Montag. Ernüchternd? Nur ungern.
Guten Morgen.
Montag. Ernüchternd? Nur ungern.
Guten Morgen.
Gelegentlich bin ich, bedingt durch den Mangel an vergleichbaren Alternativen, in Zügen der Deutschen Bahn unterwegs. Nicht immer lässt es sich da vermeiden, ein Abteil mit Menschen mit obskurer Erscheinung und/oder obskurem Verhalten zu teilen.
So auch heute, als mir gegenüber eine Frau in ihren geschätzten Vierzigern saß. Das Erste, was ich von ihr allerdings nach ihrem Einstieg bemerkte, war ein auffallend forsch auf den Tisch zwischen uns gelegtes „Emma“-Magazin. Nun, der erste Eindruck zählt. Dass das Magazin nach der Platzierung seiner Besitzerin selbst in deren Tasche verschwand (sie hatte mich alles Notwendige ja bereits wissen lassen), macht Gesehenes also nicht ungeschehen. Nun saß ich ab einer Station – Hamm, wenn ich mich recht entsinne – einer Frau gegenüber, die Elke Heidenreich ähnlich sah, ständig irgendwelche Notizen machte und gelegentlich zu Recht misstrauisch zu mir herüberblickte. Aus ihrem Rucksack aber ragte nicht etwa besagtes Magazin hervor, sondern Rhabarber. Den Schaffner, der fragte, ob sich unter den Fahrgästen auch Zugestiegene befänden (vermutlich gehen Schaffner inzwischen davon aus, dass die meisten Passagiere bereits im Zug geboren werden), würdigte sie indes keines Blickes.
Wahrscheinlich schwarz fahrende Frauen über dreißig, die im Rucksack „Emma“ und Gemüse transportieren – der neue Feminismus treibt gelegentlich skurrile Blüten.
Aber auch ohne diese Begegnungen ist das Fahren mit der Bahn oft ein Vergnügen für uns Leidensfrohe. Ein Beispiel: Vor einigen Wochen machte ich den Fehler, aus der Gegend um Dortmund nach Niedersachsen fahren zu wollen. Dass diese Strecke für ihre Attraktivität auf Selbsttöter bekannt ist, war bis dahin zwar ein Gerücht, das ich häufig gehört hatte, mehr jedoch auch nicht.
Nun, an diesem Tag wurde ich eines Besseren belehrt. (Menschen, die sich so umbringen, dass es möglichst vielen anderen Menschen den Abend verdirbt, sind nicht meine liebsten.) Infolge eines entsprechenden Zwischenfalls verpasste ich meinen Anschlusszug ebenso wie einen alternativen Zug wenig später. Die zumindest verständige Schaffnerin verwies mich nach einigen Telefonaten darauf, dass sie nicht weiterwisse, und damit auf das Bahnpersonal am Bahnhof Hannover. Ausgerechnet Hannover.
Das so genannte „Servicepersonal“ in Hannover, wo ich irgendwann doch noch ankam, erklärte mir, ich könne auf der letzten Teilstrecke ein Taxi auf, immerhin, Bahnkosten nutzen, wenn ich das im Folgezug bekanntgeben würde, wo man mir ein entsprechendes „Ticket“ ausstellen könne. Der Zugbegleiter im Folgezug jedoch sah das anders; ihm zufolge sei die Schaffnerin im ersten Zug dafür zuständig gewesen.
Kurzfassung des Vorgangs, um die temporalen Kausalitäten besser darstellen zu können: Zug 1 verweist mich an Personal auf dem Bahnhof, Personal dort verweist mich an Zug 2, Zug 2 sagt, Zug 1 wäre zuständig gewesen, tja, Pech gehabt. Angesichts dieser Logikkette ist die seltsame bahnseitige Auffassung davon, wie viele Sekunden eine Minute hat, immerhin verständlich: Zeitliche Zusammenhänge sollte man konsequent mit gleicher Einheit messen.
Die Bahn hat auch nicht mehr jedes Teeservice im Schrank.
„Die Erhaltung der Reichsbahn und ihre möglichst schnelle Zurückführung in die Macht des Reiches ist eine Aufgabe, die uns nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch verpflichtet.“
– Adolf Hitler, 23. März 1933
Ihr engagiert euch in einer dieser „NGOs“, dieser Arbeitskreise und Arbeitsgruppen, etwa dem AK Zensur oder dem Verein „Mehr Demokratie“? Dann hat unser Innenminister schlechte Nachrichten für euch:
Das Dossier zur „Neuausrichtung der Beobachtungspraxis“ beschreibt dem Bericht zufolge sechs Linken-Gruppierungen als verfassungsfeindlich. (…) Indizien für eine antidemokratische Gesinnung seien (sic!) bereits der Versuch, mit außerparlamentarischen Bewegungen zu paktieren (…).
