Zu den alltäglichen Erscheinungen, die ich nicht zu begreifen imstande bin, gehört außer der unverminderten Präsenz von Zigarettenrauchern auch die musikalische Darreichungsform der “Best-of”-Zusammenstellungen.
“Best-of”-Zusammenstellungen sind eine lose Sammlung von irgendwie aneinandergereihten Titeln eines Künstlers, “die man kennt” oder auch nicht. Und weil so ein Künstler in der Regel ziemlich viel Musik aufnimmt, kommen am Ende auch ziemlich viele “Best-of”-Zusammenstellungen heraus. Allein von der Musikgruppe Yes, die ja nun seit über 40 Jahren mehr oder weniger aktiv ist, existieren längst mehr “Best-of”- als tatsächliche Studioalben. In einem Elektronikmarkt stieß ich heute gar auf eine “Best of Dr. Hook” namens “Essential” (“essenziell”), was bei einer Musikgruppe, die exakt einen mir auf Anhieb bekannten “Hit” namens “Sexy Eyes” hatte, ein ziemlich anspruchsvolles Unternehmen gewesen sein dürfte.
Dabei sind die Überschneidungen anscheinend unvermeidlich, aber eben auch einigermaßen egal. Um bei Yes zu bleiben: Sollte man, wenn man unbedingt das Bedürfnis hat, das grottige “Owner of a Lonely Heart” im Plattenschrank zu haben, nun “In a Word: Yes (1969- )”, The ultimate Yes”, “The Best of Yes” oder gar “The Very Best of Yes” (“Highlights”) kaufen? Ein bisschen besser geht eben immer. Ähnliche Fragen tun sich auch bei allen anderen einigermaßen bekannten Yes-Stücken auf, schon “And You And I” wurde so oft verwurstet, dass ich mich frage, ob die Rechteinhaber überhaupt noch selbst wissen, was wann wo erschienen ist; und wenn ja, warum sie dann nicht endlich mit dem Unfug aufhören.
Überhaupt: Die Titel! Eine unlängst erschienene “Best-of”-CD der Toten Hosen trägt, benannt nach einem ihrer früheren Erfolge, den Titel “All die ganzen Jahre”. Am Ende des Refrains besagten Liedes, in dem es um Verlust der Freundschaft und nicht etwa um die Großartigkeit der Toten Hosen geht, ertönen die Zeilen:
Nichts ist mehr geblieben, alles ausgelöscht.
All die ganzen Jahre…!
Wer auch immer für die Benennung von “All die ganzen Jahre” (der CD, nicht des Liedes) zuständig war, würde ein “Das Beste der Ärzte” auch nach ihrem Lied “Vorbei ist vorbei” benennen.
Nun könnte man diese Zusammenstellungen als eine Art “Querschnitt” des musikalischen Schaffens eines Musikers — oder einer Musikgruppe — verstehen, der dazu dienen soll, seine — oder ihre — Musik zu entdecken. Aber kann dieser Zweck erfüllt werden?
Eine solche Zusammenstellung entsteht meist, indem man bestehende Musikstücke aus dem zeitlichen, inhaltlichen und womöglich persönlichen Kontext reißt. Natürlich schrieb Bob Dylan in den 1980-er Jahren andere Lieder als in den Anfangsjahren seiner Karriere, als er gegen den Krieg mobilisierte und selbst mobilisiert wurde, dennoch wäre es falsch, ihn auf “der mit den Protestliedern, der später was anderes machte” zu reduzieren, was jeder, der “Blonde on Blonde” gehört und verstanden hat, wahrscheinlich sofort erkennt. Ähnlich verhält es sich mit den Beatles: Würde ich unter Androhung körperlicher und/oder seelischer Gewalt (“tu es oder wir kaufen dir ein iPhone, das du dann nutzen musst”) dazu gezwungen, eine CD namens “The definitely very ultimate and essential best of The Beatles” oder so ähnlich zusammenzustellen, ich würde die Laufzeit mit “A Day in the Life”, “Lady Madonna”, “Tomorrow Never Knows” und dergleichen wohl problemlos zu füllen wissen. Es stellte sich mir lediglich die Frage, inwiefern eine solche willkürliche Ansammlung an halbwegs guten Klangbeispielen dazu beitragen kann, das Interesse an den Beatles seitens eher unbewanderter Zeitgenossen zu wecken oder womöglich zu erhöhen.
Ich bemühe in diesem Zusammenhang gern eine Metapher: Es ist kein sinnvolles Tun, nur zwei oder drei zufällig ausgewählte Kapitel eines abgeschlossenen Romans zu lesen und den Roman dann nicht zu kaufen. Erst recht von fragwürdigem Nutzen ist es, wenn man diese zwei oder drei Kapitel mit anderen Kapiteln aus ganz anderen Romanen (des, immerhin, gleichen Autors) zusammenwürfelt und dann als “Das Beste” feilbietet. Besagte Kapitel können noch so gut sein, sie bleiben doch nur Stückwerk, anhand dessen man allenfalls erahnen kann, ob der Autor fehlerfreies Deutsch spricht, nicht aber, ob er es schafft, mehr als zwei oder nur drei Kapitel mit lesenswertem Text zu füllen.
Wenn dem potenziellen Käufer einer solchen Kompilation aber Kontext und Hintergrund schnuppe sind, wenn er also nur daran interessiert ist, das bekannte Zeug des bloßen Besitzes wegen zu haben, dann könnte er eine Menge Geld sparen, kaufte er sich stattdessen einfach ein Radio. Ich behaupte: Es gibt keine größere Geldverschwendung als “Best-of”-Alben zu kaufen.
Ein Musikalbum ist übrigens in der Regel bereits selbst ein “Best of”, eine Zusammenstellung der besten Stücke, die während der dazu gehörenden Aufnahmesitzungen entstanden. Lieder, die es (wegen zu schlecht) nicht auf ein Musikalbum schaffen, erscheinen später als B‑Seiten, “Outtakes” (wörtlich übersetzt eben herausgenommene Lieder) oder auf Soloalben der beteiligten Künstler, womöglich auch Jahrzehnte später auf erweiterten Versionen der Originalalben.
Aber manche geben sich eben nur mit dem Allerbestesten zufrieden.
Nachtrag: Man wies mich darauf hin, dass Dr. Hook mehr als nur ein bis heute bekanntes Lied aufnahmen. Ich bitte diese Fehlrecherche meinerseits zu entschuldigen und habe die Formulierung angepasst.