In den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLVIII: Gewöhn­li­che Behin­de­rung.

Behin­der­ten­park­plät­ze sind eine bemer­kens­wer­te Erfin­dung des Sozi­al­sy­stems, die­nen sie doch meist dazu, es gebrech­li­chen – vul­go eben behin­der­ten – Per­so­nen zu ermög­li­chen, ohne einen all­zu gro­ßen Umweg die Strecke vom Park­platz zum gewünsch­ten eigent­li­chen Ziel zurück­le­gen zu kön­nen. (Ähn­li­ches gilt für Frau­en­park­plät­ze.)

„Wie behin­dert muss man sein?“ ist in der Jugend­spra­che eine häu­fi­ge Flos­kel. Nun: Wie behin­dert muss man sein? Vor­aus­set­zung zur Nut­zung eines Behin­der­ten­park­plat­zes ist eine außer­ge­wöhn­li­che Geh­be­hin­de­rung. Das Ber­li­ner Lan­des­amt für Gesund­heit und Sozia­les etwa erklärt:

Außer­ge­wöhn­lich geh­be­hin­dert ist die Per­son, die sich wegen der Schwe­re ihrer Behin­de­rung dau­ernd nur mit frem­der Hil­fe oder nur mit gro­ßer Anstren­gung außer­halb eines Kraft­fahr­zeu­ges bewe­gen kann.

Dies scheint nur zu gel­ten, wenn bei­de Bei­ne kom­plett feh­len:

Nur noch ein Bein zu haben reicht nicht aus, um auf Behin­der­ten­park­plät­zen par­ken zu dür­fen. Das hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Sach­sen-Anhalt ent­schie­den.

„Sie sind doch nicht behin­dert, Sie haben doch immer noch ein Bein!“

Ich wür­de ja sagen, die­se Argu­men­ta­ti­on steht auf wack­li­gen Bei­nen.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLVII: Das kann man sich mal vor­stel­len!

Ein evi­den­tes Bei­spiel dafür, dass Ergeb­nis­se von (zumal poli­ti­schen) Umfra­gen schon auf­grund ihrer Fra­ge­stel­lung auch dann nicht reprä­sen­ta­tiv sind, wenn man „reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge“ drü­ber­schreibt, hat ZEIT ONLINE – nur echt mit Brüll­buch­sta­ben – Mit­te vori­ger Woche so unauf­fäl­lig publi­ziert, dass erst die­ser Tage jemand (zum Bei­spiel das Han­dels­blatt) dar­aus zitiert.

Umfrage AfD

Dem­nach könn­ten sich 27 Pro­zent der (befrag­ten) Deut­schen vor­stel­len, die neue Par­tei „Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“ zu wäh­len, was ver­se­hent­lich für eine Wahl­pro­gno­se gehal­ten wird.

Ich zum Bei­spiel kann mir auch vor­stel­len, die CDU zu wäh­len. Ich wür­de es trotz­dem unter kei­nen Umstän­den frei­wil­lig tun. Ich kann mir sogar vor­stel­len, wie es wohl aus­sieht, wenn Jesus Chri­stus auf einem mit einer Laser­pi­sto­le bewaff­ne­ten Dino­sau­ri­er auf die Erde zurück­kehrt (näm­lich ziem­lich lustig). Der Fan­ta­sie sind nur sel­ten phy­si­sche Gren­zen gesetzt.

Denkt dar­an, wenn ihr näch­stes Mal eine Wahl­pro­gno­se lest. Und an Dino­sau­ri­er.

KaufbefehleMusikkritik
La Dis­pu­te – Wild­life

La Dispute - WildlifeNoch’n Musik­ar­ti­kel, da ich gera­de in der Stim­mung dazu bin. Momen­tan erfül­len die Geräu­sche auf „Wild­life“, dem 2011 ver­öf­fent­lich­ten zwei­ten Album des US-ame­ri­ka­ni­schen Quin­tetts La Dis­pu­te, den Raum. Der Band­na­me stammt angeb­lich von der Komö­die glei­chen Namens, in der es irgend­wie um Part­ner­tausch oder so geht. „La dis­pu­te“ heißt auf Deutsch (eben­falls angeb­lich) „der Streit“, und so klingt „Wild­life“ auch.

In der Wiki­pe­dia fabu­lie­ren die Autoren irgend­wel­che Gen­res, „Screa­mo“ und „Post-Hard­core“ und son­sti­ges, her­bei. Nun, ich behaup­te: Gen­res exi­stie­ren nicht. Ein gutes Bei­spiel ist der Post­rock (manch­mal auch „Post-Rock“ geschrie­ben). Sigur Rós machen Post­rock, Talk Talk mach­ten Post­rock, Mog­wai machen Post­rock. Was sagt das über den Post­rock aus? Rich­tig: Nichts.

„Screa­mo“ also. Dabei scheint es sich um eine Art „Emo­mu­sik“ zu han­deln, also Musik mit ver­zwei­fel­ten, wei­ner­li­chen Tex­te, die gern geschrien (scream) wer­den. Das ist nun weni­ger schreck­lich als es sich anhört und kann oft auch zu erstaun­li­chen Ent­wick­lun­gen füh­ren; die ziem­lich groß­ar­ti­gen …And You Will Know Us by the Trail of Dead haben mit „Fake Fake Eyes“ am Anfang ihrer Kar­rie­re auch ähn­li­che Musik auf­ge­nom­men und sind inzwi­schen zu einer über­durch­schnitt­lich guten Musik­grup­pe zwi­schen den Gen­res avan­ciert. Auch Toco­tro­nic, die sym­pa­thisch dilet­tan­ti­sche Rock­band, ist oft nicht fern. Kri­ti­ker wür­den „Wild­life“ als „Geschep­per mit Geschrei“ zusam­men­fas­sen. Aber so leicht ist das nicht.

Das „Geschep­per“, anders­wo „unglaub­lich fili­gra­ne Gitar­ren­ar­beit“ genannt, ent­wickelt einen sprö­den Charme, wie man ihn auch von den wirk­li­chen Glanz­ta­ten von Nir­va­na („Milk It“) kennt. Die Ver­bin­dung zur Emo-Sze­ne (etwa Jim­my Eat World) wird schon dadurch gekappt, dass La Dis­pu­te gar nicht erst ver­su­chen, den Ansprü­chen der Radio- und Fern­seh­sen­der zu genü­gen. Als „Refe­ren­zen“ wer­den da auch schon mal At The Dri­ve-In, vie­len bekannt als Keim­zel­le von The Mars Vol­ta, genannt, was schon eher passt.

