In den NachrichtenPolitik
Si vis pacem, para bel­lum. (5)

Es begrü­ßen die Vereinigten Staaten den anste­hen­den bre­x­it:

Der Brexit bie­te Großbritannien die Chance, ein „star­kes und unab­hän­gi­ges Land“ zu wer­den, sag­te der Trump-Berater.

Denn wofür eig­net sich ein „star­kes und unab­hän­gi­ges Land“ bes­ser als ein EU-Staat? Richtig:

Bolton füg­te hin­zu: „Ich den­ke, es wird uns beson­ders in der Nato hel­fen, effek­ti­ver zu sein, und das ist ein Plus.“

Das müs­sen die­ser Friede und die­se Demokratie sein, die „unse­re“ west­li­chen Werte aus­ma­chen. Was die Motivation zum Meucheln („Aufklärungsarbeit“) in ande­ren Staaten betrifft, so bleibt jedoch das deut­sche Wesen das, an dem die Welt gene­sen möge. Wenige Staaten beherr­schen die Gewinnung neu­er Berufskrieger bes­ser als das post­schrö­der­sche Deutschland:

Im März kün­dig­te Volkswagen an, wei­te­re 7000 Stellen abzu­bau­en, im Wesentlichen in Wolfsburg. Ford zog nach und kün­dig­te den Abbau von 5000 Stellen in Deutschland in Köln, Saarlouis und Aachen an. Offenbar sahen die PR-Strategen der Bundeswehr die Chance, den Menschen, die von Entlassung bedroht sind, die Alternative eines Jobs bei der Bundeswehr vor­zu­gau­keln[.] In Wolfsburg: „Jetzt Job fürs Volk wagen! Mach, was wirk­lich zählt.“

Der gan­ze Krieg, schrieb Carl von Clausewitz, set­ze mensch­li­che Schwäche vor­aus. Der ver­bis­sen­ste Kämpfer ist der­je­ni­ge, der nichts mehr hat, was ihn am Leben fest­hal­ten lässt. Die Militaristen in poli­tisch kon­ser­va­ti­ven Kreisen haben der SPD vie­les zu verdanken.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Bundeswehr abge­schafft gehört.

In den NachrichtenMusikNetzfundstücke
Liegengebliebenes vom 30. Mai 2019

Die über­schätz­te Popgruppe The Beatles wand­te sich bekannt­lich im letz­ten Drittel ihrer gemein­sa­men Karriere - die Quarrymen groß­zü­gig ein­ge­rech­net - der weni­ger schlech­ten Rockmusik zu. Dafür gibt es meh­re­re mög­li­che Gründe, eini­ge von ihnen sind beleg­bar. Van Badham, natür­lich Feministin, fauch­te in den „Guardian“ einen wei­te­ren hin­ein: Die Männer haben den Frauen Computer, Bier und die Beatles weggenommen.


Litauen ist eine funk­tio­nie­ren­de Demokratie. Deutschland nicht.


Hihi: „Eigentlich kann man zu die­sem Thema aktu­el­le (sic) gar kei­ne Blogpostings schrei­ben. Denn wäh­rend man schreibt und dann online stellt, bla­miert sich gleich der näch­ste CDU’ler.“


Bei Lucas Schoppe sind die Bildunterschriften fast noch lesens­wer­ter als die Texte, aber die­ser Text ist auch gut:

Andrea Nahles ver­spricht der Bewegung, mehr Tempo zu machen – als wüss­te sie schon ganz genau, in wel­che Richtung sie denn los­ren­nen will[.]


Greta tötet Nashörner!

In den NachrichtenPolitik
Tottwittern gegen den Jugendwahn

Während CDU-Altersdurchschnittsheber dar­über mut­ma­ßen, ob es der CDU nicht bes­ser gin­ge, senk­te man das Durchschnittsalter ihrer Mitglieder, trifft sich der Rest der Gerontokratie zu wit­zi­gen Konferenzen:

Themen der infor­mel­len Diskussionen sei­en unter ande­rem die Zukunft des Kapitalismus und Social Media als Waffe.

In den Händen der Falschen ist offen­bar alles eine Waffe. Der erfolg­rei­che Banküberfall scheint zum Greifen nahe: Hände hoch oder ich schrei­be einen Tweet! Dass aber die Annahme, nied­ri­ges Alter sor­ge für mehr Weitsicht, unwi­der­spro­chen ist, ver­wun­dert mich. Der jun­ge Leut Luca Leitterstorf (frü­her Junge Union, heu­te AfD) besticht eben­so­we­nig durch eine klas­sisch pro­gres­si­ve Weltsicht wie Sebastian Kurz, wäh­rend die Wegbereiter der libe­ra­len, ver­netz­ten Gesellschaft und damit die natür­li­chen poli­ti­schen Gegner der CDU ihr 40. Lebensjahr längst weit hin­ter sich gelas­sen haben.

