NetzfundstückeMir wird geschlecht
Kopf­weh­tex­te: Julia Schramm und das Schwur­bel­pro­blem

(Vor­ab: Dies ist die Weni­ger­kurz­fas­sung eines Bei­trags, den ich bereits anders­wo ver­öf­fent­licht hat­te. Wer ihn schon kennt, der möge anders­wo wei­ter­le­sen.)

Im August 2011 habe ich zum ersten Mal etwas aus­führ­li­cher von der so genann­ten „Spacke­ria“, einer Ansamm­lung von Men­schen mit der immer­hin recht eigen­wil­li­gen Ansicht, Daten­schutz sei nicht mehr zeit­ge­mäß oder so, gehört, als Spacke­ria-Mit­glied (oder heißt das „Spacke­rin“?) und Pirat Julia Schramm sich in ihrer Par­tei auf­grund der Ansicht besag­ter Ansamm­lung von Men­schen eini­ger­ma­ßen unbe­liebt mach­te. Das The­ma ebb­te aller­dings wenig spä­ter eben­so ab wie das The­ma „Staats­tro­ja­ner“; man­ches lässt sich eben ganz gut aus­sit­zen. Abge­se­hen von Micha­el See­mann, bes­ser bekannt als mspr0, des­sen eines Blog ich manch­mal lese, aber sel­ten ver­ste­he, ver­schwan­den Julia Schramm und die Spacke­ria wie­der aus mei­nem Wahr­neh­mungs­feld.

Ich weiß nun immer noch nicht so genau, wer Julia Schramm eigent­lich ist, von obi­gen Eigen­schaf­ten ein­mal abge­se­hen, weil mich Klatsch und Tratsch nicht son­der­lich inter­es­sie­ren; aber immer, wenn sie etwas schreibt, ver­ste­he ich zumin­dest, wie­so die Spacke­ri­sten beim ein­fa­chen Volk so unbe­liebt sind: Sie ver­lie­ren sich in end­lo­sem Geschwur­bel ohne Hand und Fuß.

Die Spacke­ria hat ein Schwur­bel­pro­blem.

Der Micha­el See­mann hat manch­mal inter­es­san­te Ideen (die ich zum gro­ßen Teil aller­dings nicht so toll fin­de und nicht ver­wirk­licht sehen will – aber man darf ja durch­aus auch ande­re Anschau­un­gen inter­es­sant fin­den), nur hat er das Pro­blem, dass er die­se Ideen unter sei­ten­wei­se Geschwur­bel ver­steckt. Da schlägt dann fast immer TL;DR zu.

Heu­te nun hat sich Julia Schramm wie­der zu Wort gemel­det; nicht aller­dings als Ver­tre­ter der post-pri­va­cy, son­dern als Mit­glied der Pira­ten­par­tei. Für den „Frei­tag“ refe­rier­te sie über das ver­meint­li­che „Geschlechterpro­blem“ der Pira­ten­par­tei.

Gegen die Ein­lei­tung habe ich, von der Inter­punk­ti­on abge­se­hen, nicht ein­mal etwas ein­zu­wen­den:

Bei den Pira­ten kämp­fen die männ­li­chen gegen die weib­li­chen Nerds. Der gegen­sei­ti­ge Vor­wurf: Frau­en- bzw. Män­ner­feind­lich­keit. Dass es um Teil­ha­be geht, ver­ges­sen alle

So weit, so rich­tig, und so wenig wer­den die Grü­nen das jemals ver­ste­hen. Und dann aber:

Vor allem Frau­en, aber natür­lich in erster Linie Män­ner, sträu­ben sich inner­halb der Par­tei mit erstaun­li­cher Hef­tig­keit gegen den Begriff Femi­nis­mus.

„Vor allem Frau­en, aber natür­lich in erster Linie Män­ner“, also ins­be­son­de­re Mit­glie­der bei­der Geschlech­ter, nicht aber Herm­aphro­di­ten (?!), sträu­ben sich als Pira­ten gegen den Begriff Femi­nis­mus? Nein, gegen den Begriff hat nie­mand etwas, nur gegen Geschlech­ter- statt Kom­pe­tenz­quo­ten, aber das kann man ja mal ver­wech­seln, wenn man sich schon „Spacke­ria“ nennt. Wobei, nur weni­ge Sät­ze spä­ter, es heißt:

Für eini­ge ist Femi­nis­mus syn­onym mit Quo­te.

Unter ande­rem anschei­nend für einen Teil der Autorin, der ande­re Teil der Autorin hat es ver­stan­den, behaup­tet er; oder behaup­tet es der ande­re? (Ihr merkt, lie­be Leser: Tex­te von Julia Schramm zu ver­ste­hen ist nicht leicht.)

Wäh­rend nun der Pira­ten-Nerd zum so ver­hass­ten Inter­net­aus­drucker beim The­ma Femi­nis­mus wird, mutie­ren die durch­schnitt­li­chen Femi­ni­stIn­nen zum Nerd und beschimp­fen den Pira­ten-Nerd für den ekla­tant unin­for­mier­ten Umgang mit femi­ni­sti­schen Begrif­fen und dem dazu­ge­hö­ri­gen Den­ken.

Die­sen Satz muss­te ich drei­mal lesen. Wer schafft weni­ger? – Der Nerd also wird zum Anti­nerd und der/die/das Feminist/in/num zum Nerd, wenn es um Femi­nis­mus geht; bedeu­tet das im Umkehr­schluss, dass die Nicht­pi­ra­ten­nerds von allem außer Femi­nis­mus kei­nen Schim­mer haben? Bedeu­tet das über­haupt irgend­et­was?

Ich habe es immer noch nicht geschafft, besag­ten Text zu Ende zu lesen, ohne voll­ends den Faden zu ver­lie­ren. Hat es jemand geschafft und kann mir kurz die Ver­mu­tung bestä­ti­gen, dass der Text kei­ner­lei wei­te­re Infor­ma­tio­nen ent­hält?

Wei­ter unten – das fiel mir beim Über­flie­gen auf – schrieb Julia Schramm dies:

Denn nur über Exklu­siv­wis­sen und gemein­sa­mes Han­deln wird die so lang ersehn­te Inklu­si­on voll­zo­gen, die so viel gutes Gefühl, ja Aner­ken­nung ver­mit­telt.

Viel­leicht schreibt man als Mit­glied der Spacke­ria sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen ja des­halb immer so, dass kei­ner, der nicht aus dem glei­chen Wis­sens­fun­dus schöpft, noch ver­steht, wor­um es eigent­lich geht: Dies gewähr­lei­stet eine Exklu­si­vi­tät der eige­nen Inter­es­sens­ge­mein­schaft, denn die Ein­stiegs­hür­de, näm­lich das nöti­ge Abstrak­ti­ons­ver­mö­gen, um den Sinn zu erken­nen, erscheint für Außen­ste­hen­de unüber­wind­bar.