„Wir sind Terroristen, wir bomben euch ins All.“
– Heiter bis Wolkig: „Terroristen“
Wo wart ihr eigentlich, als in Berlin und Stuttgart das gleiche geschah?
Auf SPIEGEL ONLINE verwiesen zwei Autoren gestern auf eine Studie, die belegt, dass häusliche Gewalt gegen Männer durchaus gelegentlich vorkommt. Gemäß der Studie – die sexuelle Gewalt wurde leider nicht berücksichtigt – sind Frauen und Männer beinahe gleichauf.
Manchen Autoren scheint es schwerzufallen, dem Grundsatz zu folgen, der Leser möge Gebrauch von seiner eigenen Medienkompetenz (gerade in Bezug auf Studien und den SPIEGEL im Allgemeinen) machen, und so dauerte es nicht lange, bis Andrej Holm für den „Freitag“ die Studie verriss. Seiner Absicht, die SPIEGEL-Autoren als frauenfeindliche Mieslinge darzustellen, kommt der Verriss aber eher nicht zupass:
Nur ein knappes Viertel der Gewalterfahrungen gegen Frauen (1,2%) wird von den eingestandenen Gewalttätigkeiten von Männern (0,3%) gedeckt.
Um die beiden Prozentwerte jedoch gegeneinander aufrechnen zu können, ist es notwendig, dass die absoluten Zahlen identisch sind, also gleichviel Männlein und Weiblein befragt wurden. Der Studie ist zu entnehmen, dass das Quatsch ist:
Aktive und passive Erfahrungen körperlicher und psychischer Gewalt wurden im Altersbereich von 18 bis 64 Jahren bei insgesamt 5939 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, davon 3149 Frauen und 2790 Männer (ungewichtete Angaben) erhoben.
Somit ist davon auszugehen, dass Andrej Holm die Zahlen sehr wohl bekannt sind – die bloßen Prozentwerte, die verhältnismäßig gering scheinen, besitzen also kaum relevante Aussagekraft. 0,3 Prozent von 3149 sind eben nicht 0,3 Prozent von 2790. Somit macht Andrej Holm den gleichen Fehler, den er den SPIEGEL-Autoren vorwirft, wenn er bloße Verhältnisse bemüht:
Die Differenz zwischen Gewalterfahrung von Männern (6,9%) und ihren eigenen Gewalttätigkeiten (3,9%) fällt dabei deutlich größer aus als bei den Frauen (3,3% vs. 3,4%).
(Dass die Differenz bei Frauen ins Negative geht, die Gewaltverhältnisse also konträr sind, sei hier aus didaktischen Gründen nicht weiter berücksichtigt.)
Ob die Unterschiede in den absoluten Zahlen nun eher für Herrn Holm oder für die SPIEGEL-Autoren sprechen, sei außer Acht gelassen. Gewitzt und somit beachtlich ist vor diesem Hintergrund jedoch Herrn Holms Feststellung, dass „mehr Frauen als Männer von Gewalterfahrungen in der Partnerschaft berichten“; Kunststück, wenn mehr Frauen als Männer befragt werden, nicht wahr?
Journalismus: Die Fähigkeit, Medienkompetenz der gewünschten Diskussionsrichtung unterzuordnen.
Und ich nehme doch so ungern den SPIEGEL in Schutz!
Was macht eigentlich Guido Westerwelle (F.D.P., das war die Partei mit dem lustigen Vorsitzenden) gerade? Nun, er ist immer noch Außenminister Deutschlands, und als ein solcher hatte er sich jüngst mit seinen Amtskollegen aus dem Rest der Europäischen Union zusammengesetzt und sich darüber unterhalten, wie man mit Syrien, in dem gerade ein Bürgerkrieg stattfindet, umzugehen hat.
Am Ende konnten sich die Außenminister nicht auf eine Verlängerung des EU-Waffenembargos einigen – und damit ihren Streit in der Frage von Waffenlieferungen beilegen. Damit läuft das Embargo gegen Syrien automatisch an diesem Freitag um Mitternacht aus.
Eigentlich löst das nicht nur das Syrien‑, sondern auch das Krisenproblem: Deutschland als treibende Kraft im weltweiten Waffenhandel benötigt dringend einen neuen Aufschwung, und der wäre so zumindest sichergestellt, wenn auch nicht lange. Jedenfalls für Erleichterung ist so gesorgt:
In deutschen Verhandlungskreisen herrschte danach große Erleichterung über den Kompromiss. „Alles andere wäre ein fatales Signal gewesen, des Nichthandels an Assad und der Handlungsunfähigkeit der EU“, hieß es am Dienstag.
