Nerdkrams
Regel­ver­net­zung: ifttt

Infor­ma­ti­ker sind ja eine natur­ge­mäß eher beque­me Spe­zi­es. Der „Com­pu­ter“, spä­ter zum „PC“ und zum „Mac“ per­ver­tiert, wur­de ursprüng­lich erschaf­fen, um täg­li­che Auf­ga­ben zu ver­ein­fa­chen; dass heu­te zum Teil mehr Arbeit durch ihn ent­steht als bewäl­tigt wird, lässt mich als iro­ni­schen Men­schen sehr bedeu­tungs­voll gucken.

Nun kann man inzwi­schen ja fast alles auto­ma­ti­sie­ren, was außer­halb des Inter­nets vor sich geht. Dort aber galt es bis­lang noch Schran­ken zu über­win­den.

Der Dienst „if this then that“, kurz „ifttt“, den ich vor eini­gen Mona­ten schon ein­mal in der geschlos­se­nen Beta­ver­si­on kurz aus­pro­biert hat­te, ver­spricht die­ses Pro­blem zu lösen. Mitt­ler­wei­le ist die Anmel­dung für jeden Inter­net­nut­zer offen und frei zugäng­lich. ifttt ver­folgt dabei eine lobens­wer­te Daten­spar­sam­keit: Benut­zer­na­me, E‑Mail-Adres­se, zwei­mal das Pass­wort – fer­tig. (Eine Weg­werfadres­se genügt übri­gens, sofern man spä­ter auf die Benach­rich­ti­gung bei Pro­ble­men ver­zich­ten kann.)

Was eini­ge mei­ner Leser viel­leicht abschreckt: ifttt ist der­zeit nur in eng­li­scher Spra­che ver­füg­bar. Ja, das ist ja alles schön und gut, sagt ihr jetzt viel­leicht, aber was tut ifttt über­haupt? Wie der Name – „wenn dies, dann das“ – schon andeu­tet, ist ifttt ein Dienst, der bei bestimm­ten Ereig­nis­sen bestimm­te Aktio­nen aus­löst, etwa so wie der Auf­ga­ben­pla­ner von Win­dows oder die Unix-/Li­nux-Crontabs („immer, wenn es 3 Uhr ist, for­ma­tier die Fest­plat­te“, zwar blöd, aber geht), nur eben mit Inter­net.

Falls jemand von euch Twit­ter nutzt, hat er viel­leicht schon in irgend­ei­ner time­line Tweets von You­Tube oder Word­Press gese­hen: „Ich habe gera­de einen neu­en Arti­kel geschrie­ben: …“ oder „Mir gefällt ein You­Tube-Video: …“, jeweils mit der Adres­se dahin­ter. Die­se Tweets stam­men direkt von You­Tube und Word­Press (mit ent­spre­chen­den Plug­ins); aber sie könn­ten eben­so gut von ifttt stam­men. Dabei ist noch weit mehr mög­lich als blo­ßes Twit­tern. Ich zum Bei­spiel habe der­zeit zwei akti­ve Auf­ga­ben ein­ge­rich­tet:

  1. Wenn ich via Twit­ter einen URL bewer­be, kopie­re die­se Adres­se auto­ma­tisch auch in mei­ne Lese­zei­chen­samm­lung bei Zoo­tool.
  2. Wenn ich auf Last.fm ein Lied mit einem Her­zen ver­se­he, kün­di­ge dies auf Twit­ter an.

Das klingt jetzt alles nach kom­pli­zier­ter Pro­gram­mie­rung, intern ist es das wahr­schein­lich auch, aber der Benut­zer bemerkt davon nichts:

Dabei ist das nur eine sehr klei­ne Aus­wahl des­sen, wozu ifttt imstan­de ist, hat es doch unter ande­rem auch Zugriff auf den Notiz­dienst Ever­no­te, das furcht­ba­re Face­book, den Spei­cher­platz in der eige­nen Drop­box, den Goog­le Rea­der, belie­bi­ge RSS-Feeds und E‑Mail-Kon­ten; es ist sogar mög­lich, ifttt per SMS anzu­steu­ern. Natür­lich benö­ti­gen alle unter­stütz­ten Dien­ste eine erst­ma­li­ge Frei­schal­tung, das bedeu­tet, wenn man sie in sei­nen „Chan­neln“ akti­viert („Acti­va­te“), muss man sich zunächst zum Bei­spiel auf Twitter.com anmel­den und ifttt den Zugriff gewäh­ren, damit man kei­nen Schind­lu­der mit dem Twit­ter­kon­to Drit­ter treibt.

Das Erstel­len einer neu­en Auf­ga­be erfolgt dann per Klick auf „Crea­te task“, oben rechts im Bild, gra­fisch und ziem­lich kom­for­ta­bel: Zu jedem „Chan­nel“ wer­den jeweils die erkann­ten Ereig­nis­se oder die mög­li­chen Aktio­nen auf­ge­li­stet. Möch­te man zum Bei­spiel auf Ereig­nis­se in sei­ner Drop­box reagie­ren, prä­sen­tiert sich ifttt so:

Die ver­füg­ba­ren „Chan­nel“ wer­den stän­dig erwei­tert, unter ande­rem kann ifttt auch bereits auf Google+-Einträge reagie­ren. Eini­ge Anwen­dungs­bei­spie­le für unter­schied­li­che Zwecke gibt es auf der Sei­te „Recipes“ („Rezep­te“) zu sehen.

Natür­lich ist vie­les, was ifttt bis­her zu bie­ten hat, nicht viel mehr als eine amü­san­te Spie­le­rei. Wenn man aber zum Bei­spiel häu­fi­ger mal auf inter­es­san­te Inter­net­sei­ten ver­wei­sen möch­te, wie es etwa diplix tut, oder etwa Face­book nutzt, um Ein­trä­ge aus ande­ren sozia­len Netz­wer­ken und RSS-Feeds auf der Pinn­wand zusam­men­zu­fas­sen, ist ifttt ein mäch­ti­ges, hilf­rei­ches Werk­zeug.

