In den NachrichtenNetzfundstücke
Kurz notiert zu den aktuellen Vorgängen in der deutschsprachigen Wikipedia

Wenn das Schieds­gericht in einem großen Pro­jekt zur gemein­samen Erstel­lung und Pflege ein­er Enzyk­lopädie unter lautem Getöse implodiert, weil plöt­zlich jemand, der von den aktiv­en Enzyk­lopädis­ten mehrmals in Folge als her­aus­ra­gen­des Mit­glied der Gemein­schaft erkan­nt und daher in ein Richter­amt gewählt wurde, seine Mit­glied­schaft in der AfD bekan­nt­gab, woraufhin mehrere andere Schied­srichter, denen die Gemein­schaft eben­falls ihr Ver­trauen aus­ge­sprochen hat­te und die bis dahin vol­lkom­men zufrieden miteinan­der waren, von ihrer Auf­gabe zurück­trat­en, was let­ztlich dazu führte, dass über Klar­na­men­szwang in der Wikipedia nachgedacht wird und sich die haupt­säch­liche Diskus­sion um die Frage dreht, welche Gesin­nung man als Frei­williger in der Wikipedia denn haben dürfe, um kon­struk­tiv und pro­duk­tiv mithelfen zu dür­fen, dann heißt das Prob­lem, das hier zweifel­sohne existiert, ver­mut­lich eher nicht Recht­spop­ulis­mus.

PersönlichesNetzfundstückeNerdkrams
Chaos Orchid Club (Nachtrag): Der #33c3 und die Feigen_blätter.

Dieser Artikel ist Teil 4 von 20 der Serie Congresskrise(n)

Ste­fan Krem­pl (“heise online”) find­et, ich hätte ein Szeneblog, weil ich zufäl­lig meinen Unmut über die poli­tis­che Entwick­lung des “Con­gress­es” zu einem passenden Zeit­punkt ver­schriftlichte. Das ist eigentlich ein biss­chen unfair, weil ich es eigentlich zu ver­mei­den ver­suche, diese Webpräsenz zu einem dieser elen­den Nerd­blogs verkom­men zu lassen; aber gut, “heise online” (“Das Erwachen der Macht: Star Wars ist endlich erwach­sen”, 16. Dezem­ber 2015 u.v.m.) hält sich ja auch für eine Fach­pub­lika­tion.

Seit meinem Aufreger ist manche Zeit ins Land gegan­gen und seit­dem nicht wieder aufge­taucht, während­dessen gescha­hen im Wesentlichen zwei Dinge: Zum Ersten wurde der vor­läu­fige “Fahrplan”, also die Vor­tragsliste, veröf­fentlicht. Ein­er mein­er Kom­men­ta­toren, Thomas Wal­lutis, zählte auf dieser Liste die The­men­blöcke zusam­men und stellte fest, dass der mit Abstand größte der Blöcke “Ethics, Soci­ety & Pol­i­tics” ist, mit 42 Vorträ­gen liegt dieser Son­derblock für Tagungs­touris­ten, für die das Hack­er­tum allen­falls noch lustige Folk­lore im Rah­men­pro­gramm ist, sog­ar noch vor “Secu­ri­ty” (37) und sowieso weit vor “Sci­ence” (17); Poli­tik und Wohlfühlflauschi­wat­ti sind eben wichtig, da sollen die Alt­nerds sich mal nicht so anstellen. Kön­nen ja auf Wahlpar­tys gehen, wenn sie was mit Com­put­ern machen wollen. In “Ethics, Soci­ety & Pol­i­tics” komme sog­ar am Rande mal was Tech­nis­ches vor, stellte er fest, also mal Ruhe bewahren hier. Es wer­den ja immer noch ein paar EDV-rel­e­vante Vorträge rein­ge­lassen, so schlimm wird’s dann wohl nicht sein. Das Feigen­blatt — Entschuldigung, Sie haben da noch etwas Hack­en zwis­chen den Zäh­nen — ist von wohlfeil­er Art.