Denn, genau!, was sollen die Leute denken, wenn die EU sich nicht einmal dafür entscheiden kann, Waffen in ein Kriegsgebiet zu liefern? Undenkbar, sage ich.
Auf die EU ist eben Verlass.
Was machen momentan eigentlich High Wheel, die nach meinem Dafürhalten viel zu wenig beachteten bayrischen Retro-Prog-Musiker, die zuletzt 2006 das Livealbum „Live Before The Storm“ veröffentlicht haben?
Nun, so genau weiß ich es nicht. Der Gitarrist und der Bassist jedoch tauchten unlängst als Hintergrundchor bei den gleichfalls bayrischen Funk-Prog-Verrückten SchizofrantiK auf:
Dieses Bayern sollte man wahrscheinlich im Auge behalten.
Zunächst aber: Guten Morgen!
Als gelegentlicher Bahnreisender werde ich häufig Zeuge der Qualitätsoffensive der Deutschen Bahn. Aktuell spülte mir diese Offensive eine Umfrage zu den diversen Diensten der Deutschen Bahn ins Postfach, die zweifelsohne ihresgleichen sucht.
„Ihre Schaffner sind unfreundlich, Ihre Preise zu hoch und Ihre Fahrpläne nicht mal als Klopapier tauglich“ lautete leider keine Auswahlmöglichkeit; stattdessen fragte man mich unter anderem nach meinen Erfahrungen mit den mobilen apps der Deutschen Bahn. Ach, die Funktionalität? Weit gefehlt!
„Jede Zelle meines Körpers ist glücklich, jede Körperzelle fühlt sich wohl.“
– aus bekanntem Video mir unbekannten Ursprungs
Apropos glücklich: Drüben auf Geraspora erklärte ich abermals, warum der Zauber der Piratenpartei verflogen scheint.
Nein, Hans Hielscher (SPIEGEL ONLINE), einfach nein:
Der Jazz-Kontrabassist Charnett Moffett entpuppt sich mit seinem Album als virtuoser Solist. Auch andere Künstler befreien sich von ihrer Rolle als Hintergrundmusiker.
Der Kontrabassist ist im Jazz keineswegs dazu verdammt, ein Hintergrundmusiker zu sein, nur, weil sein Name nicht prominent auf dem Schallplattencover zu finden ist. Seine Arbeit ist ein tragendes Element eines jeden Jazzalbums, gern auch ersetzt durch einen E‑Bass-Spieler – der dann wiederum ebenfalls kein bloßer Hintergrundmusiker ist, auf ewig dafür zuständig, dem Sänger zur Prominenz zu verhelfen.
Aber ich verstehe Sie, Hans Hielscher, schon, wenn Sie davon ausgehen, dass nur relevant ist, wer die Kameras auf sich fixieren lässt. Es ist aber nicht die Schuld der Bassisten, wenn „Musikjournalisten“ wie Sie, Hans Hielscher, immer nur die Frontperson abzubilden pflegen. Wenn Sie sich nicht dafür interessieren, dass eine Musikgruppe nicht nur aus einem Sänger oder einem Gitarristen besteht, sollten Sie das mit der Musik bei SPIEGEL ONLINE andererseits vielleicht einfach lassen.
Sigmar Gabriel hat sich als gegenwärtiger Parteichef der SPD vermutlich schon daran gewöhnt, gelegentlich nicht ganz die Wahrheit zu sagen und das mit den Idealen nicht mehr ganz so ernst zu nehmen wie die Gründer der Partei. Nach dem bislang letzten seitens Deutschlands so deklarierten Weltkrieg hat sich die SPD etwa gegen die Wiederaufrüstung des Landes gewehrt, heute findet sie das mit dem Leutetotschießen nicht mehr allzu furchtbar. Die „Regierung Schröder“ hat so manches Land von bewaffneten Truppen befrieden lassen. Was die Agenda 2010 noch mit den hehren Zielen von Ferdinand Lassalle zu tun haben soll, ist mir im Übrigen auch immer noch nicht ganz klar.
Dass jemand, der in so großem Stil seine Klientel belügt, auch in eigentlich belanglosem Kontext nicht immer die Wahrheit sagt, sollte niemanden ernsthaft überraschen. Dass Sigmar Gabriel die BILD belügt, verdient aber zumindest anerkennendes Schmunzeln.
