Persönliches
Rha­bar­ber­frau­en / War­um es „das“ und nicht „der“ Bahn­ser­vice heißt

Gele­gent­lich bin ich, bedingt durch den Man­gel an ver­gleich­ba­ren Alter­na­ti­ven, in Zügen der Deut­schen Bahn unter­wegs. Nicht immer lässt es sich da ver­mei­den, ein Abteil mit Men­schen mit obsku­rer Erschei­nung und/oder obsku­rem Ver­hal­ten zu tei­len.

So auch heu­te, als mir gegen­über eine Frau in ihren geschätz­ten Vier­zi­gern saß. Das Erste, was ich von ihr aller­dings nach ihrem Ein­stieg bemerk­te, war ein auf­fal­lend forsch auf den Tisch zwi­schen uns geleg­tes „Emma“-Magazin. Nun, der erste Ein­druck zählt. Dass das Maga­zin nach der Plat­zie­rung sei­ner Besit­ze­rin selbst in deren Tasche ver­schwand (sie hat­te mich alles Not­wen­di­ge ja bereits wis­sen las­sen), macht Gese­he­nes also nicht unge­sche­hen. Nun saß ich ab einer Sta­ti­on – Hamm, wenn ich mich recht ent­sin­ne – einer Frau gegen­über, die Elke Hei­den­reich ähn­lich sah, stän­dig irgend­wel­che Noti­zen mach­te und gele­gent­lich zu Recht miss­trau­isch zu mir her­über­blick­te. Aus ihrem Ruck­sack aber rag­te nicht etwa besag­tes Maga­zin her­vor, son­dern Rha­bar­ber. Den Schaff­ner, der frag­te, ob sich unter den Fahr­gä­sten auch Zuge­stie­ge­ne befän­den (ver­mut­lich gehen Schaff­ner inzwi­schen davon aus, dass die mei­sten Pas­sa­gie­re bereits im Zug gebo­ren wer­den), wür­dig­te sie indes kei­nes Blickes.

Wahr­schein­lich schwarz fah­ren­de Frau­en über drei­ßig, die im Ruck­sack „Emma“ und Gemü­se trans­por­tie­ren – der neue Femi­nis­mus treibt gele­gent­lich skur­ri­le Blü­ten.

Aber auch ohne die­se Begeg­nun­gen ist das Fah­ren mit der Bahn oft ein Ver­gnü­gen für uns Lei­dens­fro­he. Ein Bei­spiel: Vor eini­gen Wochen mach­te ich den Feh­ler, aus der Gegend um Dort­mund nach Nie­der­sach­sen fah­ren zu wol­len. Dass die­se Strecke für ihre Attrak­ti­vi­tät auf Selbst­tö­ter bekannt ist, war bis dahin zwar ein Gerücht, das ich häu­fig gehört hat­te, mehr jedoch auch nicht.

Nun, an die­sem Tag wur­de ich eines Bes­se­ren belehrt. (Men­schen, die sich so umbrin­gen, dass es mög­lichst vie­len ande­ren Men­schen den Abend ver­dirbt, sind nicht mei­ne lieb­sten.) Infol­ge eines ent­spre­chen­den Zwi­schen­falls ver­pass­te ich mei­nen Anschluss­zug eben­so wie einen alter­na­ti­ven Zug wenig spä­ter. Die zumin­dest ver­stän­di­ge Schaff­ne­rin ver­wies mich nach eini­gen Tele­fo­na­ten dar­auf, dass sie nicht wei­ter­wis­se, und damit auf das Bahn­per­so­nal am Bahn­hof Han­no­ver. Aus­ge­rech­net Han­no­ver.

Das so genann­te „Ser­vice­per­so­nal“ in Han­no­ver, wo ich irgend­wann doch noch ankam, erklär­te mir, ich kön­ne auf der letz­ten Teil­strecke ein Taxi auf, immer­hin, Bahn­ko­sten nut­zen, wenn ich das im Fol­ge­zug bekannt­ge­ben wür­de, wo man mir ein ent­spre­chen­des „Ticket“ aus­stel­len kön­ne. Der Zug­be­glei­ter im Fol­ge­zug jedoch sah das anders; ihm zufol­ge sei die Schaff­ne­rin im ersten Zug dafür zustän­dig gewe­sen.

Kurz­fas­sung des Vor­gangs, um die tem­po­ra­len Kau­sa­li­tä­ten bes­ser dar­stel­len zu kön­nen: Zug 1 ver­weist mich an Per­so­nal auf dem Bahn­hof, Per­so­nal dort ver­weist mich an Zug 2, Zug 2 sagt, Zug 1 wäre zustän­dig gewe­sen, tja, Pech gehabt. Ange­sichts die­ser Logik­ket­te ist die selt­sa­me bahn­sei­ti­ge Auf­fas­sung davon, wie vie­le Sekun­den eine Minu­te hat, immer­hin ver­ständ­lich: Zeit­li­che Zusam­men­hän­ge soll­te man kon­se­quent mit glei­cher Ein­heit mes­sen.

Die Bahn hat auch nicht mehr jedes Tee­ser­vice im Schrank.

„Die Erhal­tung der Reichs­bahn und ihre mög­lichst schnel­le Zurück­füh­rung in die Macht des Rei­ches ist eine Auf­ga­be, die uns nicht nur wirt­schaft­lich, son­dern auch mora­lisch ver­pflich­tet.“
– Adolf Hit­ler, 23. März 1933

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXIII: Na, auch anti­de­mo­kra­tisch?

Ihr enga­giert euch in einer die­ser „NGOs“, die­ser Arbeits­krei­se und Arbeits­grup­pen, etwa dem AK Zen­sur oder dem Ver­ein „Mehr Demo­kra­tie“? Dann hat unser Innen­mi­ni­ster schlech­te Nach­rich­ten für euch:

Das Dos­sier zur „Neu­aus­rich­tung der Beob­ach­tungs­pra­xis“ beschreibt dem Bericht zufol­ge sechs Lin­ken-Grup­pie­run­gen als ver­fas­sungs­feind­lich. (…) Indi­zi­en für eine anti­de­mo­kra­ti­sche Gesin­nung sei­en (sic!) bereits der Ver­such, mit außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewe­gun­gen zu pak­tie­ren (…).