Ein Blick ist viel­leicht für jeden inter­es­sant, der sich oft und gern im „Web 2.0“ auf­hält, wie auch für jeden, der, wie ich, ein­fach nur gern neue Din­ge aus­pro­biert. Eine effi­zi­en­te Ver­knüp­fung der ver­schie­de­nen Dien­ste, die sich im Lau­fe der Jah­re in den täg­li­chen Arbeits­ab­lauf ein­glie­dern las­sen, kann viel Zeit spa­ren; und Zeit ist manch­mal Geld. (Nur wir Stu­den­ten haben bei­des nur sel­ten. Das ist der Lohn für Wis­sens­durst.)

In den NachrichtenNerdkrams
Sozia­le Dif­fe­ren­zen

Als ich letz­te Woche spe­ku­lier­te, Face­book wer­de in abseh­ba­rer Zeit den Weg aller „sozia­len Netz­wer­ke“ gehen, deren größ­te Beliebt­heit in der Regel einen Zeit­raum von unge­fähr drei Jah­ren umfasst, bevor sie vom näch­sten „kom­men­den Ding“ abge­löst wer­den, ern­te­te ich vor allem ungläu­bi­ges Kopf­schüt­teln. Face­book sei, schrieb zum Bei­spiel „Silen­cer“, mitt­ler­wei­le schlicht zu bedeu­tend, um abge­löst wer­den zu kön­nen.

Ich hat­te die­se Dis­kus­si­on längst wie­der ver­ges­sen, wur­de aber heu­te an sie erin­nert, als ich zufäl­lig die Mel­dung las, dass der Musik­strea­ming­dienst Spo­ti­fy, der in Deutsch­land aus Grün­den nicht offi­zi­ell ver­füg­bar ist, seit Ende Sep­tem­ber 2011 Neu­an­mel­dun­gen nur noch per Face­book-Ver­bin­dung zulässt, soll hei­ßen: Der Zugriff auf die eige­ne Musik – selbst, wenn man sich ein teu­res Pre­mi­um­kon­to dort gelei­stet hat – ist abhän­gig von der Gunst Face­books. Das wie­der­um bedeu­tet: Wer bei Face­book für die Spo­ti­fy-Nut­zung ein zwei­tes Pro­fil anlegt, eine fal­sche Iden­ti­tät vor­gibt oder sonst­wie gegen die Richt­li­ni­en ver­stößt, könn­te irgend­wann ein Pro­blem bekom­men; zumal Face­book in Schu­len und Büros oft schlicht nicht zugäng­lich ist.

Dass die Kri­tik an Face­book kein „typisch deut­sches“ Phä­no­men ist, zeigt sich nun anhand der zahl­rei­chen Beschwer­den inter­es­sier­ter oder ehe­ma­li­ger Spo­ti­fy-Nut­zer. Zu Recht fra­gen dort man­che: „Ist es ver­ant­wor­tungs­voll, die Nut­zung von Face­book vor­aus­zu­set­zen?“ Offen­sicht­lich steht Face­book auch in ande­ren Län­dern in der Kri­tik. „Sozia­le Netz­wer­ke“, so der Tenor, soll­ten eine pri­va­te Spie­le­rei und kei­ne Zugangs­vor­aus­set­zung für irgend­et­was sein, vor allem dann nicht, wenn sie sich wie Face­book gebär­den. So fragt etwa „coro­na­doug“:

How do I purcha­se this for my young daugh­ter? Do you think that I want her having a FB account?

Es ist schön, dass sich man­che Eltern noch über die Inter­net­nut­zung ihrer Kin­der Gedan­ken machen. Anony­mus „iam­pets­tone“ trifft den Nagel jeden­falls auf den Kopf:

Get back to actual­ly being social, you know, by see­ing fri­ends in per­son or picking up the PHONE!

Medi­en­kom­pe­tenz setzt sich lang­fri­stig anschei­nend durch. Platz­hirsch Goog­le, mit dem mit den übri­gen Goog­le-Dien­sten zuse­hends mehr ver­zahn­ten Goog­le+ noch ver­gleichs­wei­se neu im Ren­nen, aber recht erfolg­reich, berei­tet mit sei­ner All­ge­gen­wart bis­lang noch weni­ger Unbe­ha­gen, Benut­zer des Goog­le Rea­ders aller­dings sind seit der letz­ten grö­ße­ren Ände­rung dort ten­den­zi­ell unzu­frie­den und suchen nach Alter­na­ti­ven, und es soll­te mich erstau­nen, trä­fe so etwas nicht auch frü­her oder spä­ter auf die ande­ren Goog­le-Dien­ste zu.

„Silen­cer“ irr­te offen­sicht­lich: Der Trend geht weg von der Mono­po­li­sie­rung des digi­ta­len Lebens. Wir kön­nen inzwi­schen jeden Bereich unse­res digi­ta­len Lebens zwi­schen Goog­le und Face­book auf­tei­len, aber wir sind immer weni­ger bereit, es zu tun. Das ist viel­leicht den unge­zähl­ten aus dem Boden schie­ßen­den Alter­na­ti­ven zu ver­dan­ken, immer­hin ist so ein „Web‑2.0“-Dienst nicht mit unmensch­lich viel Arbeit ver­bun­den (auch Micro­soft arbei­tet dar­an), viel­leicht hilft es aber auch, dass die Nörg­ler, die Daten­schüt­zer sich häu­fi­ger in den Medi­en zei­gen als noch vor weni­gen Jah­ren, denn auch ein daten­schutz­kri­ti­scher Arti­kel ver­an­lasst Men­schen dazu, sich mit dem The­ma zumin­dest ober­fläch­lich zu beschäf­ti­gen.

