Am morgigen Dienstag erscheint Thilo Sarrazins neues Buch “Europa braucht den Euro nicht!”, in dem er angeblich postuliert, dass der Euro gequirlter Käse sei und wir ohne ihn besser wirtschaften könnten. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber Thomas Straubhaar tat es — schwarz kopiert? — und lässt auf STERN.de verkünden:
Sarrazins Buch ist Zeitverschwendung
Warum? Tscha, eh’ zu spät, schreibt Thomas Straubhaar:
Thilo Sarrazin hat Recht: Aus ökonomischen Gründen hätte es den Euro in der Tat nicht gebraucht. Aber darum geht es nicht (mehr)!
Jedenfalls Thomas Straubhaar geht es nicht darum, er hat sich mit seinem Schicksal in der Eurozone abgefunden. Damit er sich nicht so allein fühlt, versucht er seine Spielkameraden nun mit Quengeln und Aufstampfen um sich zu scharen; jedenfalls virtuell, denn “Fakt ist” ist in der deutschen Sprache das Äquivalent zum Aufstampfen und ein sicheres Zeichen für Unsicherheit dessen, der es verwendet:
Fakt ist (sic!), dass Europa den Euro seit 1999 als Gemeinschaftswährung hat, seit 2002 für jeden Bürger auch sichtbar als Euro-Münzen und Euro-Scheine. Deshalb stellt sich die Frage nicht mehr, ob Europa den Euro braucht. (…)
Es macht eben einen riesigen Unterschied, ob man im fliegenden Flugzeug sitzt und aussteigen will, oder man gar nicht erst einsteigt. In beiden Fällen will man draußen sein, aber faktisch hat nur wer draußen geblieben ist, eine Wahlfreiheit. Wer mitfliegt, ist mitgegangen und damit mitgefangen.
(Im Original verkorkste Zeichensetzung unverändert übernommen, Hervorhebung aber von mir.)
Fakt ist eben auch, dass Deutschland ein halbes Jahrhundert lang die Deutsche Mark verwendete, seit 1949 für jeden Bürger auch sichtbar in seinem Portemonnaie. Wir haben andererseits gelernt: Die Umstellung eines Währungssystems bedarf im Zweifelsfall nur einiger Entscheider, die nicht mehr alle Latten an der Murmel haben, ein Währungssystem ist aber kein Naturgesetz wie die Schwerkraft oder dass dumme Menschen gern deutschen Rap hören.
Und so verheddert sich Thomas Straubhaar so tief im Kommadschungel, dass er ein paar angeklebte Flügel für ein Flugzeug mit unendlich großem Tank hält und zu feige ist, mal in seinem Rucksack nach einem Fallschirm zu suchen. In der ersten Klasse (“Thomas Straubhaar ist Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI)”, prost!) sitzt man eben auch in seiner Fantasie ziemlich bequem.
Der Euro existiert. Er ist Alltag.
Das hat die Vernichter der Deutschen Mark auch nicht gestört. Die DDR war übrigens auch mal Alltag.
Natürlich wünschten sich viele Eltern gelegentlich eine Zeit ohne Kinder, die nerven, zurück. Aber genau so wenig, wie Kinder ungeschehen gemacht werden können, gab und gibt es einen Plan B, der den Euro beseitigt.
Der Euro als quengelndes Kind, das die eigene solide Finanzwirtschaft mit ständigen Anforderungen (“MAMA, KAUF MIR EIN EIS” bzw. eben “Deutsche, schenkt den Griechen mal was”) ruiniert, ist natürlich ein schönes Bild. Gibt es dazu schon eine Karikatur? Übrigens gibt es sehr wohl, zumindest auf dem Papier, einen Plan B: Während Deutschland zwar einen Vertrag unterschrieben hat, der es dazu verpflichtet, Mitglied der Währungsunion zu bleiben, würde dieser Vertrag automatisch ungültig, sobald Deutschland aus der EU austritt.
Eine etwas forschere Lösung hat Deutschland selbst in der Vergangenheit schon praktiziert: Weil “wir” uns weigern, die vorgegebene Richtlinie zur Einführung der Vorratsdatenspeicherung einzuhalten, nehmen “wir” gern eine Vertragsstrafe in Kauf. Eine zweite käme uns vielleicht immer noch billiger als weiteres Dahinvegetieren auf Eurobasis. Aber sicher weiß Thomas Straubhaar mehr darüber.
Der hat aber ganz andere Sorgen:
(…) Deshalb provoziert eine deutsche Diskussion darüber, “ob Europa den Euro braucht” bei den Nachbarn die schlimmsten Ängste eines national orientierten wirtschaftlich dominanten Groß-Deutschlands. Genau die Konsequenz, die man mit der Wiedervereinigung nicht wollte und mit dem Euro zu verhindern versuchte.
Wie muss ich mir die Vertragsverhandlungen vorstellen? “Ihr kriegt die DDR und den Euro, damit ihr keine Nazis mehr seid”? Diese zwei Sätze sind so unglaublich bescheuert, dass mir nur noch Stichworte einfallen:
- Deutschland wird nicht zu “Groß-Deutschland”, wenn wir uns den Euro wegnehmen. Unsere Grenzen sind festgelegt.
- Eine Währungsunion würde einen faschistischen Diktator normalerweise nicht davon abhalten, diese Grenzen im Zweifelsfall erweitern zu wollen. Die Währungsunion hätte sogar taktische Vorteile, denn sie würde die Vorbereitung auf etwaige kriegerische Handlungen wirtschaftlich erleichtern.
- Deutschland ist bereits wirtschaftlich dominant, was der Grund dafür ist, dass es reichlich Geld in irgendwelche europäischen Kassen einzahlen “darf”.
Übrig bleibt die “nationale Orientierung”. Natürlich ist eine eigene Währung auch ein Symbol von Autarkie, dennoch ist Deutschland noch immer ein Exportland. Eine Abschottung innerhalb Europas wäre also ohne Weiteres gar nicht möglich. (Übrigens hat die Schweiz auch eine eigene Währung, und wer hat schon Angst vor der Schweiz?)
Wieso ausgerechnet ein nationalistischer Staat wie Frankreich Angst vor nationaler Orientierung hat, erscheint mir übrigens auch unbegreiflich. Wo liegt der tatsächlich greifbare Nachteil eines Staates, der ein wenig Selbstbestimmung und Identität zurückerlangen will? Eine Antwort darauf bleibt Thomas Straubhaar natürlich schuldig, er weiß es wohl nicht besser.
Für ihn jedenfalls ist das Thema vom Tisch:
Hingegen ist es ein nutzloser Verschleiß politischer Kräfte, sich über Alternativen die Köpfe heiß zu reden, die gar nicht mehr zur Debatte stehen.
Da hat Thomas Straubhaar es einfacher: Bei ihm kann anscheinend nicht mehr viel verschleißen. Und so kann er zwei “Seiten” auf STERN.de befüllen, indem er sich den Kopf über ein Buch heiß redet, das er eine Zeitverschwendung nennt, weil die enthaltenen Thesen für ihn ganz persönlich “gar nicht mehr zur Debatte stehen”, und bezahlt wird er für diesen Metawitz wahrscheinlich auch noch.
Fakt ist: Thomas Straubhaars Ausführungen sind Zeitverschwendung.
