Mein Kopf tut weh, ich mach‘ die Augen zu… (Nena)

PiratenparteiPolitikNetzfundstücke
Kat­rin (CDU): Vogel.

Der Preis für größt­mög­li­chen Rea­li­täts­ab­stand geht in die­sem Monat tra­di­tio­nell wie­der an die CDU, dies­mal an das dor­ti­ge Mit­glied Kat­rin Vogel, die irgend­je­mand blöd genug war zu wäh­len und die des­halb fol­gen­den Unsinn unre­di­giert in irgend­ein – zum Glück nur loka­les – Quatsch­blatt drucken las­sen durf­te:

Wahr ist, dass die Pira­ten­par­tei sich für eine Locke­rung des Betäu­bungs­mit­tel­ge­set­zes ein­setzt, um so etwa der Dro­gen­ma­fia das Geschäft zu rui­nie­ren und sie so letzt­end­lich über­flüs­sig zu machen. Kom­plett dane­ben liegt sie aber mit der Behaup­tung, die Pira­ten­par­tei unter­stüt­ze den frei­en Zugang zu Kin­der­por­no­gra­fie im Inter­net. Inzwi­schen habe sie das ein­ge­se­hen, schreibt Frau Vogel:

Im Pro­gramm der Pira­ten habe ich vie­le Punk­te zur Ableh­nung der Zen­sur im Inter­net gefun­den aber kei­ne Äuße­rung zur Ver­ur­tei­lung von Kin­der­por­no­gra­phie im Inter­net oder Vor­schlä­ge zur deren Bekämp­fung.
Durch hun­der­te von emails, als Reak­ti­on auf mei­nen Arti­kel, ist mir deut­lich gewor­den, dass es offen­sicht­lich Ziel vie­ler Mit­glie­der oder Anhän­ger der Pira­ten ist, kin­der­por­no­gra­phi­sche Sei­ten kom­plett zu löschen.

Sie wirkt ehr­lich über­rascht. Wie, die Pira­ten­par­tei steht gar nicht für kosten­lo­se Kin­der­por­no-Flat­rates?!

Fünf Jah­re Pira­ten­par­tei kann man eben schon mal ver­schla­fen, wenn man in der CDU ist, und mit dem lang­wei­li­gen Geschwätz, das Par­tei­en von sich geben, die nicht mal im Bun­des­tag sit­zen, muss man sich ja ohne­hin nicht beschäf­ti­gen. Da steht die Uni­on drü­ber, gel­le? – Ich fra­ge mich, ob die Ent­schul­di­gung es eben­falls in das­sel­be Quatsch­blatt schafft. Ich bin kein Jurist, aber ich bezweif­le, dass die­ses halb­her­zi­ge „hopp­la!“ die bereits gesche­he­ne üble Nach­re­de nebst nega­ti­ven Fol­gen für das Anse­hen der Pira­ten­par­tei bei Lesern des Quatsch­blat­tes im Nach­hin­ein auf­hebt. Um es mit Kat­rin Vogel zu sagen:

Demo­kra­tie hat auch Gren­zen.

Aber nur so ein Denk­an­stoß, Frau Vogel: Wofür genau steht eigent­lich Ihre CDU, die Kin­der für ihren Wahl­kampf miss­braucht und nicht davor zurück­schreckt, ent­spre­chen­des Mate­ri­al auch öffent­lich vor­zu­füh­ren? Für ange­wand­tes Arsch­loch­tum?

Das wird man ja wohl noch fra­gen dür­fen in die­sem Land.


Nach­trag vom 30. Novem­ber 2011: In den Kom­men­ta­ren zu die­sem Bei­trag hat Kat­rin Vogel mei­ne Ver­mu­tung, eine Kor­rek­tur wür­de aus­blei­ben, wider­legt. Dan­ke hier­für.

Fotografie
Über­ra­schung!

Ihr kennt das sicher: Ihr wollt noch unter­wegs ein Geschenk für lie­be Weg­be­glei­ter kau­fen, aber fin­det ein­fach nicht das rich­ti­ge Mit­bring­sel.

Zum Glück gibt es Geschäf­te, die sich dar­auf spe­zia­li­siert haben, die­sem Miss­stand ein Ende zu berei­ten; zum Bei­spiel den „Über­ra­schungs-Basar“ in einer nicht näher erwäh­nens­wer­ten deut­schen Klein­stadt, des­sen Ange­bot bereits von Wei­tem zu bestechen weiß:

Da wer­den die lie­ben Weg­ge­fähr­ten sicher über­rascht sein!

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt LXIV: Kei­ne Gna­de für ganz nor­ma­le Men­schen

Unver­schämt­heit!

Tele­fó­ni­ca Ger­ma­ny hat die Zusam­men­ar­beit mit dem Foto­mo­del Vanes­sa Hess­ler been­det. Die 23-Jäh­ri­ge hat­te sich als Gelieb­te eines getö­te­ten Gad­da­fi-Soh­nes geoutet und das Gad­da­fi-Regime ver­harm­lost.

(…)

Nach dem Sturz des Gad­da­fi-Regimes in Liby­en hat­te sich das 23-jäh­ri­ge Foto­mo­del in einem Inter­view mit der ita­lie­ni­schen Frau­en­zeit­schrift Diva e Don­na laut Focus über ihre vier­jäh­ri­ge Bezie­hung zu Mut­as­sim al Gad­da­fi, einem der wäh­rend der Kämp­fe in Liby­en getö­te­ten Gad­da­fi-Söh­ne, geäu­ßert.

„Sei­ne Fami­lie, sei­ne Brü­der sind nicht so, wie sie immer dar­ge­stellt wer­den. Das sind ganz nor­ma­le Men­schen“, sag­te Hess­ler in dem Inter­view.

Was ist die­se Frau Hess­ler nur für ein Mensch, dass sie so etwas behaup­tet? Selbst­ver­ständ­lich sind die Söh­ne eines dik­ta­to­ri­schen ehe­ma­li­gen Revo­lu­ti­ons­füh­rers selbst Dik­ta­to­ren und wur­den zu Recht von der Erde getilgt!

Man hal­te ihr zugu­te, dass sie selbst bemer­kens­wert welt­fremd ist und behaup­tet, über die Zustän­de in Liby­en bes­ser Bescheid zu wis­sen als die Zuschau­er der täg­li­chen, selbst­ver­ständ­lich inte­gren und objek­ti­ven Fern­seh­nach­rich­ten:

Das Schick­sal des Gad­da­fi-Clans beweg­te das Model offen­bar mehr als das des liby­schen Vol­kes, das ihr nicht beson­ders arm und auch nicht fana­tisch vor­ge­kom­men sei. „Man muss nicht alles glau­ben, was so gesagt wird“, sag­te Hess­ler. Dass der Westen den Auf­stand gegen Gad­da­fi unter­stützt hat, gefiel ihr eben­falls nicht: „Die Leu­te wis­sen nicht, was sie tun.“

Gut, dass man sie end­lich aus dem Ver­kehr gezo­gen hat! Am Ende zwei­felt noch jemand dar­an, dass der Auf­trags­mord in Liby­en eine gute Idee war!