Was das näch­ste Face­book wird, steht immer noch in den Ster­nen. Aber es wird kom­men.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt LXVI: Inter­na­tio­na­les Anse­hen

Ach du Schreck:

Erst­mals seit sei­nem Rück­tritt zeigt sich Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg der Öffent­lich­keit. Bei einem Vor­trag in Kana­da will der gestrau­chel­te Poli­ti­ker nach SPIE­GEL-ONLINE-Infor­ma­tio­nen über die Wirt­schafts­kri­se spre­chen – ange­kün­digt ist er als „ange­se­he­ner Staats­mann“.

In Kana­da, wo der ehe­ma­li­ge Feld­herr nebst Fami­lie ver­mut­lich fast nie­man­dem näher bekannt ist, kann man so etwas natür­lich bes­ser ver­kau­fen als hier­zu­lan­de. Aber schä­men sich die Ver­an­stal­ter nicht für die­se Fal­sch­eti­ket­tie­rung?

Alle Hoff­nun­gen, in Kana­da wür­de er so posi­tiv auf­ge­nom­men, dass er fort­an dort statt hier agie­ren wird, sind lei­der bereits zer­streut: Sei­ne Frau ist auch wie­der da. Eins muss man ihnen las­sen, beharr­lich sind sie ja. (Und die CSU braucht drin­gend wie­der ein Mas­kott­chen.)

Das wird noch übel enden.

(via Fefe)

PolitikIn den Nachrichten
Das rech­te Ende der Demo­kra­tie

Der Reflex hat­te, wie immer, funk­tio­niert: Kaum war bekannt gewor­den, dass eini­ge Mor­de auf das Kon­to einer ter­ro­ri­sti­schen Ver­ei­ni­gung gin­gen, nur eben dies­mal von Rechts statt von Links wie damals in den 70-ern, brüll­te einem von allen Sei­ten die übli­che For­de­rung nach einem Ver­bot der NPD, wie es auch der ent­ge­gen­ge­setz­ten (und inzwi­schen wie­der exi­sten­ten) KPD vor Jahr­zehn­ten wider­fah­ren war, ent­ge­gen. Denn, so lau­tet die ein­hel­li­ge Mei­nung, rechts­ge­sinn­te Unter­grund­kämp­fer wür­den ihr Tun künf­tig unter­las­sen, wenn man ihnen die Par­tei weg­nimmt.

Dabei stellt offen­bar nie­mand die Fra­ge, ob die NPD und die drei „Ter­ro­ri­sten“ (die­ses Wort ist längst abge­nutzt, wer kennt ein bes­se­res? Vor­schlä­ge sind erbe­ten) wirk­lich all­zu viel mit­ein­an­der zu tun haben. Rechts = NPD, NPD ver­bie­ten = rechts weg. So kann man sich die Welt auch ein­fach­re­den.

Die NPD ist aber ein besten­falls zahn­lo­ser Tiger. Sie ist zum Bei­spiel im säch­si­schen Land­tag ver­tre­ten und fällt dort vor allem dadurch auf, dass man sich über ihre Anträ­ge lustig macht, nicht aber dadurch, dass sie die Inte­gri­tät der demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren Sach­sens nach­hal­tig zu schwä­chen ver­such­te. Enga­ge­ment gegen Gewalt sei­tens poli­ti­scher Extre­mi­sten lässt sich für Rufe nach einem Ver­bot einer Par­tei nicht beschei­ni­gen, denn die­ses hät­te kei­ner­lei Ein­fluss auf extre­mi­sti­sche Gewalt­ta­ten.

Es gibt in Sach­sen anschei­nend genug wahl­be­rech­tig­te Bür­ger, die sich mit den For­de­run­gen der NPD iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Die „deut­sche Ver­fas­sung“ – das Grund­ge­setz – lässt dies aus­drück­lich zu, und ob ein Ver­bot der NPD, von eige­nen poli­ti­schen Idea­len abge­se­hen, mit demo­kra­ti­schen Idea­len ver­ein­bar wäre, möge ein Rechts­kun­di­ge­rer als ich abschlie­ßend beant­wor­ten. Die anhal­ten­den Wahl­er­fol­ge der NPD in man­chen Bun­des­län­dern sind aber ein Sym­ptom, des­sen Bekämp­fung die Ursa­che nicht besei­tigt. Wenn man erkäl­tet ist, ver­schwin­det die Erkäl­tung ja auch nicht durch’s Nase­put­zen.

Las­sen wir die NPD als kon­kre­tes Objekt ein­mal bei­sei­te und kon­zen­trie­ren wir uns auf den Kern: Ein poli­tisch radi­ka­les Trio ermor­det eini­ge Per­so­nen, dar­un­ter eine Poli­zi­stin (somit han­delt es sich – ein schwa­cher Trost – nicht aus­schließ­lich um kon­kret rechts­ra­di­ka­le Taten), und die Öffent­lich­keit for­dert, man möge etwas gegen sol­che Taten unter­neh­men, indem man etwas ver­bie­tet. Mord, Tot­schlag, Tötung, Brand­stif­tung sowie jeweils der blo­ße Ver­such sind aber bereits ver­bo­ten. Scha­de, sagt die Öffent­lich­keit, dann ver­bie­ten wir eben etwas ande­res, denn das wird poli­tisch moti­vier­te Gewalt­tä­ter mit Sicher­heit davon abhal­ten, ihren Trie­ben nach­zu­ge­hen.

