WirtschaftIn den Nachrichten
Medienkritik LXVIII: Der Sarrazin, der Straubhaar, der Euro und ein Flugzeug ohne Landebahn.

Am morgi­gen Dien­stag erscheint Thi­lo Sar­razins neues Buch “Europa braucht den Euro nicht!”, in dem er ange­blich pos­tuliert, dass der Euro gequirl­ter Käse sei und wir ohne ihn bess­er wirtschaften kön­nten. Ich habe das Buch noch nicht gele­sen, aber Thomas Straub­haar tat es — schwarz kopiert? — und lässt auf STERN.de verkün­den:

Sar­razins Buch ist Zeitver­schwen­dung

Warum? Tscha, eh’ zu spät, schreibt Thomas Straub­haar:

Thi­lo Sar­razin hat Recht: Aus ökonomis­chen Grün­den hätte es den Euro in der Tat nicht gebraucht. Aber darum geht es nicht (mehr)!

Jeden­falls Thomas Straub­haar geht es nicht darum, er hat sich mit seinem Schick­sal in der Euro­zone abge­fun­den. Damit er sich nicht so allein fühlt, ver­sucht er seine Spielka­m­er­aden nun mit Quen­geln und Auf­stampfen um sich zu scharen; jeden­falls virtuell, denn “Fakt ist” ist in der deutschen Sprache das Äquiv­a­lent zum Auf­stampfen und ein sicheres Zeichen für Unsicher­heit dessen, der es ver­wen­det:

Fakt ist (sic!), dass Europa den Euro seit 1999 als Gemein­schaftswährung hat, seit 2002 für jeden Bürg­er auch sicht­bar als Euro-Münzen und Euro-Scheine. Deshalb stellt sich die Frage nicht mehr, ob Europa den Euro braucht. (…)

Es macht eben einen riesi­gen Unter­schied, ob man im fliegen­den Flugzeug sitzt und aussteigen will, oder man gar nicht erst ein­steigt. In bei­den Fällen will man draußen sein, aber fak­tisch hat nur wer draußen geblieben ist, eine Wahl­frei­heit. Wer mit­fliegt, ist mit­ge­gan­gen und damit mit­ge­fan­gen.

(Im Orig­i­nal verko­rk­ste Zeichenset­zung unverän­dert über­nom­men, Her­vorhe­bung aber von mir.)

Fakt ist eben auch, dass Deutsch­land ein halbes Jahrhun­dert lang die Deutsche Mark ver­wen­dete, seit 1949 für jeden Bürg­er auch sicht­bar in seinem Porte­mon­naie. Wir haben ander­er­seits gel­ernt: Die Umstel­lung eines Währungssys­tems bedarf im Zweifels­fall nur einiger Entschei­der, die nicht mehr alle Lat­ten an der Murmel haben, ein Währungssys­tem ist aber kein Naturge­setz wie die Schw­erkraft oder dass dumme Men­schen gern deutschen Rap hören.

Und so ver­hed­dert sich Thomas Straub­haar so tief im Kom­mad­schun­gel, dass er ein paar angek­lebte Flügel für ein Flugzeug mit unendlich großem Tank hält und zu feige ist, mal in seinem Ruck­sack nach einem Fallschirm zu suchen. In der ersten Klasse (“Thomas Straub­haar ist Leit­er des Ham­bur­gis­chen WeltWirtschaftsIn­sti­tuts (HWWI)”, prost!) sitzt man eben auch in sein­er Fan­tasie ziem­lich bequem.

Der Euro existiert. Er ist All­t­ag.

Das hat die Ver­nichter der Deutschen Mark auch nicht gestört. Die DDR war übri­gens auch mal All­t­ag.

Natür­lich wün­scht­en sich viele Eltern gele­gentlich eine Zeit ohne Kinder, die ner­ven, zurück. Aber genau so wenig, wie Kinder ungeschehen gemacht wer­den kön­nen, gab und gibt es einen Plan B, der den Euro beseit­igt.

Der Euro als quen­gel­ndes Kind, das die eigene solide Finanzwirtschaft mit ständi­gen Anforderun­gen (“MAMA, KAUF MIR EIN EIS” bzw. eben “Deutsche, schenkt den Griechen mal was”) ruiniert, ist natür­lich ein schönes Bild. Gibt es dazu schon eine Karikatur? Übri­gens gibt es sehr wohl, zumin­d­est auf dem Papi­er, einen Plan B: Während Deutsch­land zwar einen Ver­trag unter­schrieben hat, der es dazu verpflichtet, Mit­glied der Währung­sunion zu bleiben, würde dieser Ver­trag automa­tisch ungültig, sobald Deutsch­land aus der EU aus­tritt.

