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Studie: Spammer spammen.

Zum Ver­ständ­nis des fol­gen­den Sachver­haltes ist es nötig, die Grundzüge von Twit­ter zu ver­ste­hen, weshalb ich einen entsprechen­den Exkurs voranstelle.

Der Kurz­nachrich­t­en­di­enst Twit­ter, eine Art “SMS für das Inter­net” und nicht etwa ein “soziales Net­zw­erk” im eigentlichen Sinne, basiert im Wesentlichen auf der Annahme, dass jed­er bis zu 140 Zeichen “twit­tern” kann, die dann in der öffentlichen Zeitleiste erscheinen. Dabei ist es auch möglich, gezielt einzelne Twit­ter-Benutzer anzupin­gen, indem man sie erwäh­nt. Eine solche Erwäh­nung kann es auch sein, einen “Retweet” zu senden, eine Mit­teilung eines anderen Benutzers also selb­st zu teilen. (Wie das wohl mit dem geplanten Leis­tungss­chutzrecht kor­re­liert?) Solche “Pings” erscheinen beim Erwäh­n­ten dann, sofern nicht block­iert oder gezielt aus­ge­blendet, an geson­dert­er Stelle.

Man kann einzel­nen Benutzern auch “fol­gen” und so ihre Mit­teilun­gen (“Tweets”) in der eige­nen Zeitleiste sehen, was ein wenig der “Pin­nwand” beziehungsweise dem “Stream” in diesen “sozialen Net­zw­erken” entspricht.

Der Sinn des Ganzen ist es, dass man seine gegen­wär­ti­gen Gedanken (“ich muss kack­en”) jedem mit­teilen kann, der sie lesen will; auch pro­fes­sionellere Zwecke sind aber mach­bar, so veröf­fentlichen zum Beispiel einige Blogs Hin­weise auf neue Artikel immer umge­hend bei Twit­ter, so dass man ihnen an einem zen­tralen Ort “fol­gen” kann, ohne sie per RSS/Atom (“dynamis­che Leseze­ichen” heißt das in Fire­fox) abon­nieren zu müssen. (Was ander­er­seits viel cool­er und vor allem prak­tis­ch­er ist, aber eben nicht jed­er ver­ste­ht.) Eigentlich ist Twit­ter also völ­lig über­flüs­siger Blödsinn.

Angesichts des großen Bekan­ntheits­grades und vor allem der Infor­ma­tion­s­geschwindigkeit von Twit­ter — so manche Rev­o­lu­tion wurde ja unter anderem per Twit­ter organ­isiert — ist es unver­mei­dlich, dass sich auch Spam­mer dort bre­it­machen, die mit­tels Erwäh­nun­gen oder auch bloßem Fol­gen auf sich aufmerk­sam machen, um dann bil­lig irgendwelche Penispillen oder bezahlten Blog­a­r­tikel unters Volk zu brin­gen. Mir selb­st “fol­gen” zurzeit — Stand 4:04 Uhr — 80 Twit­ter­nutzer. Etwaige Spam­bots, die ich (anders als etwa @big_ben_clock) nicht als “Ver­fol­ger” (und somit poten­zielle Nervquellen) wün­sche, sortiere ich unregelmäßig per Bot­P­wn aus. Hier endet der Exkurs.

Gehen wir in medias res: Meist suchen besagte Bots nach einem bes­timmten Schlüs­sel­wort und heften sich dann, sozusagen, an die Fersen des Twit­ter­ers. Gele­gentlich äußere ich auf Twit­ter etwa meinen Miss­mut über neue Entwick­lun­gen seit­ens Apple — zulet­zt bescherte mir das eine Apple-Nachricht­en­seite als “Fol­low­er”. Damit kön­nte ich jet­zt meine Späße treiben, aber das hebe ich mir für einen eventuell späteren Zeit­punkt auf. Tat­säch­lich also sind diese Bots nicht unbe­d­ingt Spamverteil­er, aber doch sel­ten erwün­scht. Man kön­nte solche Bots auch nutzen, um sein eigenes Pro­fil beliebter erscheinen zu lassen, aber für beson­ders große Fol­low­erzahlen bekommt man bei Twit­ter eben­so wenig Anerken­nung wie auf Face­book für eine vier­stel­lige Anzahl an “Fre­un­den”, weshalb man ein ziem­lich armes Würstchen sein muss, um das zu tun.

Und nun kommt heise.de ins Spiel. Dort schrieb Axel Kan­nen­berg gestern:

Fast die Hälfte der “Fol­low­er” viel­er großer Unternehmen auf Twit­ter kön­nten maschi­nenges­teuerte Fakes sein, wie eine Unter­suchung (…) des Mailän­der Medi­en­pro­fes­sors Mar­co Camisani Cal­zo­lari ergeben hat. (…) Einen möglichen Grund für die teil­weise hohe Zahl von Fake-Fol­low­ern sieht Cal­zo­lari laut Tech­no­rati in der Aus­lagerung der Social-Media-Aktiv­itäten an Agen­turen. Diese wür­den mitunter “Abkürzun­gen” über Bots nehmen, um ihren Auf­tragge­bern schnelle Erfol­gsmeldun­gen mit großen Fan­zahlen melden zu kön­nen.

Ziem­lich arme Würstchen sitzen also vor allem in Wer­beagen­turen. Wen wun­dert es? — Dies bei­seite gelassen: Selb­stver­ständlich fol­gen viele Twit­ter-Bots großen und erfol­gre­ichen Twit­ter­ern, und zwar aus dem gle­ichen Grund, aus dem E‑Mail-Spam nur sel­ten manuell und in Einze­laus­führung ver­sandt wird: Als Spam­bot­be­treiber — oder Spam­mer — ist man natür­lich an ein­er möglichst großen Zahl an Lesern inter­essiert. Für eine Studie, die so etwas her­aus­find­et, hat wom­öglich jemand Geld aus­gegeben? (Ganz toll ist ja auch die Über­schrift: “Studie: Twit­ter-Bots fol­gen Unternehmen”, ja, wem denn son­st?)

Sollte es so sein, dass es Twit­ter­ver­mark­tern allein um große Zahlen geht, dann gebe ich den betrof­fe­nen Unternehmen völ­lig unent­geltlich einen Tipp: Twit­tert über inter­es­sante Dinge (dann kom­men die Inter­essen­ten von allein) oder seid selb­st inter­es­sant. Mas­sig Agen­tur­bots, die so tun, als seien sie begeis­terte Kun­den, sagen über euch als Unternehmen anson­sten mehr aus, als euch lieb ist.

Wenn sich ander­er­seits das Treiben ein­er Wer­beagen­tur auf die Sim­u­la­tion von Inter­essen­ten (gener­ierte Besuche ein­er Web­site, gener­ierte Ver­fol­ger bei Twit­ter, gener­ierte “Fre­unde” auf MySpace) beschränkt und man nicht mal mehr kreativ sein muss, um in dieser Branche erfol­gre­ich zu sein, dann klingt das nach einem ziem­lich guten Beruf für mich. Wo muss ich mich bewer­ben?