Netzfundstücke
Medi­en­kri­tik CXXIII: „n‑tv“ und die Pfei­fe mit einem Ei

Wie­der eine offe­ne Fra­ge beant­wor­tet! Der Nazi des dies­jäh­ri­gen Weih­nachts­fe­stes näm­lich sei „Die Feu­er­zan­gen­bow­le“, teilt n‑tv unge­fragt mit:

Obwohl histo­risch bela­stet, ist der Heinz-Rüh­mann-Strei­fen heu­te Kult.

Und zwar, weil:

Ganz so unpo­li­tisch wie der Film erscheint, ist er Histo­ri­kern zufol­ge nicht.

Ein Film von 1943, der auf einem Roman von 1933 basiert und meh­re­re Wahl­gym­na­sia­sten als Prot­ago­ni­sten führt, ent­hält über­ra­schend auch eher kon­ser­va­ti­ves Lehr­per­so­nal, dafür hätt’ ich kei­nen Histo­ri­ker gebraucht:

Ideo­lo­gie ist in der Schul­ko­mö­die aber eher ver­steckt, etwa wenn der schnei­di­ge Leh­rer Dr. Brett jun­ge Men­schen mit Bäu­men ver­gleicht (…) oder wenn es im Unter­richt etwas ras­sen­ideo­lo­gisch um die Völ­ker­wan­de­rung geht.

Potz­blitz. 1943 wur­de übri­gens außer­dem ein Film urauf­ge­führt, in dem Donald Duck recht oft „Heil Hit­ler“ quakt. Obwohl inso­fern histo­risch bela­stet, lässt n‑tv anders­wo unkri­tisch einen Donal­di­sten zu Wort kom­men. Voll das Nazi­por­tal.

Rüh­mann war ein gro­ßer Star in den 40ern. (…) Er galt als weit­ge­hend unpo­li­tisch, was ihm spä­ter manch­mal den Vor­wurf des Oppor­tu­nis­mus ein­brach­te. (…) In Rüh­mann, der 1994 im Alter von 92 Jah­ren starb, konn­ten sich wei­te Tei­le des Publi­kums wie­der­erken­nen.

Aus die­ser For­mu­lie­rung wer­de ich nicht schlau: Konn­ten sie sich in ihm wie­der­erken­nen, weil sie auch 1994 im Alter von 92 Jah­ren gestor­ben sind, weil sie als weit­ge­hend unpo­li­tisch gal­ten oder weil sie ein gro­ßer Star in den 40ern waren? Da hät­te ich mir etwas genaue­re Aus­füh­run­gen gewünscht.

Die Geschich­te, die im Film selbst erzählt wird, wird fast am Ende die­ses Quatsch­ar­ti­kels immer­hin noch mal zusam­men­ge­fasst:

Am Ende kommt jedoch her­aus, dass die gan­ze Bin­nen­hand­lung nur aus­ge­dacht ist – nur die Rah­men­hand­lung des Her­ren­abends mit Feu­er­zan­gen­bow­le ist am Ende wahr.

Wenn sich jetzt noch her­aus­stellt, dass sogar die Rah­men­hand­lung des Her­ren­abends nur aus­ge­dacht war und die Dar­stel­ler eigent­lich Schau­spie­ler sind, platzt bestimmt irgend­wo ein Kopf. Hihi.

„Die Feu­er­zan­gen­bow­le“ ist somit der viel­leicht schi­zo­phren­ste Film der Nazi-Zeit, in der stets die leuch­ten­de Zukunft der Deut­schen pro­pa­giert wur­de. In der durch­aus melan­cho­li­schen Komö­die wird näm­lich die Wil­hel­mi­ni­sche Epo­che (1890 bis 1914) zur guten alten Zeit sti­li­siert. Zugleich wer­den (Jugend-)Erinnerungen zu einem ret­ten­den Para­dies ver­klärt.

Der Autor hat „Tri­umph des Wil­lens“ nie gese­hen. Das ist in Ord­nung, auch wenn ich das als ver­meint­lich poli­ti­scher ver­meint­li­cher Jour­na­list nicht so deut­lich her­vor­keh­ren wür­de. Irgend­wann hät­te ich aber gern mal einen (gern pseud­ony­men) leak des haus­in­ter­nen n‑tv-Redak­ti­ons­wör­ter­bu­ches im Post­ein­gang. Die Bedeu­tung von „schi­zo­phren“ (oder auch nur das „etwas“ in „etwas ras­sen­ideo­lo­gisch“; ist das so was wie „ein biss­chen schwan­ger“?) ist mir in die­sem Zusam­men­hang nicht klar.

In der Spal­te rechts neben dem Arti­kel wird mir momen­tan irgend­ein Wer­be­film für das nächst­jäh­ri­ge „Dschun­gel­camp“ emp­foh­len. Das passt alles ganz wun­der­voll zusam­men.


Zwi­schen­stand der Ent­schlüs­se­lung des Voy­nich-Manu­skripts: Ein­fach noch mehr nach­den­ken.