Eine etwas forschere Lösung hat Deutsch­land selb­st in der Ver­gan­gen­heit schon prak­tiziert: Weil “wir” uns weigern, die vorgegebene Richtlin­ie zur Ein­führung der Vor­rats­daten­spe­icherung einzuhal­ten, nehmen “wir” gern eine Ver­tragsstrafe in Kauf. Eine zweite käme uns vielle­icht immer noch bil­liger als weit­eres Dahin­veg­etieren auf Euroba­sis. Aber sich­er weiß Thomas Straub­haar mehr darüber.

Der hat aber ganz andere Sor­gen:

(…) Deshalb provoziert eine deutsche Diskus­sion darüber, “ob Europa den Euro braucht” bei den Nach­barn die schlimm­sten Äng­ste eines nation­al ori­en­tierten wirtschaftlich dom­i­nan­ten Groß-Deutsch­lands. Genau die Kon­se­quenz, die man mit der Wiedervere­ini­gung nicht wollte und mit dem Euro zu ver­hin­dern ver­suchte.

Wie muss ich mir die Ver­tragsver­hand­lun­gen vorstellen? “Ihr kriegt die DDR und den Euro, damit ihr keine Nazis mehr seid”? Diese zwei Sätze sind so unglaublich bescheuert, dass mir nur noch Stich­worte ein­fall­en:

  • Deutsch­land wird nicht zu “Groß-Deutsch­land”, wenn wir uns den Euro weg­nehmen. Unsere Gren­zen sind fest­gelegt.
  • Eine Währung­sunion würde einen faschis­tis­chen Dik­ta­tor nor­maler­weise nicht davon abhal­ten, diese Gren­zen im Zweifels­fall erweit­ern zu wollen. Die Währung­sunion hätte sog­ar tak­tis­che Vorteile, denn sie würde die Vor­bere­itung auf etwaige kriegerische Hand­lun­gen wirtschaftlich erle­ichtern.
  • Deutsch­land ist bere­its wirtschaftlich dom­i­nant, was der Grund dafür ist, dass es reich­lich Geld in irgendwelche europäis­chen Kassen ein­zahlen “darf”.

Übrig bleibt die “nationale Ori­en­tierung”. Natür­lich ist eine eigene Währung auch ein Sym­bol von Autarkie, den­noch ist Deutsch­land noch immer ein Export­land. Eine Abschot­tung inner­halb Europas wäre also ohne Weit­eres gar nicht möglich. (Übri­gens hat die Schweiz auch eine eigene Währung, und wer hat schon Angst vor der Schweiz?)

Wieso aus­gerech­net ein nation­al­is­tis­ch­er Staat wie Frankre­ich Angst vor nationaler Ori­en­tierung hat, erscheint mir übri­gens auch unbe­grei­flich. Wo liegt der tat­säch­lich greif­bare Nachteil eines Staates, der ein wenig Selb­st­bes­tim­mung und Iden­tität zurück­er­lan­gen will? Eine Antwort darauf bleibt Thomas Straub­haar natür­lich schuldig, er weiß es wohl nicht bess­er.

Für ihn jeden­falls ist das The­ma vom Tisch:

Hinge­gen ist es ein nut­zlos­er Ver­schleiß poli­tis­ch­er Kräfte, sich über Alter­na­tiv­en die Köpfe heiß zu reden, die gar nicht mehr zur Debat­te ste­hen.

Da hat Thomas Straub­haar es ein­fach­er: Bei ihm kann anscheinend nicht mehr viel ver­schleißen. Und so kann er zwei “Seit­en” auf STERN.de befüllen, indem er sich den Kopf über ein Buch heiß redet, das er eine Zeitver­schwen­dung nen­nt, weil die enthal­te­nen The­sen für ihn ganz per­sön­lich “gar nicht mehr zur Debat­te ste­hen”, und bezahlt wird er für diesen Metawitz wahrschein­lich auch noch.

Fakt ist: Thomas Straub­haars Aus­führun­gen sind Zeitver­schwen­dung.

MusikkritikMontagsmusik
Can — Spoon

Vor etwa 40 Jahren erschien mit Ege Bamyasi das vor­erst let­zte wirk­lich gute Album der Köl­ner Exper­i­men­tal-Krautrock-Band Can.