Zumal sowie­so eben die Tex­te im Vor­der­grund ste­hen: „Can I still get into hea­ven if I kill mys­elf?“ („King Park“). Zuge­ge­ben: Die­se Art von Tex­ten gefällt nicht jedem und ent­spricht viel­leicht auch nicht unbe­dingt dem Ide­al eines Musik­al­bums, das man gern und immer wie­der hören möch­te. Ande­rer­seits ist das inzwi­schen ja auch egal, bedenkt man, dass im Radio tag­ein, tag­aus noch ganz ande­re Lie­der lau­fen; sei’s Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ („in the back­room she was everybody’s dar­ling / but she never lost her head / even when she was giving head“), sei’s Inner Cir­cles „Sweat“ („girl I want to make you sweat / sweat till you can’t sweat no more / and if you cry out / I’m gon­na push it / push it, push it some more“), um fröh­li­che Som­mer­spaß­tex­te geht es den Medi­en nicht. Wer ach­tet auch auf so was?

Und so wird auch wie­der völ­lig unter­ge­hen, dass wir es hier mit einem Kon­zept­al­bum zu tun haben:

Wie ein roter Faden zie­hen sich „A Depar­tu­re“, „A Let­ter“, „A Poem“ und „A Bro­ken Jar“ durch das Album: Die­se Songs prä­sen­tie­ren die ver­zwei­fel­te und ver­lo­re­ne Exi­stenz eines Erzäh­lers, der eine ande­re Per­son zu errei­chen ver­sucht und dabei sowohl an sich selbst als auch an den Umstän­den schei­tert und zer­bricht. Die Wort­lo­sig­keit und die bered­te Sprach­kri­se hin­sicht­lich des Ver­lusts der eige­nen Iden­ti­tät und des ver­zwei­fel­ten Ver­suchs ein gelieb­tes Gegen­über zu errei­chen wur­de wohl sel­ten der­ar­tig emo­tio­nal und herz­ze­rei­ßend for­mu­liert und vor­ge­tra­gen. Songs wie das her­aus­ra­gen­de „The Most Beau­tiful Bit­ter Fruit“ sind eben­so per­sön­li­che Geschich­ten und loten die­ses Feld in einem brei­te­ren Kon­text wei­ter aus.

Wer vor­ge­nann­te ver­gleich­ba­re Musik­grup­pen mag, all­ge­mein ein Freund ver­ton­ten Lie­bes­kum­mers ist oder auch nur ein wenig Krach benö­tigt, der soll­te hier unbe­dingt mal rein­hö­ren. Fest steht: „Wild­life“ ist sicher­lich kein Album für einen ent­spann­ten Fei­er­abend.

Aber wer will sich schon immer nur ent­span­nen?

In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik LXXVIII: Du sollst nicht hin­ter­zie­hen dei­nes Staa­tes Steu­er­geld!

Der kennt sich aus mit Geld.Ihr habt es wahr­schein­lich bereits mit­be­kom­men: „Aus­ge­rech­net“ (Augs­bur­ger All­ge­mei­ne, RP Online, SPIEGEL ONLINE) Fuß­ball­funk­tio­när Ulrich „Uli“ Hoe­neß, der 2005 angeb­lich der wider­wär­ti­gen „BILD“ mit­teil­te, er wis­se, dass das doof sei, aber er zah­le wei­ter­hin Steu­ern, hat nun beschlos­sen, doch lie­ber nicht doof zu sein, und sich selbst wegen Hin­ter­zie­hung einer Kapi­tal­ertrag­steu­er ange­zeigt. Das Wort „Kapi­tal­ertrag­steu­er“ scheint auch so ein Pro­blem der Rei­chen zu sein, mein Kapi­tal zum Bei­spiel ertra­ge ich oft nicht. Mit denen möcht‘ ich nicht tau­schen!

Von Steu­er­hin­ter­zie­hung ist ja häu­fi­ger in den Nach­rich­ten zu lesen. Bekannt wur­de 2011 etwa der Fall einer Haus­frau aus Was­sen­berg, die es ver­säumt hat­te, das Finanz­amt über eine grö­ße­re Erb­schaft zu infor­mie­ren. Die Frau wur­de zu einer Bewäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt. In der media­len Bericht­erstat­tung wur­de, so weit ich das sehen kann, über die­sen Fall weit­ge­hend nüch­tern und sach­lich infor­miert. Anders sieht es aus, wenn jemand wie „aus­ge­rech­net“ Ulrich „Uli“ Hoe­neß Steu­ern hin­ter­zieht. Das betrifft dann kei­ne Haus­frau, son­dern Herrn Hoe­neß selbst. Viel­leicht kann er so nied­lich gucken; nach media­lem Dafür­hal­ten ist er dann jeden­falls kein Ver­bre­cher. Er ist laut Frank­fur­ter Rund­schau etwas ganz ande­res:

Uli Hoe­neß, Mana­ger und Prä­si­dent des FC Bay­ern Mün­chen, ist ein Steu­er­sün­der.

Der Herr hat eine beein­drucken­de Kar­rie­re hin­ter sich: „Erfolg­rei­cher Wurst­fa­bri­kant und Fuß­ball-Mana­ger – und nun Steu­er­sün­der?“ (RP Online); in Kurz­form eben auch: „Ein Sau­ber­mann wird zum Steu­er­sün­der“ (Ham­bur­ger Abend­blatt). Ein sol­cher Sün­den­fall geht schon tra­di­tio­nell auch an der Christ­lich-Demo­kra­ti­schen Uni­on nicht vor­über: Kanz­le­rin Mer­kel (ist) ent­täuscht von Steu­er­sün­der Hoe­neß und distan­ziert sich von Steu­er­sün­der Hoe­neß.

Und so wird „Steu­er­sün­der Hoe­neß“ (WAZ), sofern denn sei­ne Selbst­an­zei­ge über­haupt berech­tigt war, vom Dieb – Steu­er­hin­ter­zie­hung ist letzt­end­lich nur Dieb­stahl ohne phy­si­schen Trans­fer – zum Sün­der. Wäh­rend Die­be in der Gesell­schaft eher wenig will­kom­men sind, sind Sün­den bei­na­he Vor­aus­set­zung, um gleich­be­rech­tigt an ihr teil­neh­men zu dür­fen. Und wie leicht das ist!