Man ver­ste­he mich nicht miss: Gewalt gegen Lebe­we­sen und/oder Din­ge ist kei­nes­falls zu befür­wor­ten, und es soll­te viel weni­ger davon geben. Die­ses Ziel lässt sich aber nicht errei­chen, indem man ver­gleichs­wei­se gemä­ßigt agie­ren­de Poli­ti­ker per Dekret in den Unter­grund drängt, denn die Ter­ro­ri­sten, Mas­sen­mör­der und sonst­wie unfreund­li­chen Per­so­nen sind längst dort. Die sche­ren sich nicht mehr dar­um, ob sie die NPD wäh­len dür­fen oder nicht. „Weh­ret den Anfän­gen“ oder wem auch immer? Die Anfän­ge sind, wie nun erwie­sen ist, längst Geschich­te – ganz ohne die NPD.

Poli­ti­schen Extre­mis­mus hat es zu allen Zei­ten gege­ben, völ­lig egal, ob er geneh­migt oder ver­bo­ten war. Das macht sol­chen Extre­mis­mus aus: Bestehen­de Gesell­schafts­ord­nun­gen und Geset­ze las­sen ihn voll­kom­men kalt. Er liegt offen­sicht­lich im Wesen des Men­schen begrün­det. Wer die NPD ver­bie­tet, beraubt die Demo­kra­tie um ihren äuße­ren rech­ten Rand, Gesin­nun­gen aber wird er so nicht bekämp­fen. Wer den „Kampf“ „gegen Rechts“ oder „gegen Links“ oder mei­net­we­gen „gegen den Scheiß­ka­pi­ta­lis­mus“ auf­nimmt und dabei nicht wil­lens ist, jeden Ver­tre­ter sei­nes jewei­li­gen Feind­bil­des im Zwei­fels­fall ein­fach zu meu­cheln, der wird ver­lie­ren.

Rechts­ra­di­ka­lis­mus ist kein Ver­ein, den man ver­bie­ten könn­te, er ist eine Idee; wenn auch sicher nicht unbe­dingt die beste, die man haben kann. Natür­lich kann (und, bis­wei­len, soll­te) man es ver­bie­ten, jede Idee unge­fil­tert in den öffent­li­chen Raum zu kra­kee­len, aber die Ideen derer, die schwei­gen, ster­ben nicht von allein.

Poli­tisch Akti­ve, die sich für die Stär­kung der Demo­kra­tie und des Gemein­wohls nebst Bekämp­fung ter­ro­ri­sti­scher Akti­vi­tä­ten ein­set­zen, soll­ten kei­ne Ener­gie dar­auf ver­schwen­den, Ver­bo­te zu for­dern. Was die Demo­kra­tie nach­hal­tig schä­digt, ist hier­zu­lan­de bereits seit 1949 ver­bo­ten, und das ist gut und rich­tig so. Die freie Ener­gie soll­ten sie statt­des­sen dafür nut­zen, Unter­stüt­zer die­ser Akti­vi­tä­ten davon zu über­zeu­gen, dass sie es bes­ser kön­nen. Und so ein­fach könn­te man auch das The­ma NPD aus der Welt schaf­fen: Man muss nur ihren Wäh­lern einen zum Bei­spiel pro­gram­ma­ti­schen Anlass geben, sich für eine ande­re Par­tei zu ent­schei­den.

Aber anschei­nend besteht hier­an kein Inter­es­se, oder man hat längst akzep­tiert, dass man in Sach­sen anschei­nend nicht in der Lage ist, den Wahl­be­rech­tig­ten eine attrak­ti­ve Poli­tik anzu­bie­ten. Und so dreht sich die Erde seit Jahr­zehn­ten im Oval. Jeder fragt „war­um?“ und nie­mand will es eigent­lich wis­sen.

Und die Erkäl­tung wird auch wei­ter­hin mit Taschen­tü­chern bekämpft.

PolitikIn den Nachrichten
Gefah­ren des Rau­chens (EU-Ver­si­on)

Zunächst ein wenig Sta­ti­stik:

2010 gab es EU-weit etwa 33.000 Unfall­to­te, etwa 650.000 Men­schen star­ben an den Fol­gen des Tabak­kon­sums, „min­de­stens 1.000″ EU-Bür­ger dar­an, dass sie auf­grund tem­po­rä­rer (oder lang­fri­sti­ger, sonst wür­den sie womög­lich nicht rau­chen) gei­sti­ger Umnach­tung glim­men­de Ziga­ret­ten zu löschen ver­ges­sen hat­ten, ein­schlie­fen und die Kon­se­quen­zen tra­gen muss­ten.

Was macht man als ver­ant­wor­tungs­vol­ler Staa­ten­ver­bund, wie es die EU bekann­ter­ma­ßen ist, aus die­sen erschrecken­den Zah­len?

Ab Don­ners­tag dür­fen in den 27 EU-Mit­glied­staa­ten nur noch sol­che „Ziga­ret­ten mit ver­min­der­tem Zünd­po­ten­zi­al“ ver­kauft wer­den.

(Die Tabak­in­du­strie will ja eben­falls irgend­wie über­le­ben.)

Ver|hält|nis|mä|ßig|keit, die (-, ‑en) f.: Her­aus­ra­gen­des Kri­te­ri­um beim Tref­fen von Ent­schei­dun­gen in poli­ti­schen Gre­mi­en. Sie­he auch: ➔ Irak­krieg, ➔ Glüh­bir­nen, ➔ plemp­lem.

Montagsmusik
Nir­va­na – Milk It

2011 mar­kiert unter ande­rem auch 20 Jah­re „Never­mind“, zu Deutsch „Egal“.

Ich habe dazu aus einem bestimm­ten Grund noch nichts geschrie­ben: „Never­mind“ ist das wohl belang­lo­se­ste Album von Nir­va­na. Dass es mit „Smells Like Teen Spi­rit“ einen veri­ta­blen „Hit“ beinhal­tet, bedeu­tet nicht viel; allen­falls, dass viel Geld in Wer­bung gesteckt wur­de.

Dabei ist „In Ute­ro“ aus mei­ner ganz per­sön­li­chen, sub­jek­ti­ven und ein wenig arro­gan­ten Sicht das über­le­ge­ne Album – sei es nun wegen „Heart-Shaped Box“, „Rape Me“ oder des gran­dio­sen „Milk It“:

1993 war ein ver­dammt gutes Jahr für Nir­va­na. Scha­de, dass es das letz­te blieb.