Enthal­ten ist neben dem merk­würdi­gen, damals immer­hin fernse­htauglichen Stück “Vit­a­min C” auch “Spoon”, das in ein­er Radiover­sion (ihrerzeit Platz 6 in der deutschen Hit­pa­rade) den Film “Das Mess­er” musikalisch unter­malte, später in ein­er Live­fas­sung ein Teil der jüng­sten Jubiläum­sauflage des Vorgänger­al­bums Tago Mago wurde und alles vere­int, was den Krautrock der 1970er Jahre aus­machte: Repet­i­tive Rhyth­men, psy­che­delis­che Melo­di­en, merk­würdi­gen Gesang und fan­tastis­che Musik­er.

Auch live.

Can — Spoon — full live 15 min­utes

Guten Mor­gen!

KaufbefehleMusikkritik
Delusion Squared: Interessantes aus Frankreich

Durch Zufall stieß ich vor eini­gen Tagen auf das franzö­sis­che Trio Delu­sion Squared, zu Deutsch etwa “Täuschung zum Quadrat”. In diesem Jahr haben die drei Musik­er mit eini­gen musikalis­chen Gästen ein eher durchwach­senes Album namens “II” veröf­fentlicht, das namen­lose — oder selb­st­betitelte — Debüt von 2010 ist aber spitze.

Zu hören ist eine Melange aus Neo-Prog und New Artrock ohne Qui­etschkey­boards und allzu viel Elek­tron­ikquatsch, dafür mit reich­lich Akustikgi­tarre, gespielt von Sän­gerin Lor­raine Young und Steven Fran­cis, der neben­bei auch Kay­boards und Schlagzeug bedi­ent, ersteres wiederum gemein­sam mit Emmanuel de Saint Meen. Zumin­d­est ersteren Namen sollte man sich merken, denn sin­gen — und sprechen, etwa gegen Ende des Stück­es “Remem­brance — In my time of dying” — kann Frau Young ziem­lich pri­ma.

Stilis­tisch ist man flex­i­bel. Während einige Stücke mit ihrem Auf­bau (akustis­che Gitarre, Steigerung, Kli­max) an “Trains” der geschätzten Por­cu­pine Tree erin­nern, geht es in “Delu­sion — The Betray­al” in Rich­tung Indus­tri­al Rock, zwar von Ramm­stein und Laibach noch weit ent­fer­nt, aber doch schon recht düster. Das abschließende “Lega­cy — A cre­ation myth” ist trotz sein­er fast acht Minuten Spielzeit eine radio­taugliche Bal­lade, die für Frau Youngs Stimme allerd­ings etwas zu hoch geset­zt ist (das einzige Mal während der knap­pen Stunde nervt der Gesang hier ein wenig), was aber sich­er nicht der Grund dafür ist, dass die Radiosender auf dieses Stück wie auch auf den Rest des Albums offen­bar keinen großen Wert leg­en — Justin Bieber kann ja eben­falls nicht über­ra­gend gut sin­gen.

Über­haupt wäre es ein Fehler, einzelne Stücke dem Kon­text zu entreißen. “Delu­sion Squared” — das Album — hat ein geschlossenes Konzept:

Wir befind­en uns in ein­er fin­steren Zukun­ft, in der das natür­liche Ökosys­tem der Erde nach ver­heeren­den Kriegen weit­ge­hend zer­stört wurde. Als Folge musste man die sog. Arkolo­gien bauen, um das Fortbeste­hen der Men­schheit zu sich­ern. (Arkolo­gie ist ein von der Aussen­welt weit­ge­hend abgeschot­tetes Ökosys­tem, das durch architek­tonis­che Maß­nah­men wie eine riesige Stadt gestal­tet wird). In den Arkolo­gien leben durch Gen­tech­nolo­gie per­fek­tion­ierte, durch virtuelle Unter­hal­tung und medi­al erzeugtes Kon­sumver­hal­ten glück­lich gemachte und ruhig gestellte Men­schen. Eine junge Frau find­et ein solch­es Leben weniger prick­el­nd und begin­nt dage­gen zu rebel­lieren. Ihr Wun­sch auf natür­liche Weise Mut­ter zu wer­den passt nicht zu den fest­gelegten Abläufen in der Arkolo­gie, also greift sie auf Hil­fe eines genetis­chen Hack­ers zurück und wird daraufhin festgenom­men, unfrucht­bar gemacht und aus­ge­set­zt.