„Wir sind Ter­ro­ri­sten, wir bom­ben euch ins All.“
– Hei­ter bis Wol­kig: „Ter­ro­ri­sten“

In den Nachrichten
Andrej Holm, rela­tiv recher­chiert.

Auf SPIEGEL ONLINE ver­wie­sen zwei Autoren gestern auf eine Stu­die, die belegt, dass häus­li­che Gewalt gegen Män­ner durch­aus gele­gent­lich vor­kommt. Gemäß der Stu­die – die sexu­el­le Gewalt wur­de lei­der nicht berück­sich­tigt – sind Frau­en und Män­ner bei­na­he gleich­auf.

Man­chen Autoren scheint es schwer­zu­fal­len, dem Grund­satz zu fol­gen, der Leser möge Gebrauch von sei­ner eige­nen Medi­en­kom­pe­tenz (gera­de in Bezug auf Stu­di­en und den SPIEGEL im All­ge­mei­nen) machen, und so dau­er­te es nicht lan­ge, bis Andrej Holm für den „Frei­tag“ die Stu­die ver­riss. Sei­ner Absicht, die SPIE­GEL-Autoren als frau­en­feind­li­che Mies­lin­ge dar­zu­stel­len, kommt der Ver­riss aber eher nicht zupass:

Nur ein knap­pes Vier­tel der Gewalt­er­fah­run­gen gegen Frau­en (1,2%) wird von den ein­ge­stan­de­nen Gewalt­tä­tig­kei­ten von Män­nern (0,3%) gedeckt.

Um die bei­den Pro­zent­wer­te jedoch gegen­ein­an­der auf­rech­nen zu kön­nen, ist es not­wen­dig, dass die abso­lu­ten Zah­len iden­tisch sind, also gleich­viel Männ­lein und Weib­lein befragt wur­den. Der Stu­die ist zu ent­neh­men, dass das Quatsch ist:

Akti­ve und pas­si­ve Erfah­run­gen kör­per­li­cher und psy­chi­scher Gewalt wur­den im Alters­be­reich von 18 bis 64 Jah­ren bei ins­ge­samt 5939 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mern, davon 3149 Frau­en und 2790 Män­ner (unge­wich­te­te Anga­ben) erho­ben.

Somit ist davon aus­zu­ge­hen, dass Andrej Holm die Zah­len sehr wohl bekannt sind – die blo­ßen Pro­zent­wer­te, die ver­hält­nis­mä­ßig gering schei­nen, besit­zen also kaum rele­van­te Aus­sa­ge­kraft. 0,3 Pro­zent von 3149 sind eben nicht 0,3 Pro­zent von 2790. Somit macht Andrej Holm den glei­chen Feh­ler, den er den SPIE­GEL-Autoren vor­wirft, wenn er blo­ße Ver­hält­nis­se bemüht:

Die Dif­fe­renz zwi­schen Gewalt­er­fah­rung von Män­nern (6,9%) und ihren eige­nen Gewalt­tä­tig­kei­ten (3,9%) fällt dabei deut­lich grö­ßer aus als bei den Frau­en (3,3% vs. 3,4%).

(Dass die Dif­fe­renz bei Frau­en ins Nega­ti­ve geht, die Gewalt­ver­hält­nis­se also kon­trär sind, sei hier aus didak­ti­schen Grün­den nicht wei­ter berück­sich­tigt.)

Ob die Unter­schie­de in den abso­lu­ten Zah­len nun eher für Herrn Holm oder für die SPIE­GEL-Autoren spre­chen, sei außer Acht gelas­sen. Gewitzt und somit beacht­lich ist vor die­sem Hin­ter­grund jedoch Herrn Holms Fest­stel­lung, dass „mehr Frau­en als Män­ner von Gewalt­er­fah­run­gen in der Part­ner­schaft berich­ten“; Kunst­stück, wenn mehr Frau­en als Män­ner befragt wer­den, nicht wahr?

Jour­na­lis­mus: Die Fähig­keit, Medi­en­kom­pe­tenz der gewünsch­ten Dis­kus­si­ons­rich­tung unter­zu­ord­nen.

Und ich neh­me doch so ungern den SPIEGEL in Schutz!

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXII: Ein kla­res Signal; wie aus der Pisto­le geschos­sen.

Was macht eigent­lich Gui­do Wester­wel­le (F.D.P., das war die Par­tei mit dem lusti­gen Vor­sit­zen­den) gera­de? Nun, er ist immer noch Außen­mi­ni­ster Deutsch­lands, und als ein sol­cher hat­te er sich jüngst mit sei­nen Amts­kol­le­gen aus dem Rest der Euro­päi­schen Uni­on zusam­men­ge­setzt und sich dar­über unter­hal­ten, wie man mit Syri­en, in dem gera­de ein Bür­ger­krieg statt­fin­det, umzu­ge­hen hat.

End­lich gibt es eine Lösung:

Am Ende konn­ten sich die Außen­mi­ni­ster nicht auf eine Ver­län­ge­rung des EU-Waf­fen­em­bar­gos eini­gen – und damit ihren Streit in der Fra­ge von Waf­fen­lie­fe­run­gen bei­le­gen. Damit läuft das Embar­go gegen Syri­en auto­ma­tisch an die­sem Frei­tag um Mit­ter­nacht aus.

Eigent­lich löst das nicht nur das Syrien‑, son­dern auch das Kri­sen­pro­blem: Deutsch­land als trei­ben­de Kraft im welt­wei­ten Waf­fen­han­del benö­tigt drin­gend einen neu­en Auf­schwung, und der wäre so zumin­dest sicher­ge­stellt, wenn auch nicht lan­ge. Jeden­falls für Erleich­te­rung ist so gesorgt:

In deut­schen Ver­hand­lungs­krei­sen herrsch­te danach gro­ße Erleich­te­rung über den Kom­pro­miss. „Alles ande­re wäre ein fata­les Signal gewe­sen, des Nicht­han­dels an Assad und der Hand­lungs­un­fä­hig­keit der EU“, hieß es am Diens­tag.