Sonstiges
Kur­ze Notiz zu Domi­an.

Der Zufall und das Album des Jah­res – mehr dazu am Jah­res­en­de -, anläss­lich des­sen die Musik­he­ro­en Metal­li­ca und Lou Reed gemein­sam auf­tra­ten und dabei Zuschau­er und Zuhö­rer ver­wirr­ten (wer Metal­li­ca erwar­tet, kann mit Lou Reed meist nichts anfan­gen, und umge­kehrt), lie­ßen mich am gest­ri­gen Abend dem merk­wür­di­gen Radio­sen­der „1LIVE“ lau­schen.

Dem Kon­zert und der anschlie­ßen­den Fra­ge­run­de folg­te die Sen­dung „Domi­an“. Den Anfang habe ich ver­passt, aber offen­bar ging es um das The­ma Tod.

„Domi­an“ ist, dies konn­te ich bis­lang in Erfah­rung brin­gen, eine von einem Herrn Domi­an mode­rier­te Rat­ge­ber­sen­dung, bei der Leu­te anru­fen kön­nen, denen sonst nie­mand zuhört, um über Din­ge zu spre­chen, die ihnen gera­de so ein­fal­len. Die voy­eu­ri­sti­sche Ader des Men­schen bedankt sich, sei­ne ratio wen­det sich ange­wi­dert ab.

Allein den schwar­zen Humor wird’s freu­en: Um kurz vor 2 Uhr mor­gens rief ein – sei­nem Idi­om nach zu urtei­len – jun­ger Mann an, dem ein demen­ter Greis vor das Auto gelau­fen und jüngst ver­stor­ben war und den dar­ob ein schlech­tes Gewis­sen plag­te. Herr Domi­an nun schlug vor, er sol­le sein Bei­leid schrift­lich bekun­den; so über­rol­le er die Ange­hö­ri­gen nicht. Immer­hin!
Dass danach eine beschwing­te Frau anrief, die nur ein­mal öffent­lich ihre Freu­de über ihre gera­de erfolg­te Schei­dung bekun­den woll­te, gab der Sen­dung einen sur­rea­len Anstrich.

Anschei­nend soll­te ich das Schaf­fen von Herrn Domi­an künf­tig etwas auf­merk­sa­mer ver­fol­gen.

PolitikIn den NachrichtenPiratenpartei
Kurz ver­linkt LXV: Pira­ten stin­ken und Euro­pa ist kopf­los.

Andre­as Baum, Ber­li­ner Pirat, wur­de von der „ZEIT“, nur echt in Brüll­buch­sta­ben, mit 99 Fra­gen kon­fron­tiert, die über die „ZEIT“ sicher mehr aus­sa­gen als über Andre­as Baum; zum Bei­spiel:

War­um tra­gen Sie, obwohl rang­ho­hes Mit­glied der Pira­ten, kei­nen Pfer­de­schwanz?

Oder:

Gehört das zum Look eines Pira­ten, dass man ein biss­chen arm rüber­kommt?

Oder:

Ist das wich­tig, dass man als Pirat immer ein biss­chen unge­wa­schen aus­sieht?

Als hun­dert­ste Fra­ge stel­le ich nur eine ein­zi­ge an die „ZEIT“: Wird es eigent­lich zwin­gend vor­aus­ge­setzt, min­de­stens ein biss­chen bescheu­ert zu sein, um für die „ZEIT“ schrei­ben zu dür­fen?

(via netzpolitik.org)


Sonst so: Euro­pa hat kein Par­la­ment, also kein vali­des; wie Deutsch­land eben auch kein vali­des Wahl­recht hat. Die Fünf­pro­zent­hür­de ver­sto­ße näm­lich gegen die Grund­sät­ze der Wahl­rechts­gleich­heit, befand das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, aller­dings nur auf Europa‑, nicht auf Bun­des­ebe­ne. Dazu passt viel­leicht die Mel­dung, dass die Deut­schen im euro­päi­schen Durch­schnitt bezüg­lich ihres Anti­se­mi­tis­mus‘ noch harm­los sei­en, behaup­tet die (trotz­dem lin­ke) „taz“.

Dass Euro­pa also bald wie einst die Wei­ma­rer Repu­blik von ein­zeln nur bedeu­tungs­lo­sen, poli­tisch radi­ka­len Split­ter­par­tei­en wie der F.D.P. regiert wer­den könn­te, soll uns in Deutsch­land dann nicht wei­ter stö­ren.

Obwohl „Die PARTEI“ im Bun­des­tag sicher­lich nicht ganz unin­ter­es­sant wäre.

Sonstiges
Vor­sicht: Kof­fe­in macht wach!

Ich wüss­te ja schon gern, wel­che Umstän­de dazu geführt haben, dass die Her­stel­ler von kof­fe­in­hal­ti­gen Geträn­ken, Ziga­ret­ten­her­stel­lern nicht unähn­lich, expli­zit dar­auf hin­wei­sen, dass das ent­hal­te­ne Kof­fe­in nicht nur die Wach­heit erhöht, son­dern oben­drein, völ­lig uner­war­te­ter­wei­se, auch die Müdig­keit senkt:

(Ande­rer­seits: Nein, lie­ber nicht.)

In den NachrichtenPiratenpartei
Wenn Jour­na­li­sten ihre Prin­zi­pi­en ver­ges­sen

Wäre ich Jour­na­list, ich hät­te gera­de wirk­lich schlim­mes Sod­bren­nen.