Die junge Dame wird von den draussen unter ständi­ger Lebens­bedro­hung existieren­den Indi­viduen in einem Zus­tand gefun­den, in dem sie offen­bar glaubt gle­ich ster­ben zu müssen. Die Frau wird liebevoll aufgenom­men und schliesst sich dem Über­leben­skampf der Gemein­schaft in der feindlichen Umwelt an. Irgend­wann begin­nen sich die Arkolo­gie-Bewohn­er mit riesi­gen Raum­schif­f­en abzuset­zen. Die draussen Leben­den sehen das als Ans­porn ihr Schick­sal weit­er­hin zu meis­tern.

Mit der Zeit eignet sich die namen­lose Frau beträchtlich­es Wis­sen durch das Studi­um der Arte­fak­te an und wird durch ihr Ein­fall­sre­ich­tum und soziale Intel­li­genz zu ein­er beliebten Autorität. Sie hil­ft den Über­leben­den ihre Gene in der feindlichen Umwelt zu stärken und als sie 97-jährig stirbt wird sie von vie­len wie eine Got­theit verehrt. …und sie nan­nten sie Moth­er-of-all-peo­ple…

Natür­lich ist diese Geschichte (noch) nicht unbe­d­ingt leben­snah, aber doch ziem­lich gute Fik­tion und mal was anderes als das ewige “Baby, Baby, I love you­uu” aus dem Radio. Wer auf die Texte achtet, der kann sich an so manch­er Zeile erfreuen, die er for­t­an in die Rei­he sein­er Lebens­mot­tos aufnehmen sollte. “If you don’t know how to fix it, please stop break­ing it.”

Kauf — ob virtuell oder auf tat­säch­lichem Ton­träger — und vorheriges Hinein­hören ermöglicht bandcamp.com, und wer noch auf der Suche nach guter main­stream­tauglich­er, aber doch anspruchsvoller Musik ist, der sollte davon reich­lich Gebrauch machen.

Eines jeden­falls ste­ht fest: Dieses Album ist mit Sicher­heit keine Täuschung. Wärm­stens emp­fohlen.

PolitikNetzfundstücke
S in der PD

In der katholis­chen Kirche gibt es wom­öglich einige Chris­ten, im ADAC haben eventuell auch Kraft­fahrer eine Mit­glied­schaft inne.

Und in der SPD?

Arbeits­ge­mein­schaft der SOZIALDEMOKRATEN in der SPD

Was es nicht alles gibt!

(via @bov)

In den NachrichtenMusik
Medienkritik in Kürze: Einer der “größten Stars der Welt”, Ausrufezeichen.

Eh, “SPIEGEL Online”!

Mit eurem unterirdis­chen “In-Ear-Kopfhör­ertest” neulich, wo von dem eye­catch­er-Bild oben — einen (etwa den abge­bilde­ten) Shure habt ihr nicht mal getestet — bis zum Inhalt (“Bässe […] müssen eher als Tiefmit­ten beze­ich­net wer­den”, hä?) so ziem­lich alles Grütze war, hät­tet ihr es ja fast geschafft, euch für alles außer Fußball und Poli­tik nach­haltig zu dis­qual­i­fizieren (let­zteres selb­st, obwohl ihr keine Prozen­trech­nung kön­nt).

Das hier hat mich aber wieder ver­söhn­lich ges­timmt:

Sie kann nicht sin­gen, wirkt ver­braucht und hat die besten Jahre hin­ter sich: Endlich erfüllt Brit­ney Spears die Anforderun­gen an eine Cast­ing­show-Juror­in. (…) Pro­duzent Cow­ell teilte dem Blatt mit, er sei “hoch erfreut”. Spears sei immer noch ein­er der “größten Stars der Welt”.

Weit­er so!

Montagsmusik
Laura: Postrock aus Australien

Aus — anscheinend — Mel­bourne stammt außer Dae­v­id Allen, Front­mann der Space­rock­band Gong, auch die Musik­gruppe Lau­ra, was nach ein­er däm­lichen Soulim­i­ta­torin (vgl. “Duffy”, “Adele” oder “Lena”) aussieht, aber gar nicht so klingt:

Lau­ra “Widow’s Son” Live (HD, Offi­cial) | Mosh­cam

Das jüng­ste Album “Twelve Hun­dred Times” erschien bere­its 2011 und schafft es somit nicht in die Hal­b­jahres­liste 06/2012, ist den­noch sehr empfehlenswert. Atmo­sphärisch­er Postrock ohne die gen­reübliche Beliebigkeit — das weiß wohl zu gefall­en.

Guten Mor­gen.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt C: Interessantsein kostet.