Denn, genau!, was sol­len die Leu­te den­ken, wenn die EU sich nicht ein­mal dafür ent­schei­den kann, Waf­fen in ein Kriegs­ge­biet zu lie­fern? Undenk­bar, sage ich.

Auf die EU ist eben Ver­lass.

Montagsmusik
Schizofran­tiK – Men Wit­hout Souls

Was machen momen­tan eigent­lich High Wheel, die nach mei­nem Dafür­hal­ten viel zu wenig beach­te­ten bay­ri­schen Retro-Prog-Musi­ker, die zuletzt 2006 das Live­al­bum „Live Befo­re The Storm“ ver­öf­fent­licht haben?

Nun, so genau weiß ich es nicht. Der Gitar­rist und der Bas­sist jedoch tauch­ten unlängst als Hin­ter­grund­chor bei den gleich­falls bay­ri­schen Funk-Prog-Ver­rück­ten Schizofran­tiK auf:

Schizofran­tiK – „men wit­hout souls“

Die­ses Bay­ern soll­te man wahr­schein­lich im Auge behal­ten.

Zunächst aber: Guten Mor­gen!

Netzfundstücke
Gute Lau­ne dank Bahn-App!

Als gele­gent­li­cher Bahn­rei­sen­der wer­de ich häu­fig Zeu­ge der Qua­li­täts­of­fen­si­ve der Deut­schen Bahn. Aktu­ell spül­te mir die­se Offen­si­ve eine Umfra­ge zu den diver­sen Dien­sten der Deut­schen Bahn ins Post­fach, die zwei­fels­oh­ne ihres­glei­chen sucht.

„Ihre Schaff­ner sind unfreund­lich, Ihre Prei­se zu hoch und Ihre Fahr­plä­ne nicht mal als Klo­pa­pier taug­lich“ lau­te­te lei­der kei­ne Aus­wahl­mög­lich­keit; statt­des­sen frag­te man mich unter ande­rem nach mei­nen Erfah­run­gen mit den mobi­len apps der Deut­schen Bahn. Ach, die Funk­tio­na­li­tät? Weit gefehlt!

Bahnumfrage

„Jede Zel­le mei­nes Kör­pers ist glück­lich, jede Kör­per­zel­le fühlt sich wohl.“
– aus bekann­tem Video mir unbe­kann­ten Ursprungs


Apro­pos glück­lich: Drü­ben auf Gera­spo­ra erklär­te ich aber­mals, war­um der Zau­ber der Pira­ten­par­tei ver­flo­gen scheint.

MusikIn den Nachrichten
Medi­en­kri­tik in Kür­ze: Der SPIEGEL und die Begleit­so­li­sten

Nein, Hans Hiel­scher (SPIEGEL ONLINE), ein­fach nein:

Der Jazz-Kon­tra­bas­sist Charnett Mof­fett ent­puppt sich mit sei­nem Album als vir­tuo­ser Solist. Auch ande­re Künst­ler befrei­en sich von ihrer Rol­le als Hin­ter­grund­mu­si­ker.

Der Kon­tra­bas­sist ist im Jazz kei­nes­wegs dazu ver­dammt, ein Hin­ter­grund­mu­si­ker zu sein, nur, weil sein Name nicht pro­mi­nent auf dem Schall­plat­ten­co­ver zu fin­den ist. Sei­ne Arbeit ist ein tra­gen­des Ele­ment eines jeden Jazz­al­bums, gern auch ersetzt durch einen E‑Bass-Spie­ler – der dann wie­der­um eben­falls kein blo­ßer Hin­ter­grund­mu­si­ker ist, auf ewig dafür zustän­dig, dem Sän­ger zur Pro­mi­nenz zu ver­hel­fen.

Aber ich ver­ste­he Sie, Hans Hiel­scher, schon, wenn Sie davon aus­ge­hen, dass nur rele­vant ist, wer die Kame­ras auf sich fixie­ren lässt. Es ist aber nicht die Schuld der Bas­si­sten, wenn „Musik­jour­na­li­sten“ wie Sie, Hans Hiel­scher, immer nur die Front­per­son abzu­bil­den pfle­gen. Wenn Sie sich nicht dafür inter­es­sie­ren, dass eine Musik­grup­pe nicht nur aus einem Sän­ger oder einem Gitar­ri­sten besteht, soll­ten Sie das mit der Musik bei SPIEGEL ONLINE ande­rer­seits viel­leicht ein­fach las­sen.

PolitikIn den Nachrichten
Die SPD, die ewi­ge Zwei­te.

Sig­mar Gabri­el hat sich als gegen­wär­ti­ger Par­tei­chef der SPD ver­mut­lich schon dar­an gewöhnt, gele­gent­lich nicht ganz die Wahr­heit zu sagen und das mit den Idea­len nicht mehr ganz so ernst zu neh­men wie die Grün­der der Par­tei. Nach dem bis­lang letz­ten sei­tens Deutsch­lands so dekla­rier­ten Welt­krieg hat sich die SPD etwa gegen die Wie­der­auf­rü­stung des Lan­des gewehrt, heu­te fin­det sie das mit dem Leu­te­tot­schie­ßen nicht mehr all­zu furcht­bar. Die „Regie­rung Schrö­der“ hat so man­ches Land von bewaff­ne­ten Trup­pen befrie­den las­sen. Was die Agen­da 2010 noch mit den heh­ren Zie­len von Fer­di­nand Lass­alle zu tun haben soll, ist mir im Übri­gen auch immer noch nicht ganz klar.

Dass jemand, der in so gro­ßem Stil sei­ne Kli­en­tel belügt, auch in eigent­lich belang­lo­sem Kon­text nicht immer die Wahr­heit sagt, soll­te nie­man­den ernst­haft über­ra­schen. Dass Sig­mar Gabri­el die BILD belügt, ver­dient aber zumin­dest aner­ken­nen­des Schmun­zeln.