Folgendes gab er zu Protokoll:
(…) Denn die SPD ist die älteste demokratische Partei Europas.
So weit, so Quatsch.
Die SPD wurde, wie heute jedes gute Geschichtsbuch (ebenso wie die Wikipedia) lehrt, als Partei am 27. Mai 1875 als Vereinigung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP, gegründet 1869) und des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV, 1863) als „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD) – die „Sozialdemokratie“ kam erst später in den Namen – konstituiert. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Deutsche Zentrumspartei, ebenso wie die SPD nur während des Dritten Reiches kurzzeitig aufgelöst, bereits seit fast fünf Jahren. Auch dann, wenn man, wie Sigmar Gabriel, die Wurzeln verfolgt, nicht also die Parteigründung 1875, sondern die Gründung eines Vorläufers 1863, als Stichtag festlegt, sollte sich die SPD mit dem Titel des ewigen Zweiten abfinden – der Katholische Klub als Pionier der politischen Katholikenbewegung in Deutschland fand sich bereits während der Nationalversammlung 1848 zusammen, die Ursprünge der Zentrumspartei liegen also 15 Jahre vor denen der SPD. Alles Gute zum 165. Geburtstag, liebe Zentrumspartei.
Aber die SPD hat ja sonst nichts mehr. Auch keinen Stil.
Zum ersten Mal seit Jahren ist der diesjährige „Eurovision Song Contest“, der offenbar in den letzten Tagen sein Finale fand, von mir unbemerkt vorübergezogen. Deutschland hat offenbar einen nicht allzu guten Platz errungen. Warum? Thomas Schreiber (ARD) weiß es:
„Wir sind in einer schwierigen Situation. Es gibt sicher auch eine politische Lage“, sagte Schreiber. „Ich will nicht sagen ’18 Punkte für Angela Merkel‘. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne“, sagte der ARD-Mann.
Cascada sind mir ja bisher nur einmal positiv aufgefallen: Deren Sängerin Natalie Horler zierte vor einigen Monaten die Titelseite des deutschsprachigen „Playboy“-Magazins. Das war interessant. Ansonsten kenne ich Cascada als ödes Discogestampfe zu englischsprachigen Allerweltstexten. Da steht Deutschland auf der Bühne, meine Damen und Herren; wie eben auch vor einigen Jahren:
Gewonnen hat eine barfüßige 20-Jährige mit viel Charme und einem eingängigen Liedchen – jung und herzerfrischend wie vor drei Jahren Lena Meyer-Landrut.
„Satellite“, jung und herzerfrischend und unglaublich belanglos. Deutschland, Norwegen, Großbritannien oder Taka-Tuka-Land – wofür steht es? Was ehedem ein Länderwettstreit sein durfte, dessen Protagonisten versuchten, mit Lokalkolorit („Ein bisschen Frieden“) zu siegen, ist heutzutage nur mehr eine herzlose Schlacht darum, welches Land den Komponisten für die am wenigsten gleichförmige Einheitspopscheiße beherbergt, die dennoch radiotauglich sein muss. Es geht längst nicht mehr um den Inhalt, nur noch um die Form.
Lieber hat man sich hier für einen abgeschmackten Aufguss, also im Grunde gar nicht entschieden, als ein Risiko einzugehen. Lieber wurstelt man sich durch, als beherzt auch mal ein großartiges Scheitern in Kauf nehmen zu wollen. Lieber tut man hier nichts, als etwas zu wagen.
So gesehen: Vielleicht ist doch Angela Merkel schuld.
Das allerdings bezweifle ich ein wenig.
Oh, morgen endlich wieder Montagsmus-… wie, das war heute?
Ach.
Mie oon noijan nuorimmainen, nuorin neito
Mie kun tanssin, taivas läikkyy
Sanelevatkin salamat taivon
Tähet tunturin takana taikoo
Habt einen schönen Wochenbeginn!
Obwohl (oder gerade weil?) ich die #PiratinnenKon besucht und mich dort sowie im Anschluss mit einigen durchaus diskussionsbereiten und auch überzeugenden Feministinnen unterhalten habe, werde ich gelegentlich gefragt, worin eigentlich mein Problem mit dem Feminismus bestehe. Vorgeworfen werden mir unter anderem meine nicht feindseligen Kontakte zu vermeintlichen Tätern sowie meine mangelnde Bereitschaft, mich an nett gemeinten, rational aber eher kontraproduktiven Aktionen wie der „In-Woche“, also einer Woche, in der ausschließlich das generische Femininum verwendet wird, zu beteiligen. Auch meine Kritik daran, dass eigentlich unterstützenswerte Aktionen gegen sexuelle Übergriffe häufig stur ein bestimmtes Täter-Opfer-Schema befolgen, stößt nicht überall auf Zuspruch. Offenbar wirke ich in meinem Habitus wie ein Frauenfresser.