Während drüben in Nor­drhein-West­falen die dauer­bre­it­en Grü­nen ihren schi­er unglaublichen Wahlgewinn von minus 0,1 Prozent feiern, bastelt man bei Face­book noch in let­zter Minute an einem besseren Finanzierungskonzept anlässlich des eige­nen Börsen­gangs, denn wirk­lichen Wert hat man ja nicht vorzuweisen.

Der neueste Vorstoß ist beze­ich­nend, er zeigt, wie verzweifelt Face­book sein muss:

Face­book testet in Neusee­land eine Bezahlfunk­tion, mit der nor­male Mit­glieder — nicht etwa Unternehmen — ihre Nachricht­en kün­stlich aufw­erten kön­nen. Wird Bares über den Tisch gere­icht, erscheint eine neue Mel­dung her­vorge­hoben in der Rubrik „Top Sto­ries“, sobald sich ein Face­book-Fre­und auf der Seite anmeldet. Damit würde sichergestellt, dass alle Fre­unde die Mel­dung auch wirk­lich lesen (müssen).

Für ein paar Euro kann man so sich­er­stellen, dass das eigene “ich bin ger­ade saufen mit xxx und yyy” eine höhere Pri­or­ität bekommt als ähn­liche Mit­teilun­gen ander­er Benutzer, denn das ist wirk­lich immens wichtig für ein poliertes Selb­st­be­wusst­sein.

Denn das ist genau das, was Face­book noch gefehlt hat.

PolitikSonstiges
“Das ist meine FDP”

Die Nor­drhein-West­falen haben es ger­ade nicht leicht: Über­all müssen sie dieser Tage unfrei­willige Komik zur Ken­nt­nis nehmen, weil schon wieder Wahlen anste­hen und die Stirn von den daher unver­mei­dlichen zahlre­ichen Schlä­gen mit der flachen Hand schon ganz wund ist.

Aus diesem Grund ist es doch erbaulich, wenn man etwas hat, worauf man sich ver­lassen kann, zum Beispiel Chris­t­ian Lind­ner und seine F.D.P.:

Dieses Bild, auch als Plakat vielerorts zu find­en, ist der­art voller Sym­bo­l­ik, dass ich es für angemessen halte, es ein wenig aus­führlich­er zu betra­cht­en.

Erstens: Das all­ge­meine Erschei­n­ungs­bild.

Eventuell ist Chris­t­ian Lind­ner nicht die Ide­albe­set­zung für ein groß­for­matiges Wahlplakat, er ist doch allzu aus­tauschbar. Sein Aller­welts­gesicht wird deut­lich, wenn man es ein­fach mal direkt ver­gle­icht, zum Beispiel mit dem geis­teskranken, machtbe­sesse­nen Massen­mörder “Der Mas­ter” (dargestellt zulet­zt von John Simm) aus “Doc­tor Who”:

Zweit­ens: Die Klei­dung.

Im schwarzen Anzug und Krawat­te stellt Chris­t­ian Lind­ner hier den Pro­to­typen des glattpolierten Man­agers dar, passend gek­lei­det für Hochzeit, Beerdi­gung und alljährliche Gehaltsabrech­nung, die, wie immer, viel zu hoch für die Schulden­lage Deutsch­lands ist, was aber ander­er­seits auf die typ­is­che Klien­tel sein­er Partei, eben Man­ag­er und der­gle­ichen Geschmeiß, äußerst attrak­tiv wirkt. Und welch­er Wäh­ler würde einem Mann im Anzug mis­strauen?

Drit­tens: Die Hal­tung.

Was um alles in der Welt macht Chris­t­ian Lind­ner da mit sein­er recht­en Hand? Aus­gestreckt — dem Wäh­ler ent­ge­gen — ist sie nicht, denn dann wäre der rechte Arm deut­lich zu kurz. Hält er etwas in der Hand — etwa ein totes Huhn oder ein Sexspielzeug? Warum wurde es wegre­tuschiert?

Diesen Fehler gilt es rück­gängig zu machen:

Schon bess­er.

Viertens: Das Mot­to.

“Solide Finanzen statt teure Ver­sprechen”. Schön und gut, aber wessen Finanzen sind gemeint — etwa die in der Parteikasse? Von soli­den Finanzen beim Bürg­er hält die F.D.P. bekan­ntlich nicht viel: “FDP-Poli­tik­er Kubic­ki schlägt Steuer­erhöhung vor”. Eigentlich bleiben ja dann nur die Finanzen der bere­its erwäh­n­ten typ­is­chen F.D.P.-Klientel übrig, der Anzug tra­gen­den Ack­er­män­ner dieses Lan­des. Dass die ein solides finanzielles Fun­da­ment ihr eigen nen­nen sollen, ist natür­lich auch mal eine inter­es­sante Forderung; damit dies­mal wenig­stens die Großak­tionäre nicht, wie noch 1929, ihr blaues Wun­der erleben.