Fol­gen­des gab er zu Pro­to­koll:

(…) Denn die SPD ist die älte­ste demo­kra­ti­sche Par­tei Euro­pas.

So weit, so Quatsch.

Die SPD wur­de, wie heu­te jedes gute Geschichts­buch (eben­so wie die Wiki­pe­dia) lehrt, als Par­tei am 27. Mai 1875 als Ver­ei­ni­gung der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei (SDAP, gegrün­det 1869) und des All­ge­mei­nen Deut­schen Arbei­ter­ver­eins (ADAV, 1863) als „Sozia­li­sti­sche Arbei­ter­par­tei Deutsch­lands“ (SAPD) – die „Sozi­al­de­mo­kra­tie“ kam erst spä­ter in den Namen – kon­sti­tu­iert. Zu die­sem Zeit­punkt bestand die Deut­sche Zen­trums­par­tei, eben­so wie die SPD nur wäh­rend des Drit­ten Rei­ches kurz­zei­tig auf­ge­löst, bereits seit fast fünf Jah­ren. Auch dann, wenn man, wie Sig­mar Gabri­el, die Wur­zeln ver­folgt, nicht also die Par­tei­grün­dung 1875, son­dern die Grün­dung eines Vor­läu­fers 1863, als Stich­tag fest­legt, soll­te sich die SPD mit dem Titel des ewi­gen Zwei­ten abfin­den – der Katho­li­sche Klub als Pio­nier der poli­ti­schen Katho­li­ken­be­we­gung in Deutsch­land fand sich bereits wäh­rend der Natio­nal­ver­samm­lung 1848 zusam­men, die Ursprün­ge der Zen­trums­par­tei lie­gen also 15 Jah­re vor denen der SPD. Alles Gute zum 165. Geburts­tag, lie­be Zen­trums­par­tei.

Aber die SPD hat ja sonst nichts mehr. Auch kei­nen Stil.

MusikPolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLXI: Cas­ca­da? Mer­kel ist schuld!

Zum ersten Mal seit Jah­ren ist der dies­jäh­ri­ge „Euro­vi­si­on Song Con­test“, der offen­bar in den letz­ten Tagen sein Fina­le fand, von mir unbe­merkt vor­über­ge­zo­gen. Deutsch­land hat offen­bar einen nicht all­zu guten Platz errun­gen. War­um? Tho­mas Schrei­ber (ARD) weiß es:

„Wir sind in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on. Es gibt sicher auch eine poli­ti­sche Lage“, sag­te Schrei­ber. „Ich will nicht sagen ’18 Punk­te für Ange­la Mer­kel‘. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cas­ca­da, son­dern da stand auch Deutsch­land auf der Büh­ne“, sag­te der ARD-Mann.

Cas­ca­da sind mir ja bis­her nur ein­mal posi­tiv auf­ge­fal­len: Deren Sän­ge­rin Nata­lie Hor­ler zier­te vor eini­gen Mona­ten die Titel­sei­te des deutsch­spra­chi­gen „Playboy“-Magazins. Das war inter­es­sant. Anson­sten ken­ne ich Cas­ca­da als ödes Dis­co­ge­stamp­fe zu eng­lisch­spra­chi­gen Aller­welts­tex­ten. Da steht Deutsch­land auf der Büh­ne, mei­ne Damen und Her­ren; wie eben auch vor eini­gen Jah­ren:

Gewon­nen hat eine bar­fü­ßi­ge 20-Jäh­ri­ge mit viel Charme und einem ein­gän­gi­gen Lied­chen – jung und herz­er­fri­schend wie vor drei Jah­ren Lena Mey­er-Land­rut.

„Satel­li­te“, jung und herz­er­fri­schend und unglaub­lich belang­los. Deutsch­land, Nor­we­gen, Groß­bri­tan­ni­en oder Taka-Tuka-Land – wofür steht es? Was ehe­dem ein Län­der­wett­streit sein durf­te, des­sen Prot­ago­ni­sten ver­such­ten, mit Lokal­ko­lo­rit („Ein biss­chen Frie­den“) zu sie­gen, ist heut­zu­ta­ge nur mehr eine herz­lo­se Schlacht dar­um, wel­ches Land den Kom­po­ni­sten für die am wenig­sten gleich­för­mi­ge Ein­heits­pop­schei­ße beher­bergt, die den­noch radio­taug­lich sein muss. Es geht längst nicht mehr um den Inhalt, nur noch um die Form.

Lie­ber hat man sich hier für einen abge­schmack­ten Auf­guss, also im Grun­de gar nicht ent­schie­den, als ein Risi­ko ein­zu­ge­hen. Lie­ber wur­stelt man sich durch, als beherzt auch mal ein groß­ar­ti­ges Schei­tern in Kauf neh­men zu wol­len. Lie­ber tut man hier nichts, als etwas zu wagen.

So gese­hen: Viel­leicht ist doch Ange­la Mer­kel schuld.

Das aller­dings bezweif­le ich ein wenig.

Montagsmusik
Värt­ti­nä – Mana­t­tu

Oh, mor­gen end­lich wie­der Mon­tags­mus-… wie, das war heu­te?

Ach.

Värt­ti­nä feat. Saka­ri Kuk­ko – Mana­t­tu @ Musiik­ki­talo

Mie oon noi­jan nuorim­main­en, nuo­rin nei­to
Mie kun tans­sin, tai­vas läik­kyy
Sanele­vat­kin sala­mat tai­von
Tähet tun­tu­rin taka­na taikoo

Habt einen schö­nen Wochen­be­ginn!