Ein durch­schnitt­lich auf­merk­sa­mer Mensch soll­te in den letz­ten paar Jah­ren aus Wer­bung und akzep­ta­blen Medi­en näm­lich aller­lei über Sün­den erfah­ren haben und längst wis­sen, wie schwie­rig es ist, nicht zum Sün­der zu wer­den: Scho­ko­la­de ist eine Sün­de, Häkeln ist eine Sün­de, Metal ist eine Sün­de, Gum­mi­bä­ren sind eine Sün­de, Kaf­fee ist eine Sün­de, Sexua­li­tät vor der Ehe ist eine Sün­de, Lie­be ist eine Sün­de, Abtrei­bung ist eine Sün­de, Alko­hol­ge­nuss ist eine Sün­de, aus­blei­ben­der Alko­hol­ge­nuss ist auch eine Sün­de, alle Untu­gend ist Sün­de und offen­bar ist auch Steu­er­hin­ter­zie­hung eine Sün­de. Zum Glück ist wenig­stens eines kei­ne Sün­de: Micky Maus.

Wenn also all­ge­mein in die­ser vor­geb­lich säku­la­ri­sier­ten Medi­en­welt dar­auf bestan­den wird, „Uli“ Hoe­neß sei kein Dieb, son­dern ein Sün­der, wäre es dann nicht viel­leicht ange­bracht, anstel­le des Finanz­amts die Inqui­si­ti­on zu benach­rich­ti­gen? Ein posi­ti­ver Neben­ef­fekt wäre es, dass die Zah­lungs­mo­ral mit­tels sanf­ten psy­chi­schen Drucks deut­lich stei­gen dürf­te. Das hat doch frü­her auch funk­tio­niert.

„I’m a win­ner, I’m a sin­ner / Do you want my auto­graph?“
– Super­tramp: Take A Look At My Girl­fri­end

Montagsmusik
Tou­lou­se Lautrec – Irra­tio­nal

Hen­ri Marie Ray­mond de Tou­lou­se-Lautrec-Mon­fa war ein fran­zö­si­scher Maler und Gra­fi­ker des Post-Impres­sio­nis­mus im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert. War­um sich eine Musik­grup­pe nach die­sem Herrn benannt hat, weiß ich nicht. Die Namens­wahl war ver­mut­lich irra­tio­nal.

Tou­lou­se Lautrec – Irra­tio­nal

Und nein, eine blö­de­re Über­lei­tung ist mir nicht ein­ge­fal­len.

Guten Mor­gen.

SonstigesNetzfundstücke
War­um Text, wenn man auch ein Bild benut­zen kann?

Ein ziem­lich merk­wür­di­ges Phä­no­men zieht sich durch die so genann­ten „sozia­len Netz­wer­ke“.

Dort ist es, sei es nun per „Pinn­wand“, „Gäste­buch“ oder „Zeit­ach­se“, mög­lich, jeman­dem (Ein­zel­per­so­nen oder einer gan­zen Per­so­nen­grup­pe) kur­ze Nach­rich­ten, aber auch Bil­der zu hin­ter­las­sen. Wäh­rend kur­ze Tex­te als Bild­un­ter­schrift durch­aus gele­gent­lich Sinn erge­ben (etwa für (De-)Motivational Posters), stammt die etwa im Blog „Sheng Fui“ prak­ti­zier­te Eigen­art, gan­ze Tex­te als Gra­fik ein­zu­bin­den, noch aus der Zeit, als Web­fonts (also vom Web­de­si­gner bereit­ge­stell­te Schrift­ar­ten) noch nicht ver­brei­tet waren, es jedoch gele­gent­lich nötig war, einen Text auf jedem System in iden­ti­scher For­ma­tie­rung anzu­zei­gen. (Dass auch ver­gleichs­wei­se klei­ne .gif-Gra­fi­ken in einer Zeit der ana­lo­gen Modems im Ver­gleich zu rei­nem Text nicht gera­de schnell gela­den und ange­zeigt wur­den, hin­ter­fragt die dama­li­gen Ange­wohn­hei­ten ins­be­son­de­re.)

Vor­hin stieß ich über aller­lei ver­wor­re­ne Umwe­ge auf den hier aus daten­schutz­re­le­van­ten Grün­den nicht ver­link­ten (immer­hin jedoch öffent­lich ein­seh­ba­ren) Face­book-Account „Mein Kopf­ki­no ist der rein­ste Por­no­schup­pen“. Hier­bei scheint es sich um ein rei­nes Spaß­kon­to zu han­deln, des­sen Akti­vi­tä­ten dar­auf beschränkt sind, unfass­bar dum­me Sprü­che (ähn­lich wie „Mein Kopf­ki­no ist der rein­ste Por­no­schup­pen“) in Bild­form zu publi­zie­ren.

Dort fin­den sich zum Bei­spiel fol­gen­de wit­zi­ge Bild­chen:

Was Hand und Fuß hat Geblickfickt

Nicht erst in der Ver­grö­ße­rung gut zu erken­nen sind die JPEG-Arte­fak­te, die der Sinn­lo­sig­keit des Vor­ha­bens, eine gerin­ge Text­men­ge in eine Gra­fik ein­zu­bin­den, die kei­nen qua­li­ta­ti­ven oder poin­ten­be­zo­ge­nen Mehr­wert mit sich bringt, eine wei­te­re Nuan­ce hin­zu­fü­gen. Falls hier einer der­je­ni­gen, die die­sem Face­book­ac­count gele­gent­lich ihre Auf­merk­sam­keit schen­ken, mit­liest: Was soll der Quatsch?

Selbst, wenn man dem bar­rie­re­frei­en Web kei­nen Vor­schub lei­sten möch­te (Bil­der kön­nen halt nicht vor­ge­le­sen wer­den), ist der­lei Tun höchst absurd. Der ein­zi­ge erkenn­ba­re „Vor­teil“ der Ver­wen­dung eines Bil­des ist, dass es sich optisch von rei­nem Text abhebt. Dum­me Sprü­che wie „Hast du mich gera­de geblick­fickt?“ (sie­he oben) wür­den auch in einen Tweet pas­sen, jedoch unter Umstän­den im all­ge­mei­nen Rau­schen sofort unter­ge­hen. War­um man aller­dings wol­len soll­te, dass sol­che (nicht mal beson­ders amü­san­ten) Klo­wand­sprü­che beson­de­re Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen, ist mir ein Rät­sel.