Zum Zweit­en hat der CCC (da kann man noch so wortre­ich die Unter­schiede zwis­chen dem Chaos Com­put­er Club und der “Congress”-Veranstaltungs-GmbH zu erk­lären ver­suchen) das “Aware­nessteam” für den kom­menden “Con­gress” noch ein­mal erk­lärt; zusam­men­fassend sind das ein paar Frei­willige, die Hil­fe bei See­len­we­hwe­hchen anbi­eten:

Sex­is­mus, Ras­sis­mus, Homo- und Trans­feindlichkeit, Ableis­mus und andere Diskri­m­inierungs­for­men sind auch dann nicht okay, wenn sie unbe­ab­sichtigt geschehen. (…) Das Aware­nessteam ste­ht euch ins­beson­dere zur Seite, wenn:
– ihr euch belästigt oder diskri­m­iniert fühlt
– eure per­sön­lichen Gren­zen mis­sachtet wur­den
– ihr (akute oder struk­turelle) Diskri­m­inierung von anderen Teil­nehmenden wahrnehmt
– ihr euch unwohl fühlt und eine Per­son zum Reden braucht

“Ableis­mus”, wie Fefe 2014 ein­mal anschaulich erläutert hat, ist die ver­meintliche Diskri­m­inierung von Men­schen, die nicht alles kön­nen, was man selb­st kann; insofern heiße es (siehe ebd.) selb­stver­ständlich “Stand_Sitz_Liegepunkt” statt “Stand­punkt”, denn nicht jed­er Men­sch ist des Ste­hens mächtig. Es sei über­trieben, davon zu reden, dass der “Con­gress” von Leuten mit ein­er eher merk­würdi­gen Agen­da in eine bes­timmte Rich­tung gelenkt werde, gaben Leser meines vorheri­gen Beitrags zum The­ma zu bedenken, aber so sich­er bin ich mir da keines­falls.

Wenn sich eines dieser zarten Pflänzchen, die unbe­d­ingt auf einem ver­meintlichen “Hack­erkongress” sein zu wollen meinen, von ein­er ver­meintlich rüden Zurück­weisung, wie sie in intro­vertiert-technophilen Hack­erkreisen dur­chaus nicht unüblich ist, der­art ver­stört fühlt, dass ein ganzes Team nötig ist, um sein anson­sten irrepara­bel zer­rüt­tetes See­len­heil wieder auf ein lebens­fähiges Niveau zu hieven, dann hat etwas in sein­er Entwick­lung zu einem gesellschaft­stauglichen Men­schen der­maßen wenig funk­tion­iert, dass der “Con­gress” sich höchst­wahrschein­lich eher nicht als geeigneter Ther­a­pieplatz anböte. Der da war nicht nett zu mir. Gehaltsver­hand­lun­gen mit den Betrof­fe­nen stelle ich mir ziem­lich anstren­gend vor.

Vor ein paar Jahren gab es mit den “Creep­er­cards” schon ein­mal eine Aktion, die das “Aware­nessteam” ins öffentliche Bewusst­sein brachte, indem eben­solche Orchideen ihr ständi­ges Belei­digt­sein in Karten­form mit­bracht­en, was zu ger­adezu bizarren Anschuldigun­gen führte, allerd­ings in den fol­gen­den Jahren nicht mehr wieder­holt wurde. Nein, die neuen Mit­tel sind sub­til­er.

Und sie wirken viel zu gut.

In den NachrichtenPolitik
Alle Jahre wieder: Thomas de Maizières verräterische Sprache

Um 0:20 Uhr sagte Thomas de Maiz­ière, erschreck­ender­weise für innere Sicher­heit des Lan­des zuständig, zu einem Zwis­chen­fall mit einem Lastkraft­wa­gen und einem dieser schreck­lich über­flüs­si­gen Wei­h­nachtsmärk­te (cf. SPON et al.) exakt Fol­gen­des im ZDF:

… dass es ger­ade das per­fide Ziel von Ter­ror­is­ten ist, Unschuldige zu tre­f­fen.

Er betonte hier­bei das Wort “Unschuldige” der­art deut­lich, dass es keinen Zweifel mehr gibt, dass Thomas de Maiz­ière es für ein weniger per­fides Ziel hält, Schuldige zu tre­f­fen; und diese Schuldigen wer­den, das sei weis­ge­sagt, schneller ernan­nt als wir es uns jemals wün­schen wür­den.

Das Wei­h­nachts­geschäft von Heck­ler & Koch wird, fürchte ich, ein gutes.

MontagsmusikIn den Nachrichten
King Gizzard and the Lizard Wizard (live)

Viel besser!Mon­tag, Tag des Sich-wie-gerädert-Füh­lens; woran es nichts zu ändern ver­mag, den Vortag zumin­d­est sin­nvoll, näm­lich: gemein­sam bei aller­lei Zer­streu­ung und nicht zulet­zt eben auch mit einan­der (nicht etwa bloß miteinan­der) ver­bracht zu haben, gän­zlich ungeachtet der Fol­gen (i.e. bleierne Bettschwere), wie gewohnt.