PersönlichesIn den NachrichtenMir wird geschlecht
Mein Pro­blem mit dem Femi­nis­mus

Obwohl (oder gera­de weil?) ich die #Pira­tin­nen­Kon besucht und mich dort sowie im Anschluss mit eini­gen durch­aus dis­kus­si­ons­be­rei­ten und auch über­zeu­gen­den Femi­ni­stin­nen unter­hal­ten habe, wer­de ich gele­gent­lich gefragt, wor­in eigent­lich mein Pro­blem mit dem Femi­nis­mus bestehe. Vor­ge­wor­fen wer­den mir unter ande­rem mei­ne nicht feind­se­li­gen Kon­tak­te zu ver­meint­li­chen Tätern sowie mei­ne man­geln­de Bereit­schaft, mich an nett gemein­ten, ratio­nal aber eher kon­tra­pro­duk­ti­ven Aktio­nen wie der „In-Woche“, also einer Woche, in der aus­schließ­lich das gene­ri­sche Femi­ni­num ver­wen­det wird, zu betei­li­gen. Auch mei­ne Kri­tik dar­an, dass eigent­lich unter­stüt­zens­wer­te Aktio­nen gegen sexu­el­le Über­grif­fe häu­fig stur ein bestimm­tes Täter-Opfer-Sche­ma befol­gen, stößt nicht über­all auf Zuspruch. Offen­bar wir­ke ich in mei­nem Habi­tus wie ein Frau­en­fres­ser.

Natür­lich gibt es auch radi­kal agie­ren­de oder sich radi­kal äußern­de Ver­tre­ter der Ansicht, Frau­en sei­en auf­grund ihres Geschlechts in der Küche noch immer am Besten auf­ge­ho­ben. Dass vie­le Frau­en die­ses Spiel aktiv mit­spie­len, sei es aus reli­giö­sen, sei es aus ande­ren wir­ren Grün­den (recht beliebt ist das Bild der Frau als unter­ge­be­ne Gefähr­tin des Man­nes zum Bei­spiel auch bei Freun­den des Mit­tel­al­ters), ist zumin­dest eine Rand­be­mer­kung wert, jedoch kein Grund anzu­neh­men, nega­ti­ve Rol­len­kli­schees sei­en eine rein männ­li­che Eigen­heit.

„Wein soll flie­ßen, bren­nen soll das Weib!“
– Lost Belief: Bischofs­wein

Ver­mut­lich ist es eher wenig för­der­lich für den Femi­nis­mus, wenn Femi­ni­stin­nen in der Tra­di­ti­on von Vale­rie Sol­a­nas das Ende alles Männ­li­chen for­dern. (Einem Maga­zin gefällt das.) Dabei befin­de ich Femi­nis­mus von sei­ner blo­ßen Inten­ti­on her gar nicht für schlimm. Die Gleich­be­hand­lung aller drei Geschlech­ter, ohne ein Geschlecht (etwa, wie es oft erfolgt, das männ­li­che oder das weib­li­che) posi­tiv oder nega­tiv her­vor­zu­he­ben, ist eine durch­aus pro­gres­si­ve Idee und der „Postgender“-Idee, die die Über­win­dung von Geschlech­ter­zu­ge­hö­rig­keit zum Inhalt hat, nicht unähn­lich. Nicht schön wird es aber, wenn man sich auf dem Weg dort­hin radi­ka­ler Metho­den bedient.

Ein kon­kre­tes Bei­spiel: Vor recht kur­zer Zeit wur­de in Ber­lin das „Bar­bie Dre­am­hou­se“ eröff­net. Natür­lich waren vie­le Kin­der und Eltern dort. Nahe lie­gend ist, dass man als ratio­na­ler Mensch eine Kund­ge­bung abhält, um medi­al des­in­ter­es­sier­ten Besu­chern zu ver­ste­hen zu geben, dass das Frau­en­bild, das Bar­bie ver­mit­telt, nicht unbe­dingt opti­mal ist. (Dabei ist die Kri­tik an dem Frau­en­bild nicht immer klar ver­ständ­lich: Geht es um die unge­sun­den Pro­por­tio­nen der Pup­pe, um das Kli­schee von der kichern­den Haus­frau, die stän­dig nur mit ihren Freun­din­nen Urlaub macht und sonst nichts auf die Rei­he bekommt, oder um die heut­zu­ta­ge all­zu welt­frem­de Vor­stel­lung, die erste rich­ti­ge Bezie­hung [„Ken“] wäre die „Lie­be des Lebens“?)

Etwas weni­ger nahe lie­gend ist das:

Kla­ra Mar­tens tauch­te als Bar­bie auf, ent­blöß­te ihre per­fek­ten Brü­ste („Life in pla­stic is not fan­ta­stic!“) und hielt ein bren­nen­des Kreuz hoch.

Nun wür­de ich ja behaup­ten, die For­mu­lie­rung „per­fek­te Brü­ste“ sei hier nicht klug gewählt und wir­ke eher nei­disch als spöt­tisch, aber mich fragt natür­lich wie­der kei­ner. Inter­es­sant ist aber auch das mit dem bren­nen­den Kreuz, an das im Übri­gen – ein hier nicht ganz unwich­ti­ges Detail – eine Bar­bie-Pup­pe gebun­den wor­den war. Da hat jemand zu viel Geld.

Ein­mal ganz abge­se­hen von dem recht däm­li­chen Umstand, dass man als femi­ni­sti­sche Frau gegen Geschlech­ter­kli­schees heut­zu­ta­ge offen­bar bevor­zugt halb­nackt demon­striert („Sexis­mus ist schei­ße, aber guckt mal, wie toll mei­ne Brü­ste sind!“), denn von voll beklei­de­ten Demon­stran­tin­nen bekommt man in den Medi­en nur wenig zu sehen, zie­hen sich durch die „Femen“-Proteste – „Femen“ nen­nen sich die bar­bu­si­gen Radi­kal­fe­mi­ni­stin­nen, deren ein­zi­ge Emo­ti­on anschei­nend Aggres­si­on ist – auch Stil­mit­tel ganz ande­rer Grup­pen wie ein roter Faden. Bren­nen­de Kreu­ze? Haben ande­re schon gemacht. Ver­harm­lo­sung von NSDAP-Sym­bo­len? Läuft. Die Zur­schau­stel­lung des weib­li­chen Kör­pers als Objekt erfolgt ja als Grup­pen­kon­sens ohne­hin. Eine krea­ti­ve Femen­grup­pe, die irgend­et­was Uner­freu­li­ches machen möch­te, was noch nicht jeder gemacht hat, um auf­zu­fal­len, müss­te also even­tu­ell irgend­was mit akti­ver Pädo­phi­lie machen. Oder mit Fäka­li­en. Oder bei­des.