Anders aus­ge­drückt: Hört auf damit. Ihr habt das Inter­net nicht ver­stan­den.

(Und ja, ich habe tat­säch­lich kurz dar­über nach­ge­dacht, die­sen Text als Bild ein­zu­fü­gen.)

KaufbefehleMusikkritik
Gua­po – Black Oni

Guapo - Black Oni„Black Oni“ ist das sech­ste Stu­dio­al­bum der 1994 gegrün­de­ten bri­ti­schen Musik­grup­pe „Gua­po“, die auch schon mal mit Ruins und Cer­be­rus Sho­al zusam­men musi­ziert haben. Wer die­se Bands kennt, der weiß, was er hier zu erwar­ten hat. Zur Ety­mo­lo­gie: Ein Oni ist in der japa­ni­schen Mytho­lo­gie eine Art Mon­ster oder Dämon gut- oder bös­wil­li­ger Natur. Ob ein schwar­zer Oni etwas ande­res tut als ein anders­far­bi­ger, ist mir nicht geläu­fig. Hübsch ist er jedoch eher nicht.

Zurück zum Album: Bereits das cover, ein Schwarzg­rau­bild eines ent­wur­zel­ten Bau­mes mit­ten im Wald, lässt hof­fen. Fröh­li­chen Indie­mist möge man bit­te woan­ders suchen.

Und tat­säch­lich: Es beginnt mit bedroh­lich anschwil­len­den Geräu­schen, elek­tro­nisch und nach der Ver­to­nung der Arbeit in einer Metall­fa­brik klin­gend. Ein Pfeif­ton gesellt sich dazu, der nach etwa zwei Minu­ten, kurz bevor dem Hörer der Kopf platzt, sei­ne Kli­max erreicht. Es fol­gen etwa eine Minu­te lang Bass, Schlag­zeug und merk­wür­di­ge Gitar­re, anschlie­ßend wie­der Fabrik­ge­räu­sche.

Gerad­li­ni­ger ver­läuft da schon Stück 2 („II“), das von einem trei­ben­den Schlag­zeug und einem für mich als Lai­en nicht sofort zu iden­ti­fi­zie­ren­den Tasten­in­stru­ment geführt wird. Es wech­seln sich immer wie­der die Stim­mun­gen, Span­nungs­bö­gen wer­den immer wie­der neu errich­tet. Das Mello­tron, das bis dahin nur spo­ra­disch zu iden­ti­fi­zie­ren war, hat sei­nen gro­ßen Auf­tritt jedoch im fol­gen­den Stück „III“, das in einem wah­ren Zeuhl-Feu­er­werk (lei­der ohne Gesang) endet. Mello­tron? Ja, King Crims­on (ins­be­son­de­re die Impro­vi­sa­tio­nen der frü­hen 1970er Jah­re) lugen hier und da ums Eck.

Nach die­ser Explo­si­on ist Stück Num­mer 4 („IV“), ein wabern­des, elek­tro­ni­sches Klang­ge­mäl­de, das Freun­den frü­her Krautrock­prot­ago­ni­sten wie Klaus Schul­ze oder Tan­ge­ri­ne Dream zusa­gen könn­te, gleich­sam die Ruhe nach dem Sturm; oder vor ihm? Das abschlie­ßen­de – na, wer errät es? rich­tig – „V“ ist wie­der­um unver­mit­telt ein­set­zen­der Retro-Prog mit aller­lei Syn­the­si­zer-Fines­sen, der mit stei­gen­der Dau­er („V“ ist immer­hin knapp 13 Minu­ten lang) an Geschwin­dig­keit abnimmt und über einen Doom-Mit­tel­teil wie­der­um im Kraut(-rock) endet.

Ihr seht: „Black Oni“ als Gan­zes sti­li­stisch ein­zu­ord­nen ist nicht leicht. Ich erken­ne Post­rock, Zeuhl, Space-/Kraut­rock und das alt­be­kann­te RIO/Avant. Art­ver­wandt? Gong, King Crims­on, viel­leicht auch Frank Zap­pa. Der geht als Ver­gleich ja immer. Allen Stücken gemein­sam ist der feh­len­de, nein, aus­blei­ben­de Gesang. Schlimm? Nein. Im Gegen­teil: Ich mag es. Und ihr soll­tet das auch tun.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLVI: Zwei­mal Tamm­tamm!

Ale rauß wärfen!Zwei Säue wur­den mit gro­ßem Tamm­tamm die­se Woche durch’s Dorf getrie­ben, und es wer­den vor­aus­sicht­lich nicht die letz­ten blei­ben. Da ich emp­fahl, Nach­rich­ten zu mei­den, fas­se ich die Gescheh­nis­se im Fol­gen­den kurz zusam­men.

Sau Num­mer eins: Die geschlech­ter­ge­rech­te Erneue­rung der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung. Denn – Stich­wort „Pira­tin­nen­Kon“ – wir erin­nern uns: Bereits in der All­tags­spra­che wer­den Frau­en offen­siv mit­tels patri­ar­cha­li­scher Kon­struk­te wie dem gene­ri­schen Mas­ku­li­num aktiv unter­drückt. Nach­dem das sit­ten­wid­ri­ge Zei­chen „Mann mit Kind“ bereits 1971 durch ein offen­bar okayes „Frau mit Kind“ ersetzt wur­de, wird jetzt auch die Spra­che der StVO aktu­el­len Bedürf­nis­sen ange­passt. Dass es der Fuß­gän­ger heißt, ist so böse sexi­stisch, dass es einen untrag­ba­ren Zustand dar­stellt. Die Lösung: Eine mög­lichst kom­pli­zier­te Umschrei­bung des Sub­jekts im Satz. Natür­lich ohne „man“, denn das klingt wie „Mann“, und das ist bekannt­lich böse. Nein, das geht bes­ser:

Damit Frau­en ab jetzt von der ver­kehrs­po­li­ti­schen Amts­spra­che mit­ge­meint sind, heißt es jetzt nicht mehr „Fuß­gän­ger“, son­dern „wer zu Fuß geht“.

Denn „wer etwas tut“, ist selbst­ver­ständ­lich unbe­kann­ten Geschlechts. Schon Luther schrieb:

Als sie nu anhiel­ten jn zu fra­gen / rich­tet er sich auff / vnd sprach zu jnen / Wer vnter euch on sun­de ist / der werf­fe den ersten stein auff sie.