Außer­dem heißt es “statt teurer Ver­sprechen”, Her­rgot­tnocheins.

(Mit Dank an L.!)

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz verlinkt IC: “Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um.”

Glück gehabt, sagt die Finan­cial Times Deutsch­land:

Das biss­chen Infla­tion kön­nen wir uns leis­ten

Denn trotz all der Ret­tungss­chirme und der Man­agerge­häl­ter für Ses­sel­furz­er in irgendwelchen Auf­sicht­sräten haben die Deutschen immer noch so viel Geld, dass wir uns eigentlich schä­men soll­ten, bis­lang so tolle Werte vorzeigen gekon­nt zu haben:

Zweit­ens kann sich die deutsche Volk­swirtschaft eine gemäßigte Teuerung derzeit leis­ten. (…) [T]otale Sta­bil­ität der Preise ist nun mal kein Wert an sich.

Sta­bile Preise schaden sog­ar, näm­lich dem Wach­s­tum, und wo nichts wächst, kann man nichts ern­ten; und im Dienst des Wach­s­tums soll­ten wir uns geehrt fühlen, mehr bezahlen zu dür­fen, damit bald etwas wächst in den Kassen, wenn auch nicht in unseren.

Solange die Gesam­ten­twick­lung in der Euro-Zone also noch unter Kon­trolle ist, solange die Lohn­forderun­gen und Preise nicht explodieren und solange Unternehmen wie Ver­brauch­er nicht in Teuerungspanik ver­fall­en — so lange muss Deutsch­land das Infla­tion­s­gerede nicht fürcht­en.

So lange sich kein­er fürchtet, muss sich kein­er fürcht­en. Dass der “FTD”-Artikel eine Reak­tion auf die Furcht ist, lässt erken­nen, wo hier das Prob­lem liegt.

“Wir haben alles unter Kon­trolle, Sit­u­a­tion nor­mal.”
– Han Solo

Netzfundstücke
(Hitler ignorieren!)

Mon­tags­maler aufge­merkt!

Wie würdet ihr einen Pin­sel malen? Nun, vielle­icht so:

Die Kun­st des Nichtwe­glassens (von Hitler) lässt triv­ial­ste Dinge zu einem gelun­genen Bild­witz wer­den. Irgend­je­mand mit einem ziem­lich schrä­gen Humor rief das Ignore-Hitler-Blog ins Leben; The­ma: Mon­tags­maler mit irrel­e­van­tem Hitler.

Lustige Sache, das!

(via @UARRR)

Nerdkrams
theRenamer: Ordnung für die Seriensammlung

In Zeit­en dig­i­tal­en Flach­fernse­hens ist es längst nicht mehr unüblich, dass man genehme Fernsehse­rien und/oder ‑filme nicht nur ansieht, son­dern auch — selb­stver­ständlich aus völ­lig legaler Quelle — dig­i­tal aufn­immt und auf seinem heimis­chen Com­put­er sichert.

Nun sind dig­i­tale Vide­o­recorder, ob als sep­a­rates Gerät oder als Inter­net­di­enst, lei­der nur so fehler­frei wie der Men­sch, der sie bedi­ent, und so kann es passieren, dass man irgend­wann den Überblick ver­liert:

Glück hat man, wenn man Win­dows* ein­set­zt, denn dann ist die Über­sicht schnell wieder­hergestellt. Das gegen­wär­tig mehrkosten­frei erhältliche Pro­gramm theR­e­namer erledigt die massen­hafte sin­nvolle Benen­nung von Fil­men oder Serien per Klick.

Nach der Instal­la­tion begrüßt theR­e­namer den Anwen­der mit einem solchen Anblick:

Per Klick auf den far­blich her­vorge­hobe­nen Ver­weis namens “tvshows” lässt sich theR­e­namer in den Film­modus ver­set­zen, da ich aber ger­ade nur drei Serienepiso­den einzubrin­gen habe, erk­läre ich die Bedi­enung im Fol­gen­den im “tvshows”-Modus, die im Wesentlichen iden­tisch ist.