Mon­tag, Tag auch des Lieber-nicht-die-Nachricht­en-Lesens, obwohl: aus Schaden­freude vielle­icht. Lin­ux ist sich­er, so lange man es tun­lichst zu nutzen ver­mei­det. Alles beim Alten, alles richtig gemacht. Alles falsch gemacht hinge­gen: Die Tagess­chau-Sozial­me­di­an­er. Was ist das für eins Idi­otie? Die gle­iche Tagess­chau, übri­gens, die es für beden­klich hält, wenn die Prüfer für die obskuren “PISA”-Tests deutschen Schülern eine schlechte Bew­er­tung für man­gel­hafte Ken­nt­nisse in Grund­fer­tigkeit­en wie zum Beispiel hin­sichtlich der Deutschken­nt­nisse geben. — Nicht, dass Deutsch­land anson­sten durch vor­bildlich­es Sozial­we­sen auffiele: Die SPD schönte den Armuts­bericht, hält es dann jedoch für angemessen, auf Twit­ter der CDU die Schuld zu geben. Jemand sollte die SPD drin­gend mal in die Regierung wählen, damit sie was ändern kann!

Mon­tag, ander­er­seits, auch Tag des Musik­teilens.

King Giz­zard and the Lizard Wiz­ard — Full Per­for­mance (Live on KEXP)

Guten Mor­gen.

Nerdkrams
Entdigitalisierung als Chance

Vor eini­gen Tagen schwebte ein Tweet in meine Aufmerk­samkeits­blase, der eine Karte des gesamten Inter­nets von Mai 1973 enthielt:

Das Internet 1973. Quelle: Paul Newbury, Carnegie Mellon University

Das Inter­net (“das war doch das mit dem blauen E / der bun­ten Kugel, ne?”) hat sich seit­dem verän­dert, wenn auch nicht unbe­d­ingt zum Besseren. Nicht immer ist mehr auch bess­er, ger­ade qual­i­ta­tiv ist das Netz durch den Zuwachs an Lin­ux­foren, Per­son­al­i­ty­blogs und spam­menden Mailservern nicht ger­ade gewach­sen. Dass die Benutzer selb­st dabei eine große Rolle spie­len, ist nicht von der Hand zu weisen, und wahrschein­lich wäre vieles gewon­nen, würde das Grun­drecht auf Inter­net­nutzung (sin­ngemäß spätestens 2013 vom Bun­des­gericht­shof etabliert) an ein Min­dest­maß an Medi­enkom­pe­tenz gebun­den, so dass diejeni­gen, die alles anklick­en, was wie ein Link aussieht, und dadurch ein­er Menge Men­schen gele­gentlich eine Menge Schaden zufü­gen, gezwun­gen wären, sich ein weniger schädlich­es Hob­by zu suchen. Neben­ef­fekt: Die Spam­mer­branche würde aus­getrock­net. Dass Frei­heit nicht vor Sicher­heit gehe, ist ein viel zitiertes Mem­o­ran­dum der geschätzten Bun­desregierung — und nie wäre seine Umset­zung willkommen­er als in diesem Kon­text.

Aber die Regierung (nun: die Judika­tive) tut ihr gewohnt Bestes, die Ver­bre­itung von Spam geset­zlich einzuschränken, indem sie zum Beispiel Ver­linkung­shaf­tung etabliert (selb­stre­dend nur für die Anderen), was zumin­d­est dem Abmah­nun­we­sen einen neuen Aufwind ver­schaf­fen dürfte.

Ganz ungeachtet dessen, dass Ver­linkun­gen sozusagen das Rück­grat eines wie auch immer geart­eten Kom­mu­nika­tion­snet­zes bilden, ver­ste­ht sich.