Ach so, „wer“ ist (noch) auch ein fies mas­ku­li­sti­sches Wort? Dann will ich mal nichts gesagt haben. Aber wenig­stens ist der patri­ar­cha­li­sche „Fuß­gän­ger“ aus­ge­merzt.

Sau Num­mer zwei: Bom­ben in Bos­ton. Irgend­ein Knall­kopf (schon wie­der so ein fies mas­ku­li­sti­sches Wort!) hat am Mon­tag wäh­rend eines Mara­thon­laufs in Bos­ton zwei Bom­ben gezün­det, es gab min­de­stens drei Tote. Das Resul­tat war vor­her­seh­bar, die deut­schen Medi­en ken­nen seit Tagen kaum ein wich­ti­ge­res The­ma. Wer tue denn so etwas, war­um tue er (mer­ke: im Ver­bre­chens­fall gilt offen­bar das gene­ri­sche Mas­ku­li­num) es, und über­haupt wur­den Kin­der gefähr­det, Kin­der!, das sei gera­de­zu bestia­lisch.

Etwa zur glei­chen Zeit explo­dier­ten im Irak diver­se Auto­bom­ben, rund 40 Men­schen sei­en getö­tet wor­den, heißt es. Die tage­lan­ge Trau­er­be­flag­gung der deut­schen Medi­en blieb trotz­dem aus. Ach, dort ist sowie­so Krieg, da ster­ben stän­dig Leu­te, das ist nor­mal und kei­ne Mel­dung wert? Dann zie­he ich mei­nen Ein­wand natür­lich zurück.

Irgend­wo muss so eine Gesell­schaft ja auch ihre Prio­ri­tä­ten set­zen. Oink!

Persönliches
Kin­der statt Jugend? (Ein Nach­trag.)

Letz­te Woche mut­maß­te ich, es gebe ein Feind­bild Jugend. So weit, so begrün­det. Heu­te nun schrieb Nut­ze­rin „07elfe“ fol­gen­den Tweet:

Solan­ge ich nicht Mut­ter bin, darf ich selbst das Kind blei­ben, so seh ich das.

Wäh­rend mir nicht ganz klar ist, wie viel Humor in die­sem Tweet steckt, lässt er mich doch nach­denk­lich wer­den. Ist das Selbst­bild wer­den­der Eltern tat­säch­lich, dass die Zeit für Jux nun vor­über ist? Wie trost­los muss es sein, nicht mehr Kind sein zu dür­fen, weil man voll auf­geht in der Rol­le des Vor­bilds! Natür­lich ist es für die Ent­wick­lung eines Kin­des als nicht kom­pa­ti­bel mit gesell­schaft­li­chen Nor­men anzu­se­hen, wenn die Eltern bedröhnt durch den Tag wan­deln und gele­gent­lich flu­chen und/oder unschö­ne Din­ge tun, zum Bei­spiel alte Men­schen schub­sen oder BILD „lesen“.

Aber war­um soll­te man den Nor­men stets ent­spre­chen?

Das staat­li­che Ide­al­bild eines Men­schen ist der Jasa­ger, der sein spie­ßi­ges klei­nes Leben unter dem Damo­kles­schwert der Nor­men ver­bringt. Wer sich dane­ben­be­nimmt, begeht damit sozia­len Selbst­mord oder begibt sich zumin­dest frei­wil­lig in die Qua­ran­tä­ne. In die­sen Trott gilt es nicht zu ver­fal­len. War­um sich selbst den Spaß neh­men las­sen?

So ungern ich das auch an die­ser Stel­le zuge­be, aber die Serie „Gilm­o­re Girls“ habe ich kurz­zei­tig ver­folgt. Eine allein­er­zie­hen­de Mut­ter in einer sit­com führt zwar wahr­schein­lich ein meist etwas ande­res Leben als die deut­sche Haus­frau mit vor­über­ge­hend voll­stän­di­ger Fami­lie, aber es gilt zu erken­nen, wo die Über­schnei­dun­gen lie­gen kön­nen. Wem ist gehol­fen, wenn der eige­ne Nach­wuchs sei­ne Vor­fah­ren für lang­wei­lig, für wenig nach­ah­mens­wert hält? Letzt­end­lich möch­te man in einer Pha­se sei­nes Lebens oft anders sein als sei­ne Eltern, denn die sind nor­ma­ler­wei­se nicht cool. War­um nicht posi­tiv über­ra­schen?

Der Hedo­nis­mus ist wahr­lich kein schlech­ter Rat­ge­ber, wenn die Lebens­füh­rung selbst einen Füh­rer braucht. Das Leben ist zu kurz für Kom­pro­mis­se mit sich selbst. Wenn man anders sein, sei­ne Kin­der bes­ser erzie­hen will als man es selbst in der Kind­heit erfah­ren hat, war­um dann nicht mit Kon­se­quenz? – Tat­säch­lich soll­te man stets ein Kind blei­ben, um sei­ne eige­nen Kin­der zu ver­ste­hen. Nur wenig ver­führt mehr zu Mis­se­ta­ten als der Reiz des Ver­bo­te­nen und das Bewusst­sein, dass das, was man tut, die Eltern ziem­lich ver­är­gern wür­de, wären sie dabei.

So ist auch erklärt, war­um die Jugend­li­chen, die lie­ben Jugend­li­chen, aus erwähn­tem Vor­bei­trag stets die Böse­wich­te sind, deren Trei­ben es Ein­halt zu gebie­ten gilt. Natür­lich näm­lich waren die Erwach­se­nen, die Spie­ßer unter dem Schwert, nie­mals jung, hat­ten nie­mals Spaß. Spaß war damals unter Stra­fe ver­bo­ten. Beat­mu­sik wur­de natür­lich nicht gehört, die Röcke blie­ben immer unten, die Schu­he an den Füßen, und an Dro­gen war damals nicht zu den­ken; der anstän­di­ge Jugend­li­che von frü­her trank natür­lich nur Kräu­ter­tee und hat­te Spaß mit Büchern und Wan­dern. In wes­sen Dro­gen­hal­lu­zi­na­ti­on die­se Wirk­lich­keit sich einst befand, ist mir jedoch nicht bekannt.

Wer ein Vor­bild für ein Kind sein will, muss zunächst ein­mal in der Lage sein, selbst Kind zu sein; wer will schon ein Kind haben, das sich benimmt wie sei­ne Erzie­her?