Wie man sieht, ist das Pro­gramm in Englisch gehal­ten. Das ist gegen­wär­tig nicht zu ändern, es bedeutet aber auch, dass es jede Serie und jeden Film zunächst ein­mal für englis­chsprachig hält. Falls die Episo­den, die ihr gern aufräu­men würdet, deutschsprachig vor­liegen, lässt sich theR­e­namer ziem­lich ein­fach dazu überre­den, stattdessen deutschsprachige Episo­den­ti­tel zu suchen. Hier­für ist ein Klick auf “Set­tings” oben rechts notwendig:

Das Ein­stel­lungs­menü sieht etwas unaufgeräumt aus, was daran liegt, dass theR­e­namer ziem­lich mächtig ist. Links oben lässt sich (mit Vorschau) ein­stellen, wie die Dateina­men ausse­hen sollen, ich habe mich für eine schlichte Vari­ante mit Unter­strichen entsch­ieden. Ger­ade rel­e­vant ist aber das Feld mit der Beschrif­tung “theTVDB lan­guage:”. Per Klick auf diese Beschrif­tung ist eine Liste der unter­stützten Sprachen einzuse­hen; 7 ste­ht für Englisch, 14 für Deutsch. Im vor­liegen­den Fall also genügt es, in das Feld eine 14 einzu­tra­gen und den Dia­log per “Close” (rechts oben) wieder zu schließen, sobald alles nach der eige­nen Zufrieden­heit eingestellt ist. (Einige Feine­in­stel­lun­gen, etwa die Möglichkeit, Bestandteile wie “HDRip” oder “1080p” aus Dateina­men zu ent­fer­nen, sind auch im Haupt­fen­ster unter “Glob­al Set­tings”, unten links, erre­ich­bar.)

Nun kön­nen die drei Dateien ein­fach in das theR­e­namer-Fen­ster gezo­gen wer­den. Das Pro­gramm rat­tert (still) ein wenig und präsen­tiert dann, mit etwas Glück, jew­eils einen Vorschlag für den neuen Dateina­men anhand der getrof­fe­nen Ein­stel­lun­gen:

Wie man sieht, sind auch größere Unter­schiede in den Dateina­men kein Hin­der­nis. Schwierig wird es nur, wenn theR­e­namer den Namen der Serie und/oder die Episo­den­num­mer (“816” etwa funk­tion­iert nicht) nicht richtig erken­nen kann, dann gibt es anstelle des neuen Dateina­men nur eine Fehler­mel­dung (“Episo­den­ti­tel fehlt!”) in der recht­en Spalte zu sehen. Hier hil­ft eventuell ein Zusatzpro­gramm wie Ant Renamer oder händis­che Vorar­beit.

Ist die Vorschau zufrieden­stel­lend, ist nun­mehr ein Klick auf “Pro­ceed” unten im Pro­gramm­fen­ster der let­zte nötige Schritt. Fer­tig:

Anmerkun­gen und Ergänzun­gen gern hier unten drunter. :-)


* Apro­pos Win­dows: Nutzer ander­er Betrieb­ssys­teme kön­nten mit dem jav­abasierten, daher weniger hüb­schen File­Bot gegebe­nen­falls ähn­liche Ergeb­nisse erzie­len, diesen habe ich jedoch noch nicht getestet.

Spaß mit Spam
More$Valium%super}

Ach, Spam­mer, der du mir erst Best_Valium:super} und zwei Stun­den später More$Valium%super} andrehen willst!

White. http://.…page.tl White.

(Ja, das ist die ganze zweite Mail. Lediglich die angegebene WWW-Adresse habe ich vor­sor­glich gekürzt.)

BESTES VALIUM! MEHR VALIUM! SUPER! WEISS! VAAALIIIIUUUUM!

So ein Entzug muss schw­er sein.

SonstigesIn den Nachrichten
Medienkritik LXVII: SPIEGEL-Splitter / Facebook und keine Huren

Ei, was bin ich ger­ade amüsiert!

Anlass ist aus­nahm­sweise mal der dieswöchige SPIEGEL, den ich gle­ich­falls aus­nahm­sweise wieder ein­mal zu kaufen wagte. Die Titelgeschichte ist für einen daten­schutzfre­undlichen techie wie mich natür­lich ein pri­ma Argu­ment:

Der SPIEGEL ist eines der Mag­a­zine, die auf ihrer Inter­net­seite mehrfach für das eigene Face­book-Pro­fil wer­ben; allein auf der Start­seite befind­en sich gegen­wär­tig zwei voneinan­der unab­hängige Ver­weise auf sel­biges, außer­dem ist jed­er Artikel natür­lich mit einem “Empfehlen”-Knopf aus­ges­tat­tet — übri­gens in der heftig umstrit­te­nen Ver­sion. (Dass facebook.com gar nicht Face­book gehört, ist auch noch so eine Sache, über die sich gefäl­ligst andere Gedanken machen soll­ten, zum Beispiel die zukün­fti­gen Aktionäre Face­books.)

