In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik LXXVIII: Du sollst nicht hin­ter­zie­hen dei­nes Staa­tes Steu­er­geld!

Der kennt sich aus mit Geld.Ihr habt es wahr­schein­lich bereits mit­be­kom­men: „Aus­ge­rech­net“ (Augs­bur­ger All­ge­mei­ne, RP Online, SPIEGEL ONLINE) Fuß­ball­funk­tio­när Ulrich „Uli“ Hoe­neß, der 2005 angeb­lich der wider­wär­ti­gen „BILD“ mit­teil­te, er wis­se, dass das doof sei, aber er zah­le wei­ter­hin Steu­ern, hat nun beschlos­sen, doch lie­ber nicht doof zu sein, und sich selbst wegen Hin­ter­zie­hung einer Kapi­tal­ertrag­steu­er ange­zeigt. Das Wort „Kapi­tal­ertrag­steu­er“ scheint auch so ein Pro­blem der Rei­chen zu sein, mein Kapi­tal zum Bei­spiel ertra­ge ich oft nicht. Mit denen möcht‘ ich nicht tau­schen!

Von Steu­er­hin­ter­zie­hung ist ja häu­fi­ger in den Nach­rich­ten zu lesen. Bekannt wur­de 2011 etwa der Fall einer Haus­frau aus Was­sen­berg, die es ver­säumt hat­te, das Finanz­amt über eine grö­ße­re Erb­schaft zu infor­mie­ren. Die Frau wur­de zu einer Bewäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt. In der media­len Bericht­erstat­tung wur­de, so weit ich das sehen kann, über die­sen Fall weit­ge­hend nüch­tern und sach­lich infor­miert. Anders sieht es aus, wenn jemand wie „aus­ge­rech­net“ Ulrich „Uli“ Hoe­neß Steu­ern hin­ter­zieht. Das betrifft dann kei­ne Haus­frau, son­dern Herrn Hoe­neß selbst. Viel­leicht kann er so nied­lich gucken; nach media­lem Dafür­hal­ten ist er dann jeden­falls kein Ver­bre­cher. Er ist laut Frank­fur­ter Rund­schau etwas ganz ande­res:

Uli Hoe­neß, Mana­ger und Prä­si­dent des FC Bay­ern Mün­chen, ist ein Steu­er­sün­der.

Der Herr hat eine beein­drucken­de Kar­rie­re hin­ter sich: „Erfolg­rei­cher Wurst­fa­bri­kant und Fuß­ball-Mana­ger – und nun Steu­er­sün­der?“ (RP Online); in Kurz­form eben auch: „Ein Sau­ber­mann wird zum Steu­er­sün­der“ (Ham­bur­ger Abend­blatt). Ein sol­cher Sün­den­fall geht schon tra­di­tio­nell auch an der Christ­lich-Demo­kra­ti­schen Uni­on nicht vor­über: Kanz­le­rin Mer­kel (ist) ent­täuscht von Steu­er­sün­der Hoe­neß und distan­ziert sich von Steu­er­sün­der Hoe­neß.

Und so wird „Steu­er­sün­der Hoe­neß“ (WAZ), sofern denn sei­ne Selbst­an­zei­ge über­haupt berech­tigt war, vom Dieb – Steu­er­hin­ter­zie­hung ist letzt­end­lich nur Dieb­stahl ohne phy­si­schen Trans­fer – zum Sün­der. Wäh­rend Die­be in der Gesell­schaft eher wenig will­kom­men sind, sind Sün­den bei­na­he Vor­aus­set­zung, um gleich­be­rech­tigt an ihr teil­neh­men zu dür­fen. Und wie leicht das ist!

Ein durch­schnitt­lich auf­merk­sa­mer Mensch soll­te in den letz­ten paar Jah­ren aus Wer­bung und akzep­ta­blen Medi­en näm­lich aller­lei über Sün­den erfah­ren haben und längst wis­sen, wie schwie­rig es ist, nicht zum Sün­der zu wer­den: Scho­ko­la­de ist eine Sün­de, Häkeln ist eine Sün­de, Metal ist eine Sün­de, Gum­mi­bä­ren sind eine Sün­de, Kaf­fee ist eine Sün­de, Sexua­li­tät vor der Ehe ist eine Sün­de, Lie­be ist eine Sün­de, Abtrei­bung ist eine Sün­de, Alko­hol­ge­nuss ist eine Sün­de, aus­blei­ben­der Alko­hol­ge­nuss ist auch eine Sün­de, alle Untu­gend ist Sün­de und offen­bar ist auch Steu­er­hin­ter­zie­hung eine Sün­de. Zum Glück ist wenig­stens eines kei­ne Sün­de: Micky Maus.

Wenn also all­ge­mein in die­ser vor­geb­lich säku­la­ri­sier­ten Medi­en­welt dar­auf bestan­den wird, „Uli“ Hoe­neß sei kein Dieb, son­dern ein Sün­der, wäre es dann nicht viel­leicht ange­bracht, anstel­le des Finanz­amts die Inqui­si­ti­on zu benach­rich­ti­gen? Ein posi­ti­ver Neben­ef­fekt wäre es, dass die Zah­lungs­mo­ral mit­tels sanf­ten psy­chi­schen Drucks deut­lich stei­gen dürf­te. Das hat doch frü­her auch funk­tio­niert.

„I’m a win­ner, I’m a sin­ner / Do you want my auto­graph?“
– Super­tramp: Take A Look At My Girl­fri­end

Senfecke:

  1. Vom Men­schen zum Lei­stungs­trä­ger. Vom Bür­ger zum Steu­er­zah­ler. Vom sozi­al Benach­tei­lig­ten zum Sozi­al­schma­rot­zer. Vom Ver­bre­cher zum Steu­er­sün­der. Schon toll so eine Gesell­schaft 2.0.

  2. Da wird ein Kava­liers­de­likt zum schlimm­sten Ver­bre­chen her­auf­be­schwo­ren. Steu­er­hin­ter­zie­hung muss natür­lich bestraft wer­den. Aber man soll­te alles hier in Gren­zen hal­ten.

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