Und das wol­len wir ja alle nicht, nicht wahr?

KaufbefehleMusikkritik
Pin-up Went Down – 342

Apro­pos Rock, Alter: 2010 erschien das Album „342“ der fran­zö­si­schen Avant­gar­de-Metal­ler Pin-up Went Down und geht so ab, dass man geneigt ist, von Mords­mä­ßig­keit zu spre­chen, wäre Mord nicht so nega­tiv behaf­tet.

Bei pin-ups denkt man womög­lich an Spind­po­ster mit Iko­nen frü­he­rer Jahr­zehn­te und nicht an Metal. Nun, tat­säch­lich zele­brie­ren die Musi­ker die Ästhe­tik der 50-er Jah­re. Das Album beginnt mit lau­schi­gen Klän­gen, wie sie unge­fähr zu hören sind, wenn man sich Kla­vier­be­glei­tung in einem Café in einem kli­schee­haf­ten Schwarz-Weiß-Spiel­film über die Vor- und frü­he Nach­kriegs­zeit vor­stellt (oder wie jeden­falls ich sie mir vor­stel­le), Sän­ge­rin „Aspho­del“ beherrscht ihr Hand­werk vor­treff­lich. Duffy ist ein stimm­li­cher Ver­gleich, der unser­ei­nem in den Sinn kommt.

Kaum aber hat man sich an die leicht ent­rück­te, ins­ge­samt nach The Car­di­gans und Bel­le and Seba­sti­an und Bell, Book & Cand­le und Regi­na Spek­tor und Kli­schee­fil­men klin­gen­de Ein­lei­tung gewöhnt, haut der Schlag­zeu­ger kurz auf die Pau­ke, und der Metal bahnt sich sei­nen Weg ins Gehör des erwar­tungs­vol­len und plötz­lich ziem­lich über­wäl­tig­ten Hörers. Mas­ku­li­nes Grow­ling, Gitar­ren­ge­schep­per, irres Schlag­zeug, dazu gibt „Aspho­del“ die Tar­ja Tur­unen oder, je nach Gene­ra­ti­on, die „Colum­bia“ aus der Rocky Hor­ror Pic­tu­re Show. Eine neue Asso­zia­ti­on, die sich bei der von mir gehör­ten Musik nur sel­ten anbie­tet: Hag­gard. (Die eben­falls recht gut sind und mal gehört wer­den soll­ten, lie­be Leser.)

Nach etwa drei Minu­ten folgt ein Folks­tück mit mehr­stim­mi­gem Gesang, spär­lich instru­men­tiert, der bereits erwähn­te Bell, Book & Cand­le auch gesang­lich in Erin­ne­rung ruft. Lied 3, „Por­ce­lain Hours“, ist bei­na­he schon „Pop“, stil­echt mit die­sem moder­nen Sprech­ge­sang, den nach über 30 Jah­ren noch vie­le Jugend­li­che echt pri­ma fin­den, in „Essence of I“ paart man Grow­ling mit Shaki­ra, und das klingt nicht ein­mal schlecht. Gele­gent­li­che merk­wür­di­ge Choral­ein­wür­fe, etwa in dem eben­falls merk­wür­dig benann­ten „Mur­phy in the Sky with Dae­mons“ (da gab es doch mal was von den Beat­les?), erin­nern an Yes‘ merk­wür­di­ges „Sound Cha­ser“ („cha cha cha / cha cha“) und belu­sti­gen und hal­ten die Auf­merk­sam­keits­span­ne des Hörers auf einem hohen Niveau. So muss das sein, so ist es fein.

Das gesam­te Album und sei­nen Vor­gän­ger „2 Unli­mi­t­ed“ von 2008 gibt es auf der Inter­net­prä­senz des Tri­os zu hören, dau­er­haf­ten Spaß auch unter­wegs bie­tet die CD-Ver­si­on, die es zum Bei­spiel via Ama­zon oder zum Selbst­bren­nen auf Bandcamp.com zu erwer­ben gibt.

Man möge reich­lich davon Gebrauch machen!

SonstigesIn den Nachrichten
Trotz­dem.

Mor­gens auf­ste­hen, weil man noch müde ist.

Zur Arbeit gehen, weil es dort viel zu tun gibt.

Einer Fei­er bei­woh­nen, weil der Gast­ge­ber ein Unsym­path ist.

Bier trin­ken, weil man noch fah­ren muss.

Ein­fach öfter mal etwas tun, weil es eigent­lich obwohl hei­ßen müss­te.

Das Leben kann so anders sein.


Apro­pos „anders“: Welt.de schafft es mal wie­der, jede Freu­de über eine Über­schrift im Text ver­ges­sen zu las­sen.

So heißt es dort:

Die Bun­des­re­pu­blik genießt bei jun­gen Migran­ten einen exzel­len­ten Ruf. Und sowohl in Euro­pa als auch in Über­see steigt das Inter­es­se an der deut­schen Spra­che.

Das sind doch mal posi­ti­ve news Neu­ig­kei­ten, bedenkt man, dass die Benut­zung der deut­schen Spra­che hier­zu­lan­de nicht unbe­dingt beliebt ist. Blö­der­wei­se rela­ti­viert Welt.de das schon wenig spä­ter:

Umso erfreu­li­cher, dass wir in Euro­pa und Über­see ein stei­gen­des Inter­es­se an der deut­schen Spra­che regi­strie­ren dür­fen. Und zwar nicht aus selbst­lo­ser Lie­be zu Goe­the, Schil­ler und Hei­ne, son­dern weil immer mehr gut aus­ge­bil­de­te, jun­ge Aus­län­der in der Bun­des­re­pu­blik ein Land sehen, in dem man sein Glück machen kann. Wir kön­nen die­se Men­schen gut gebrau­chen. Immer mehr Bran­chen rufen ver­zwei­felt nach Fach­ar­bei­tern und Inge­nieu­ren – und sie­he da, sie kom­men. (…) Als Ein­wan­de­rungs­land kon­kur­rie­ren wir welt­weit um die besten Köp­fe.

