Mir wird geschlechtNetzfundstückePiratenpartei
Positiver Sprachsexismus

Anatol Stefanowitsch, sonst eigent­lich ziem­lich hel­ler Zeitgenosse, fin­det in einem gest­ri­gen Blogeintrag den Grundsatz der Piratenpartei, dass es nur „den Piraten“, nicht aber „die Piratin“ gibt, nicht gut.

Dass die­se ollen Kamellen jetzt nach über zwei Jahren wie­der auf­ge­wärmt wer­den, ist einer­seits beru­hi­gend, weil es zeigt, dass die Piratenpartei offen­bar zur­zeit kein gro­ßes Naziproblem hat, das wich­ti­ger wäre, ande­rer­seits muss man beden­ken, dass Anatol Stefanowitsch aus­drück­lich ein „Sprachlog“ führt, also dar­auf bedacht ist, die deut­sche Sprache nicht zer­stö­ren zu helfen.

Die Situation, auf die er reagiert, ist die, dass im „LQFB“, dem Liquid-Feedback-System der Piratenpartei, immer wie­der Vorschläge ein­ge­hen, wie man die­ses ver­meint­li­che Problem aus der Welt schaf­fen könn­te, etwa, indem man die Mitglieder der Piratenpartei fort­an als Eichhörnchen bezeich­net, weil das Wort „Eichhörnchen“ nicht in männ­li­cher oder weib­li­cher Form exi­stiert. Inwiefern das „bes­ser“ sein soll als mein vor über zwei Jahren ange­brach­ter Vorschlag, künf­tig „Kamele“ statt „Piraten“ zu sagen, weiß ich nicht. Alternativ wird vor­ge­schla­gen, von „Piraten und Piratinnen“ zu spre­chen, und dass dies unwei­ger­lich Proteste nach sich zie­hen wür­de, es habe gefäl­ligst „Piratinnen und Piraten“ zu hei­ßen, ist bereits absehbar.

Dass das Wort „Mitglied“ nichts mit einem „Mitpenis“ zu tun hat, arbei­tet Anatol Stefanowitsch noch gut heraus:

Glied bedeu­te­te ursprüng­lich (wie im Prinzip auch heu­te noch) „Körperteil“, die Bedeutung wur­de dann auf alle mög­li­chen Arten von Teilen erwei­tert, auf auf Teile von Gruppen und Gemeinschaften. Mitglied ist dann eine Verstärkung die­ser Bedeutung. Die Bezeichnung des Penis als „Glied“ ist ein Euphemismus (der Versuch, eine neu­tra­le Umschreibung für ein als unan­stän­dig emp­fun­de­nes Konzept zu fin­den). Die femi­ni­sti­sche Linguistin Luise Pusch, die als die Expertin für die deut­sche Sprache und ihre Geschlechterproblematik betrach­tet wer­den muss, kom­men­tiert in einer Glosse von 1982 die­se fal­sche Herleitung mit den Worten „Wir sagen den Männern nach, sie däch­ten immer nur an ‘das eine’. Weibliche Wortschöpfungen wie Ohneglied und Mitklitoris legen den Verdacht nahe, daß auch Frauen noch ent­schie­den zu oft dar­an denken.“

Leider ist das auch das ein­zig Überzeugende an sei­nem Beitrag, in dem er anson­sten „Leser/innen“ und „Sprecher/innen“ schreibt und also flei­ßig gen­dert. Er schlägt gar vor, künf­tig von „Pirat/innen“ zu spre­chen, da, so die von ihm für vali­de befun­de­ne Argumentation, eine geschlechts­neu­tra­le Sprache immens wich­tig wäre; am Ende des Textes fin­det er gar die Idee, künf­tig „geschlechts­neu­tral von Piratinnen zu spre­chen“, erwäh­nens­wert. Inwiefern das eine Verbesserung sein soll, ver­rät er nicht.