Die Dig­i­tal­isierung ist ein wertvolles Kul­turgut? Je nach Def­i­n­i­tion von Kul­tur. Wenn meine Kloschüs­sel über des Nach­barn WLAN meinem Kühlschrank sagt, er solle schon mal mein Auto hochfahren, dann ist einiges im Argen. Aber auch das ist nur ein Symp­tom der Dig­i­tal­isierung von Nar­ren. Tat­säch­lich: sie war es ein­mal und sie kön­nte es wieder sein, schlösse man nur endlich die Kul­tur­banau­sen aus. Ein glob­ales Kom­mu­nika­tion­snetz nationaler (Quatsch: regionaler, näm­lich Ham­burg­er) Juris­dik­tion zu unter­stellen ist jeden­falls in mehrfach­er Hin­sicht prob­lema­tisch. Worüber soll ein deutsches Landgericht denn noch so entschei­den dür­fen — Bun­deswehrein­sätze? TTIP? Kli­maabkom­men? Die Exis­tenz eines Gottes gar? (Indes: Angesichts der bish­eri­gen His­to­rie des durch­weg antilib­eralen Landgerichts Ham­burg wäre voraus­sichtlich nichts davon irgend­wie zu begrüßen.)

Jaja, deutsches Inter­net muss unter deutschen Geset­zen ste­hen, sagen seine Juris­ten. Ich sage: Eine Ent­dig­i­tal­isierung der Welt in den Gren­zen von 1973 würde wirk­lich viele Dinge sehr viel angenehmer machen. Das Grun­drecht auf ein Inter­net sollte dort enden, wo die Rechte eines aufgek­lärten, fortschrit­tlichen Men­schen berührt wer­den.

Also irgend­wo kurz vor Ham­burg.

PolitikIn den Nachrichten
Iwan des Tages: Freiheit gegen Redaktionen

Die Frei­heit Deutsch­lands muss auch am Kauka­sus vertei­digt wer­den! Im Kampf gegen den Iwan, den ver­dammten Putin, ist also jedes Mit­tel recht und bil­lig, sollte man meinen. Et ecce:

Hevel­ing verdächtigt Moskau, die Mei­n­ungslage in Deutsch­land durch Hack­er bee­in­flussen zu wollen. “Rus­s­land hat ein Inter­esse daran, unsere Gesellschaft zu spal­ten und zu verun­sich­ern”, sagte der CDU-Poli­tik­er der “Pas­sauer Neuen Presse”. “Die Gefahr ist groß.” (…) Im Kampf gegen “erfun­dene Nachricht­en, Ver­schwörungs­the­o­rien, Hass und Het­ze” werde die Koali­tion den rechtlichen Rah­men “kon­se­quent auss­chöpfen und bei Defiziten nach­schär­fen”, sagte SPD-Frak­tion­schef Thomas Opper­mann in den Funke-Zeitun­gen.

Nun ist die Def­i­n­i­tion von “Hass” ja dur­chaus eine, über die es sich zu stre­it­en kaum lohnt, zu emo­tion­al sind die Gemüter der Berufs­belei­digten jeglich­er poli­tis­ch­er und sonst­wie gedanklich­er Fär­bung aufge­laden, zu unerträglich der immer­gle­iche #auf­schrei der Ver­fechter des Rechts auf Selb­st­gerechtheit. Allein über “erfun­dene Nachricht­en” und “Het­ze” zu disku­tieren mag ergiebig sein, denn ein Ver­bot der springer­schen Quatschme­di­en neb­st Einkerkerung der gefäl­ligst ver­ant­wortlich zu Machen­den täte der Gesellschaft allen­falls moralin­sauer the­o­retisch, nicht aber evo­lu­tionär einen Abbruch.

Ach so, im freien West­en gilt Presse­frei­heit und Staat­en, die diese nicht für uneingeschränkt gültig hal­ten, kön­nen sich nicht als freie Staat­en begreifen? Da bin ich ja beruhigt, dann haben die Tages­the­men nichts zu befürcht­en:

In einem Kom­men­tar in den Tages­the­men forderte die WDR-Chefredak­teurin Sonia Mikich eine Selb­stverpflich­tung von Face­book und Co., gegen gefälschte Nachricht­en vorzuge­hen. Es dürfe nicht sein, dass gefälschte Nachricht­en mehr Ver­bre­itung fän­den als recher­chierte. (…) Rechtlich gese­hen ver­bre­it­ete Mic­kich damit selb­st Fake News, denn nach dem (eigentlich ein­fach zu recher­chieren­den) Art. 5 GG hat jed­er das Grun­drecht, “sich aus all­ge­mein zugänglichen Quellen unge­hin­dert zu unter­richt­en”, worunter selb­stver­ständlich auch der Stammtisch im Inter­net zählt.