Die­sen Text emp­feh­le ich nur in kur­zen Abschnit­ten zu lesen, denn über­höh­ter Kon­sum kann schnell zu Brech­reiz füh­ren. Es sei, so Autor C.C. Mal­zahn von Welt.de, nicht etwa beson­ders wich­tig, dass die deut­sche Spra­che sich ver­brei­tet, son­dern sie sei ledig­lich ein wich­ti­ges Mit­tel zum Zweck; und zwar nicht etwa aus kul­tu­rel­lem Inter­es­se, son­dern aus blo­ßen wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen her­aus: Je bes­ser Aus­län­der Deutsch spre­chen, desto eher sei­en sie befä­higt, einen gut bezahl­ten Arbeits­platz zu fin­den, denn die Wirt­schaft suche drin­gend nach aus­ge­bil­de­ten Fach­kräf­ten, und im Inland sei­en die anschei­nend – das schreibt C.C. Mal­zahn aller­dings nicht – nur schwer zu fin­den, obwohl hier eben­falls vie­le Men­schen Deutsch spre­chen. Die paar Mil­lio­nen arbeits­lo­ser deutsch­stäm­mi­ger Aka­de­mi­ker ver­lan­gen eben ein­fach zu viel Geld für ihre Arbeit. Mit „selbst­lo­ser Lie­be“ kann man eben kei­ne Fami­lie ernäh­ren.

Manch­mal ver­gisst man fast, dass Welt.de ein kon­ser­va­ti­ves Medi­um ist. Schön, dass man manch­mal wie­der dar­an erin­nert wird.

In den NachrichtenNerdkrams
Kurz ver­linkt LXIII: Der Ter­ror und die Dilet­tan­ten

Um den Frei­tag ange­mes­sen hei­ter in das Wochen­en­de über­ge­hen zu las­sen, emp­feh­le ich den Kon­sum die­ses Arti­kels auf heise.de, dem­zu­fol­ge die mei­sten Par­tei­en im Bun­des­tag – mit Aus­nah­me der Grü­nen natür­lich, denn die sind gera­de in der Oppo­si­ti­on und fin­den blö­de Ideen (Stutt­gart 21, Tro­ja­ner­ein­satz und so wei­ter) nur gut, bis sie abge­wählt wer­den, um dann mit dem Fin­ger auf die ande­ren Par­tei­en zu zei­gen, und der Lin­ken – den fort­ge­setz­ten Ein­satz des grund­rechts­wid­ri­gen „Staats­tro­ja­ners“ befür­wor­ten. Eine wirk­lich beein­drucken­de Begrün­dung hier­zu kommt aus dem kon­ser­va­ti­ven Lager:

Cle­mens Bin­nin­ger sprach im Namen der CDU/C­SU-Frak­ti­on von einer „absur­den For­de­rung“, die mit kei­nem Wort auf die ern­ste ter­ro­ri­sti­sche Bedro­hungs­la­ge hier­zu­lan­de ein­ge­he.

„Ern­ste ter­ro­ri­sti­sche Bedro­hungs­la­ge hier­zu­lan­de“ in ande­ren Wor­ten:

Gegen den Beschul­dig­ten wur­de ermit­telt, weil er bei einem IT-Unter­neh­men arbei­te­te, das Han­dels­platt­for­men für Fir­men pro­gram­mier­te, die in Deutsch­land ordent­lich zuge­las­se­ne Psy­cho­phar­ma­ka ins Aus­land ver­trei­ben. Der Vor­wurf lau­te­te auf „gewerbs­mä­ßi­ge Aus­fuhr von Betäu­bungs­mit­teln“.

Wenn wir uns sonst kei­nen ernst­haf­ten Gefah­ren aus­ge­setzt sehen, etwa durch die gan­ze unschö­ne Geschich­te mit dem Euro oder ähn­li­ches, dann könn­ten wir uns eigent­lich statt­des­sen auch zurück­leh­nen und uns freu­en, dass es uns doch eigent­lich ganz gut geht. Aber eini­ge haben eben immer was zu meckern.

Dabei stört es sie auch nicht, qua­si hin­ten­rum eine Abwand­lung der „Sip­pen­haft“ wie­der ein­zu­füh­ren:

Es sei bekannt, dass Tat­ver­däch­tig­te im Bereich des Ter­ro­ris­mus immer kon­spi­ra­ti­ver vor­gin­gen und ver­schlüs­selt kom­mu­ni­zier­ten, erklär­te Bin­nin­ger. Der ver­deck­te Zugriff auf Fest­plat­ten und ande­re IT-Syste­me sei daher unver­zicht­bar.

(„Unver­zicht­bar“ ist dabei, „alter­na­tiv­los“ abzu­lö­sen, wie mir scheint; es bleibt aber der­sel­be Unsinn.)

Die Ter­ro­ri­sten mit ihren fie­sen Ver­schlüs­se­lun­gen „erzwin­gen“ also den Ein­satz grund­rechts­feind­li­cher Auto­ma­tis­men; und im Umkehr­schluss haben alle, die auf der­lei Maß­nah­men ver­zich­ten, nichts zu befürch­ten, denn wer ver­schlüs­selt, hat etwas zu ver­ber­gen, nicht wahr? (Es ist nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis irgend­je­mand aus der CDU/CSU oder vom BKA das genau so dar­stel­len wird, war­tet es ab!)

Und näch­ste Woche ver­bie­ten sie dann das Abschlie­ßen der Haus­tür beim Ver­rei­sen, denn das erschwert die heim­li­che Instal­la­ti­on von Schad­soft­ware durch Unbe­fug­te doch immens.

Ich kann die­se Fres­sen nicht mehr sehen. Sie machen mit ihrer Schei­ße alle Leu­te ver­rückt. (R. Pofalla, CDU, in ande­rem Zusam­men­hang)

MusikSonstiges
Medi­en­kri­tik LVIII: Tom Waits im Rol­ling Stone (wenig­stens haben sie es ver­sucht)

Eine (meist) lie­be Lese­rin mach­te mich vor eini­gen Mona­ten dar­auf auf­merk­sam, dass Tom Waits, sei­nes Zei­chens eigen­wil­li­ger San­ges­künst­ler, ziem­lich auf­re­gen­de Musik her­vor­bringt. Unter dem Ein­druck von „Bone Machi­ne“, des­sen Schräg­heit in wun­der­sa­mer Wei­se mit mei­ner Affi­ni­tät zu musi­ka­li­scher Schräg­heit har­mo­niert, stimm­te ich in ihre Lob­hu­de­lei­en ein; und erblick­te heu­te im Zeit­schrif­ten­re­gal eines Super­mark­tes eben­je­nen Tom Waits auf der Titel­sei­te des nor­ma­ler­wei­se eher belie­bi­gen Maga­zins „Rol­ling Stone“. Da ich noch ein wenig Zeit bis zum näch­sten Ter­min hat­te, wag­te ich auf­grund des ver­hei­ßungs­vol­len Titels den Kauf.