Ist dümm­li­che Politik denn eine bes­se­re, wenn sie von Menschen gemacht wird, die ihre Zukunft noch selbst ver­der­ben können?

In den Nachrichten
Standardpäderasten

Endlich tut mal einer was:

Ein neu­es Institut der katho­li­schen Kirche in Deutschland soll ein­heit­li­che Standards bei der Aufarbeitung des sexu­el­len Missbrauchs ent­wickeln. (…) „Als Kirche müs­sen wir unbe­dingt ver­lo­re­nes Vertrauen nach den Missbrauchsfällen wie­der­ge­win­nen“, erklär­te der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki: „Dafür ist die Einführung von ein­heit­li­chen, hohen Standards im Bereich Prävention (…) in allen deut­schen Bistümern wichtig.“

Der bis­he­ri­ge ein­heit­li­che Standard - der Penis ist nicht unge­be­ten in ande­re Menschen zu stecken - bedurf­te offen­sicht­lich drin­gend einer gründ­li­chen Überarbeitung. Ihn ein­hal­ten zu wol­len war ein sinn­lo­ses Unterfangen. Da ist es doch eine erfreu­li­che Nachricht, dass es end­lich Gegenstandards geben soll. Man kann nie genug Standards haben. :ja:

In den NachrichtenPolitik
CDU selbst­kri­tisch: Man muss den Käse nur bes­ser verkaufen.

Das über­schau­bar gute Ergebnis ihrer Partei bei der frisch zurück­ge­leg­ten EU-Wahl ana­ly­siert Annegret Kramp-Karrenbauer mit gewohn­ter Schärfe: Man sei nicht etwa dar­an geschei­tert, dass die Politik der Partei Aufklärung und digi­ta­lem Fortschritt aktiv wider­spre­chen­der Schwachsinn aus den Fuffz’gern sei, son­dern es sei­en Videos, Debatten und Kommunikation das Problem:

Ihre Partei habe es nicht geschafft, ihre Kernthemen in den Mittelpunkt der öffent­li­chen Aufmerksamkeit zu stel­len. (…) Die „Serie der Unentschlossenheit“ im Umgang mit dem Klimaprotest von Schülern Fridays for Future und das CDU-kri­ti­sche Video von YouTubern hät­ten zu einer Abkehr unter 30-jäh­ri­ger Wählerinnen und Wähler geführt, eben­so wie die Debatte über Uploadfilter für das Internet.

Die blö­den Wähler wis­sen ein­fach nicht, was gut für sie ist. :motz:

In den NachrichtenMontagsmusik
Boris - Huge // 90 Prozent gegen das Internet

"Soon..."Es ist Montag. Deutlich über 90 Prozent der deut­schen Wähler haben sich, jedem atem­lo­sen Gefuchtel in irgend­wel­chen Filmchen von Lügnern zum Trotz, gestern für ein weni­ger frei­es Internet aus­ge­spro­chen. Mit einem Höchstwahlalter wäre das nicht pas­siert. Mich über­rascht, dass der Zustand der Breitbandversorgung ange­sichts die­ser poli­ti­schen Lage noch jeman­den über­rascht. Wolfgang Schäuble von der CDU, die sich mit lästi­gen Gegenmeinungen gar nicht unbe­dingt beschäf­ti­gen will, beklag­te sich am ver­gan­ge­nen Freitag dar­über, dass in die­sem Internet sowie­so jeder nur auf die Seinen höre statt auf ihn. Ich fin­de ja, jeder soll­te nur noch auf Pandabären hören, oder hat schon mal jemand etwas von einer schlech­ten Entscheidung eines Pandabären gehört?

Vor eini­gen Jahren befand einer der Gründer von WhatsApp, Werbung belei­di­ge die Intelligenz derer, denen sie ange­zeigt wird. Man ent­schei­de selbst, was das über die Pläne von WhatsApp aus­sagt, dem­nächst Werbung anzu­zei­gen. - Neues inzwi­schen von den west­li­chen Werten: Die schwe­di­sche Regierung wür­de gern nor­di­sche Schrift ver­bie­ten, wegen Hitler. Ich fin­de, das geht noch nicht weit genug: Schweden soll­te alle blau­äu­gi­gen Blondinen zur Einfärbung ver­pflich­ten, um wei­te­ren Rechtsrücken vor­zu­beu­gen. Wehret usw.! Immerhin gibt Deutschland end­lich genug Geld für Krieg aus.