Aber gut, Wahlbe­trug durch den Russen wollen wir hier nicht. Nichts ist einem Russen wichtiger als dafür zu sor­gen, dass hier die Richti­gen gewin­nen. Die Russen­partei Deutsch­lands vielle­icht. Die meis­ten Fake-Nachricht­en wer­den vom rus­sis­chen Präsi­den­ten Wladimir Putin in der Zeit nach Feier­abend zwis­chen 17 und 19 Uhr an seinem Schreibtisch im Kreml hand­schriftlich und unter heftigem Gekichere ver­fasst. Das ist die einzig logis­che Erk­lärung.

Putin ein Schnip­pchen schla­gen. So und nicht anders. Alle Zeitun­gen zumachen, damit Putin sie nicht hack­en lässt. Pro­pa­gan­da? Quatsch, Friedenssicherung! Wenn der Russe, schw­er mit Tas­taturen und Ski­masken bewaffnet, wieder vor der Tür ste­ht, wer­den wir der CDU noch dankbar sein.

Sofern wir davon über­haupt erfahren. Die Feind­presse ist tabu.

PolitikIn den NachrichtenMontagsmusik
Sigur Rós — Brennisteinn // Linke Fantasten

Guten MorgenEs ist Mon­tag, (und: mon­tags ins Büro zu hüpfen, weil die Laune so großar­tig ist, hätt’ man noch vor weni­gen Jahren auch für einen Aus­druck von Geistess­chwäche gehal­ten, aber) man fühlt sich fein. Hunger, ver­fluchter, nach dem, was (bzw. eben: der, die) wirkt. Kaf­fee?

Weil man ja auch lieber nicht die Poli­tik berück­sichti­gen mag. Die zweitäl­teste, aber aller­ren­i­ten­teste Partei Deutsch­lands wirbt damit, einst das Kaiser­re­ich zu Fall gebracht zu haben, ver­gisst aber ein paar geschichtliche Details, die dann doch eher mit den “Linken” (damals: des der USPD entsprun­genen Spar­takus­bun­des, dessen Geschichte mit ein paar SPD-befeuerten Mor­den weit­ge­hend endete) zu tun haben. Ein Gespenst geht um.

In Berlin darf dieses Gespenst immer­hin endlich wieder spuken: Eine knappe Mehrheit in der Berlin­er “Linken” (das sind die mit dem Stasiprob­lem, Andrej Holm war mir allerd­ings zuvor nur als schlechter Jour­nal­ist aufge­fall­en) find­et zu Recht, die Berlin­er “Linke” sei noch viel zu erfol­gre­ich, und ernan­nte jüngst Julia Schramm (F.D.P., Piraten­partei, jet­zt Linke, bes­timmt bald wieder woan­ders, es sich zu merken lohnt sich also nur bed­ingt) zu einem ihrer Vorstände. Man muss vielle­icht kein Masochist sein, um heute noch Parteilink­er zu wer­den, aber helfen wird’s sicher­lich.

Fast wär’ die schöne Mon­tagslaune dahin. Schlim­mer noch: Kür­zlich hörte ich Sig­ur Rós’ “Bren­nis­teinn” als Unter­malung ein­er Par­fümwer­bung. Wenn Musik nur noch Ware ist, die Kun­st also zum Mit­tel zum Zweck wird, dann ist das Ende der Zivil­i­sa­tion keine ferne Zukun­ft mehr, son­dern bit­tere Real­ität. Tun wir etwas dage­gen. Make Bren­nis­teinn great again!

Sig­ur Rós — Bren­nis­teinn [Offi­cial Video]

Guten Mor­gen.

Sonstiges
Medienkritik CIII: Helene Fischer: Was sie JETZT tut, hätten wir NIE erwartet!

Das Groschen­heftchen “Clos­er” war hier schon mal The­ma, es zeich­net sich durch das Fehlen jeglich­er inter­es­san­ter Inhalte aus, indem es sich wochen­lang mit drit­tk­las­si­gen Würstchen aus dem Fernse­hen befasst, deren Namen man schon beim Lesen wieder vergessen möchte. Trotz­dem schafft seine Redak­tion es, einen roten Faden durch die ganze Geschichte des “Mag­a­zins” zu ziehen.