Es war undurch­dacht von mir, trotz gegen­tei­li­ger Erfah­run­gen davon aus­zu­ge­hen, der „Rol­ling Stone“ hät­te sich aus­nahms­wei­se dazu ent­schlos­sen, seri­ös zu wer­den. Tat­säch­lich wird des Titel­hel­den Schaf­fen nur wenig erwähnt, das Album „Bone Machi­ne“ kommt eben­so wie „Mule Varia­ti­ons“ und das Drei­fach­al­bum „Orphans: Braw­lers, Baw­lers & Bastards“ je ein­mal, jeweils eher bei­läu­fig erwähnt vor, das vor­letz­te Album „Real Gone“ immer­hin zwei­mal. Haupt­säch­lich geht es um „Bad As Me“, das aktu­el­le Album von Tom Waits, und um die Per­son des Inter­pre­ten, als wäre das eigent­lich auch schon alles, was man von Tom Waits wis­sen muss.

Für die, die noch nie etwas von Tom Waits gehört haben, erklärt es Jörn Schlü­ter, offen­bar Schrei­ber­ling beim „Rol­ling Stone“, gern ein­mal am Bei­spiel des Stückes „Hell Bro­ke Luce“ („bru­ta­le Mili­tär-Per­si­fla­ge“, J. Schlü­ter) von die­sem aktu­el­len Album:

Das Lied schwankt durch die Schüt­zen­grä­ben wie ein Pan­zer auf Stel­zen.

Fünf Euro in die Wort­spiel­kas­se bit­te.

Dass ich noch nie einen Pan­zer auf Stel­zen gese­hen habe, der durch Schüt­zen­grä­ben schwankt, kann ich dem Autor nicht zum Vor­wurf machen und füh­re es aus guter Absicht vor­erst auf mei­ne feh­len­de mili­tä­ri­sche Ver­gan­gen­heit zurück. Eines wür­de mich dann jedoch schon inter­es­sie­ren: Neh­men wir an, ein Pan­zer auf Stel­zen gerät auf dem Weg durch Schüt­zen­grä­ben tat­säch­lich ins Schwan­ken – was genau hat das Lied damit zu tun?

Jörn Schlü­ter hät­te die­se Fra­ge Tom Waits stel­len sol­len, denn die­se Ant­wort hät­te mich wirk­lich sehr inter­es­siert: „Herr Waits, Ihr Lied ‚Hell Bro­ke Luce‘ schwankt durch die Schüt­zen­grä­ben wie ein Pan­zer auf Stel­zen, war­um ist das so?“ Das hat er natür­lich nicht getan, son­dern wei­ter an sei­ner Repu­ta­ti­on gear­bei­tet. Wahr­schein­lich möch­te Jörn Schlü­ter nicht, dass ihn nur die Leser die­ses Arti­kels für ver­krampft pein­lich und eigent­lich gar nicht sehr an sei­nem zu beschrei­ben­den Objekt (Tom Waits) inter­es­siert hal­ten, was er mehr­fach zu ver­ste­hen gibt:

Mit „Orphans: Braw­lers, Baw­lers & Bastards“ erschien ein Drei­fach-Album mit Aus­ge­son­der­tem und Ver­ges­se­nem. Man über­leg­te, ob Waits wohl in die Schluss­run­de ein­ge­bo­gen war.

(Her­vor­he­bung von mir.)

War er aber nicht, der Tom Waits, und so nutz­te Jörn Schlü­ter die Gele­gen­heit, auch ihm, Tom Waits, gegen­über ein­mal zu zei­gen, dass Musik mit Anspruch ihn, Jörn Schlü­ter, deut­lich über­for­dert, und schaff­te es in all sei­ner Nai­vi­tät dann doch noch, mich zum Schmun­zeln zu brin­gen, indem er frag­te:

Ihre Lyrics lesen sich manch­mal wie Gedich­te – auch auf die­sem Album erin­nert mich eini­ges an Charles Bukow­ski, der Sie zu Beginn Ihrer Kar­rie­re beein­flusst hat. Haben Sie ihn jemals getrof­fen?

Charles Bukow­ski kennt er zumin­dest nament­lich, viel­leicht auch nur vom Hören­sa­gen, und viel­leicht ist der Umstand, dass sich Tom Waits‘ Lied­tex­te sel­ten rei­men, auch schon die ein­zi­ge Par­al­le­le, die Jörn Schlü­ter zwi­schen Tom Waits, dem Musi­ker, und Charles Bukow­ski, dem Poe­ten, erkennt. Gra­tu­lie­ren soll­te man Jörn Schlü­ter aber zu der groß­ar­ti­gen Erkennt­nis, dass man Lied­tex­te, häu­fig rhyth­misch unter­legt, nicht nur als Pro­sa oder Bus­fahr­plan (S. Gärt­ner), son­dern auch als Gedicht, als Lyrik („lyrics“) eben, lesen kann. So sieht Musik­jour­na­lis­mus 2011 aus.

Und ich ver­ste­he all­mäh­lich, wie­so Jörn Schlü­ter die­ses Gespräch füh­ren durf­te: Die Alter­na­ti­ve, ein Inter­view mit dem Jour­na­li­sten gegen­über sel­ten tole­ran­ten Lou Reed und Metal­li­ca, hät­te er nicht lan­ge durch­ge­stan­den.

Netzfundstücke
Licker in front of the vil­la­ge!

Ich gebe zu, ich habe von Öko­no­mie nur all­zu wenig Ahnung. Als Geschäfts­füh­rer eines kun­den­na­hen Unter­neh­mens wür­de ich wohl kläg­lich ver­sa­gen, auch des­halb, weil Kun­den mir im Arbeits­le­ben als der Haupt­grund für nicht ein­ge­hal­te­ne Fri­sten und all­ge­mein eher als Stör­quel­le erschei­nen.

Was mir weni­ger unwahr­schein­lich Freu­de berei­ten wür­de, wäre eine Tätig­keit als der­je­ni­ge Unter­neh­mens­kas­per, der für das öffent­li­che Auf­tre­ten zustän­dig ist. Mit Non­sens­be­rufs­be­zeich­nun­gen wie „public rela­ti­on­ship mana­ger“ oder son­sti­gem Fir­le­fanz will ich mich dafür gar nicht unbe­dingt „schmücken“ kön­nen, aber die Auf­ga­be selbst ist inzwi­schen anschei­nend lächer­lich ein­fach gewor­den, gemes­sen an dem dafür in Aus­sicht gestell­ten Gehalt.

Die Fir­ma Schlecker näm­lich durf­te in den letz­ten Wochen viel Kri­tik für ihr neu­es Unter­neh­mens­mot­to „For you. Vor Ort.“ ein­stecken, die zusätz­lich anschwoll, als Schlecker erklär­te, man habe sich dem eher nied­ri­gen Bil­dungs­ni­veau des typi­schen Schlecker­kun­den ange­passt. Anders aus­ge­drückt: Wer stän­dig Eng­lisch quäkt, ist blöd.

