chen Regie­rungs­sen­der (die Betei­li­gung eini­ger Par­tei­en an eini­gen Sen­dern ist ja kein Geheim­nis), dar­auf erpicht, dass das auch so bleibt. Soll der Typ da vorn doch reden, was er will, so lan­ge die Kas­se stimmt. Da setzt sich schon mal eine Julia Klöck­ner von der CDU ins Publi­kum und freut sich ganz dol­le, wenn ein PK-Weg­gi-Akti­vist wie Georg Schramm (hier vor etwa fünf Jah­ren) ihre Par­tei und den poli­tisch erwünsch­ten gei­sti­gen Ver­fall eines Teils der Gesell­schaft tadelt. Ist eben Kaba­rett, da wird gejohlt und geklatscht.

Georg­Schramm – Syste­ma­ti­sche Volks­ver­dum­mung durch die Medi­en

Wenn der­sel­be Georg Schramm dies fern­ab von Fern­seh­ka­me­ras tut, ist die Stim­mung eine ande­re, denn wenn kei­ne Kame­ra im Saal ist, ist PK-Weg­gi plötz­lich über­haupt nicht mehr lustig, wie die­ser Mit­schnitt der Ver­lei­hung des baden-würt­tem­ber­gi­schen Klein­kunst­prei­ses 2011 (maß­geb­lich mit­fi­nan­ziert im Auf­trag der CDU) belegt:

Aber im Fern­seh­saal, da sit­zen sie auch wei­ter­hin und lachen und klat­schen und gehen nach Hau­se mit dem guten Gefühl, sich wenig­stens gut amü­siert zu haben. „End­lich sagt’s mal einer!“, und damit zurück zur Tages­ord­nung.

So wird das nichts mit der Revo­lu­ti­on.

Netzfundstücke
Die Pin­gui­ne

Ich bin ja unter ande­rem auch ein Pin­gu­in- und Web­co­mic­freund, wenn­gleich mei­ne Freund­schaft in letz­te­rem Fall nur aus­ge­wähl­ten Seri­en gilt.

Zu die­sen Seri­en zäh­len außer den übli­chen Ver­däch­ti­gen (Gar­field und ande­re) auch sol­che, deren Zeich­ner sich mehr dem Non­sens (NICHTLUSTIG) und der Kunst des schwar­zen Humors (Cya­ni­de & Hap­pi­ness) ver­schrie­ben haben.

Gele­gent­lich fin­de ich mir noch unbe­kann­te Web­co­mics ähn­li­cher Art, die ich bei Gefal­len durch­aus im Auge behal­te. Twit­ter­nut­zer @chriszim besaß die Frech­heit, mich auf die Serie „Die Pin­gui­ne“ auf­merk­sam zu machen. Die dor­ti­gen Comics sind nicht nur schlecht gezeich­net, son­dern auch bra­chi­al,

Die Pinguine - Robbenklopper

flach

Die Pinguine - Rede

und vol­ler schlech­ter Wit­ze.

Die Pinguine - Verhört

Ich mag sie, und ihr soll­tet das auch tun.


Übri­gens kön­nen, apro­pos Twit­ter, die­je­ni­gen von euch, die mit RSS nicht umge­hen kön­nen, nun statt­des­sen auch auf Twit­ter lesen, wenn es hier einen neu­en Arti­kel gibt. So weit die Theo­rie.

MusikkritikKaufbefehle
Hei­no – Mit freund­li­chen Grü­ßen

Heino - Mit freundlichen Grüßen„Nun, da sich der Vor­hang der Nacht von der Büh­ne hebt, kann das Spiel begin­nen, das uns vom Dra­ma einer Kul­tur berich­tet.“
– Hei­no (Ori­gi­nal: Die Fan­ta­sti­schen Vier): MfG


Eigent­lich dürf­te ich Hei­no nicht mögen.

Ich habe mei­nen musi­ka­li­schen Stolz über Jah­re hin­weg hart erar­bei­tet, nen­ne Schla­ger­ver­an­stal­tun­gen im Gei­ste gele­gent­lich (zum Bei­spiel jetzt gera­de) pau­schal „Toten­ge­sang“ und betrach­te die Prot­ago­ni­sten des Gen­res mit ihrem Bumm-Tschack und Gefie­del im Hin­ter­grund als tra­gi­ko­mi­sche Figu­ren, nicht jedoch als künst­le­risch sym­pa­thi­sche Musi­ker. Aller­dings gebe ich offen zu, auf­grund die­ses Des­in­ter­es­ses auch nur weni­ge „Lie­der“ der Toten­sän­ger zu ken­nen. Eines von den Wil­decker Herz­bu­ben, eines von Mari­an­ne Rosen­berg, eines von Vicky Lean­dros, kei­nes von Andrea Berg. Und Hei­no war der Typ mit dem Enzi­an.