Und dieser face­book­freudi­ge SPIEGEL (Pro­fil­wer­bung: “Täglich posten wir Texte zur Debat­te und teilen Ihnen Neuerun­gen mit. Klick­en Sie jet­zt auf “Gefällt mir” rechts oben, um unser Fan zu wer­den und mitzu­machen!”, wobei das “Mit­machen” wohl eine eher pas­sive Tätigkeit umschreibt) feuert auf dem Papi­er aus allen Rohren und beschreibt Face­book — bedauer­licher­weise nicht wörtlich — als ein neues Knuddels.de ohne Belang für geistig fort­geschrit­tene Men­schen:

Sog­ar die kleine Melisa, 13 Jahre alt, (…) hat schon ihre Prinzip­i­en. (…) [S]ie weiß auswendig, dass sie 367 Fre­unde (sic!) hat, und muss auch keine Sekunde über­legen, was sie mor­gens als Erstes macht: “Isch geh sofort Face­book.”

(…) Erwach­se­nen erschließt sich der Reiz des Online-Geplaud­ers nur schw­er: “Na, was machst du ger­ade?” — “Ich sitze am PC und chat­te mit dir!” Was kann daran so unwider­stehlich sein?

(…) Das Liebgetue unter Mäd­chen ist epi­demisch: Lang und länger wer­den die Ket­ten der Kom­mentare, immer noch eine “Hüp­schee!” und zwölf Herzchen dazu. (…) Jungs fil­men einan­der auch nicht beim Shop­pen; da sind die Stereo­type noch ziem­lich intakt. (…) Immer ist das Pub­likum im Blick: Wird es applaudieren? Bekomme ich auch genü­gend “Gefällt mir”-Klicks? 30 dieser “Likes” soll­ten es schon sein, ab 100 kann man sich was ein­bilden.

(…) Sie haben ja son­st nichts: Her­anwach­sende ohne echte Auf­gaben, an denen sie sich bewähren kön­nten. Da ist es kein Wun­der, wenn sie sich in inhalt­slosen Sta­tuswet­tbe­wer­ben aufreiben.

Dabei hat man im Hause SPIEGEL eine ganz eigene Vorstel­lung davon, was “nötig” ist im Leben:

Er macht dort (auf Face­book, A.d.V.) nicht mehr als nötig: Er plaud­ert mit den Fre­un­den, verabre­det sich über die Chat-Funk­tion.

“Nötig” habe ich anders in Erin­nerung.

Und aber jeden­falls: “Isch geh sofort Face­book” — tre­f­fend­er hätte ich die Ziel­gruppe von SPIEGEL Online nicht darstellen kön­nen.


Bonus­pointe: Der SPIEGEL berichtete eben­falls über die ukrainis­chen Radikalfe­manzen “Femen” und find­et Sätze wie diese nicht irgend­wie befremdlich:

Das erste Mal zogen sie so im Som­mer 2008 los. In Huren­klei­dern gin­gen sie auf die Straße. “Die Ukraine ist kein Bor­dell”, schrien sie und hiel­ten ihre Plakate in die Luft.

Die vom SPIEGEL als aufrechte Kämpferin­nen für die Rechte der Frau dargestell­ten “Femen” sind also Frauen, die sich wie Pros­ti­tu­ierte klei­den oder gar (mit­tler­weile) nur noch in Unter- oder wenig­stens Jean­shose auf die Straße gehen, um gegen das Klis­chee von der “Frau als Sex­u­alob­jekt” zu demon­stri­eren. Demzu­folge sollte man Veg­e­tari­er dazu ermuntern, mehr Fleisch zu essen, um gegen die Tötung von Tieren zu demon­stri­eren.

In Huren­klam­ot­ten gegen Pros­ti­tu­tion, mit Bier gegen Alko­holkon­sum. Prost Mahlzeit.

Montagsmusik
Steely Dan — Reelin’ In the Years

Pfor pfierzig Vor vierzig Jahren waren Musik­er noch gut und nicht süß und Texte noch tief und nicht awww.
Das war vor MTV.

Ich habe es nicht mehr erlebt.

You would­n’t know a dia­mond
if you held it in your hand,
the things you think are pre­cious
I can’t under­stand.

“But after a while / you real­ize time flies…”
– Por­cu­pine Tree

Ach.

Guten Mor­gen.