Natürlich gibt es auch radikal agierende oder sich radikal äußernde Vertreter der Ansicht, Frauen seien aufgrund ihres Geschlechts in der Küche noch immer am Besten aufgehoben. Dass viele Frauen dieses Spiel aktiv mitspielen, sei es aus religiösen, sei es aus anderen wirren Gründen (recht beliebt ist das Bild der Frau als untergebene Gefährtin des Mannes zum Beispiel auch bei Freunden des Mittelalters), ist zumindest eine Randbemerkung wert, jedoch kein Grund anzunehmen, negative Rollenklischees seien eine rein männliche Eigenheit.
„Wein soll fließen, brennen soll das Weib!“
– Lost Belief: Bischofswein
Vermutlich ist es eher wenig förderlich für den Feminismus, wenn Feministinnen in der Tradition von Valerie Solanas das Ende alles Männlichen fordern. (Einem Magazin gefällt das.) Dabei befinde ich Feminismus von seiner bloßen Intention her gar nicht für schlimm. Die Gleichbehandlung aller drei Geschlechter, ohne ein Geschlecht (etwa, wie es oft erfolgt, das männliche oder das weibliche) positiv oder negativ hervorzuheben, ist eine durchaus progressive Idee und der „Postgender“-Idee, die die Überwindung von Geschlechterzugehörigkeit zum Inhalt hat, nicht unähnlich. Nicht schön wird es aber, wenn man sich auf dem Weg dorthin radikaler Methoden bedient.
Ein konkretes Beispiel: Vor recht kurzer Zeit wurde in Berlin das „Barbie Dreamhouse“ eröffnet. Natürlich waren viele Kinder und Eltern dort. Nahe liegend ist, dass man als rationaler Mensch eine Kundgebung abhält, um medial desinteressierten Besuchern zu verstehen zu geben, dass das Frauenbild, das Barbie vermittelt, nicht unbedingt optimal ist. (Dabei ist die Kritik an dem Frauenbild nicht immer klar verständlich: Geht es um die ungesunden Proportionen der Puppe, um das Klischee von der kichernden Hausfrau, die ständig nur mit ihren Freundinnen Urlaub macht und sonst nichts auf die Reihe bekommt, oder um die heutzutage allzu weltfremde Vorstellung, die erste richtige Beziehung [„Ken“] wäre die „Liebe des Lebens“?)
Etwas weniger nahe liegend ist das:
Klara Martens tauchte als Barbie auf, entblößte ihre perfekten Brüste („Life in plastic is not fantastic!“) und hielt ein brennendes Kreuz hoch.
Nun würde ich ja behaupten, die Formulierung „perfekte Brüste“ sei hier nicht klug gewählt und wirke eher neidisch als spöttisch, aber mich fragt natürlich wieder keiner. Interessant ist aber auch das mit dem brennenden Kreuz, an das im Übrigen – ein hier nicht ganz unwichtiges Detail – eine Barbie-Puppe gebunden worden war. Da hat jemand zu viel Geld.
Einmal ganz abgesehen von dem recht dämlichen Umstand, dass man als feministische Frau gegen Geschlechterklischees heutzutage offenbar bevorzugt halbnackt demonstriert („Sexismus ist scheiße, aber guckt mal, wie toll meine Brüste sind!“), denn von voll bekleideten Demonstrantinnen bekommt man in den Medien nur wenig zu sehen, ziehen sich durch die „Femen“-Proteste – „Femen“ nennen sich die barbusigen Radikalfeministinnen, deren einzige Emotion anscheinend Aggression ist – auch Stilmittel ganz anderer Gruppen wie ein roter Faden. Brennende Kreuze? Haben andere schon gemacht. Verharmlosung von NSDAP-Symbolen? Läuft. Die Zurschaustellung des weiblichen Körpers als Objekt erfolgt ja als Gruppenkonsens ohnehin. Eine kreative Femengruppe, die irgendetwas Unerfreuliches machen möchte, was noch nicht jeder gemacht hat, um aufzufallen, müsste also eventuell irgendwas mit aktiver Pädophilie machen. Oder mit Fäkalien. Oder beides.