Jah­re­lang wur­de die Pira­ten­par­tei als Ein­the­men­par­tei dar­ge­stellt und belä­chelt; mit der blo­ßen For­de­rung nach einem zeit­ge­mä­ßen Urhe­ber­recht sei kein Staat zu machen, und wür­de jemals jemand die Pira­ten­par­tei in ein Par­la­ment wäh­len, so müs­se sie sich bis dahin schon mehr über­le­gen, sofern sie dau­er­haf­ten Erfolg haben wol­le. Dass es der Pira­ten­par­tei nicht um Macht, son­dern um eine Ände­rung poli­ti­schen Kon­sen­ses ging und geht, hat schon damals nie­mand von der schrei­ben­den Zunft so recht ver­stan­den.

Dann kam die Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus­wahl 2011. Die Pira­ten­par­tei hat inzwi­schen ein umfas­sen­des, weit­ge­hend sozi­al­li­be­ra­les Pro­gramm, das die For­de­rung nach mehr digi­ta­len Bür­ger­rech­ten, wie gewünscht, bei­na­he zum Rand­the­ma wer­den zu las­sen scheint – und was schreibt man nun als so genann­ter „Jour­na­list“ in zum Bei­spiel die Süd­deut­sche Zei­tung hin­ein?

[Die Par­tei] will die Zuschrei­bung des Daten- oder Musik­pi­ra­ten umdeu­ten und von sei­ner kri­mi­nel­len Kon­no­ta­ti­on befrei­en.

Jetzt, da sie erst­mals in einem deut­schen Par­la­ment sit­zen, schei­nen sie genau das ver­ges­sen zu haben. Sie spre­chen über fahr­schein­lo­sen Nah­ver­kehr, aber nicht über das Urhe­ber­recht. Das ist erstaun­lich, weil eine Pau­schal­ab­ga­be fürs S‑Bahnfahren genau auf dem urhe­ber­recht­li­chen Modell basiert, das Juri­sten unter dem Begriff „Kul­tur­flat­rate“ für die Netz­nut­zung beschrei­ben.

Doch die Debat­te über eine dafür not­wen­di­ge Reform des Urhe­ber­rechts ist der­zeit nicht oppor­tun, sie setzt die Kraft vor­aus, auch gegen Wider­stän­de zu agie­ren. Die­se Kraft kön­nen oder wol­len die Pira­ten nicht auf­brin­gen.

Ja, wie denn nun – eine Pira­ten­par­tei als Urhe­ber­rechts­par­tei ist lächer­lich, eine Pira­ten­par­tei als Pau­schal­par­tei soll sich gefäl­ligst mehr um das Urhe­ber­recht küm­mern? Lei­der lässt Autor Dirk von Geh­len offen, an wel­cher Aus­rich­tung er nichts aus­zu­set­zen hät­te – wahr­schein­lich fie­le ihm die Ant­wort selbst schwer.

Nun könn­te man natür­lich fra­gen, wie­so die bekannt inkon­se­quen­te Hal­tung der Süd­deut­schen Zei­tung zur Pira­ten­par­tei irgend­je­man­den inter­es­sie­ren soll­te, gilt doch für die dor­ti­gen Arti­kel das glei­che wie für Ein­trä­ge im Forum der Pira­ten­par­tei: Pri­vat­mei­nun­gen sind jedem unbe­nom­men, und sei­en sie noch so albern. Aller­dings hat die Süd­deut­sche Zei­tung eine Auf­la­ge, die womög­lich all­zu vie­len Leu­ten, die poli­tisch eben­so umfas­send gebil­det sind wie die dor­ti­gen Beschäf­tig­ten, ein völ­lig fal­sches Bild der Umstän­de ver­mit­teln könn­te, daher schrei­be ich mal etwas dazu:

Die längst not­wen­di­ge Reform des Urhe­ber­rechts ist ein Kern­the­ma der Pira­ten­par­tei und wird ein sol­ches auch bis zu eben­die­ser Reform blei­ben. Die AG Urhe­ber­recht ist unver­än­dert aktiv und arbei­tet stän­dig an der Erwei­te­rung des Par­tei­pro­gramms. Dass die­se Akti­vi­tä­ten ein­ge­schla­fen sei­en, hät­te Dirk von Geh­len leicht als Irr­tum erken­nen kön­nen, hät­te er nur ein­mal einen Blick in die öffent­lich zugäng­li­che Mai­ling­li­ste der AG gewor­fen; aber für Recher­chen wird man bei der Süd­deut­schen Zei­tung anschei­nend zu schlecht bezahlt.

Mit ein wenig Recher­che hät­te Dirk von Geh­len auch erken­nen kön­nen, wie­so sein gan­zer schö­ner zwei­sei­ti­ger Arti­kel in Gän­ze Mum­pitz ist: Das Urhe­ber­recht ist ein Bun­des­ge­setz.

Die Ber­li­ner Frak­ti­on der Pira­ten­par­tei ist zwar durch­aus poli­tisch in der Lage, den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr in dem Bun­des­land, in des­sen Regie­rung sie gewählt wur­de, mit­zu­ge­stal­ten, sie kann aber kei­ne rechts­gül­ti­gen Ent­schei­dun­gen über den Bahn­ver­kehr in Bay­ern tref­fen; wie wir in Nie­der­sach­sen ja zum Bei­spiel auch froh sind, dass die CSU hier nichts zu mel­den hat. Dirk von Geh­len wirft einer Par­tei in einer Lan­des­re­gie­rung nun vor, dass sie kei­ne Ände­rung der Bun­des­ge­set­ze anstrebt, und liegt damit selbst­ver­ständ­lich voll­kom­men dane­ben.

Die Pira­ten­par­tei selbst setzt sich unver­än­dert für eine Reform des Urhe­ber­rechts ein. Wenn Dirk von Geh­len etwas dar­an liegt, dass die­se Reform umge­setzt wird, dann soll­te er bei der näch­sten Bun­des­tags­wahl sei­ne Stim­me der Pira­ten­par­tei geben. Von einer Lan­des­frak­ti­on aber zu erwar­ten, Bun­des­po­li­tik zu machen, zeugt von einer bemer­kens­wer­ten Bereit­schaft, sich von ver­mut­lich unnö­tig ver­wir­ren­den Fak­ten zu The­men, mit deren Beschrei­bung man sein Geld ver­dient, nicht beein­flus­sen zu las­sen.