Wofür man kei­nes­wegs genug Geld aus­ge­ben kann, ist Musik. Dem Anlass ange­mes­sen darf sie gern brüllen.

Guten Morgen.

NetzfundstückeWirtschaft
Kapitalismussatire mit der „FAZ“

Die maxi­ma­le Sättigung an Kapitalismus im Journalismus scheint erreicht zu sein:

  • Die „FAZ“ - hier bewusst nicht direkt ver­linkt (LSR) - ver­öf­fent­lich­te einen Artikel dar­über, dass die finan­zi­el­len Interessen von zur­zeit viel gelob­ten YouTube-Protagonisten deren Absichten „pro­ble­ma­tisch“ erschei­nen ließen.
  • Sie platz­ier­te die­sen Artikel hin­ter einer Bezahlschranke, was ihre Absichten wie­der­um für mich pro­ble­ma­tisch erschei­nen lässt, aber „Journalismus“ kostet nun mal „Geld“.
  • Für die­je­ni­gen, die Geld dafür aus­ge­ben, die­se Bezahlschranke nicht sehen zu müs­sen, wur­de ein Werbeblockerblocker scharf geschal­tet, denn Werbung sei nun mal eine wich­ti­ge Quelle für Geld und „Journalismus“ koste nun mal selbiges.

Das muss die­se Leistung sein, die man mit Uploadfiltern und Zitatverbot recht­lich zu schüt­zen gedenkt.

Politik
Kurz gefragt zur YouTube-Situation vor der Europawahl

Was sagt es eigent­lich über den Zustand der Netzpolitik in Deutschland aus, dass sich unter den wach­sa­men Augen inter­na­tio­na­ler Presse recht­zei­tig zur ersten Europawahl nach der ver­hee­ren­den Durchwinkung von Uploadfiltern die wohl bekann­te­sten YouTube-„Influencer“ des Landes - bekannt gewor­den zwar nicht durch soli­de Kenntnisse in Physik oder Politik, jedoch unter ande­rem durch Schminken (Dagi Bee), Brustbesitz (Katja Krasavice) und Verschwörungstheorien (Simon Unge) - in einem Video zusam­men­fin­den, um ihren Einfluss erst­mals dazu zu nut­zen, die netz­feind­li­chen Parteien CDU, CSU und SPD auf­grund ihrer von ihnen als falsch emp­fun­de­nen Klimapolitik nicht zu wäh­len, und war­um füh­le ich mich ange­sichts der Wahl plötz­lich bedeu­tend unwoh­ler als noch gestern?

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Sunn O))) - Life Metal

Sunn O))) - Life MetalLange nichts mehr über Musik geschrieben.

Das Kutten tra­gen­de Gitarrenduo Sunn O))) schaff­te es bis­her nur weni­ge Male, mich beson­ders zu über­ra­schen. Das hat sicher­lich auch damit zu tun, dass es sein Erfolgskonzept - jedes sei­ner Alben besteht im Wesentlichen dar­aus, dass zwei Gitarren weni­ge Töne her­vor­brin­gen - kaum nen­nens­wert ver­än­dert, sieht man von sol­chen Alben ab, die eine Zusammenarbeit mit ande­ren Künstlern (in der Vergangenheit etwa Boris und Scott Walker) sind. „Life Metal“, das ach­te Studioalbum der US-Amerikaner (Amazon.de, TIDAL), wur­de im April 2019 ver­öf­fent­licht und stellt eine die­ser weni­gen Überraschungen dar.

Schon der Name - das Gegenteil von „Death Metal“ - und die ver­gleichs­wei­se far­ben­fro­he gra­fi­sche Gestaltung der Verpackung sind unge­wöhn­lich. Das ist doch wohl nicht etwa ein Tonträger vol­ler fröh­lich hüp­fen­der Popmusik? Nein, kei­ne Sorge - aber es ist trotz­dem prima.

„Between Sleipnir’s Breaths“ ist ein ange­mes­se­ner Beginn für ein sol­ches Album: Nach vier­ein­halb Minuten Gitarrendröhnen ertönt eine Strophe sanf­ten Gesangs von Gastcellistin Hildur Guðnadóttir, spä­ter noch eine. Das waren doch nur zwei, oder? Ich ver­ges­se ein biss­chen die Zeit über die­sem Stück. Es ist eines von nur vie­ren auf die­sem Album und mit fast drei­zehn Minuten Länge nur das zweitkürzeste.