Die­se Para­phra­sie­rung miss­fällt Schlecker aber eben­falls, denn so habe man das gar nicht gemeint:

Nun kom­men­tie­ren eini­ge Inter­net-Nut­zer den ver­öf­fent­lich­ten Brief und set­zen ein nied­ri­ges und mitt­le­res Bil­dungs­ni­veau mit „dumm“ oder „unter­be­lich­tet“ gleich. Das ist in der Sache eben­so falsch und zynisch, (sic!) wie aus unse­rer Sicht unver­schämt und arro­gant. Es ent­larvt letzt­lich die­je­ni­gen, die sich der­art äußern.

Lie­be Leser, lie­be Fir­ma Schlecker, man hel­fe mir doch bit­te ein wenig auf die Sprün­ge:

„Unse­re Kun­den haben in der Regel ein besten­falls durch­schnitt­li­ches Bil­dungs­ni­veau“ bedeu­tet nicht, dass man sei­ne eige­nen Kun­den auf unver­schäm­te und arro­gan­te Wei­se für, nun, eher unge­bil­det hält? Aber was denn dann? Für „dümm­lich“ näm­lich hält man sie nicht:

Unse­re Mit­ar­bei­ter, die zum über­wie­gen­den Teil schon seit 15 und mehr Jah­ren im Unter­neh­men arbei­ten, wie auch unse­re Kun­den sind es ganz sicher nicht.

Sie sind eben Pre­ka­ri­er, wat will­ste machen; aber dümm­lich sind sie ganz sicher nicht!

Eigent­lich sei die Auf­re­gung aber auch völ­lig über­zo­gen, heißt es im Hau­se Schlecker wei­ter, denn, mei­ne Güte, so ein Unter­neh­mens­mot­to sei ohne­hin bedeu­tungs­los:

Wir haben uns bewusst auch des­halb für das Mot­to ent­schie­den weil es pola­ri­siert, weil sich Men­schen dar­über aus­tau­schen und weil es in Erin­ne­rung bleibt. Genau das ist die Kern­auf­ga­be eines Unter­neh­mens­mot­tos.

Ach so – ich war bis­lang der Mei­nung, ein Unter­neh­mens­mot­to sol­le das Selbst­bild des Unter­neh­mens und sei­ne Wer­te reflek­tie­ren und nicht für bil­li­ge Schlag­zei­len her­hal­ten.

Aber ich habe, wie erwähnt, natür­lich auch kei­ne Ahnung von Wirt­schaft.

(Bonu­s­poin­te für Leser aus den schlecker­na­hen Bil­dungs­schich­ten: Das Schlecker-Blog ist zur­zeit unter fäka­ler Sub­do­mä­ne zu errei­chen.)

PolitikIn den Nachrichten
Peter Fon­da und die Publi­ci­ty

Der eine der bei­den Haupt­dar­stel­ler von „Easy Rider“, Den­nis Hop­per, ist mitt­ler­wei­le tot. Dafür ist der ande­re, Peter Fon­da, nach wie vor quick­le­ben­dig und ist sich nicht zu blöd, sich ab und zu mal aner­ken­nend auf die Schul­tern zu klop­fen.

Zum Bei­spiel beant­wor­te­te er anläss­lich der vom Maga­zin „GQ“ ver­lie­he­nen Aus­zeich­nung als „Mann des Jah­res 2011“ so man­che Fra­ge und füg­te auch eige­ne Anmer­kun­gen hin­zu. Dass er das getan hat, ist schön und dient ganz bestimmt nicht der publi­ci­ty, denn Peter Fon­da fin­det publi­ci­ty doof.

Mein Lieb­lings­teil aus dem Ver­kün­de­ten ist jeden­falls die­ser hier:

Sei­nen Lands­leu­ten, die aktu­ell gegen den Kapi­ta­lis­mus demon­strie­ren, rät der Schau­spie­ler: „Wenn ihr wirk­lich Ein­druck machen wollt, dann tragt kei­ne Pla­ka­te, brüllt nicht und singt kei­ne Pro­test­lie­der. Geht ein­fach hin, schweigt und schaut irre wütend drein. Das wirkt unkon­trol­lier­bar. Gefähr­lich. Der Staat wird sich fürch­ten.“

… oder vor Lachen nicht dazu kom­men, sich zu weh­ren; je nach­dem.

Aber war­um wen­det sich Peter Fon­da an „sei­ne Lands­leu­te“ in zwei­ter Per­son, statt selbst aktiv zu wer­den, wenn ihm das doch ein ehr­li­ches Anlie­gen ist?

Ach, ist es ja nicht:

Er selbst wol­le sich jedoch nicht unter die Demon­stran­ten mischen: „Nein, das wäre bescheu­ert. Nichts als Publi­ci­ty. Ich schrei­be lie­ber auf Twit­ter, was ich den­ke“, so Fon­da.

„Ich las­se euch alle mal machen; wenn ihr die Auf­merk­sam­keit so nötig habt. Ich ja nicht! Wo ist die Kame­ra? Haben Sie mit­ge­schrie­ben? So als GQ-‚Mann des Jah­res‘ hat man ja gewis­se Ver­pflich­tun­gen.“

Denn über­haupt sei Demon­strie­ren bescheu­ert. Die wah­re Revo­lu­ti­on fin­de anders­wo statt, näm­lich auf Twit­ter. Die neu­en Auto­no­men: Schwer bewaff­net mit dem Inter­net.

Der „Easy Rider“ kennt das ja noch von frü­her, aus den wil­den 60-ern. Damals, inmit­ten der „68er-Revo­lu­ti­on“, war ihm die offe­ne Demon­stra­ti­on sicher auch schon zuwi­der, er hat es ver­mut­lich bevor­zugt, wüten­de Brie­fe zu schrei­ben und dann aus Pro­test nicht abzu­sen­den.

Born to be wild …

Montagsmusik
Groo­ve und Applaus: Her­bie Han­cock – Cha­me­le­on

Anläss­lich bekann­ter Lie­der bekann­ter Pop- und Rock­künst­ler klat­schen Kon­zert­be­su­cher drei- bis vier­mal.

Die ersten klat­schen, weil sie den Namen des Lie­des ken­nen; die zwei­ten klat­schen, weil sie die ersten Tak­te des Lie­des erken­nen; die drit­ten klat­schen, wenn das Lied zu Ende ist, um die Lei­stung des Künst­lers zu wür­di­gen; die vier­ten, eine noch recht neue Grup­pe, klat­schen wäh­rend des Lie­des, um ihr ver­meint­li­ches Takt­ge­fühl zu demon­strie­ren.

Von all die­sen sind mir ein­zig die drit­ten will­kom­me­ne Gesprächs­part­ner. Den ande­ren wür­de ich gern eine klat­schen.