Zum Glück bin ich kein Jour­na­list.

In den NachrichtenNerdkrams
Thi­lo Wei­chert und die Face­boo­k­af­fä­re

Thi­lo Wei­chert hat es nicht leicht. Als Daten­schutz­be­auf­trag­ter des Lan­des Schles­wig-Hol­stein ist es sei­ne Auf­ga­be, dar­auf zu ach­ten, dass auch in Zei­ten tota­ler Ver­net­zung der Daten­schutz der Bür­ger gewahrt bleibt. Als größ­te Bedro­hung für die­sen – von den eige­nen Behör­den natür­lich abge­se­hen – hat er, durch­aus zu Recht, Face­book erkannt.

Das Blö­de ist: Schles­wig-Hol­steins Face­book­sei­ten­be­trei­ber haben kei­ne Lust, den Betrieb ihrer prak­ti­schen Wer­be­flä­chen ein­zu­stel­len.

Obwohl mit Buß­gel­dern gedroht wird, habe von 15 Ange­schrie­be­nen bis­lang nur eine öffent­li­che Stel­le reagiert und ihre Face­book-Sei­te deak­ti­viert. (…) Anlass des Unge­hor­sams gegen­über dem Daten­schutz­recht sei­en kei­ne hoch­wer­ti­gen Moti­ve, son­dern allein der Wunsch, über einen Inter­net­dien­ste­an­bie­ter, der meint, nicht durch deut­sches Daten­schutz­recht gebun­den zu sein, für sich Wer­bung machen zu kön­nen.

Nun könn­te man Thi­lo Wei­chert, der auch der Schufa schon Unver­träg­lich­keit mit Daten­schutz­be­stim­mun­gen beschei­nig­te, für all­zu kon­ser­va­tiv und rück­stän­dig hal­ten, und sei es nur für einen bil­li­gen, aber herz­li­chen Lacher:

Ja, ich bin befan­gen, ich habe Thi­lo Wei­chert mal auf einer Podi­ums­dis­kus­si­on in Ber­lin gese­hen, und ich hat­te den Ein­druck, er trinkt Lack.

Aber danach soll­te man sich doch ein­mal damit befas­sen, wor­um es eigent­lich geht:

Die offen­sicht­li­che Fra­ge, war­um aus­ge­rech­net Behör­den eine Face­book-Fan­sei­te unter­hal­ten soll­ten, wird anschei­nend von den betrof­fe­nen Behör­den selbst gar nicht gestellt. Natür­lich nicht, man möch­te ja modern sein und sich die­sem… die­sem Dings… Inter­net da aus­rei­chend anbie­dern, weil irgend­je­mand von irgend­je­man­dem ein Memo bekom­men hat, dass heut­zu­ta­ge eh alle Face­book nut­zen oder so. Im Prin­zip wäre dar­an nichts aus­zu­set­zen, wäre es nicht Face­book.

Face­book spal­tet die Gesell­schaft dabei auf ähn­li­chem Niveau wie Goog­le: Wäh­rend gegen Goog­le Street View in Mas­sen pro­te­stiert wur­de, hat eine Wie­der­ho­lung der glei­chen Pro­ze­dur (Städ­te mit ent­spre­chend aus­ge­stat­te­ten Auto­mo­bi­len fil­men) durch Micro­soft für das eige­ne Pro­dukt Bing nur wenig Auf­merk­sam­keit auf sich gezo­gen. Klar, denn Micro­soft ver­sucht nicht, den Lebens­mit­tel­punkt sei­ner Kun­den dar­zu­stel­len; anders etwa als Goog­le und Face­book, die seit Jah­ren dar­um kon­kur­rie­ren, wer sei­ne Benut­zer wohl am besten „kennt“.

Dabei treibt die­se Spal­tung bis­wei­len skur­ri­le Blü­ten: Im Blog Netzpolitik.org etwa, aus dem unter ande­rem die frag­wür­di­ge „Digi­ta­le Gesell­schaft“ her­vor­ging, wird in kur­zen Abstän­den immer wie­der davon berich­tet, dass Face­book als Gefahr ange­se­hen wird, das obli­ga­to­ri­sche „Gefällt mir“ aber las­sen sich die War­ner nicht neh­men, und es prangt wei­ter­hin bunt unter jedem Arti­kel.

Das Pro­blem von Face­book wird oft auf die all­ge­gen­wär­ti­gen „Track­ing-But­tons“, also die von facebook.com ein­ge­bun­de­nen Java­scripts, die jeden Besu­cher, ob Face­book-Nut­zer oder nicht, zu iden­ti­fi­zie­ren ver­su­chen und auch über einen län­ge­ren Zeit­raum „wie­der­erken­nen“, so dass Face­book in Prin­zip weiß, wann er wel­che Inter­net­sei­te wie lan­ge besucht hat, redu­ziert. (Face­book hat dies ver­neint, jedoch war das schlicht gelo­gen. Ver­trau­en zu schaf­fen sieht anders aus.) Inso­fern könn­te man – und Thi­lo Wei­chert – zufrie­den sein, dass mehr und mehr Sei­ten­be­trei­ber auf eine Zweiklick­lö­sung wie etwa die von heise.de set­zen, die die Java­scripts nur lädt, wenn der Benut­zer dem aus­drück­lich zustimmt. Dies aber ist nur die hal­be Wahr­heit, all die­se Daten­si­cher­heit ist näm­lich beim Auf­ruf von Face­book, ob bewusst oder unbe­wusst, wie­der dahin.