Sunn O))) - Between Sleipnir’s Breaths

Das fol­gen­de „Troubled Air“, wie­der­um um die band­ty­pisch dro­hen­den Drones her­um gestrickt, fällt dadurch auf, dass in ihm eine Pfeifenorgel zu hören ist. Gesungen wird in die­sem Stück nicht, instru­men­tal klingt es wie die Ruhe zwi­schen zwei Stürmen. Es endet in einer instru­men­ta­len Klimax, die mich an ein Lied von den Beatles erin­nert, aber ich ver­ra­te nicht, an wel­ches. In „Aurora“ schla­gen die Wellen auch wie­der don­nernd hoch, ver­lau­fen sich aber dann an der Küste. Wieder kein Gesang. Macht ja nichts!

Das fast halb­stün­di­ge „Novæ“ beschließt das Album, in ihm darf schließ­lich auch das Cello ein­mal als Droneinstrument bril­lie­ren. Der lan­ge Mittelteil des Stücks sorgt so für eine unge­wöhn­lich beklem­men­de Stimmung, die die Band bei­na­he in den Postrock schö­be, wäre da nicht das feh­len­de Schlagzeug.

Es ist ersicht­lich: Auf „Life Metal“ pas­siert nicht viel. Für die schnel­le Bespaßung zwi­schen zwei Terminen ist es ange­sichts sin­ken­der Aufmerksamkeitsspannen nicht geeig­ne­ter als jedes ande­re Album von Sunn O))) auch. Aber muss denn immer alles als leicht ver­dau­li­ches fast food für die Ohren daherkommen?

Ich wei­ge­re mich, „Life Metal“ nicht zu mögen. Da müs­sen wir jetzt alle durch.

In den NachrichtenPolitik
Die Milch macht’s.

Inzwischen in Großbritannien:

Es wäre eine Untertreibung gro­ßen Ausmaßes, zu sagen, die Spannungen im Vereinigten Königreich sei­en gera­de groß. (…) Während ver­schie­de­ne poli­ti­sche Gruppen sich wei­ter­hin über die näch­sten Schritte zum Brexit oder dar­über zan­ken, ob er über­haupt statt­fin­den soll, haben Demonstranten sich auf eine beson­ders poin­tier­te und Anzug zer­stö­ren­de Methode beson­nen, ihr Missfallen aus­zu­drücken. In den ver­gan­ge­nen Monaten wur­den Personen wie der kon­tro­ver­se UKIP-Kandidat Carl Benjamin und der Vorsitzende der Brexit Party, Nigel Farage, auf der Straße mit Milchshakes getroffen.

(Miserable Übersetzung von mir.)

Die Evolution schrei­tet unauf­hör­lich rück­wärts. Mal sehen, wie lan­ge es dau­ert, bis sich die Demonstranten in Schürzen aus Tierfell klei­den und ihren Opponenten mit Keulen auflauern.

Das muss die­se Zivilisation sein.

In den NachrichtenPolitik
70 Jahre selek­ti­ve Menschenwürde

„ZEIT ONLINE“, 22. September 2006:

Kurnaz saß fünf Jahre lang in einem Käfig in Guantánamo. Heute weiß man, dass er unschul­dig ist. (…) Schon vor vier Jahren boten die USA ja an, den Mann frei­zu­las­sen. Doch die Geheimdienstexperten, allen vor­an (…) der dama­li­ge Geheimdienstkoordinator und heu­ti­ge Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (…) [schlug] das Angebot aus[.] (…) Einmal habe man ihn mit Elektroschocks gefol­tert, ein ande­res Mal an den Händen auf­ge­hängt. Er sol­le doch zuge­ben, so bedeu­te­te man ihm, Mohammed Atta und Osama bin Laden gekannt zu haben. Dann wer­de es ihm bes­ser gehen. Kurnaz sei auch mit Plastikschläuchen zwangs­er­nährt wor­den, als er in den Hungerstreik trat.

„SPIEGEL ONLINE“, 14. November 2016:

Steinmeier gilt als Schlüsselfigur und Architekt der Reform von Arbeitsmarkt und Sozialsystemen (2003 vom Bundestag gebil­ligt). Vor allem die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe („Hartz IV“) war par­tei­in­tern hef­tig umstrit­ten und war wesent­li­cher Grund für den Aufstieg der Linkspartei.

„ZEIT ONLINE“, 22. Mai 2019:

Das Grundgesetz mache „uns zu frei­en und gleich­be­rech­tig­ten Menschen“, resü­mier­te Steinmeier.