Es fol­gt zur Ver­an­schaulichung eine Auswahl aus “Closer”-Titeln seit Juli 2016:

Und:

Ist ja auch frech. Die soll gefäl­ligst nicht so fett wer­den, wenn sie schon mal ent­führt wird. Soll gefäl­ligst ausse­hen wie ein afrikanis­ches Kind, die Kam­pusch! :motz:

Wenig­stens Helene Fis­ch­er bleibt ein gutes Vor­bild:

Äh, blieb — bis unge­fähr diese Woche:

Ich sehe sie schon vor mir, die “Closer”-Autoren, wie sie schluchzend in der Chefredak­tion vorstel­lig wer­den.

“Helene Fis­ch­er…”
“Ah, die schlanke schöne!”
“Ja, aber… sie… sie ist dick­er gewor­den! Was wird jet­zt aus unser­er Glaub­würdigkeit?”
“… Kein Prob­lem, schreibt ein­fach was von Trend!”
“Gute Idee, Chef!”

Ander­er­seits: Juhu — endlich im Trend!

PolitikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Liegengebliebenes vom 8. Dezember 2016

Warum sollte man die CDU wählen? Na, damit Ver­botenes endlich ille­gal wer­den kann! Damit rei­ht sie sich immer­hin naht­los ein in die Riege der aufrecht­en Demokrat­en, deren Poli­tik vor Post­fak­ten kaum noch zu sehen ist, allen voran Frankre­ich, das am lieb­sten Ter­ror­is­mus ver­bi­eten würde, wenn es nur wüsste, welch­es Gesetz es dafür ändern muss.


Apro­pos post­fak­tis­che Ver­bote: In Sankt Andreas­berg soll Adolf Hitler die vor schlap­pen 71 Jahren geset­zlich aus­ge­laufene Ehren­bürg­er­würde nachträglich aberkan­nt wer­den; es gehe nicht um Fak­ten, son­dern um Emo­tio­nen, bekun­dete sichtlich schäu­mend der Ini­tia­tor und fasste damit das Prob­lem an der Sache ganz gut zusam­men. Hat­ter jetz davon, der Hitler. Kein Berg­bre­it!


Iwan des Tages: USA beliefern al-Kai­da mit Waf­fen, damit Putin nicht gewin­nt. Was kann da schon schiefge­hen?


Das kann es doch nicht sein. Das sind sie? Die mit der Macht? Dem Geld? Solche Leute sind das? Mehr steckt da nicht hin­ter? So ein­fach? Ganz nor­male Bratzen? Nur reich?


Bratzen, apro­pos: Es scheint eine self­ie-chal­lenge zu geben, die darin beste­ht, dass man sich selb­st nackt fotografiert und Wesentlich­es (oder ver­mut­lich gän­zlich Unwesentlich­es) einzig mit einem Fin­ger verdeckt. Rente? Wir? Ha!

In den NachrichtenMontagsmusik
Mike Oldfield — Tubular Bells // Doof genug für’s BKA.

Huu!Es ist Mon­tag und arschkalt; eine Kom­bi­na­tion, der zumin­d­est ein warmer Arbeit­splatz mit heißem Kaf­fee etwas Lin­derung zu ver­schaf­fen ver­mag, wenn die Bett- und Men­schen­wärme der let­zten Nacht schon abzuk­lin­gen begin­nt. Wie zum Trotz scheint die Sonne noch dazu, als ver­suchte sie ihre Autorität zu wahren; die gelbe Sau (Peter­Licht, 2001 u.a.).

Wenn es schon um andere Bere­iche des Lebens nicht so gut bestellt ist, Char­taschreiber (schönes Schimpf­wort eigentlich) selb­stre­dend mit­ge­meint; die ander­er­seits auch gute Bun­de­spolizis­ten wären, denn dort ist ein­fach­es Textver­ständ­nis option­al: Deutsch nich gutt? Ein­fach die Anforderun­gen senken. Nach­dem ein Polizist schon nicht mehr beson­ders sportlich sein muss, weil es für eine angemessene Kon­di­tion nicht mehr reicht, kann er jet­zt auch noch zu blöd für seine eigene Mut­ter­sprache sein. Ver­fol­gungs­jag­den erledigt man ja im Auto und Schreiben tut man mip’m Com­put­er, der macht das schon. Die Welt wird blöd und man selb­st ist mit­ten­drin. 

Da ist nicht mal Musik noch heilig: Spo­ti­fy ist viel bess­er als Vinyl, sog­ar die Wer­bung funk­tion­iert bess­er als erwartet. Ein typ­is­ches Pro­dukt für Applekun­den also? Nein, selb­st die wer­den milde: “Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich Apples Mac­Book Pro eher an Anwen­der richtet, die ihre Tas­tatur betra­cht­en, denn an Mac-Nutzer, die diese auch nutzen wollen.” Eine späte, aber zumin­d­est weise Beobach­tung, immer­hin.

