Wäre ich Journalist, ich hätte gerade wirklich schlimmes Sodbrennen.
Jahrelang wurde die Piratenpartei als Einthemenpartei dargestellt und belächelt; mit der bloßen Forderung nach einem zeitgemäßen Urheberrecht sei kein Staat zu machen, und würde jemals jemand die Piratenpartei in ein Parlament wählen, so müsse sie sich bis dahin schon mehr überlegen, sofern sie dauerhaften Erfolg haben wolle. Dass es der Piratenpartei nicht um Macht, sondern um eine Änderung politischen Konsenses ging und geht, hat schon damals niemand von der schreibenden Zunft so recht verstanden.
Dann kam die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011. Die Piratenpartei hat inzwischen ein umfassendes, weitgehend sozialliberales Programm, das die Forderung nach mehr digitalen Bürgerrechten, wie gewünscht, beinahe zum Randthema werden zu lassen scheint — und was schreibt man nun als so genannter “Journalist” in zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung hinein?
[Die Partei] will die Zuschreibung des Daten- oder Musikpiraten umdeuten und von seiner kriminellen Konnotation befreien.
Jetzt, da sie erstmals in einem deutschen Parlament sitzen, scheinen sie genau das vergessen zu haben. Sie sprechen über fahrscheinlosen Nahverkehr, aber nicht über das Urheberrecht. Das ist erstaunlich, weil eine Pauschalabgabe fürs S‑Bahnfahren genau auf dem urheberrechtlichen Modell basiert, das Juristen unter dem Begriff “Kulturflatrate” für die Netznutzung beschreiben.
Doch die Debatte über eine dafür notwendige Reform des Urheberrechts ist derzeit nicht opportun, sie setzt die Kraft voraus, auch gegen Widerstände zu agieren. Diese Kraft können oder wollen die Piraten nicht aufbringen.
Ja, wie denn nun — eine Piratenpartei als Urheberrechtspartei ist lächerlich, eine Piratenpartei als Pauschalpartei soll sich gefälligst mehr um das Urheberrecht kümmern? Leider lässt Autor Dirk von Gehlen offen, an welcher Ausrichtung er nichts auszusetzen hätte — wahrscheinlich fiele ihm die Antwort selbst schwer.
Nun könnte man natürlich fragen, wieso die bekannt inkonsequente Haltung der Süddeutschen Zeitung zur Piratenpartei irgendjemanden interessieren sollte, gilt doch für die dortigen Artikel das gleiche wie für Einträge im Forum der Piratenpartei: Privatmeinungen sind jedem unbenommen, und seien sie noch so albern. Allerdings hat die Süddeutsche Zeitung eine Auflage, die womöglich allzu vielen Leuten, die politisch ebenso umfassend gebildet sind wie die dortigen Beschäftigten, ein völlig falsches Bild der Umstände vermitteln könnte, daher schreibe ich mal etwas dazu:
Die längst notwendige Reform des Urheberrechts ist ein Kernthema der Piratenpartei und wird ein solches auch bis zu ebendieser Reform bleiben. Die AG Urheberrecht ist unverändert aktiv und arbeitet ständig an der Erweiterung des Parteiprogramms. Dass diese Aktivitäten eingeschlafen seien, hätte Dirk von Gehlen leicht als Irrtum erkennen können, hätte er nur einmal einen Blick in die öffentlich zugängliche Mailingliste der AG geworfen; aber für Recherchen wird man bei der Süddeutschen Zeitung anscheinend zu schlecht bezahlt.
Mit ein wenig Recherche hätte Dirk von Gehlen auch erkennen können, wieso sein ganzer schöner zweiseitiger Artikel in Gänze Mumpitz ist: Das Urheberrecht ist ein Bundesgesetz.
Die Berliner Fraktion der Piratenpartei ist zwar durchaus politisch in der Lage, den öffentlichen Personennahverkehr in dem Bundesland, in dessen Regierung sie gewählt wurde, mitzugestalten, sie kann aber keine rechtsgültigen Entscheidungen über den Bahnverkehr in Bayern treffen; wie wir in Niedersachsen ja zum Beispiel auch froh sind, dass die CSU hier nichts zu melden hat. Dirk von Gehlen wirft einer Partei in einer Landesregierung nun vor, dass sie keine Änderung der Bundesgesetze anstrebt, und liegt damit selbstverständlich vollkommen daneben.
Die Piratenpartei selbst setzt sich unverändert für eine Reform des Urheberrechts ein. Wenn Dirk von Gehlen etwas daran liegt, dass diese Reform umgesetzt wird, dann sollte er bei der nächsten Bundestagswahl seine Stimme der Piratenpartei geben. Von einer Landesfraktion aber zu erwarten, Bundespolitik zu machen, zeugt von einer bemerkenswerten Bereitschaft, sich von vermutlich unnötig verwirrenden Fakten zu Themen, mit deren Beschreibung man sein Geld verdient, nicht beeinflussen zu lassen.
Zum Glück bin ich kein Journalist.


Du hast vollkommen Recht!
Dein Theme ist hässlich.
Ich mag Wurst.
Jehova! Jehova!
;-)
Full ACK! Bastel mir halt ein besseres!
Eine Reform des Urheberrechts ist, zumindest im Sinne der von vielen gewünschten Legalisierung einer derzeit gerne in Anspruch genommenen kostenlosen Selbstbedienung, nicht erforderlich.
Es geht nicht um kostenlose Selbstbedienung.
OMGFAIL!
Wahrscheinlich geht es inzwischen schon darum, in Zukunft kostenlos mit Britney Spears schlafen zu dürfen. Unerhört.
Warum sollte man das wollen? Hast du etwa Geld dafür bezahlt?
naher öffentlicher personen verkehr?
NÖPV?