„Bren­nen, sie soll bren­nen!“
– Sub­way to Sal­ly: Die Hexe

Bemer­kens­wert ist, dass sowohl der Ku-Klux-Klan als auch die NSDAP pri­mär Ver­ei­ne waren bezie­hungs­wei­se sind, in denen das ver­hass­te Patri­ar­chat den Ton angab bezie­hungs­wei­se angibt. Man macht also Gebrauch von den Metho­den des Fein­des, eben des ver­meint­li­chen Patri­ar­chats, um zu zei­gen, dass es falsch liegt. Ich bin unwil­lens, mich einen Patri­ar­chen zu nen­nen, aber ich bin der festen Über­zeu­gung, dass Män­ner, die gegen eine Vor­herr­schaft des Weib­li­chen, sofern die­se eines Tages ein­tritt, demon­strie­ren gehen wol­len, dafür kei­ne Nazi­sym­bo­lik benö­ti­gen. Aller­dings ist mir auch kein sol­cher Fall bekannt. Man schel­te mich einen Nar­ren, so er denn eines Tages ein­tritt und ich soeben irr­te.

Blöd am Femi­nis­mus ist auch, dass er in Behör­den und ähn­li­chen Ein­rich­tun­gen all­zu oft mit „Gen­dern“ ver­wech­selt wird. Dafür kann der Femi­nis­mus indes nichts. „Gen­dern“ ist – so mein bis­he­ri­ger Kennt­nis­stand – die furcht­ba­re Marot­te, geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che zu benut­zen, also jedem gene­ri­schen Mas­ku­li­num ein gene­ri­sches Femi­ni­num zur Sei­te zu stel­len. (Trans­se­xu­el­le dür­fen natür­lich auch wei­ter­hin sprach­lich unter­drückt wer­den, sind ja nicht so vie­le.) Mir als Mann ist es ja völ­lig wurscht, ob ich nun „der Mensch“, „die Men­schin“ oder „das Mensch“ bin, und ich habe bis­her auch nur weni­ge Stu­den­tin­nen ken­nen gelernt (ich könn­te spon­tan nicht mal einen Namen nen­nen), die eine Anre­de als „lie­be Stu­den­ten“ als tie­fe Belei­di­gung emp­fun­den hät­ten, schon, weil es im Regel­fall um den Stand und nicht um das Geschlecht geht; aber bit­te, ein jeder möge sei­ne eige­nen Pro­ble­me zur Lösung ein­rei­chen. Per­sön­lich bin ich ein Freund des gene­ri­schen Neu­trums, und wenn man schon Wör­ter wie „Pira­ten“ mit irgend­wel­chen Aus­las­sungs­a­ste­ris­ken ergän­zen muss, weil es das gene­ri­sche Neu­trum für Per­so­nen­be­zeich­nun­gen in der Pra­xis gar nicht gibt, dann doch bit­te „Pirat*en“ und nicht „Pirat*innen“, da letz­te­res bereits eine geschlechts­ein­deu­ti­ge Endung impli­ziert; das „Gen­der­stern­chen“ steht ja, ent­lehnt aus der EDV-Welt, dafür, dass man an sei­ner Stel­le Belie­bi­ges ein­fü­gen kann, und sol­ches Belie­bi­ges, das aus „Pirat*innen“ männ­li­che oder trans­se­xu­el­le „Pira­ten“ – letz­te­re bevor­zu­gen sowie­so oft das Wort „Que­e­ra­ten“ – macht (offi­zi­el­ler Sprach­ge­brauch: „mit­meint“), ist jeden­falls mir nicht geläu­fig.

Man soll­te natür­lich auch wei­ter­hin geson­dert von „sehr geehr­ten Damen und Her­ren“, „sehr geehr­ten Män­nern und Frau­en“ oder ähn­li­chen Tei­lun­gen spre­chen, sofern man etwa als Red­ner ein Publi­kum, das rest­los aus Ver­tre­tern bei­der­lei Geschlechts besteht, anzu­re­den beliebt; „sehr geehr­te Men­schen“ klingt doch etwas holp­rig und „sehr geehr­te Teil­neh­mer“ passt längst nicht immer. War­um es aber unzu­mut­bar erscheint, auch in der Schrift­spra­che alle ange­spro­che­nen Per­so­nen mit­samt ihrem Geschlecht, sofern als not­wen­dig erach­tet, voll­stän­dig aus­zu­schrei­ben, erschließt sich mir nicht. (Der Autor des soeben ver­link­ten Tex­tes ver­wech­selt jedoch „zuse­hends“ und den mei­nes Erach­tens frag­wür­di­gen Angli­zis­mus „zuneh­mend“, ich emp­feh­le also, sei­ne Ergüs­se nicht ein­fach als gege­ben hin­zu­neh­men.) Die Zeit, in der ein ein­fa­cher Text noch zu Kapa­zi­täts­eng­päs­sen führ­te, soll­ten seit eini­gen Jah­ren längst über­wun­den sein. Ich per­sön­lich lege hin­ge­gen gar kei­nen Wert dar­auf, Wör­ter nach ihrem gram­ma­ti­ka­li­schen Geschlecht zu beur­tei­len. Bin ich ein Frau­en­feind, weil es mich nicht stört, wenn der Baum präch­tig gedeiht? Zuge­ge­ben, der Ver­gleich hinkt. Zie­hen wir einen ande­ren her­an: Bin ich ein Frau­en­feind, wenn ich nach der Kon­sul­ta­ti­on eines Ärz­te­paa­res, von dem ein Teil männ­lich, ein Teil weib­lich ist, sage, ich sei beim Arzt oder bei Ärz­ten und nicht beim Arzt und bei der Ärz­tin gewe­sen? Ich ver­su­che wirk­lich zu begrei­fen, war­um das not­wen­dig sei, um sich vom Patri­ar­chat zu distan­zie­ren, aber es gelingt mir ein­fach nicht. Ich sehe mich ohne­dies – ich erwähn­te es bereits – nicht als einen Patri­ar­chen. Herr­schaft qua Geschlecht ist kei­ne gute Herr­schaft, Herr­schaft qua Kom­pe­tenz gilt es zu för­dern. Mit dem Wort „Herr­schaft“ rate ich in einer Demo­kra­tie übri­gens äußerst vor­sich­tig umzu­ge­hen, mei­ne Herr­schaf­ten. (Hat eigent­lich schon jemand den Begriff der „weiblichen Herrschaft“ ange­pran­gert?)

„Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir, ich bin neben dir.“
– Ton Stei­ne Scher­ben: Komm schlaf bei mir

Dass eines der Zie­le des Femi­nis­mus‘ auch eine Gleich­be­hand­lung der Frau bei Beför­de­run­gen, Anstel­lun­gen und Ent­loh­nung ist, fin­de ich des Wei­te­ren gut und rich­tig. Die Ver­fech­ter die­ser Gleich­be­hand­lung scha­den ihrer eige­nen Sache jedoch all­zu oft mit inkor­rek­ter Wie­der­ga­be tat­säch­li­cher Zah­len und (bewuss­ter?) Unkennt­nis der wirt­schaft­li­chen Rea­li­tät. Natür­lich sind Per­so­nal­chefs, die bei Bewer­bun­gen einen Mann wegen sei­nes Glie­des und nicht wegen sei­ner Kom­pe­tenz bevor­zu­gen, eine Fehl­be­set­zung. Wenn aber zum Bei­spiel eine Frau in Män­ner­be­ru­fen (zum Bei­spiel in der Infor­ma­tik­bran­che) abge­lehnt wird, weil sie in ihrer Kind­heit mit Pup­pen statt wie ihre männ­li­chen Mit­be­wer­ber mit Com­pu­tern gespielt hat, dann ist das eine Kom­pe­tenz- und kei­ne Geschlech­ter­fra­ge. Ich als Per­so­nal­chef wür­de übri­gens für Pro­gram­mie­rung gene­rell lie­ber eine Frau, die C++ beherrscht, als einen Mann, der den modi­schen Null­be­griff „Web 2.0“ als Fach­kennt­nis angibt, ein­stel­len; mir sind sogar kon­kre­te Bei­spie­le für bei­de genann­ten Per­so­nen bekannt. „Frau­en kön­nen nicht pro­gram­mie­ren und Män­ner sind Nerds“ ist also aus­ge­mach­ter Schwach­sinn. Ich bin aber kein Per­so­nal­chef. – Anders­her­um bezwei­felt wahr­schein­lich auch kaum jemand (gleich wel­chen Geschlechts), dass Frau­en sich auf­grund ihrer Urinstink­te als Kin­der­gärt­ner, äh, Kin­der­gärt­ne­rin­nen gene­rell bes­ser eig­nen als Män­ner. (Eine per­sön­li­che Anek­do­te in die­sem Zusam­men­hang: Sei­tens der staat­li­chen Insti­tu­ti­on, bei der ich in Lohn, wenn auch nicht in Brot, ste­he, wird in Stel­len­aus­schrei­bun­gen gegen­wär­tig aus­drück­lich ange­ge­ben, dass Bewer­bun­gen von Män­nern auf­grund der Bestim­mun­gen des nie­der­säch­si­schen Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­set­zes (NGG) beson­ders erwünscht sei­en. Anschei­nend ist der Frau­en­an­teil stel­len­wei­se inzwi­schen so groß gewor­den, dass der Gesetz­ge­ber inter­ve­nie­ren muss­te. Das könn­te dar­an lie­gen, dass einen männ­li­chen, kin­der­lo­sen Aka­de­mi­ker mit abge­schlos­se­nem Stu­di­um die hier übli­chen 50-Pro­zent-Stel­len meist nicht son­der­lich rei­zen. – Wer jeden­falls in über­stürz­tem Aktio­nis­mus trotz guter Absich­ten pau­schal eine Frau­en­quo­te im öffent­li­chen Dienst for­dert und kei­ne Aus­nah­men vor­sieht, über­sieht dabei offen­sicht­lich etwas Grund­le­gen­des.)

Nein, ich habe kein Pro­blem mit dem Femi­nis­mus. Ich habe ein Pro­blem damit, dass die Men­schen ihn per­ver­tie­ren. Das Ende von geschlech­ter­be­zo­ge­ner Dis­kri­mi­nie­rung mit­tels der Über­win­dung der Kate­go­ri­sie­rung nach (mit­hin: der impli­zi­ten oder expli­zi­ten Bevor­zu­gung von) Mann, Frau oder unkla­rem Drit­ten (in behörd­li­chen For­mu­la­ren tau­chen die­se Drit­ten oft nicht ein­mal auf, sie haben also ein zusätz­li­ches Dis­kri­mi­nie­rungs­pro­blem), soll­te gege­be­nen­falls poli­ti­sches, pri­mär aber gesell­schaft­li­ches Ziel eines pro­gres­siv den­ken­den Men­schen sein.

Das ist eigent­lich auch schon alles.

In den NachrichtenPiratenpartei
„Mit dem Han­dy kom­me ich sogar in die Zei­tung!“

In der belieb­ten Rei­he „Pira­ten geben dum­me Ant­wor­ten auf dum­me Pres­se­fra­gen“ hat René Rott­mann im Gespräch mit den West­fä­li­schen Nach­rich­ten nach­ge­legt.

Es beginnt mit einer schwach­sin­ni­gen (und schon viel zu oft beant­wor­te­ten) Fra­ge:

„Fluch der Kari­bik“ ist ein tol­ler Pira­ten­film, die Pira­ten vor Afri­ka sind schlech­te Men­schen – Pira­ten, ein doo­fer Name?