Wenige Sätze zuvor erkennt er noch rich­tig, dass der ent­spre­chen­de Abschnitt in der Parteisatzung eine Wortdefinition ohne Wertung ist, wie man wahr­schein­lich eben auch „Toyotas wer­den im Folgenden als Autos bezeich­net“ schrei­ben kann, ohne von Opelbesitzern eins auf die Mütze zu bekom­men. „Der Mensch“ sei zum Beispiel trotz sei­nes gram­ma­ti­ka­li­schen Genus‘ ein geschlechts­neu­tra­les Wort, da es kei­ne geschlechts­spe­zi­fi­schen Formen des Wortes gibt.

Nun, auch „der Pirat“ ist ein geschlechts­neu­tra­les Wort, denn in der vor­lie­gen­den Definition als Sammelbegriff für Mitglieder der Piratenpartei Deutschland ist es nicht iden­tisch mit der Bezeichnung „ein männ­li­cher Seefahrer“, son­dern eine sepa­ra­te Wortschöpfung, die eben nur zufäl­lig männ­li­chen „Geschlechts“ ist - wie sich eben auch die wenig­sten Frauen „die Menschin“ oder „das Mensch“ nen­nen wür­den, und das nicht nur des­halb, weil es schei­ße klingt.

Dabei ist die Debatte zum Thema „Neutralität der Sprache“ so ver­lo­gen und wider­sin­nig wie nur weni­ge ande­re. Worauf der strit­ti­ge Punkt in der Satzung hin­wei­sen soll, ist: Das Geschlecht spielt für einen Piraten kei­ne Rolle. Es ist nicht wich­tig, ob der Mitpirat männ­lich, weib­lich, bei­des oder nichts von bei­dem ist, als Gemeinsamkeit bleibt das poli­ti­sche Ziel. Menschen sol­len - und soll­ten - nach ihrer Menschlichkeit und nicht nach ihrem Geschlecht sor­tiert wer­den, wie es etwa die Grünen seit Jahren prak­ti­zie­ren. Was haben sie damit bis­lang erreicht?

Wenn man nun anfängt, die geschlecht­li­chen Unterschiede in der Sprache her­aus­zu­stel­len, trennt man das „Kollektiv“, näm­lich die Piraten bei­der­lei Geschlechts, eben doch wie­der in Männlein und Weiblein, was nicht sinn­voll ist und bei der poli­ti­schen Zusammenarbeit eher blockiert, weil es vom Wesentlichen ablenkt. Nur ein Sexist erach­tet das Geschlecht für erwäh­nens­wert. Anonymus „irgend­ein Pirat“ kom­men­tier­te dort treffend:

Ich habe (…) abso­lut kei­ne Lust dar­auf und fin­de es dis­kri­mi­nie­rend, Texte zu lesen, wo man bei jedem per­so­nen­be­zo­ge­nen Substantiv expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass die Mehrzahl der Leute es anschei­nend über­aus wich­tig fin­den, was sie zwi­schen den Beinen haben, und was sie damit anstellen.

Dem ist mei­nes Erachtens nichts hinzuzufügen.

(Der Vollständigkeit wegen: Einige der hier vor­ge­brach­ten Argumente habe ich auch unter ver­link­tem Artikel als „Cthulhux“ in Kommentarform hin­ter­las­sen, lei­der ohne nen­nens­wer­te Konsequenzen.)

Senfecke:

  1. Ich glau­be man­che bei den Piraten/innen soll­ten sich weni­ger auf ihre Geschlechtsteile fixie­ren als evtl zu schau­en ob die Piratenpartei nicht doch eine Politische Einrichtung ist

Comments are closed.

https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_smilenew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_biggrin2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_sadnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_eek.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_shocked.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_confusednew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_coolnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_lol.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_madnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_aufsmaul.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_seb_zunge.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_blushnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_frown.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_twistedevil1.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_twistedevil2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/icon_mad.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_rolleyesnew.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_wink2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_idea2.gif  https://tuxproject.de/blog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/smiley_emoticons_arrow2.gif 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre> <code> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Ihre IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details finden Sie hier.