Bereits das Bewer­ben von Face­book mit­tels wie auch immer gear­te­tem Ver­weis dort­hin, sei es als „Gefällt mir“, sei es als Lese­tipp, gefähr­det den Daten­schutz derer, die die­sen Ver­weis betä­ti­gen. Wel­cher nor­ma­le Inter­net­nut­zer weiß schon, was „Track­ing“, also Ver­fol­gung, bedeu­tet? Wer weiß so genau, was Face­book über ihn weiß? Sicher ist das kein Welt­un­ter­gang, ver­mut­lich nie­mand wird dar­an ster­ben, dass Face­book 2013 noch weiß, wel­che Inter­net­sei­ten er am 2. Sep­tem­ber 2011 besucht hat, aber das fällt auch nicht in den Zustän­dig­keits­be­reich eines Daten­schüt­zers.

Die Maxi­me eines Daten­schüt­zers soll­te es nicht sein, Bür­ger zu bevor­mun­den, son­dern eben sol­che Bevor­mun­dun­gen zu unter­bin­den. Die Hoheit über die eige­nen Daten ist ein wert­vol­les Gut, das ist nicht erst seit der Pira­ten­par­tei bekannt. Nie­mand kann es Bür­gern ver­bie­ten, ihre Daten frei­wil­lig jedem anzu­ver­trau­en, der sie gern ein­se­hen wür­de; nie­mand aber darf sie auch dazu zwin­gen, dies zu tun, indem er unge­fragt sol­che Ver­fol­gungs­me­cha­nis­men Drit­ter instal­liert. (Anders gesagt: Es möge Face­book nut­zen, wer es denn unbe­dingt will, aber das zu ent­schei­den obliegt ihm selbst und nicht den Wer­be­trei­ben­den.)

Thi­lo Wei­cherts Kampf gegen den sorg­lo­sen Umgang mit Face­book ist berech­tigt. Es ist sei­ne Auf­ga­be als Daten­schüt­zer, die­sem Ein­halt zu gebie­ten. Die mei­sten sei­ner Kri­ti­ker schei­nen nur „Kampf gegen … Face­book“ zu ver­ste­hen, und das wäre in der Tat ein nicht nur alber­ner, son­dern die Infor­ma­ti­ons­frei­heit gefähr­den­der Vor­stoß. Davon hat aber auch nie­mand gere­det.

Mit etwas Glück wird Face­book eher frü­her als spä­ter das Schick­sal von Wer-kennt-wen und den ande­ren Netz­wer­ken, die kei­ner mehr haben will, erei­len; dann wird die Kara­wa­ne wei­ter­zie­hen, viel­leicht zu Dia­spo­ra (oder Des­po­ra oder Gera­spo­ra, völ­lig egal), viel­leicht zu irgend­et­was ganz ande­rem, und kei­ner wird sich mehr erei­fern, wenn jemand die Inte­gri­tät von Face­book in Fra­ge stellt. Bis dahin gilt es, wach­sam zu blei­ben: Wer öffent­lich lügt, dem soll­te man nicht ver­trau­en.

(Und trotz­dem wäh­len immer noch irgend­wel­che Leu­te die CDU.)

PolitikIn den NachrichtenMontagsmusik
Colos­se­um – Valen­ty­ne Suite

Mit der Euro­ret­tung sieht es düster aus, der deut­schen Wirt­schaft wird der Export von Meu­chel­gü­tern schmack­haft gemacht, Isra­el und der Iran las­sen es bro­deln, und die mei­sten Men­schen scheint aber doch nur eines zu inter­es­sie­ren: Wer soll „Wet­ten, dass..?“ über­neh­men?

Die Welt wird alt und wird wie­der jung, doch der Mensch hofft immer auf Ver­bes­se­rung, dich­te­te einst Fried­rich von Schil­ler; und wäre er noch am Leben, er wäre ver­mut­lich ein her­vor­ra­gen­der Kaba­ret­tist.

Her­vor­ra­gend und immer noch am Leben sind der­weil die Musi­ker von Colos­se­um:

COLOSSEUM – The Valen­ty­ne Suite (Live@Genova 05-07-2011)

Mal wie­der: Zeit­los schön.


Apro­pos „Suite“: Die F.D.P. wur­de gestern fei­er­lich an den Tropf gehängt. Merk­wür­dig – ich war bis­her der Mei­nung, lebens­er­hal­ten­de Maß­nah­men trotz offen­sicht­li­cher Todes­sehn­sucht des Pati­en­ten wären ver­bo­ten.

NetzfundstückeIn den Nachrichten
Medi­en­kri­tik in Kurz­form: Kau­fen Sie nicht ver­käuf­li­che Waren hier!

Ganz gro­ßes Ten­nis auch, CHIP.de:

All der Hick­hack um die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen um Apple und ein Ver­kaufs­ver­bot oder Nicht­ver­kaufs­ver­bot von iPho­nes in Deutsch­land auf­grund ver­fah­rens­tech­ni­scher Gege­ben­hei­ten kann euch nicht davon abhal­ten, noch ein wenig Koh­le in Form von Pro­vi­si­on zu schef­feln, der auto­ma­ti­sier­ten Ein­blen­dung von irgend­wel­chem Wer­be­un­fug sei „Dank“.

Das Land­ge­richt Mann­heim ver­bie­tet Apple für Deutsch­land mit sofor­ti­ger Wir­kung den Ver­kauf von Gerä­ten, die ein Mobil­funk-Patent von Moto­ro­la ver­letz­ten (sic!).

Aller­dings ver­weist Patent-Exper­te Mül­ler zu Recht dar­auf, dass es Apple Inc. hier­zu­lan­de nicht nur ver­bo­ten ist „mobi­le Gerä­te zu lie­fern“, son­dern auch sie „anzu­bie­ten“.

Gün­stig kau­fen: Apple iPho­ne 4 32GB ab 449,90 €