Es setzt schon eine Men­ge künst­le­ri­sche Qua­li­tät vor­aus, um stets takt­fer­nes Publi­kum am Mit­klat­schen zu hin­dern; oder eine Men­ge an Respekt, den man sich erar­bei­tet hat, und das ist nicht leicht. Pop­ge­wohn­tes Publi­kum respek­tiert sei­ne Künst­ler ohne­hin nur sel­ten, die­se arbei­ten aller­dings auch nur sehr ungern dar­an, respek­tiert zu wer­den. Ein Album, viel­leicht ein Nach­fol­ge­al­bum, eine Abschieds­tour­nee vor wenig Zuschau­ern und Auf­trit­te in irgend­wel­chen Rück­schau­en auf RTL, das genügt zwar für den Lebens­un­ter­halt, nicht aber für Respekt.

Wech­selt man aller­dings das Gen­re, wird das Klat­schen womög­lich zum tra­gen­den statt zum stö­ren­den Ele­ment und fällt anson­sten nicht wei­ter ins Gewicht; vor allem dann, wenn die Musi­ker laut genug agie­ren. Man dre­he also den Laut­stär­ke­reg­ler sei­ner Klangaus­ga­be etwas höher, bege­be sich in eine ent­spann­te Sitz­po­si­ti­on und neh­me den Rhyth­mus in sich auf:

Her­bie Han­cock & Tal Wil­ken­feld – Cha­me­le­on – Mon­treux Jazz Festi­val 2010

Wie ange­nehm doch so ein Mon­tag sein kann, wenn man ihn mit groo­ve beginnt!

Spaß mit Spam
Sie haben gewon­ne

Nur eine kur­ze Replik auf eine erfreu­lich kur­ze Müll­mail:

Sie haben gewon­ne

Du habe gewon­ne? Iche habe gewon­ne! Welch Won­ne.

Wir emp­feh­len Ihnen, pdf Atta­ched Datei цffnen,und wen­den Sie sich fьr Ihr Agent Lot­te­rie­ge­winn.

Ich emp­feh­le Ihnen, weni­ger Kleb­stoff zu trin­ken, bevor Sie Mails ver­fas­sen, und wen­den Sie sich fьr Ihr Kopf­arzt.

Mit freund­li­chen GrьЯen,
Manage­ment

Ab mit Scha­den;
und bis bald.

PolitikIn den Nachrichten
Gaga.

Apro­pos Pop: Clau­dia „Frosch“ Roth, die lusti­ge Dada-Ani­ma­teu­rin der Grü­nen, hat anläss­lich der aktu­el­len Steu­er­po­li­tik von Schwarz-GeldGelb eine selt­sa­me Fan­ta­sie her­auf­be­schwo­ren:

Die Grü­nen-Vor­sit­zen­de Clau­dia Roth hat Mer­kel hef­tig kri­ti­siert. Es sei absurd, mit­ten in der euro­päi­schen Finanz­kri­se einen „Steu­er­sen­kungs­bal­lon“ stei­gen zu las­sen, sag­te Roth am Sams­tag bei einer Lan­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz der baye­ri­schen Grü­nen in Bad Winds­heim. Sie füg­te hin­zu: „Ange­la Mer­kel wird mehr und mehr zur Lady Gaga der deut­schen Poli­tik.“

Wie ist das gemeint? Dür­fen wir bald Ange­la Mer­kels Kon­ter­fei in den ein­schlä­gi­gen Ton­trä­ger­ge­schäf­ten erblicken? Wird die Musik­bran­che sie zur neu­en „Köni­gin des Pop“ erhe­ben? Und erwar­ten uns dann in Zukunft wei­te­re Ein­blicke in etwas, was wir eigent­lich gar nicht so genau wis­sen woll­ten?

Clau­dia Roth schafft es immer wie­der, mich zu erschüt­tern; wenn auch nur sel­ten poli­ti­scher Natur.

(Dan­ke an L.!)

Musik
Pop ist Pop (na naaa na na na).

Die Ver­öf­fent­li­chung des neu­en Cold­play-Albums „Mylo Xylo­to“ ging erfreu­li­cher­wei­se bei­na­he unbe­merkt an mir vor­über. Mei­ne Medi­en­kom­pe­tenz ist uner­schüt­ter­lich. Die von mir kon­su­mier­ten Medi­en aber wid­me­ten sich statt­des­sen nicht etwa rele­van­ten welt­po­li­ti­schen The­men, son­dern einer ande­ren über­be­wer­te­ten Musik­ka­pel­le und prei­sen „50 Jah­re Pop­mu­sik“, weil 1961 die erste Auf­nah­me der Beat­les (als Begleit­ka­pel­le von Tony Sher­i­dan into­nier­ten sie das schreck­li­che „My Bon­nie“) erschien.

Das war damals eine ziem­lich gro­ße Ange­le­gen­heit, damals wie heu­te galt und gilt: Der deut­sche Main­stream hört wie gehabt vor­zugs­wei­se Dreck. So genann­te Pop­mu­sik. (Klar – des­halb heißt er ja „Main­stream“, weil er von Avant­gar­dis­mus schnell über­for­dert ist.) Dass Peter von’en Schall­gren­zen qua­si als Gegen­be­leg die ein­tö­ni­ge Pop­knöd­le­rin Les­lie Feist anführt, die unge­fähr so wenig „Main­stream“ ist wie Regi­na Spek­tor oder, sagen wir mal, Sil­ber­mond, erstaunt mich; aber viel­leicht ist mein Gehör auch ein­fach über­for­dert von der Sim­pli­zi­tät moder­nen Pops.

Apro­pos Moder­ne: „50 Jah­re Pop­mu­sik“ und „50 Jah­re Beat­les“ haben nicht viel mit­ein­an­der zu tun, abge­se­hen davon, dass bei­de Jubi­lä­en nicht zutref­fen.

Das mit den Beat­les ist ein­fach erklärt; die näm­lich wur­den bereits 1960 gegrün­det und nann­ten sich bereits im August jenen Jah­res „The Beat­les“, eine nach­träg­li­che Ver­öf­fent­li­chung im Fol­ge­jahr, zunächst unter dem Namen „The Beat Brot­hers“ ver­kauft, kann also unmög­lich die Geburt der Pop­mu­sik bedeu­ten, wenn man allein die Geschicke die­ser Com­bo als Rah­men­hand­lung für die Pop­ge­schich­te her­an­zieht.