Wenn es oben­drein wohl­erzo­gen ist und im Bus und in der Bahn auch mal die Klap­pe hält, fän­de ich das ziem­lich spit­ze. Es wäre mir eine gro­ße Freu­de, hier­für den Aus­lö­ser gelie­fert zu haben. Die Bla­gen gehen mir näm­lich wirk­lich enorm auf die Ner­ven.

In den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLV: Schlech­te Nach­rich­ten!

Letz­te Woche im Guar­di­an, übri­gens:

Nach­rich­ten sind schlecht für Sie, und wenn Sie auf­hö­ren, sie zu lesen, wer­den Sie glück­li­cher.

Schon das erste Argu­ment (frei über­setzt) gefällt mir:

Nach­rich­ten füh­ren in die Irre. Betrach­ten Sie fol­gen­des Ereig­nis: Ein Auto fährt über eine Brücke, und die Brücke bricht zusam­men. Wor­auf kon­zen­trie­ren sich die Medi­en? Das Auto. Die Per­son im Auto. Woher sie kam. Wohin sie fah­ren woll­te. (…) Aber das alles ist irrele­vant. Was ist rele­vant? Die struk­tu­rel­le Sta­bi­li­tät der Brücke. (…) Aber das Auto ist auf­fäl­lig, es ist dra­ma­tisch, es ist eine Per­son (nicht abstrakt), und es ist eine Neu­ig­keit, die bil­lig zu pro­du­zie­ren ist. Nach­rich­ten ver­lei­ten uns dazu, mit einer völ­lig fal­schen Risi­ko­kar­te in unse­ren Köp­fen her­um­zu­lau­fen.

Unbe­dingt lesens­wert.

Montagsmusik
Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten – Was ist ist

Und weil Mon­tag auch nur die Nacht­ru­he der Irra­tio­na­li­tät ein­läu­tet, ist er ande­rer­seits der Beginn des final count­down, des letz­ten Run­ter­zäh­lers bis zur wei­te­ren Eska­la­ti­on.

Über­haupt, Eska­la­ti­on.

Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten – Was Ist Ist

… ein Welt­ge­bäu­de ohne Wän­de, so viel Platz muss sein,
einen Mor­gen ohne Kater, ohne Reue, nicht allein.

Guten Mor­gen.

FotografiePiratenparteiPersönliches
#lmvnds132

Gif­horn. Kann man mal hin, muss man aber nicht.

Jeden­falls nicht unvor­be­rei­tet.

#LMVNDS132

Man­che(*) nen­nen es Poli­tik.

* Pira­ten

NetzfundstückeNerdkrams
„Ein­mal Ubun­tu – immer Ubun­tu?“ oder: PEBKAC! (2)

Im Dezem­ber 2011 schrieb ich bereits über das gefähr­li­che Selbst­ver­ständ­nis von Linux­nut­zern, die aus mir bis heu­te unkla­ren Grün­den der Mei­nung sind, der eige­nen Blöd­heit („oh, ein Link, gleich mal drauf­klicken“) begeg­ne man nicht etwa, indem man Grund­wis­sen über Sicher­heits­kon­zep­te lernt, son­dern, indem man ein­fach das Betriebs­sy­stem wech­selt. Linux passt schon auf, dass ich kei­nen Unsinn mache.

Tja.

Am Mon­tag ver­öf­fent­lich­te SPIE­GEL-ONLINE-Autor Frank Pata­long das Ergeb­nis sei­nes Selbst­tests nach einem Jahr Ubun­tu. Man muss nicht all­zu viel über Betriebs­sy­ste­me wis­sen, um dar­über infor­miert zu sein, dass die Fir­ma Cano­ni­cal, die hin­ter Ubun­tu steht, ihr Best­mög­li­ches tut, um die Ähn­lich­kei­ten zu ande­ren linux­ba­sier­ten Syste­men mög­lichst gering zu hal­ten. „Ubun­tu = Linux“ ist also kei­ne all­zu gute Glei­chung, auf der man einen sol­chen Arti­kel auf­bau­en soll­te.

Und der Arti­kel ist ent­spre­chend grau­en­voll gewor­den.

Schon der Ein­lei­tungs­satz lässt den Fach­mann schief grin­sen: Von „Nie wie­der Viren“ ist dort die Rede. Inter­es­sant in die­sem Zusam­men­hang ist viel­leicht die­ser hei­se-secu­ri­ty-Arti­kel von 2012, der über einen Tro­ja­ner­bau­ka­sten berich­tet, der auch Linux abdecken kön­nen soll, und auch The Regi­ster warn­te 2012 vor Linux-Root­kits. Wer trotz Kennt­nis­nah­me hier­von wei­ter­hin die Lüge ver­brei­tet, Linux sei viren­frei und sicher, der ist ein gefähr­li­cher Mensch, der im Zwei­fels­fall mit­tels sei­ner bewuss­ten Lügen gro­ßen Scha­den anrich­ten kann. Ich emp­feh­le sol­che Men­schen zu mei­den.

Noch mal für Doo­fe (zum Bei­spiel Frank Pata­long) zum Mit­schrei­ben: Kein Betriebs­sy­stem ist sicher. Haben wir’s? Gut.

Wei­ter im Text. War­um über­haupt Linux? Nun:

Als Anfang Janu­ar 2012 ein Tro­ja­ner mei­nen eigent­lich gut geschütz­ten Win­dows-Rech­ner in Sekun­den unbrauch­bar mach­te, stand ich mit dem Rücken zur Wand (…). Mein Umstieg auf Linux war also mehr als nur die Kon­se­quenz des Viren­frusts – er war eine Not­maß­nah­me.

Habt ihr auf­ge­passt, lie­be Leser? Erkennt ihr die Poin­te? Gut. Wei­ter:

Wenn Linux läuft, dann gut. Die mei­sten Nut­zer, die vor allem schrei­ben, das Inter­net nut­zen, ein wenig Foto­be­ar­bei­tung trei­ben und Medi­en­in­hal­te abspie­len, blei­ben bei Linux, wenn sie sich ein­mal dar­auf ein­ge­las­sen haben (…).

Das ist bei Win­dows, PC-BSD, Mac OS X und, mei­net­we­gen, eCom­Sta­ti­on jetzt auch nicht unbe­dingt anders, aber viel­leicht fehl­ten ein­fach noch ein paar Sil­ben für die näch­ste Hono­rar­stu­fe.