Außer Rentnern, Arbeitslosen, Niedriglohnbeschäftigten, Einwohnern von bösen Staaten und Murat Kurnaz, ver­steht sich - aber so genau neh­men wir es heu­te nicht.

Alles Gute, Grundgesetz. Du bist nicht gut gealtert.

MusikPersönliches
Textsicher und stillos

„Mein Genital tut furcht­bar weh, immer dann, wenn ich pisse.“
– Die Ärzte: Onprangering (vom Album „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!“, mit Platin ausgezeichnet)


Wie regel­mä­ßi­ge Leser wis­sen, gehö­re ich zu der­je­ni­gen Minderheit der Musikhörer, deren Angehörigen außer­halb der Wirkungsmusik und ins­be­son­de­re bei inlän­di­schen Gruppen Texte nicht völ­lig unwich­tig sind. Aus Rapkonsumentenkreisen wur­de mir vor einer Weile berich­tet, dass der zu die­sem Zeitpunkt füh­ren­de, mir jedoch bis heu­te nur nament­lich bekann­te Rapper Capital Bra zwar Texte habe, die eigent­lich grau­en­voll sei­en, aber die Melodien und die beats „gin­gen“ nun mal „ab“. Diese Herangehensweise tei­le ich selten.

Nun ist es nicht so, dass ein anson­sten gut dar­ge­bo­te­nes Gesangsstück durch Fehlleistung des jeweils zustän­di­gen Lyrikers auto­ma­tisch an Beliebtheit bei mir ver­lö­re. Viele Lieder in der ersten Hälfte mei­ner per­sön­li­chen Bestenliste haben einen Text, den ich mir als Buch nie­mals zuleg­te, denn wäh­rend mei­ne Freude an der Musik von Bob Dylan eine vor allem text­ba­sier­te ist, über­zeu­gen ande­re Künstler, dar­un­ter Bent Knee, mehr mit der Darbietung als mit dem, was sie als mes­sa­ge mitbringen.

SDP - Das Lied (feat. Bela B)

Daraus lässt sich zum Beispiel fol­gern, dass unab­sicht­lich blö­de Texte und unzu­rei­chen­de musi­ka­li­sche Fähigkeiten nur gemein­sam ein Lied zu einem ins­ge­samt schreck­li­chen machen kön­nen, nicht aber müs­sen: Selbst die Fantastischen Vier, deren Hervorbringungen musi­ka­lisch weit von mei­nen per­sön­li­chen Vorlieben ent­fernt sind, haben wegen ihrer Texte einen siche­ren Platz in mei­ner Sammlung. Dass Sandro Galfetti von „Energy Schweiz“ kürz­lich anreg­te, man möge auf lyrics „schei­ßen“ - „Hauptsache Mitsingen“ -, hal­te ich den­noch für eine nicht löb­li­che Haltung, denn was nützt die schön­ste Textsicherheit, wenn sie stil­los bleibt?

In der „Micky Maus“ emp­fahl man mir, als ich noch ein Kind war und den Kram noch kauf­te, ich möge mei­ner Umgebung einen Streich spie­len, indem ich sie dazu auf­for­der­te, beschwö­rend „owi dowi spinn“ - „oh, wie doof isch bin“ - zu mur­meln und abzu­war­ten, wie lan­ge es wohl dau­ern wür­de, bis die Teilnehmer es bemerk­ten. Ich habe damals dar­auf ver­zich­tet, denn ich habe schon als Kind eher ungern aufs Maul bekom­men. Stetig weni­ger ver­ständ­lich wird es für mich jedoch, war­um Teile der­sel­ben Menschen, denen ein Reinfallen auf besag­ten Streich augen­schein­lich schreck­lich unan­ge­nehm wäre, nicht ein­mal an öffent­li­chen Plätzen wie etwa in Wirtshäusern davor zurück­schrecken, laut­hals Lieder zu into­nie­ren, in denen es im Wesentlichen um Drogen, ums Vögeln und/oder ums Meucheln geht. Möglicherweise wäre es erfolg­reich, bräch­te man ein stumpf stamp­fen­des Lied her­aus, des­sen Text nur aus dem Refrain besteht und unge­fähr „ich habe auf Koks Sex mit dei­ner Leiche“ lau­tet. Das schnel­le Geld winkt in der Kneipe, wenn man nur hin­rei­chend rufi­gno­ran­ter Liedschreiber ist.

Es gibt gute Argumente für Instrumentalmusik. Karaokeabende sind nur eines von ihnen.


„Auf der Reise zu den Inseln wer­den wir das Schiff anpinseln.“
– Subway to Sally: Auf der Reise