Dann kam „Mit freund­li­chen Grü­ßen“. Das „Skan­dal-Album“, vol­ler ver­meint­li­cher Urhe­ber­rechts­dings bezie­hungs­wei­se eben Hei­no-Ver­sio­nen bekann­ter Pop- und Rock- und Ramm­stein­stücke, von denen eini­ge selbst mir bekannt sind. Skan­da­lös ist indes nicht das uner­laub­te Nach­spie­len, denn von § 23 UrhG wären die nach­ge­spiel­ten Stücke nur dann betrof­fen, wür­de Hei­no den Text modi­fi­zie­ren; skan­da­lös ist, dass mit dem Umstand, dass sich im Urhe­ber­recht nur noch weni­ge Bür­ger (Mas­sen­ab­mah­nun­gen sei Dank) aus­rei­chend gut aus­ken­nen, gezielt gewor­ben wird. Ver­mut­lich sind eini­ge Adres­sa­ten der vira­len Wer­bung für das Album inzwi­schen so ver­un­si­chert, dass sie glau­ben, es sei ille­gal, sich „Mit freund­li­chen Grü­ßen“ zu kau­fen. Na, mit einem Hei­no-Album soll­te man sich ver­mut­lich zumin­dest nicht drau­ßen blicken las­sen.

Aber ohne die­sen Skan­dal wäre auch mir „Mit freund­li­chen Grü­ßen“ wahr­schein­lich nicht mal auf­ge­fal­len.

Geschützt durch Not­fall­mu­sik, die nur weni­ge Tasten­drücke ent­fernt ist, bin ich das Wag­nis ein­ge­gan­gen, mir zwecks Mei­nungs­bil­dung ein­mal selbst besag­tes Album anzu­hö­ren. Eigent­lich dürf­te ich es nicht mögen.

Hei­no, der Typ mit dem Enzi­an, inzwi­schen seit bald einem Jahr­zehnt im Ren­ten­al­ter und immer noch mit, zuge­ge­ben, krank­heits­be­ding­ter Son­nen­bril­le und Perücke vor dem öffent­li­chen Ver­fall (und davor, auf Kon­zer­ten sein öffent­lich ver­fal­len­des Publi­kum all­zu gut sehen zu müs­sen) geschützt, macht nun also, wie schon vor eini­gen Jah­ren der gleich­falls berufs­ju­gend­li­che Tho­mas Gott­schalk („What Hap­pen­ed to Rock’n’Roll“) in Leder­kluft gewan­det, das mit der Rock­mu­sik.

Sei­ne Abschieds­tour­nee (2005) war offen­sicht­lich eher eine Pau­sen­tour­nee. Die Ärz­te haben die­ses Kon­zept im Jahr 2012 (auf das „Abschieds­kon­zert“ folg­te die „Come­back-Tour“) geco­vert, gleich­sam als Revan­che ist das erste Lied auf „Mit freund­li­chen Grü­ßen“ nun deren „Jun­ge“, vor­ge­tra­gen mit tie­fer Stim­me und rol­len­dem „R“. Tie­fe Stim­me, rol­len­des „R“? Ach, Ramm­stein, ja. „Son­ne“ klingt tat­säch­lich der Vor­la­ge recht ähn­lich. „Leucht­turm“ von ehe­mals Nena geht mir in der Hei­no-Ver­si­on deut­lich weni­ger auf die Ner­ven. Und falls sich jemand fragt, war­um das Album „Mit freund­li­chen Grü­ßen“ heißt: „MfG“ von den Fan­ta­sti­schen Vie­ren ist auch drauf, aus recht­li­chen Grün­den (ich erwähn­te es oben) mit gespro­che­ner Ein­lei­tung und Hin­ter­grund­chö­ren.

THC in OCB ist, was ich dreh‘.

Als Die Toten Hosen in den 1980-er Jah­ren mit dem „wah­ren Hei­no“ Nor­bert Häh­nel (etwa für „Eis­ge­kühl­ter Bom­mer­lun­der“) zusam­men­ar­bei­te­ten, war das eine der weni­ger schlech­ten Hei­no-Par­odien. Lei­der wur­den Die Toten Hosen nicht in das Reper­toire auf­ge­nom­men. „Eis­ge­kühl­ter Bom­mer­lun­der“ hät­te in der Wirk­lich-wah­rer-Hei­no-Ver­si­on ver­mut­lich erst recht an Komik gewon­nen. Man könn­te „Mit freund­li­chen Grü­ßen“ trotz­dem als Par­odie auf­fas­sen. Ob Hei­no die Pop­mu­sik-Sze­ne, sich selbst oder die Par­odien auf sich selbst par­odie­ren woll­te, weiß ich lei­der nicht.

Klar ist: „Mit freund­li­chen Grü­ßen“ ist schräg; eigent­lich zu schräg, um noch zu gefal­len, aber doch schräg genug, um wie­der zu gefal­len. Ich bin zumin­dest nach einem Hör­durch­gang ziem­lich amü­siert, viel­leicht aber auch nur über den Umstand, dass ich gera­de Hei­no höre. Eigent­lich dürf­te ich das nicht mögen.

„Mit freund­li­chen Grü­ßen“ ist kein Rock im Schla­ger­ge­wand, wie oft behaup­tet wird; es ist Rock im Hein­oge­wand. Hei­no ver­al­bert Leu­te, die Hei­no ver­al­bern. Dafür hat er zumin­dest den Respekt des Troll­freu­di­gen ver­dient. Und er hat es ver­dient, dass man mal rein­hört. Doof fin­den und im Inter­net ver­rei­ßen kann man es spä­ter immer noch.

Man muss es ja nicht mögen.


„Was soll das? Was soll das?“
– Hei­no (Ori­gi­nal: Her­bert Grö­ne­mey­er): Was soll das