Viel umler­nen muss man auch nicht, wenn man zu Ubun­tu oder zum eng ver­wand­ten Mint wech­selt. Die Office-Pro­gram­me sind von denen in der Win­dows-Welt kaum zu unter­schei­den, die Inter­net­brow­ser sind iden­tisch, Gra­fik- und Medi­en­soft­ware funk­tio­niert sehr ähn­lich.

Wenn man von Win­dows zu Ubun­tu (nicht Lub­un­tu, Xub­un­tu, …) wech­selt, sitzt man zunächst mal rat­los und/oder (in mei­nem Fall) ange­wi­dert vor der grau­en­haf­ten Unity-Ober­flä­che:

Unity 5.12 (Quelle: Wikipedia)

Da muss man nicht viel umler­nen, nur eben bei­na­he alles. Aber Fein­hei­ten fal­len nicht wei­ter ins Gewicht.

Dass Libre­Of­fice und Soft­Ma­ker Office und Fire­fox und The GIMP unter Linux aus­se­hen wie unter Win­dows, ist kei­ne gro­ße Über­ra­schung. Wer unter Win­dows aller­dings Micro­soft Office, Pho­to­shop und den Inter­net Explo­rer – in den aktu­el­len Ver­sio­nen ist er durch­aus akzep­ta­bel – ein­setzt, der wird ein Pro­blem haben. Klein­kram, nicht wahr?

Es folgt ein kur­zer Absatz über Din­ge, die unter Linux ner­ven, aber eigent­lich über­haupt nicht ner­ven, ist ja alles nicht so schlimm; reli­giö­se Beschwich­ti­gungs­for­meln eben. Danach wird es aber wie­der inter­es­sant:

Meist stel­len Nut­zer auch kei­ne Lücken im Soft­ware­an­ge­bot fest (fast 40.000 kosten­freie Pro­gram­me).

Unter Win­dows gibt es ver­mut­lich deut­lich mehr kosten­freie Pro­gram­me. Ist das ein Argu­ment? Wahr­schein­lich nicht. Aber wo kommt die Zahl her? Tja, steht da nicht. Ich unter­stel­le, sie ist frei erfun­den. Nicht beleg­te Zah­len las­sen stets Raum für Skep­sis. (Über­haupt: Kosten­los. Soft­Ma­ker Office zum Bei­spiel kostet Geld, ist Libre­Of­fice trotz­dem in man­cher Hin­sicht klar über­le­gen. Qua­li­tät hat manch­mal ihren Preis. Aber auch die Kosten­los­kul­tur scheint einen gro­ßen Reiz auf Linux­nut­zer aus­zu­üben, da stellt man die Qua­li­tät gern hin­ten an – was eini­ges erklärt.)

Ein posi­ti­ves Erleb­nis ist der Per­for­mance-Zuwachs. Mit Ubun­tu star­tet mein Arbeits­lap­top rund vier­mal schnel­ler als unter Win­dows, auf mei­nem Net­book fällt der Unter­schied noch grö­ßer aus.

Hier hat Herr Pata­long geschum­melt: Ohne die Ver­si­ons- oder Hard­ware­an­ga­ben kann die­sen Test nie­mand wider­le­gen. Dass Win­dows 8 im Regel­fall deut­lich schnel­ler star­tet als etwa Win­dows Vista (und nach mei­nen Erfah­run­gen auch Ubun­tu 12.04), ist zumin­dest mess­bar.

Mei­ne Arbeits­rech­ner sind über eine ver­schlüs­sel­te Ubun­tu-Cloud-Appli­ka­ti­on stän­dig syn­chro­ni­siert, Manu­skrip­te wird mir kein Virus mehr ins digi­ta­le Nir­va­na beför­dern kön­nen.

Die Ubun­tu-Cloud ist also ver­schlüs­selt, und nie­mand, auch kein Geheim­dienst, wird jemals dar­auf zugrei­fen kön­nen. Blin­der Tech­nik­glau­be hat schon man­chem Men­schen das Leben schwer gemacht. Eine Cloud-Appli­ka­ti­on dient im Zwei­fel allein der Ent­mün­di­gung ihrer Benut­zer, die die Kon­trol­le über ihre eige­nen Daten an ein kom­mer­zi­ell ori­en­tier­tes Unter­neh­men abtre­ten. Frei­wil­lig. Die­sen Satz möge man bit­te so oft lesen, bis man das flaue Gefühl der Erkennt­nis ver­spürt. Bei einer sol­chen Kurz­sich­tig­keit ist es bei­na­he schon egal, dass Herr Pata­long die Lüge von den feh­len­den Viren noch­mals wie­der­holt.

Vor die­sem Hin­ter­grund bekommt ein abschlie­ßen­der Satz eine ganz ande­re Sin­ne­be­ne:

Das macht es zum idea­len Betriebs­sy­stem für Leu­te, die sich als rei­ne Nut­zer ver­ste­hen, die sich mit Fra­gen der Soft­ware und Sicher­heit nicht befas­sen wol­len oder kön­nen.

Wer näm­lich wirk­lich an Sicher­heit inter­es­siert ist und sich ein wenig damit beschäf­tigt, der wird schnell ler­nen, dass ein Umstieg von Win­dows auf Linux nur eini­ge Sym­pto­me bekämpft, die Ursa­che – Leicht­gläu­big­keit im Umgang mit dem System – jedoch noch ver­schlim­mert. Anson­sten schafft man es immer noch zum SPIE­GEL-ONLINE-Redak­teur. Auch eine Art „Kar­rie­re“.

Didi, über­zeug­ter, zum Glück aber wenig über­zeu­gen­der Linux­pre­di­ger, schrieb, Win­dows und sei­ne Nut­zer sei­en ein Pro­blem. Ich hal­te dage­gen: Das Pro­blem sitzt immer vor­’m Bild­schirm. PEBKAC.

Aber wer gibt schon gern zu, dass er selbst das Pro­blem ist?