Auch beobachtet: Mon­tag ist’s. Zeit für etwas Musik.

Guten Mor­gen.

PolitikIn den Nachrichten
“Europäische Werte” des Tages

Apro­pos Char­ta: Dass die Türkei mit ihrem eigen­willi­gen Ver­ständ­nis von Grun­drecht­en in ein­er vorder­gründig frei­heit­slieben­den Gemein­schaft wie der Europäis­chen Union nichts zu suchen hat, ste­ht wohl außer Frage. Vielle­icht ist es aber Zeit, ein­mal darüber nachzu­denken, ob diejeni­gen, die bere­its drin sind, wirk­lich hinein­passen.

Auf heise online ist zu lesen:

Immer mehr Men­schen wer­den in Frankre­ich zu Gefäng­nis­strafen verurteilt, weil sie “regelmäßig Inter­net­seit­en mit Ter­ror-Pro­pa­gan­da” aufge­sucht haben. (…) Wie Le Monde berichtet, wird zum Beispiel kri­tisiert, dass der Begriff “Ter­ror­is­mus” über­haupt nicht klar genug definiert sei.

Die Werte des freien West­ens lassen sich erschreck­end genau bez­if­fern.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Electric Orange — misophonia

electric-orange-misophoniaDas Quar­tett Elec­tric Orange kommt aus Aachen, was irgend­wie noch als Deutsch­land zählt, und hat mit “miso­pho­nia”, was Englisch für “Miso­phonie” ist, was wiederum Kom­pliziert für eine geringe Geräuschtol­er­anz (“Hass auf Geräusche”) ist, was ein angenehm selb­stiro­nis­ch­er Name ist, was jet­zt dann doch etwas zu viele Neben­sätze sind, im Jahr 2016 ihr immer­hin elftes Vol­lzeital­bum (Stream und Kauf) her­aus­ge­bracht.

An Geräuschen man­gelt es hier allerd­ings keineswegs, Perkus­sion und Schlagzeug sind stets präsent. Wohin die Reise, äh, der trip geht, wird schon im ersten und mit 18 Minuten Laufzeit auch läng­sten Stück auf “miso­pho­nia”, “Orga­nized Suf­fer­ing”, deut­lich. Weite Klangflächen, etwas Orgel­spiel, immer aber auch die Gitarre, kein Gesang; Dro­gen­musik par excel­lence. Im fol­gen­den “Bot­tle­drone” treibt die Band dies mit Pink-Floyd-Ref­eren­zen auf die Spitze, nur um dann noch ein­mal zu beto­nen, wo der Space­rock eigentlich seinen Anfang nahm. Müsste ich ein Adjek­tiv für “miso­pho­nia” wählen, so wählte ich “flächig”, um nicht aber­mals den abgenudel­ten Begriff “sphärisch” zu ver­schwen­den. Selb­st in den für Elec­tric-Orange-Ver­hält­nisse schnelleren Momenten, etwa in dem schlagzeuggetriebe­nen “Dement­ed”, find­et man unwirk­lich schwebende anstelle erdig rock­ender Klänge. Müsste ich dazu tanzen, ich würde in aus­laden­den Bewe­gun­gen eine Acht beschreiben und sähe dabei ver­mut­lich sehr lustig aus.

Drei der acht Stücke auf “miso­pho­nia” sind das Titel­stück, namentlich “Miso­pho­nia” I bis III, das mit grol­len­dem Bass Bek­lem­mung als weit­eres Gefühl in die Reise ein­bringt, nach Frei­heit klin­gende Trompete (Trompete?!) hin oder her. Tan­ger­ine Dream ist euch zu lang­weilig? Das ver­ste­he ich. Ver­sucht es doch mal mit Elec­tric Orange.

Mit “Opsis” lassen Elec­tric Orange lateinamerikanis­chen Tanz in ihrem Klan­gu­ni­ver­sum geschehen, bevor das abschließende “Miso­pho­nia III” den Hör­er mit Dis­so­nanzen und ruckar­tigem Schlagzeug aus der Trance rüt­telt, nur um ihn dann wieder san­ft entschweben zu lassen. Ein Album wie ein Son­nenauf­gang am Meer.