Was aber ist „Pop“? „Pop“, das sagen die ein­schlä­gi­gen Wör­ter­bü­cher, steht für „Popu­lär­mu­sik“. Klam­mern wir ein­mal die Come­di­an Har­mo­nists und ähn­li­che Musi­kan­ten gewis­sen Anse­hens aus und set­zen – will­kür­lich – anglo­pho­ne Beat­mu­sik, wie sie die Beat­les anfangs mach­ten, als Aus­lö­ser des „Pop­gen­res“ (bezie­hungs­wei­se ja eigent­lich des Rock­gen­res) fest, auch dann ist die Behaup­tung „Beat­les = Begrün­der der Pop­wel­le“ unsag­bar däm­lich, denn Bill Haley und die „Comets“ (kaum bekann­ter Fakt: „Bill Haley’s Ori­gi­nal Comets“ sind noch immer musi­ka­lisch aktiv) hat­ten bereits fast zehn Jah­re zuvor, im Jahr 1952, mit „Real Rock Dri­ve / Stop Bea­tin‘ Round the Mul­ber­ry Bush“ ihre erste Ver­öf­fent­li­chung auf dem Markt, Bill Haley selbst bereits 1948 mit „Four Leaf Clover Blues / Too Many Par­ties and Too Many Pals“. Dass die „Beat­les“ trotz aller Seich­tig­keit bekann­ter wur­den, ist nicht zuletzt ihrer Ver­mark­tung zu ver­dan­ken, aber die „Pop­mu­sik“ haben sie eben­so­we­nig gebo­ren wie die „Rock­mu­sik“ und die „Beat­mu­sik“. Dass sich immer noch vie­le neu gegrün­de­te Musik­grup­pen auf die Beat­les als Ein­flüs­se bezie­hen, könn­te indes dar­an lie­gen, dass sich das bes­ser ver­kau­fen lässt, denn die Beat­les kennt jeder irgend­wo her.

Wobei die Beat­les sich nie in dem Gen­re ver­wur­zelt sahen, das man heu­te schwam­mig „Pop“ nennt, weil man für fein­zi­se­lier­te Nuan­cen kein Ohr mehr hat und nach drei Minu­ten (oder 140 Zei­chen) die Auf­merk­sam­keit rapi­de nach­lässt, Pop(ulär)kultur sei’s geschul­det. Vom Beat der ersten Sin­gles über den Psy­che­de­lic Rock von „Revol­ver“ und vor allem „Rub­ber Soul“ bis zu den gemäch­li­chen Rock­bal­la­den von „Let It Be“ war sicher eine Men­ge Mist („Yester­day“) dabei, aber doch nie wirk­lich Pop. Wenn man „Pop“ aber im Wort­sin­ne nimmt, „Pop“ also nur „popu­lä­re Musik“ bedeu­tet, dann sind die Beat­les eben­so „Pop“ wie die Scor­pi­ons, Nickel­back, Miley Cyrus, die Ärz­te, eben die Come­di­an Har­mo­nists, Gene­sis und sogar King Crims­on, die sich nach eini­gen Jahr­zehn­ten im Geschäft ja inzwi­schen auch gut besuch­ter Kon­zer­te erfreu­en dür­fen.

Ich wage zu behaup­ten: Men­schen haben zu aller Zeit Klän­ge zur Unter­hal­tung genutzt. Sind Busch­trom­meln, wenn sie nicht gera­de der Kom­mu­ni­ka­ti­on die­nen, eben­falls klas­si­sche Popin­stru­men­te? Andy War­hols Kunst nennt man auch Pop-Art. Ist Pop abstrakt? Das aber wider­sprä­che der gän­gi­gen Regel „was Pop ist, ist main­stream“. Wenn Pop aber kein Gen­re ist, kein Sam­mel­be­griff irgend­wie zusam­men­hän­gen­der Gen­res und auch sonst eigent­lich nur ein Schlag­wort für belie­bi­ge Gedan­ken­kon­struk­te (Wis­sen­schaft ist Pop, Spit­zeln ist Pop, Ficken ist Pop, alles ist Pop?) – wäre es dann nicht für uns alle am ein­fach­sten, wür­den wir die­ses Wort künf­tig aus unse­rem akti­ven Wort­schatz til­gen?

Ande­rer­seits: Ver­mut­lich ist Dage­gen­sein nicht Pop genug.

PolitikIn den Nachrichten
End­lich Mord! (2)

Und der näch­ste Staats­mann, des­sen Tod beju­belt wird (Vor­sicht, Ver­weis zeigt Lei­che; die nie­de­ren Gelü­ste per­ver­ser Per­so­nen werden’s dan­ken):

Aus­ge­las­se­ne Freu­de auf den Stra­ßen von Tri­po­lis, tri­um­phie­ren­de Rebel­len in Sirt: In Liby­en fei­ern Men­schen die Mel­dung vom Tod Gad­da­fis. Der Ex-Dik­ta­tor wur­de offen­bar beim Gefecht um sei­ne Hei­mat­stadt töd­lich ver­letzt, sein Leich­nam soll nach Misu­ra­ta gebracht wor­den sein. (…) Der ara­bi­sche Fern­seh­sen­der al-Dscha­si­ra zeigt Bil­der aus Tri­po­lis, auf denen die Men­schen in den Stra­ßen fei­ern. Autos hupen, Kämp­fer jubeln. Auch in Sirt herrscht aus­ge­las­se­ne Stim­mung. Im Inter­net schlägt sich die Eupho­rie der Liby­er nie­der. „Es ist vor­bei“, schrei­ben sie. „End­lich ist er weg.“

Und wer ernst­haft glaub­te, noch mehr zitier­te Wider­lich­keit bringt nicht mal der SPIEGEL zusam­men, der irrt:

Deut­li­cher wur­den die Spit­zen­ver­tre­ter der Euro­päi­schen Uni­on: Sie spra­chen vom „Ende der Ära von Gewalt­herr­schaft und Unter­drückung, unter der das liby­sche Volk zu lan­ge gelit­ten hat“.

Der Sieg einer bewaff­ne­ten „Rebellen“-Armee, die den Bür­ger­krieg im Land wesent­lich mit­trägt, ist ein kla­res Zei­chen für das Ende irgend­ei­ner Gewalt­herr­schaft; das lässt sich zum Bei­spiel dar­an erken­nen, dass Liby­ens letz­ter Gewalt­herr­scher Muammar al-Gad­da­fi als „Revo­lu­ti­ons­füh­rer“ und füh­ren­des Mit­glied einer Mili­tär­jun­ta an die Macht gekom­men war und seit­dem für Demo­kra­tie und Frie­den im Land stand.

Da hat Liby­en ja noch mal Glück gehabt.


Nach­trag vom 21. Okto­ber 2011: Ich emp­feh­le, auf Tele­po­lis wei­ter­zu­le­sen.

Wenn der Dik­ta­tor gestürzt wird, lech­zen Medi­en und die Öffent­lich­keit nach Bil­dern.

Und mir dünkt, die Öffent­lich­keit besä­ße da nur wenig Eigen­an­trieb, wür­de er nicht von auf­la­gen­in­ter­es­sier­ten Ver­la­gen kraft­voll erhöht.