In den NachrichtenPiratenparteiMir wird geschlecht
Medi­en­kri­tik in Kür­ze: Nochemaa #Pira­tin­nen­Kon

Noch ein Kur­zer zum The­ma Pira­tin­nen­Kon:

Dem geschlechts­neu­tra­len Online­por­tal BRIGITTE.de („Mode, Beau­ty, Figur, Frau­en“ und so wei­ter) gab Orga­ni­sa­to­rin Chri­stia­ne Schin­kel ein Inter­view. Dort stell­te sie unter ande­rem her­aus, dass in der Pira­ten­par­tei zu vie­le Män­ner einem Kon­kur­renz­den­ken unter­lie­gen wür­den, das der Gleich­be­rech­ti­gung im Wege ste­he.

Natür­lich kommt das Gespräch nicht ohne das lei­di­ge The­ma „die bösen Kri­ti­ker“ aus:

(…) auf Twit­ter brach im Vor­feld ein hef­ti­ger Shits­torm über uns hin­ein. Nicht von Pira­ten, son­dern von so genann­ten „Män­ner­recht­lern“. (…) Von der „Dik­ta­tur des Femi­nis­mus“ war da die Rede, oder es wur­de uns unter­stellt, wir wür­den Män­ner aus­schlie­ßen. Für die­se Män­ner sind Frau­en, die für ihre Rech­te kämp­fen, ein Feind­bild.

(For­ma­tie­rung von mir.)

Män­ner­recht­ler sind, wie der Name schon sagt, Män­ner, die für ihre Rech­te kämp­fen. Laut Mit­glie­dern der – nach eige­nen Anga­ben – geschlech­ter­de­mo­kra­ti­schen Hein­rich-Böll-Stif­tung („Hein­rich Böll Stif­tung“) sind sie oft ras­si­stisch und homo­phob, und man müs­se offen­siv mit ihnen umge­hen.

In den Regeln der Pira­tin­nen­Kon war vor der beab­sich­tig­ten Ver­wäs­se­rung zu lesen:

Ich weiß, dass Wort­bei­trä­ge, die die­sem The­ma ent­ge­gen arbei­ten oder wider­spre­chen (z.B. Mas­ku­li­nis­mus, Män­ner­recht­ler) auf die­ser Kon­fe­renz kei­nen Raum erhal­ten wer­den.

Offen­sicht­lich sind für die Frau­en­recht­ler Män­ner, die für ihre Rech­te kämp­fen, ein Feind­bild. Aber dar­über schreibt BRIGITTE.de natür­lich nicht.

Rand­no­tiz: Die etwa 100 Teil­neh­mer an der Pira­tin­nen­Kon am Wochen­en­de mach­ten etwa 2,5 Pro­mil­le aller Pira­ten aus.

PolitikPiratenpartei
Die Welt vom Sofa aus ver­än­dern: Digi­ta­les Demon­strie­ren auf Pira­tisch

Sehr geehr­te Visa/MasterCard,

über die Pira­ten­par­tei habe ich selbst wie auch vie­le ande­re auf­grund der unfass­bar beklopp­ten „Pira­tin­nen­Kon“ in den letz­ten Tagen eini­gen Spott ergos­sen. Aber die Pira­ten wären nicht die lie­bens­wer­ten Chao­ten von frü­her, wenn sie nicht noch eine gehö­ri­ge Schip­pe – hof­fent­lich – Selbst­iro­nie drauf­zu­le­gen wüss­ten.

Am 14. und 27. April 2013 wer­den – von mir an die­ser Stel­le, sofern zeit­lich nicht unpas­send, aus­drück­lich emp­foh­le­ne – Demon­stra­tio­nen gegen die Bestands­da­ten­aus­kunft statt­fin­den. Hier­bei ist es von Belang, dass die zustän­di­ge Regie­rung hier­von Kennt­nis nimmt. Die Pira­ten­par­tei geht mit gutem Bei­spiel vor­an: Nicht nur ruft der nie­der­säch­si­sche Lan­des­vor­sit­zen­de jeden sei­ner Ver­fol­ger dazu auf, sein Ava­tar­bild auf Twit­ter durch den Text „DEMO 14.4. NO #BDA“ zu erset­zen, was zum Einen die einst recht über­sicht­li­che time­line vie­ler Men­schen kein biss­chen unüber­sicht­li­cher macht, zum Ande­ren die Herr­schen­den sicher­lich immens beein­drucken wird, son­dern es sind auch tat­säch­lich sinn­vol­le Aktio­nen geplant.

Zum Bei­spiel eine wei­te­re Demon­stra­ti­on. Eine Online-Demon­stra­ti­on. Per Tele­fon­kon­fe­renz. Heu­te Abend wird auf­takt­te­le­fo­niert:

onlineBDADemo

Klar, die Pira­ten­par­tei will „Poli­tik 2.0“ machen, fri­schen Wind und mehr Sati­re in der Poli­tik eta­blie­ren. Die Logik dahin­ter ver­ste­he ich aber noch nicht ganz. Was ich bis­her in Erfah­rung brin­gen konn­te, ist die­se Her­an­ge­hens­wei­se: Es gehe unter ande­rem um digi­ta­le Daten, des­halb sol­le eine Demon­stra­ti­on eben­falls digi­tal statt­fin­den. Zuge­ge­ben, schwach­sin­ni­ger Sym­bol­pro­test wie die­ser hat ja Tra­di­ti­on, man den­ke nur an die Femen­pro­te­ste, in deren Ver­lauf Frau­en mit nack­tem Ober­kör­per gegen Sexua­li­sie­rung pro­te­stie­ren.

Aber eine Online-Demon­stra­ti­on? Per Mum­ble? Beglei­tet von einem Video, wie man Mum­ble instal­liert, falls irgend­ein Teil­nah­me­wil­li­ger – auf wel­che Wei­se auch immer er von der Akti­on erfah­ren hat – noch nie so einen Komp­ju­ter ange­fasst hat?! Macht die CDU etwa auch mit?

Es ist selbst­ver­ständ­lich nicht zu erwar­ten, dass jeder, der gegen die Bestands­da­ten­aus­kunft pro­te­stie­ren möch­te, son­der­lich inter­net­af­fin ist. Allein: Wäh­rend der „Frei­heit statt Angst“-Demonstrationen 2009 skan­dier­te man „wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Frei­heit klaut“. So ein Pro­test­pi­rat wird aber auch nicht jün­ger. Er möch­te nicht mehr laut sein, er möch­te nicht ein­mal mehr hier sein. „To mum­ble“ bedeu­tet etwa so viel wie „Mur­meln“. Das Rau­schen im fri­schen Wind.

Aus Pro­test gegen die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te wer­de ich jetzt erst mal krank. Vive la révo­lu­ti­on!