KaufbefehleMusikkritik
La Dispute — Wildlife

La Dispute - WildlifeNoch’n Musikar­tikel, da ich ger­ade in der Stim­mung dazu bin. Momen­tan erfüllen die Geräusche auf “Wildlife”, dem 2011 veröf­fentlicht­en zweit­en Album des US-amerikanis­chen Quin­tetts La Dis­pute, den Raum. Der Band­name stammt ange­blich von der Komödie gle­ichen Namens, in der es irgend­wie um Part­ner­tausch oder so geht. “La dis­pute” heißt auf Deutsch (eben­falls ange­blich) “der Stre­it”, und so klingt “Wildlife” auch.

In der Wikipedia fab­u­lieren die Autoren irgendwelche Gen­res, “Screamo” und “Post-Hard­core” und son­stiges, her­bei. Nun, ich behaupte: Gen­res existieren nicht. Ein gutes Beispiel ist der Postrock (manch­mal auch “Post-Rock” geschrieben). Sig­ur Rós machen Postrock, Talk Talk macht­en Postrock, Mog­wai machen Postrock. Was sagt das über den Postrock aus? Richtig: Nichts.

“Screamo” also. Dabei scheint es sich um eine Art “Emo­musik” zu han­deln, also Musik mit verzweifel­ten, wein­er­lichen Texte, die gern geschrien (scream) wer­den. Das ist nun weniger schreck­lich als es sich anhört und kann oft auch zu erstaunlichen Entwick­lun­gen führen; die ziem­lich großar­ti­gen …And You Will Know Us by the Trail of Dead haben mit “Fake Fake Eyes” am Anfang ihrer Kar­riere auch ähn­liche Musik aufgenom­men und sind inzwis­chen zu ein­er über­durch­schnit­tlich guten Musik­gruppe zwis­chen den Gen­res avanciert. Auch Tocotron­ic, die sym­pa­thisch dilet­tan­tis­che Rock­band, ist oft nicht fern. Kri­tik­er wür­den “Wildlife” als “Geschep­per mit Geschrei” zusam­men­fassen. Aber so leicht ist das nicht.

Das “Geschep­per”, ander­swo “unglaublich fil­igrane Gitar­renar­beit” genan­nt, entwick­elt einen sprö­den Charme, wie man ihn auch von den wirk­lichen Glanz­tat­en von Nir­vana (“Milk It”) ken­nt. Die Verbindung zur Emo-Szene (etwa Jim­my Eat World) wird schon dadurch gekappt, dass La Dis­pute gar nicht erst ver­suchen, den Ansprüchen der Radio- und Fernsehsender zu genü­gen. Als “Ref­eren­zen” wer­den da auch schon mal At The Dri­ve-In, vie­len bekan­nt als Keimzelle von The Mars Vol­ta, genan­nt, was schon eher passt.

Zumal sowieso eben die Texte im Vorder­grund ste­hen: “Can I still get into heav­en if I kill myself?” (“King Park”). Zugegeben: Diese Art von Tex­ten gefällt nicht jedem und entspricht vielle­icht auch nicht unbe­d­ingt dem Ide­al eines Musikalbums, das man gern und immer wieder hören möchte. Ander­er­seits ist das inzwis­chen ja auch egal, bedenkt man, dass im Radio tagein, tagaus noch ganz andere Lieder laufen; sei’s Lou Reeds “Walk On The Wild Side” (“in the back­room she was everybody’s dar­ling / but she nev­er lost her head / even when she was giv­ing head”), sei’s Inner Cir­cles “Sweat” (“girl I want to make you sweat / sweat till you can’t sweat no more / and if you cry out / I’m gonna push it / push it, push it some more”), um fröh­liche Som­merspaß­texte geht es den Medi­en nicht. Wer achtet auch auf so was?

Und so wird auch wieder völ­lig unterge­hen, dass wir es hier mit einem Konzep­tal­bum zu tun haben:

Wie ein rot­er Faden ziehen sich „A Depar­ture“, „A Let­ter“, „A Poem“ und „A Bro­ken Jar“ durch das Album: Diese Songs präsen­tieren die verzweifelte und ver­lorene Exis­tenz eines Erzäh­lers, der eine andere Per­son zu erre­ichen ver­sucht und dabei sowohl an sich selb­st als auch an den Umstän­den scheit­ert und zer­bricht. Die Wort­losigkeit und die beredte Sprachkrise hin­sichtlich des Ver­lusts der eige­nen Iden­tität und des verzweifel­ten Ver­suchs ein geliebtes Gegenüber zu erre­ichen wurde wohl sel­ten der­ar­tig emo­tion­al und herzzereißend for­muliert und vor­ge­tra­gen. Songs wie das her­aus­ra­gende „The Most Beau­ti­ful Bit­ter Fruit“ sind eben­so per­sön­liche Geschicht­en und loten dieses Feld in einem bre­it­eren Kon­text weit­er aus.

Wer vor­ge­nan­nte ver­gle­ich­bare Musik­grup­pen mag, all­ge­mein ein Fre­und ver­ton­ten Liebeskum­mers ist oder auch nur ein wenig Krach benötigt, der sollte hier unbe­d­ingt mal rein­hören. Fest ste­ht: “Wildlife” ist sicher­lich kein Album für einen entspan­nten Feier­abend.

Aber wer will sich schon immer nur entspan­nen?

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Senfecke:

  1. Fest ste­ht: „Wildlife” ist sicher­lich kein Album für einen entspan­nten Feier­abend.

    Dann lasse ich es gle­ich. Es lohnt sich immer wieder, nur Deine let­zten Sätze zu lesen.

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