„Brennen, sie soll brennen!“
– Subway to Sally: Die Hexe
Bemerkenswert ist, dass sowohl der Ku-Klux-Klan als auch die NSDAP primär Vereine waren beziehungsweise sind, in denen das verhasste Patriarchat den Ton angab beziehungsweise angibt. Man macht also Gebrauch von den Methoden des Feindes, eben des vermeintlichen Patriarchats, um zu zeigen, dass es falsch liegt. Ich bin unwillens, mich einen Patriarchen zu nennen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass Männer, die gegen eine Vorherrschaft des Weiblichen, sofern diese eines Tages eintritt, demonstrieren gehen wollen, dafür keine Nazisymbolik benötigen. Allerdings ist mir auch kein solcher Fall bekannt. Man schelte mich einen Narren, so er denn eines Tages eintritt und ich soeben irrte.
Blöd am Feminismus ist auch, dass er in Behörden und ähnlichen Einrichtungen allzu oft mit „Gendern“ verwechselt wird. Dafür kann der Feminismus indes nichts. „Gendern“ ist – so mein bisheriger Kenntnisstand – die furchtbare Marotte, geschlechtergerechte Sprache zu benutzen, also jedem generischen Maskulinum ein generisches Femininum zur Seite zu stellen. (Transsexuelle dürfen natürlich auch weiterhin sprachlich unterdrückt werden, sind ja nicht so viele.) Mir als Mann ist es ja völlig wurscht, ob ich nun „der Mensch“, „die Menschin“ oder „das Mensch“ bin, und ich habe bisher auch nur wenige Studentinnen kennen gelernt (ich könnte spontan nicht mal einen Namen nennen), die eine Anrede als „liebe Studenten“ als tiefe Beleidigung empfunden hätten, schon, weil es im Regelfall um den Stand und nicht um das Geschlecht geht; aber bitte, ein jeder möge seine eigenen Probleme zur Lösung einreichen. Persönlich bin ich ein Freund des generischen Neutrums, und wenn man schon Wörter wie „Piraten“ mit irgendwelchen Auslassungsasterisken ergänzen muss, weil es das generische Neutrum für Personenbezeichnungen in der Praxis gar nicht gibt, dann doch bitte „Pirat*en“ und nicht „Pirat*innen“, da letzteres bereits eine geschlechtseindeutige Endung impliziert; das „Gendersternchen“ steht ja, entlehnt aus der EDV-Welt, dafür, dass man an seiner Stelle Beliebiges einfügen kann, und solches Beliebiges, das aus „Pirat*innen“ männliche oder transsexuelle „Piraten“ – letztere bevorzugen sowieso oft das Wort „Queeraten“ – macht (offizieller Sprachgebrauch: „mitmeint“), ist jedenfalls mir nicht geläufig.
Man sollte natürlich auch weiterhin gesondert von „sehr geehrten Damen und Herren“, „sehr geehrten Männern und Frauen“ oder ähnlichen Teilungen sprechen, sofern man etwa als Redner ein Publikum, das restlos aus Vertretern beiderlei Geschlechts besteht, anzureden beliebt; „sehr geehrte Menschen“ klingt doch etwas holprig und „sehr geehrte Teilnehmer“ passt längst nicht immer. Warum es aber unzumutbar erscheint, auch in der Schriftsprache alle angesprochenen Personen mitsamt ihrem Geschlecht, sofern als notwendig erachtet, vollständig auszuschreiben, erschließt sich mir nicht. (Der Autor des soeben verlinkten Textes verwechselt jedoch „zusehends“ und den meines Erachtens fragwürdigen Anglizismus „zunehmend“, ich empfehle also, seine Ergüsse nicht einfach als gegeben hinzunehmen.) Die Zeit, in der ein einfacher Text noch zu Kapazitätsengpässen führte, sollten seit einigen Jahren längst überwunden sein. Ich persönlich lege hingegen gar keinen Wert darauf, Wörter nach ihrem grammatikalischen Geschlecht zu beurteilen. Bin ich ein Frauenfeind, weil es mich nicht stört, wenn der Baum prächtig gedeiht? Zugegeben, der Vergleich hinkt. Ziehen wir einen anderen heran: Bin ich ein Frauenfeind, wenn ich nach der Konsultation eines Ärztepaares, von dem ein Teil männlich, ein Teil weiblich ist, sage, ich sei beim Arzt oder bei Ärzten und nicht beim Arzt und bei der Ärztin gewesen? Ich versuche wirklich zu begreifen, warum das notwendig sei, um sich vom Patriarchat zu distanzieren, aber es gelingt mir einfach nicht. Ich sehe mich ohnedies – ich erwähnte es bereits – nicht als einen Patriarchen. Herrschaft qua Geschlecht ist keine gute Herrschaft, Herrschaft qua Kompetenz gilt es zu fördern. Mit dem Wort „Herrschaft“ rate ich in einer Demokratie übrigens äußerst vorsichtig umzugehen, meine Herrschaften. (Hat eigentlich schon jemand den Begriff der „weiblichen Herrschaft“ angeprangert?)
„Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir, ich bin neben dir.“
– Ton Steine Scherben: Komm schlaf bei mir
Dass eines der Ziele des Feminismus‘ auch eine Gleichbehandlung der Frau bei Beförderungen, Anstellungen und Entlohnung ist, finde ich des Weiteren gut und richtig. Die Verfechter dieser Gleichbehandlung schaden ihrer eigenen Sache jedoch allzu oft mit inkorrekter Wiedergabe tatsächlicher Zahlen und (bewusster?) Unkenntnis der wirtschaftlichen Realität. Natürlich sind Personalchefs, die bei Bewerbungen einen Mann wegen seines Gliedes und nicht wegen seiner Kompetenz bevorzugen, eine Fehlbesetzung. Wenn aber zum Beispiel eine Frau in Männerberufen (zum Beispiel in der Informatikbranche) abgelehnt wird, weil sie in ihrer Kindheit mit Puppen statt wie ihre männlichen Mitbewerber mit Computern gespielt hat, dann ist das eine Kompetenz- und keine Geschlechterfrage. Ich als Personalchef würde übrigens für Programmierung generell lieber eine Frau, die C++ beherrscht, als einen Mann, der den modischen Nullbegriff „Web 2.0“ als Fachkenntnis angibt, einstellen; mir sind sogar konkrete Beispiele für beide genannten Personen bekannt. „Frauen können nicht programmieren und Männer sind Nerds“ ist also ausgemachter Schwachsinn. Ich bin aber kein Personalchef. – Andersherum bezweifelt wahrscheinlich auch kaum jemand (gleich welchen Geschlechts), dass Frauen sich aufgrund ihrer Urinstinkte als Kindergärtner, äh, Kindergärtnerinnen generell besser eignen als Männer. (Eine persönliche Anekdote in diesem Zusammenhang: Seitens der staatlichen Institution, bei der ich in Lohn, wenn auch nicht in Brot, stehe, wird in Stellenausschreibungen gegenwärtig ausdrücklich angegeben, dass Bewerbungen von Männern aufgrund der Bestimmungen des niedersächsischen Gleichberechtigungsgesetzes (NGG) besonders erwünscht seien. Anscheinend ist der Frauenanteil stellenweise inzwischen so groß geworden, dass der Gesetzgeber intervenieren musste. Das könnte daran liegen, dass einen männlichen, kinderlosen Akademiker mit abgeschlossenem Studium die hier üblichen 50-Prozent-Stellen meist nicht sonderlich reizen. – Wer jedenfalls in überstürztem Aktionismus trotz guter Absichten pauschal eine Frauenquote im öffentlichen Dienst fordert und keine Ausnahmen vorsieht, übersieht dabei offensichtlich etwas Grundlegendes.)
Nein, ich habe kein Problem mit dem Feminismus. Ich habe ein Problem damit, dass die Menschen ihn pervertieren. Das Ende von geschlechterbezogener Diskriminierung mittels der Überwindung der Kategorisierung nach (mithin: der impliziten oder expliziten Bevorzugung von) Mann, Frau oder unklarem Dritten (in behördlichen Formularen tauchen diese Dritten oft nicht einmal auf, sie haben also ein zusätzliches Diskriminierungsproblem), sollte gegebenenfalls politisches, primär aber gesellschaftliches Ziel eines progressiv denkenden Menschen sein.
Das ist eigentlich auch schon alles.
In der beliebten Reihe „Piraten geben dumme Antworten auf dumme Pressefragen“ hat René Rottmann im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten nachgelegt.
Es beginnt mit einer schwachsinnigen (und schon viel zu oft beantworteten) Frage:
„Fluch der Karibik“ ist ein toller Piratenfilm, die Piraten vor Afrika sind schlechte Menschen – Piraten, ein doofer Name?
Prima wäre eine Antwort wie: „(Ihre dümmliche und vor allem abgelutschte Einstiegsfrage verdirbt mir bereits beinahe die die Lust, weiter mit Ihnen zu reden, aber gnädigerweise) möchte ich zumindest darauf verweisen, dass unser Name nichts mit Seeräubern zu tun hat.“
Eher ungut hingegen ist unter anderem die gegebene Antwort:
Der Name ist historisch gewachsen. Er kommt aus Schweden und hängt zusammen mit einer verbotenen Internet-Plattform, die viele Menschen genutzt haben. Und wir machen ja auch was Gutes mit dem Namen Piraten. Und schließlich ist man ja auch kein schlechter Mensch, wenn man im Internet Filme herunterlädt.