Pri­ma wäre eine Ant­wort wie: „(Ihre dümm­li­che und vor allem abge­lutsch­te Ein­stiegs­fra­ge ver­dirbt mir bereits bei­na­he die die Lust, wei­ter mit Ihnen zu reden, aber gnä­di­ger­wei­se) möch­te ich zumin­dest dar­auf ver­wei­sen, dass unser Name nichts mit See­räu­bern zu tun hat.“

Eher ungut hin­ge­gen ist unter ande­rem die gege­be­ne Ant­wort:

Der Name ist histo­risch gewach­sen. Er kommt aus Schwe­den und hängt zusam­men mit einer ver­bo­te­nen Inter­net-Platt­form, die vie­le Men­schen genutzt haben. Und wir machen ja auch was Gutes mit dem Namen Pira­ten. Und schließ­lich ist man ja auch kein schlech­ter Mensch, wenn man im Inter­net Fil­me her­un­ter­lädt.

Es ist zwar sach­lich kor­rekt, dass die Pira­ten­par­tei dem Dunst­kreis der Tausch­bör­se The Pira­te Bay ent­stammt, aber die­se ist nicht ver­bo­ten. (Eine Tausch­bör­se mit dem Her­un­ter­la­den von Kino­fil­men gleich­zu­set­zen ist übri­gens ein Faux­pas, den die Indu­strie gern begeht. Von einem Pira­ten hät­te ich hin­ge­gen mehr erwar­tet.) Das wäre natür­lich eine Steil­vor­la­ge gewe­sen, dem Fra­ge­stel­ler in Kür­ze nahe zu brin­gen, war­um und in wel­chem Aus­maß die Pira­ten­par­tei sich für die Refor­mie­rung des Urhe­ber­rechts stark macht. Statt­des­sen wur­de sich hier dem Duk­tus der poli­ti­schen Geg­ner ange­passt. Damit wur­den 100 Pro­zent der Chan­cen, dass das Inter­view irgend­ei­ne Rele­vanz bekommt, ver­spielt. Anson­sten: Glatt gebü­gel­tes Geschwa­fel. Das ist etwas scha­de.

Und was qua­li­fi­ziert Herrn Rott­mann dazu, aus­ge­rech­net Direkt­kan­di­dat zu sein? Nun:

(…) es sind – wenn es hoch kommt – 15 akti­ve Pira­ten. Es gibt kei­nen Kreis- oder Orts­ver­band. Aber alle Pira­ten aus dem Wahl­kreis haben ein­stim­mig mich gewählt und die ste­hen auch voll hin­ter mir.

Wie vie­le von die­sen höch­stens 15 Pira­ten wahl­be­rech­tigt und anwe­send waren, weiß ich zwar nicht, jedoch gehe ich auf­grund von Erfah­rungs­wer­ten mit ande­ren Auf­stel­lungs­ver­samm­lun­gen davon aus, dass es nicht viel mehr als 4 waren. Dass die­se 4 sich auf einen Kan­di­da­ten eini­gen konn­ten, ist wahr­lich erstaun­lich.

Eines aber hat René Rott­mann ver­stan­den:

Die Leu­ten wol­len die Land­tags- oder Bun­des­po­li­ti­ker nicht mehr hören, die schwa­feln ja nur.

Er zieht jedoch die fal­schen Kon­se­quen­zen, wenn er sei­ne Eig­nung für den Bun­des­tag beschreibt:

Durch mei­ne Aus­bil­dung bin ich sehr geübt im Umgang mit Geset­zes­tex­ten. Und ich kann nicht schwa­feln, das ist eine mei­ner Stär­ken.

Aber kennt René Rott­mann über­haupt sei­nen Wahl­kreis?

Blicken wir in die Regi­on, die­sen etwas spe­zi­el­len Wahl­kreis rund um den Groß­raum Ibben­bü­ren mit Ems­det­ten, Gre­ven und Saer­beck als Anhäng­sel – ken­nen Sie sich aus im Teck­len­bur­ger Land?

Rott­mann: Mit dem Bus kom­me ich da bestimmt hin. Ich bin digi­tal Nati­ve, ich mache alles mit dem Han­dy. Ich kann über­all alles fin­den.

In ande­ren Wor­ten: „Nie davon gehört, aber ich kann ja mal die Wiki­pe­dia fra­gen.“ – „Ich mache alles mit dem Han­dy“ ist jeden­falls ein ziem­lich inter­es­san­ter Kern­satz in die­sem Dia­log, über den jeder Leser nun für ein paar Minu­ten sin­nie­ren soll­te, bis er sei­ne kom­plet­te Gur­kig­keit erfasst zu haben glaubt.

Dann geht es wei­ter. Nach eini­gem Geplän­kel über Schul­for­men und ‑refor­men („wir brau­chen … eine ein­zi­ge Schul­form, bei der alles raus­kom­men kann“, ahja) wird es wie­der per­sön­lich. Wo wol­le er, René Rott­mann, Akzen­te set­zen?

Der Gesell­schaft die Illu­si­on der Voll­be­schäf­ti­gung zu neh­men ist ein Schwer­punkt.

Ich weiß nicht, ob „Ihr könnt übri­gens nicht alle arbei­ten!“ ein gutes Wahl­kampf­mot­to ist, aber der Ver­such kann ja nicht scha­den, nicht wahr? Wer mit einer der­ar­ti­gen poli­ti­schen Unbe­darft­heit in den Wahl­kampf zieht, hat noch nicht auto­ma­tisch ver­lo­ren, immer­hin ist die Lai­en­haf­tig­keit einer der mensch­li­chen Vor­zü­ge der Pira­ten­par­tei; ein biss­chen umsich­ti­ger könn­te man aller­dings schon sein. Der Nach­satz, man habe statt­des­sen immer­hin ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men im Pro­gramm, rela­ti­viert den Schwer­punkt nur unzu­rei­chend.

(Für die mun­te­ren Mit­le­ser emp­foh­le­ner Such­be­griff: „Demo­gra­fi­scher Wan­del“.)

Auf die Fra­ge, ob er Angst habe zu schei­tern, ant­wor­te­te René übri­gens:

Nein! Bei der Land­tags­wahl habe ich es ja auch geschafft, die Pira­ten nicht zu bla­mie­ren.

Gut, dass zumin­dest die­ser Feh­ler end­lich beho­ben wer­den konn­te.

(Offen­le­gung: René ist mir – mehr oder weni­ger – per­sön­lich bekannt und eini­ges von mir gewohnt.)