Es ist zwar sachlich korrekt, dass die Piratenpartei dem Dunstkreis der Tauschbörse The Pirate Bay entstammt, aber diese ist nicht verboten. (Eine Tauschbörse mit dem Herunterladen von Kinofilmen gleichzusetzen ist übrigens ein Fauxpas, den die Industrie gern begeht. Von einem Piraten hätte ich hingegen mehr erwartet.) Das wäre natürlich eine Steilvorlage gewesen, dem Fragesteller in Kürze nahe zu bringen, warum und in welchem Ausmaß die Piratenpartei sich für die Reformierung des Urheberrechts stark macht. Stattdessen wurde sich hier dem Duktus der politischen Gegner angepasst. Damit wurden 100 Prozent der Chancen, dass das Interview irgendeine Relevanz bekommt, verspielt. Ansonsten: Glatt gebügeltes Geschwafel. Das ist etwas schade.
Und was qualifiziert Herrn Rottmann dazu, ausgerechnet Direktkandidat zu sein? Nun:
(…) es sind – wenn es hoch kommt – 15 aktive Piraten. Es gibt keinen Kreis- oder Ortsverband. Aber alle Piraten aus dem Wahlkreis haben einstimmig mich gewählt und die stehen auch voll hinter mir.
Wie viele von diesen höchstens 15 Piraten wahlberechtigt und anwesend waren, weiß ich zwar nicht, jedoch gehe ich aufgrund von Erfahrungswerten mit anderen Aufstellungsversammlungen davon aus, dass es nicht viel mehr als 4 waren. Dass diese 4 sich auf einen Kandidaten einigen konnten, ist wahrlich erstaunlich.
Eines aber hat René Rottmann verstanden:
Die Leuten wollen die Landtags- oder Bundespolitiker nicht mehr hören, die schwafeln ja nur.
Er zieht jedoch die falschen Konsequenzen, wenn er seine Eignung für den Bundestag beschreibt:
Durch meine Ausbildung bin ich sehr geübt im Umgang mit Gesetzestexten. Und ich kann nicht schwafeln, das ist eine meiner Stärken.
Aber kennt René Rottmann überhaupt seinen Wahlkreis?
Blicken wir in die Region, diesen etwas speziellen Wahlkreis rund um den Großraum Ibbenbüren mit Emsdetten, Greven und Saerbeck als Anhängsel – kennen Sie sich aus im Tecklenburger Land?
Rottmann: Mit dem Bus komme ich da bestimmt hin. Ich bin digital Native, ich mache alles mit dem Handy. Ich kann überall alles finden.
In anderen Worten: „Nie davon gehört, aber ich kann ja mal die Wikipedia fragen.“ – „Ich mache alles mit dem Handy“ ist jedenfalls ein ziemlich interessanter Kernsatz in diesem Dialog, über den jeder Leser nun für ein paar Minuten sinnieren sollte, bis er seine komplette Gurkigkeit erfasst zu haben glaubt.
Dann geht es weiter. Nach einigem Geplänkel über Schulformen und ‑reformen („wir brauchen … eine einzige Schulform, bei der alles rauskommen kann“, ahja) wird es wieder persönlich. Wo wolle er, René Rottmann, Akzente setzen?
Der Gesellschaft die Illusion der Vollbeschäftigung zu nehmen ist ein Schwerpunkt.
Ich weiß nicht, ob „Ihr könnt übrigens nicht alle arbeiten!“ ein gutes Wahlkampfmotto ist, aber der Versuch kann ja nicht schaden, nicht wahr? Wer mit einer derartigen politischen Unbedarftheit in den Wahlkampf zieht, hat noch nicht automatisch verloren, immerhin ist die Laienhaftigkeit einer der menschlichen Vorzüge der Piratenpartei; ein bisschen umsichtiger könnte man allerdings schon sein. Der Nachsatz, man habe stattdessen immerhin ein bedingungsloses Grundeinkommen im Programm, relativiert den Schwerpunkt nur unzureichend.
(Für die munteren Mitleser empfohlener Suchbegriff: „Demografischer Wandel“.)
Auf die Frage, ob er Angst habe zu scheitern, antwortete René übrigens:
Nein! Bei der Landtagswahl habe ich es ja auch geschafft, die Piraten nicht zu blamieren.
Gut, dass zumindest dieser Fehler endlich behoben werden konnte.
(Offenlegung: René ist mir – mehr oder weniger – persönlich bekannt und einiges von mir gewohnt.)